Reproduzent

Reprotauglich ist eigentlich ein Qualitätskriterium für Makroobjektive, der Macro 100 von G. J. Acoustic besitzt als sachlicher Reproduzent von Audiomaterial im übertragenen Sinne diese Eigenschaft. 

Von Harald Wittig  

Wenn Stefan Mayer vom Pro Audio-Vertrieb For-Tune als alter Praktiker ein Produkt ins Sortiment nimmt, dann muss es auch den höchsten Ansprüchen der Tonschaffenden genügen. Folgerichtig findet sich nur erlesenes Gerät im Vertriebsprogramm von For-Tune, beispielsweise von SADIE, TOMO Audiolabs, Weiss, Prism Sound oder Lake People. Seit kurzem vertreibt For-Tune auch die Monitore der in Hamburg ansässigen Lautsprecher-Manufaktur G. J. Acoustic und lobt die Lautsprecher aus dem hohen Norden für deren Wiedergabetreue und Neutralität. Da werden wir selbstverständlich neugierig und bestellen direkt auf der Tonmeistertagung in Köln das Nahfeldmodell Macro 100, das zum Oberklasse-Stückpreis von rund 1.150 Euro im Angebot ist. Stefan Mayer lässt es sich dann auch nicht nehmen, eine Testpärchen höchstpersönlich der Redaktion abzugeben, verbunden mit dem guten Rat, das Macro 100-Paar intensiv aus dem Hörwinkel des Tontechnikers zu untersuchen – was wir selbstverständlich tun werden. Aber zuvor wollen wir uns ein wenig mit G. J. Acoustic selbst, der Hersteller-Philosophie der Manufaktur im Allgemeinen und dem Macro 100 im Besonderen befassen. Die Buchstaben „G. J.“ sind die Initialen von Gennaro Javarone, einem gebürtigen Hamburger mit italienischen Wurzeln, der bereits Ende der 1980er-Jahre angefangen hat, Studio-Lautsprecher zu entwickeln. Der eigentliche Grund dafür war, dass Javarone, selbst passionierter Musiker und sechs Jahre professionell als Bassist auf den norddeutschen Bühnen und in den dortigen Studios aktiv, mit den damals gängigen Monitoren unzufrieden war: „Es gab zwar durchaus gute Lautsprecher, die in puncto Impulsverhalten, Auflösung und Gesamtabstimmung richtig gut waren. Nur waren die leider sehr teuer, denn oft waren es Custom-Anfertigungen. Was damals für Jedermann erschwinglich war, war nicht nur für mich ein Graus. Da hatte manche Produktion viel länger gedauert, weil die Toningenieure ständig auf anderen Systemen gegenhören mussten, ob ihre Mischungen auch wirklich auf allen denkbaren Anlagen funktionierten.“ Javarone, der übrigens studierter Volkswirt ist und vor dem Studium eine „sehr wertvolle“ Ausbildung zum Radio- und Fernsehtechniker abgeschlossen hatte, entwickelte folglich eigene Lautsprecher. Von Anfang an sollten diese seiner Klangphilosophie entsprechen: Ein Studio-Lautsprecher als Arbeitsgerät habe neutral, impulsgenau und auch in puncto Räumlichkeit mit höchstmöglicher Präzision abzubilden. Damit rennt Javarone sicherlich nicht nur bei uns offene Türen ein. Wie erreicht G. J. Acoustic dieses Ziel? „Mit besten, aufeinander abgestimmten Einzelkomponenten. Dabei glaube ich an die Passiv-Bauweise. Bislang konnte mich noch kein Aktiv-System vollständig überzeugen.“

Folgerichtig ist auch der Macro 100, ebenso wie seine fünf Geschwister-Modelle ein Passiv-Lautsprecher, der eines zusätzlichen Verstärkers bedarf. Mit dem Modell STA-121 bietet G. J. Acoustic selbst eine etwa 570 Euro teure Stereo-Endstufe an, die aber nicht zwingend vonnöten sei: „Wir haben beste Erfahrungen mit den günstigen Verstärkern von NAD gemacht. Unser Macro 100 klang daran um Längen besser als alle günstigen Aktiv-Systeme, die wir zum Vergleich hörten.“ Für den Test steht uns eine Stereo-Endstufe aus der Werkstatt von Attila Czirjak/United Minorities (siehe Test des 2.1-Systems The Flow in Ausgabe 9/2008) zur Verfügung und wir empfehlen an dieser Stelle nachhaltig, in gute Endstufen zu investieren. Nach unseren Erfahrungen mit Passiv-Lautsprechern zahlt sich das klanglich aus. Die beiden Chassis des Macro 100 sind zugekauft, von hoher Qualität und bieten einige erwähnenswerte Besonderheiten. Der Tief-Mitteltöner kommt aus europäischer Fertigung und hat eine hochfeste und sehr leichte Carbonfaser-Membran, die beste Voraussetzungen für eine präzise, impulstreue Basswiedergabe hat. Stabil ist das Chassis mit seinem Aluminium-Duckgusskorb auch, denn hier wurde nicht geklebt, sondern durch die Sicke genäht. Schließlich begünstigt die große Ein-Zoll Schwingspule und der kräftige Neodymium-Magnet als Antrieb die Tiefenwiedergabe. Der Hochtöner kommt von einem erfahrenen Chassis-Hersteller aus Asien mit dem G. J. Acoustic schon seit einigen Jahren zusammenarbeitet. Interessant ist die Kalotte: Sie besteht nämlich aus Aluminium, auf dessen Oberfläche im Wege des Eloxal-Verfahrens durch anodische Oxidation eine Schicht aus Keramik angebracht ist. Der Vorteil ist das geringe Gewicht des Materials, was eine hohe Impulstreue verspricht – der Hochtöner reagiert „schneller“ –, außerdem schwinge diese Membran laut Gennaro Javarone exakt kolbenförmig und neige nicht wie Gewebekalotten zum Ausbrechen. Das Gehäuse besteht aus 25 Millimeter starken MDF (Mitteldichte Holzfaserplatte) und ist intern bedämpft. Die vergleichsweise massive Bauweise ist die zwingende Konsequenz aus des Entwicklers Überzeugung, dass ein schweres Gehäuse einen Lautsprecher mit hörbar mehr Gelassenheit und Ruhe aufspielen lässt. Eine durchaus nachvollziehbare These und von einigen wenigen Entwicklern wird dieses Prinzip der Massiv-Bauweise noch auf die Spitze getrieben: So entwickelte beispielsweise John Topham unter der Firma Crystal Clear Acoustics eine ganze Produktlinie von – allerdings kommerziell eher erfolglosen – Lautsprechern mit Granit-Gehäuse. Aber zurück zu G. J. Acoustic und dem Macro 100.

Die Gehäuse werden von einem Tischler in der Nachbarschaft gefertigt, als Vorlage dienen die Zeichnungen von Gennaro Javarone. Beschichtet ist das Gehäuse mit Nextel, das der Entwickler aus verschiedenen Gründen schätzt: „Zunächst ist die Handhabung der Lautsprecher besser. Nextel fasst sich einfach besser an. Dann minimiert es Reflexionen, was im Studio nicht zu unterschätzen ist. Wenn ich vor einem Nahfeld-Monitor sitze, in dessen hochglanzpolierten Gehäuse sich die Studiobeleuchtung widerspiegelt, sodass ich Gefahr laufe, blind zu werden, ist der Verdruss bei der Arbeit programmiert. Schließlich können Sie die Gehäuse richtig schrubben, um Schmutz auf der Oberfläche zu entfernen.“ Die Verarbeitung des Macro 100, der wie alle Lautsprecher selbstverständlich in Hamburg montiert wird, ist tadellos. Dass nicht am falschen Ende gespart wurde, beweisen auch die massiven, vergoldeten Schraubklemmen für die Lautsprecher-Kabel, die zu den hochpreisigen ihrer Art gehören. Wie alle G. J. Acoustic-Monitore durchlief auch unser Testlautsprecher eine umfangreiche Mess- und Testroutine zu der auch intensives (Vergleichs-)Hören gehört. Gennaro Javarone betont, dass sämtliche Lautsprecher letztlich nach Gehör abgestimmt werden: „Das macht die entscheidenden fünf Prozent aus. Messtechnisch müssen die Monitore optimal sein – ganz klar. Ob sie dann auch wirklich meinen Vorstellungen entsprechen, lasse ich am Ende meine in den Jahren als Musiker bestens geschulten Ohren entscheiden.“ Wie klingt es denn jetzt, das Macro 100-Paar? Es gibt heutzutage weitaus mehr gute Lautsprecher, die echte Monitor-Qualitäten haben, als noch vor zehn, fünfzehn Jahren. Vor allem wird guter Klang im Sinne von ausgewogener, neutraler Gesamtabstimmung und gutem Impulsverhalten immer günstiger. Dennoch kommt es nicht so häufig vor, dass uns ein Lautsprecher ganz spontan, also schon nach wenigen Takten, überzeugt. Der Macro 100 gehört zweifelsohne zu dieser seltenen Spezies. Seine Gesamtwiedergabe ist geprägt von hoher Klarheit, sodass einzelne Instrumente auch in komplexen Arrangements stets sehr gut, soll heißen mühelos, heraushörbar sind. Das gilt selbstverständlich nur, wenn Arrangement und Mischung in sich stimmig sind. Überfrachtete Arrangements, bei denen beim besten Willen keine Durchhörbarkeit herstellbar ist, entlarvt der kleine Hamburger gnadenlos. Da bleibt dann doch nur das Stummschalten einzelner Spuren, auch wenn das Einspielen einen Tag Studioarbeit bedeutete. Richtig klasse und eindeutig auf Spitzenniveau ist die Raumdarstellung des Macro 100.

Neben dem grundsoliden Stereobild in der Breite mit starker Phantommitte, gefällt uns vor allem auch die exzellente Tiefenauslotung. Besonders ohrenfällig wird das bei der Vorab-Mischung des Titels „I Follow Rivers“ als Teil von Johannes Dickes Klavierprojekt (siehe ausführlich ab Seite 64 dieser Ausgabe): Es ist der Steinway in der Alten Kirche mit ihrer wunderbaren Akustik zu hören, der Klang hat diese ganz bestimmte Fülle und Tiefe, die typisch für Naturräume ist. Johannes Dickes Refrain-Pfeifen steht wie genagelt genau in der Mitte des Stereobildes und hat exakt die Präsenz und Vordergründigkeit, die erwünscht ist. Doch auch bei Räumen aus der Feinkost-Konserve, sprich vom Altiverb 7, erweist sich der Macro 100 als verlässlicher Partner, soweit es um die Auswahl des passenden – virtuellen – Raumes geht. Für den im Rahmen des Chandler Limited TG Series Tests in der Ausgabe 12/2012 entstandenen Titel hatten wir uns für die Impulsantwort des großen Raumes der Berliner Teldex-Studios entschieden. Macro 100 bestätigt unsere Wahl als goldrichtig. Es ist auch tatsächlich so: Was über diesen kleinen Monitor richtig klingt, funktioniert dann auch übers Küchenradio – so muss das sein. Beeindruckend ist die Basswiedergabe des vergleichsweise kleinen Tief-Mitteltöners. Soviel Tiefgang hätten wir nicht erwartet. Dabei überzeugt der Lautsprecher auch mit hoher Bass-Präzision und hat auch heftige Tieftonattacken sehr gut im Griff. Wenn der Bass dröhnend wummert, ist Hand an der Bassspur anzulegen und gezielt zu filtern. Wenn es dann passt, liefert der Macro 100 die unzensierte Erfolgsmeldung. Wir haben auch an Hochmitten- und Höhenwiedergabe nichts auszusetzen, wenngleich wir zugegebenermaßen den Klang des X-ART-Hochtöners unserer Referenz-Monitore, den ADAM S3X-H, wegen seines exzellenten Impulsverhaltens und der daraus folgenden hervorragenden Transientenwiedergabe bevorzugen. Gleichwohl macht der Keramik-Aluminium-Hochtöner des Macro 100 seine Sache sehr gut. So können wir beispielsweise die akustischen Harmonie-Gitarren des Chandler-Limited-Stücks mittels des TG1241 Filter-Plug-ins schön präsent und angemessen crisp abstimmen beziehungsweise diese schon bei der Aufnahme vorhandene Charakteristik noch verstärken. Abschließend bleibt noch zu sagen, dass der Macro 100 als vergleichsweise kompakter Nahfeld-Monitor und als solcher auch eingesetzt weniger anspruchsvoll bei der Raumakustik ist. Aufgrund seiner wie beschrieben sehr guten Wiedergabe-Eigenschaften gelingen dann auch in akustisch nicht optimaler Umgebung gute Mischungen.

Fazit

Der G. J. Acoustic Macro 100 ist ein präziser, neutral abgestimmter Nahfeld-Monitor, der sich keine Schwächen erlaubt. Er reproduziert das Audio-Material mit der Sachlichkeit eines präzisen Analytikers – genau so, wie es von einem Studio-Monitor zu erwarten ist. 

Erschienen in Ausgabe 01/2013

Preisklasse: Spitzenklasse
Preis: 1154 €
Bewertung: sehr gut
Preis/Leistung: sehr gut

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