Inspirierende Sound-Droge

Mit dem Plug-in N2O präsentiert der polnische Software-Hersteller PSP Audioware den Nachfolger seines Multieffekt-Plug-ins Nitro. Bestach die Vorversion bereits durch überbordende Klangformungs-Möglichkeiten, legt N2O jetzt noch einmal kräftig nach.   

Von Georg Berger

Wer Chemie oder Medizin studiert hat, weiß sofort, was die Formel N2O meint, nämlich das Narkosegas Distickstoffmonoxid, besser bekannt unter der Bezeichnung Lachgas. Das Major-Update des Multieffekt-Plug-ins Nitro mit eben dieser chemischen Summenformel zu bezeichnen hat dabei schon etwas Neckisches und Provokatives. Denn der polnische Hersteller PSP Audioware hätte es durchaus bei Nitro, gefolgt von der Ziffer zwei belassen können. Betäubend wirken sollen die Ergebnisse, die mit dem neuen N2O -Plug-in realisierbar sind jedenfalls überhaupt nicht sein, sie sollen vielmehr eher süchtig machen. Ob dem so ist, gilt es im Test herauszufinden. Das rund 180 Dollar kostende N2O -Plug-in kann dabei seine Wurzeln wahrlich nicht verbergen. Es setzt exakt auf dem Konzept von Nitro auf, führt es weiter fort und erweitert die Gestaltungsmöglichkeiten im Vergleich zur Vorversion durch ein deutliches Plus an wählbaren Einzel-Effekten und Modulatoren. Dazu später mehr. Augenfälligstes Novum ist jedoch die komplett neu gestaltete Bedienoberfläche, die den Bedienkomfort deutlich verbessert und das Erstellen eigener Multieffekt-Ketten deutlich übersichtlicher gestaltet. Besonderheit: N2O ist laut Hersteller von vorne herein auf Erweiterbarkeit getrimmt, so dass neue Module künftig nahtlos ins Plug-in hinzugefügt werden können.

Eine Überraschung erleben wir kurz nach der Installation. Wie üblich bei unseren Tests wollen wir als Erstes das Handbuch studieren. Doch stattdessen findet sich lediglich ein einseitiges pdf-Dokument, das uns auf eine Internet-Seite mit einer Reihe von Tutorial-Videos verweist. Die Videos sind zwar informativ aufgebaut und der Anwender erhält einen ausreichenden Einblick in die Funktionsweise von N2O, vorausgesetzt er ist des Englischen mächtig. Gleichwohl werden nicht sämtliche Features darin abgehandelt. Das ist uns bedeutend zu wenig und ein großes Manko, was PSP nicht zur Ehre gereicht. Der Hersteller sollte das Handbuch also so rasch als möglich nachreichen. Durch die Parallelen zur Vorversion können wir uns mit dem Handbuch der Vorversion Nitro zur Not behelfen. Schauen wir uns N2O einmal näher an:   Wie erwähnt ist N2O ein Multieffekt. Vier Effekte – Operatoren genannt – sind simultan einsetzbar, die über eine Routing-Matrix, ähnlich einer Kreuzschiene, äußerst opulent miteinander verknüpfbar sind. Feedback-Schleifen sind möglich, ebenso wie eine parallele Signalbearbeitung und noch viel mehr. Ein separates Aufsplitten des Stereo-Signals in Mitten- und Seitenanteile in jedem Operator sorgt für das i-Tüpfelchen. Zusätzlich sind vier Modulatoren an Bord, die mit ihren Steuersignalen Effekt-Parameter in Echtzeit modulieren können. Überdies lässt sich so ziemlich jede MIDI-Information zusätzlich als Modulationsquelle einsetzen. Die Verknüpfung von Quellen und Zielen geschieht über eine Modulations-Matrix, die dies über 16 Slots realisiert. Dieses Konzept ist 1:1 von der Vorversion übernommen.  Die Anzahl an Effekten ist jetzt auf insgesamt 19 gestiegen. Außer den aus der Vorversion bekannten Zwei- und Vier-Pol-Filtern, dem Phaser-, Lo-Fi-, Stereo- und Panner-Effekt, erweitert sich das Arsenal jetzt unter anderem um einen Zwei-Band-Equalizer mit wählbaren Filter-Charakteristiken, Delay, Distortion, einem Kompressor/Expander, Reverb, einem sehr gut klingenden Pitch Shifter und einem Formant-Filter. Nächste Unterschiede: Die Filtertypen Biquad und SVF (State Variable Filter) besitzen jetzt zwei einstellbare Filter mit unterschiedlich wählbaren Charakteristiken, die sich per Morph-Parameter überblenden lassen. Nitro erlaubt das Laden lediglich eines Filters in einer festen Filtercharakteristik. Die in der Vorversion enthaltenen Effekte Glide und Saturator sind zu Gunsten des Delay und Distortion-Effekts gewichen. Nicht unerwähnt bleiben soll auch der neu integrierte Limiter, der dem Mastering-Plug-in Xenon entlehnt ist. Dieser ist in der Preferences-Sektion in drei Stufen einstellbar und sorgt zuverlässig für ein Zähmen allzu wilder Pegel-Orgien.   Auch in Sachen Modulatoren hat sich einiges getan. Anstelle von zwei LFOs findet sich jetzt nur noch einer. Dafür ist jetzt ein maximal 16-facher Step-Sequencer mit flexiblen Einstellmöglichkeiten hinzugekommen. Der Parameter-Satz des Hüllkurvenfolgers und der ADSR-Hüllkurve ist einer Überarbeitung unterzogen worden, was das Einstellen der Modulatoren teils flexibler, teils komfortabler gestaltet. So lässt sich jetzt in der Hüllkurve nicht nur ein separater Schwellwert definieren, an dem die Hüllkurve starten und enden soll. Zusätzlich sorgt der Sensitivity-Parameter dafür wie stark die Hüllkurve modulieren soll.

nsgesamt stellt sich N2O deutlich vielseitiger und mächtiger in Sachen Klangformung auf als sein Vorgänger, der sich zumeist auf Filter-Effekte konzentriert hat.   Abseits dessen sorgt das neu designte GUI für die meiste Aufmerksamkeit. Anstelle eines Graphik-Displays zieren nun derer drei die Oberfläche des Updates. Links lassen sich die Modulatoren aufrufen und editieren, in der Mitte findet sich quasi die Verwaltungs-Sektion. Dort sind per Button der Preset-Browser, Routing- und Modulations-Matrix sowie der Preferences-Dialog aufrufbar. Das rechte Display ist den Effekten vorbehalten. Über Buttons oberhalb der Displays sind die vier Modulatoren- und Operatoren-Slots erreichbar, die sich anschließend mit den gewünschten Modulen bestücken lassen. Sehr schön: Die jeweils vier Drehregler unterhalb des linken und rechten Displays sind via Modulations-Matrix frei mit Parametern belegbar, bei Bedarf sogar simultan mit mehreren. Damit gewährt der Hersteller dem Anwender deutlich mehr Spielraum als noch in der Vorversion. Allerdings hätten wir uns deutlich mehr Modulations-Slots gewünscht, denn wenn alle acht Regler mit Parametern verknüpft sind halbiert sich der Platz für weitere Modulationsverknüpfungen, was die Flexibilität doch empfindlich einschränkt. Die Bedienung der Effekte und Modulatoren in den Displays erfolgt ausschließlich durch Klicken und Ziehen der Maus auf die gewünschten Parameter oder via Tastatureingabe. Die Anzeigen gerade der Filter sind nicht graphisch editierbar, was schade ist, denn sie laden förmlich dazu ein. Das Verknüpfen von Operatoren und Realisieren von Modulationsverknüpfungen erfordert ein wenig Einarbeitungszeit, was aber bereits nach kurzer Zeit sehr flott von der Hand geht. Im Test haben wir durch das Display-Triptychon jedenfalls eine ungleich bessere Übersicht über unsere teils komplexen Signal- und Modulationsverknüpfungen, was dem Plug-in ein Sonderlob hinsichtlich Bedienung einbringt.   In Sachen Klangqualität gibt es rein überhaupt nichts zu meckern. Die Filter packen ordentlich zu und vermögen Signale nachhaltig im Klang zu beeinflussen. Sie klingen zwar nicht so weich und rund wie etwa das Simplon-Plug-in von Fabfilter (Test in Heft 6/2007), was aber kein Makel ist. Sehr schön ist die erwähnte Morph-Funktion, die in Verbindung etwa mit dem LFO für ein wahres Feuerwerk an Filterverläufen sorgt. Dies gilt auch für den neu hinzugefügten Formant-Filter, der ebenfalls über zwei Bänder verfügt in denen sich zwei Vokale frei wählen lassen. Das Changieren etwa zwischen a- und o-Vokal verleiht einer statischen Synthesizer-Fläche eine beeindruckende Lebendigkeit.

Beeindruckend sind auch die Gestaltungsmöglichkeiten im neu hinzugefügten Distortion-Effekt. Über die sechs wählbaren Verzerrungs-Algorithmen können Signale leicht angeraut und mit ein wenig mehr Biss versorgt werden. In Extremstellung bleibt vom Originalsignal jedoch so gut wie nichts mehr übrig. Industrial-Fans werden mit dem Distortion-Effekt ihre wahre Freude haben. Der ebenfalls neu hinzugefügte Hall wartet mit den Typen Hall, Plate und Spring auf. Sicherlich, mit reinrassigen Hall-Prozessoren wie etwa dem TSAR-1 von Softube (Test auf Seite 24) kann er es und will er es auch nicht aufnehmen. Dafür klingt er dann doch ein wenig zu höhenreich, spitz und wenig voluminös. Als Effekt im wahren Sinne des Wortes eingesetzt, sorgt er jedoch jenseits authentischer Raumsimulation für ein nachhaltiges Vergrößern des Sounds. Ein weiteres Highlight ist der bereits erwähnte Pitch-Shifter, der in drei Qualitätsstufen anliegende Signale in der Tonhöhe beeinflusst. Die Ergebnisse klingen in der höchsten Stufe exzellent, werden aber auch mit einer merkbaren Latenz erkauft.  Die Mächtigkeit der Effekte zeigt sich jedoch erst in Kombination untereinander und im Zusammenspiel mit den Modulatoren. Die mitgelieferten Presets geben dabei eine beeindruckende Vorstellung über die Möglichkeiten dieses Konzepts ab, kratzen aber in Sachen Signal-/Modulatins-Routings an der Oberfläche. In der Hand von Könnern ist mit den gebotenen Möglichkeiten noch weitaus mehr machbar. Allerdings sollte man schon wissen, was man für Signalverknüpfungen realisieren will. Im Test passen wir ein ums andere Mal nicht richtig auf und haben unbeabsichtigt eine unangenehm laute Feedback-Schleife erzeugt. Abseits davon lässt sich im Test so ziemlich jedes Signal mit Hilfe von N2O nachhaltig veredeln, in seiner Lebendigkeit steigern oder bei Bedarf bis zur Unkenntlichkeit zerstören. Dünn klingende Synthesizer-Pads spielen mit Hilfe der Filter mächtig auf, aus Drum-Loops kitzeln wir via Delay, Pitch-Shifter und Distortion völlig neue Aspekte heraus. Gitarrenspuren gewinnen an markanter Lebendigkeit durch Kombinationen aus Phaser, Delay und maßvollem Pitch Shifter-Einsatz.     

Fazit 

N2O ist nicht zuletzt durch das Redesign der Oberfläche ein Kreativ-Plug-in par exellence, was Sounddesignern und Klangbastlern optimal in die Hände spielt. Es erfordert allerdings ein gewisses Maß an Know-how, möchte man souverän die

 

Erschienen in Ausgabe 03/2011

Preisklasse: Oberklasse
Preis: 177 $
Bewertung: sehr gut
Preis/Leistung: sehr gut

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