Punktlandung

Der Earpleasure 1.1 kombiniert ein Top-Breitband-Chassis mit einem Tieftöner und bringt die Musik in audiophiler Qualität auf den Punkt.   

Von Harald Wittig

„Eigentlich wundert es mich, dass noch niemand auf die Idee gekommen ist, einen Breitbänder mit einem Tief-Mittel-Töner zu kombinieren, um einen optimalen Fullrange-Monitor zu schaffen.“, wundert sich Earpleasure-Entwickler Thomas Dürrbeck. Dürrbeck, der unter anderem seit Jahren als Freelancer für den Broadcast-Giganten Salzbrenner Stagetec tätig ist, hat hinreichende Berufserfahrung mit Monitorsystemen – sowohl als Musiker, Toningenieur und Live-Techniker.  Es sei nach seiner Erfahrung immer das Gleiche: Alle gängigen Mehr-Wege-Systeme stellten einen mehr oder weniger gelungenen Kompromiss und Varianten des Althergebrachten dar. So entschloss sich Dürrbeck „neue Wege zu gehen“ und entwickelte gewissermaßen in seiner Freizeit den Earpleasure 1.1, einen passiven Nahfeld-Monitor, der sich die Überlegenheit bei der Raumdarstellung von Breitbandsystemen – Stichwort: Punktschallquelle – zunutze macht. Im Unterschied zu gewissen historischen Vorbildern in Würfelform, sollte der neue Monitor jedoch auch audiophilen Ansprüchen genügen. Soll heißen: Der Earpleasure soll einen Frequenzbereich von 30 Hertz bis 30 Kilohertz abdecken, sich dabei vollkommen neutral verhalten sowie in puncto Impulsverhalten und Auflösung Maßstäbe setzen. Dies sei nach Aussage nach einigen Jahren der Entwicklung gelungen, über den „Ur-Earpleasure“, den Dürrbeck zunächst für sich selbst konstruierte, hört der Ton-Profi seitdem und schätzt den Monitor als präzises Arbeitsgerät.

Überzeugt von der Qualität seines Monitors ging Thomas Dürrbeck auf die Suche nach einem Partner, um den Earpleasure in Serie herstellen zu lassen, damit auch andere Tonschaffende in den Genuss des Lautsprechers kommen könnten. Mit Andreas „Igl“ Schönwitz (Tonstudio Rauschenberg und TestYourMic.com – siehe die Ausgabe 3/2011) hat Dürrbeck inzwischen einen Partner gefunden, unser Testkandidat stellt das erste Vorserienmodell dar. Mit einem Stückpreis von rund 930 Euro verlangt der Passiv-Lautsprecher nach einer gut gefüllten Brieftasche, zumal hierzu gegebenenfalls noch der Preis für standesgemäße Endstufen kommen kann. Allerdings wird der Earpleasure komplett in Deutschland gefertigt, es werden nur beste Einzelkomponenten wie beispielsweise Chassis und Frequenzweiche verbaut, die Lautsprecher werden selbst in engsten Toleranzen hergestellt und immer paarweise gematcht. Künftig wird es übrigens auch noch eine aktive Variante mit einem selbstentwickelten Verstärker-Modul geben.   Das Breitband-Chassis des Earpleasure 1.1 ist zugekauft, wobei der Entwickler den Hersteller nicht preisgeben möchte. Nur so viel: Dieses Chassis genießt beispielsweise in der Selbstbauer-Szene bereits Kultstatus und viele Lautsprecher-Enthusiasten bestätigen, dass dieser Breitbänder in der Lage sein soll, einen Frequenzbereich von 200 Hertz bis 30 Kilohertz sauber und mit exquisiter Feinauflösung darzustellen. Die Entscheidung für einen vergleichsweise klein dimensionierten Wandler erfolgte ganz bewusst, um eine größtmögliche Verfärbungsfreiheit und Impulstreue sowie eine bestmögliche Höhenwiedergabe zu lösen. Hinzu kommt eine noch bessere Raumabbildung – eine Disziplin, in der Breitbänder als sogenannte Punktstrahler ohnehin herkömmlichen Mehr-Wege-Systemen überlegen sind, denn es ergibt sich konstruktionsbedingt ein zeitrichtiger Lautsprecher. Allerdings kann ein solches Breitband-Chassis naturgemäß keine tiefen Frequenzen wiedergeben. Anstatt auf einen separaten Tief-(Mittel-)Töner zu setzen wie Attila Czirják von United Minorities bei seinem The Flow-System (siehe Test in Ausgabe 9/2008), hat sich Dürrbeck für ein ins Gehäuse integriertes Bass-Chassis entschieden, dass bei 200 Hertz angekoppelt ist. Die dafür notwendige, selbstverständlich passive Frequenzweiche ist, um Klangverfälschungen weitgehend auszuschließen sorgfältig abgestimmt, besteht aus besten Einzelkomponenten und wird für jedes Earpleasure-Paar zusätzlich paarweise eingepasst. Schließlich ist auch das Bassreflex-Gehäuse mit seiner sich nach hinten verjüngenden Form für eine optimale die Tiefton-Wiedergabe und Richtwirkung und ein bestmögliches räumliches Auflösungsvermögen entwickelt worden. 

Mit einem Gewicht von etwa 8 Kilogramm verlangt der Monitor nach einem unerschütterlichen Stand, um Nachschwinger, welche die Definition und die Stabilität des Klangbildes beeinträchtigen, auf ein Minimum zu reduzieren. Dafür empfiehlt der Hersteller ein neuartiges Boxen-Stativ des irischen Herstellers Tritech Precision Limited, der bisher eher als Zulieferer von Präzisions-Maschinenbauteilen für die Industrie bekannt ist. Zum Test des Earpleasure 1.1 erhielten wir direkt aus Irland ein Stativ-Paar mit einer eigens für den Monitor angefertigten Aufstellplatte. Die massive Edelstahlkonstruktion ist nach höchsten mechanischen Standards gefertig, erinnert in ihrer unerschütterlichen Machart an professionelle Foto-Stative, wobei spezielle Spikes für eine Entkopplung vom Untergrund sorgen. Dass ein solches Stativ seinen hohen Preis hat, dürfte auf der Hand liegen: Tatsächlich schlägt das Paar mit prallen 500 Euro zu Buche – ob sich die Investition lohnt, erfahren Sie sogleich. Für den Praxis- und Hörtest stand uns dank der Unterstützung des deutschen Vertriebs WBS Acoustics (www.wbs-acoustics.com) der exzellente britische Vollverstärker Sugden IA-4 zur Verfügung (siehe dazu näher den Test des Xanadu HRS11 in Ausgabe 10/2010). Zunächst stellen wir den Earpleasure 1.1. auf unsere Konsole im Professional audio-Studio und hören verschiedene fertige Mixe, aber auch offene Projekte ab. Gewissermaßen „vom Auftakt weg“ sorgt dieser Lautsprecher für ein breites Grinsen auf unseren Gesichtern, denn neben der – wie zu erwarten – vorzüglichen Raumabbildung gefällt ganz spontan die außergewöhnlich hohe Auflösung und Trennschärfe dieses Monitors. So dröselt der Earpleasure beispielsweise rasend schnelle Wechselschlag-Passagen auf verzerrten E-Gitarren auf den Ton genau auf, die Wiedergabe der Transienten des beinharten Plektrum-Anschlags sind zum Greifen nahe, weswegen sich das Gehör  nicht erst „scharfstellen“ muss. Der Earpleasure ist tonal sehr ausgewogen und ein Analytiker im wahren Sinne des Wortes: Er serviert dem Hörer, was die Aufnahme an Informationen enthält – nicht mehr und nicht weniger. Die Wiedergabe des Hochmitten- und Höhenbereichs ist ohne Weiteres auf dem Niveau von Spitzen-Monitoren, wobei der Testkandidat insofern audiophile Qualitäten beweist, als dass er stets so angenehm und unangestrengt aufspielt wie er präzise ist. Mit diesem Lautsprecher ist nicht nur das Arbeiten ein Vergnügen. Auch das „nur“ Musikhören macht richtig Spaß, wenn das Material von vergleichbar hoher Qualität ist. Die Bässe sind erstaunlich tief und präzise und bereits im ersten Testlauf auf Oberklasse-Niveau, allerdings vermissen wir zunächst das letzte Quäntchen Exaktheit. Das ändert sich auf ohrenfällige Weise, als der Earpleasure auf seinem dezidierten Ständer Aufstellung nimmt. Der Klang bekommt nicht nur im Bass-Bereich mehr Stabilität und Definition, auch Mitten- und Hochtonbereich sowie die Raumabbildung gewinnt noch einmal. Bei einem unserer Projekte, einem akustischen Instrumental mit einer obligaten E-Bass-Stimme, beeindruckt schon im unbehandelten Zustand die Tiefe und Präzision des Basses, eine gezielte Filterung zuzüglich sorgfältiger Kompression sorgt in kürzester Zeit für einen wunschgemäß dargstellten Bass der nicht nur fundamental, sondern auch kontrapunktisch tönt. Auch das Setzen von Hall- und Delay-Effekten ist dank der exzellenten Raumdarstellung ein Leichtes. Das haben wir bislang nur mit Top-Monitoren auf dem Niveau beispielsweise eines MO-2 von ME Geithain erlebt, der allerdings vom Earpleasure noch übertroffen wird.               

Fazit 

Der passive Earpleasure 1.1 verdient es, von Tonschaffenden mit hohen Ansprüchen gehört zu werden, denn dieser Breitband-Lautsprecher mit Tiefton-Chassis ist ein vorzüglicher Nahfeld-Monitor. Er ist neutral, sehr impulsfest und hochauflösend, dabei zu keiner Zeit anstrengend – schlichtweg ein Spitzenmonitor.

Erschienen in Ausgabe 04/2011

Preisklasse: Spitzenklasse
Preis: 929 €
Bewertung: sehr gut – überragend
Preis/Leistung: sehr gut

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