Der Notationsspezialist

Das Anfertigen von Partituren in ansprechendem Layout kann auch mit den besten Notensatzprogrammen eine zeitraubende Angelegenheit sein. Mit PriMus können sich auch Computermuffel anfreunden, denn die Software optimiert den Arbeitsfluss.   

Von Carina Schlage

Für die Erstellung einer Orchesterpartitur inklusive Auszügen der Einzelstimmen kann schon mal eine ganze Nacht – idealerweise die vor der Aufnahmesitzung – draufgehen. Die Platzhirsche auf dem Gebiet der softwarebasierten Notation – genannt seien Finale 2009 und Sibelius 5 – bestechen durch eine außerordentlich hohe Funktionalität und ein professionelles Notenbild, verlangen dem Benutzer aber auch einige Einarbeitungszeit ab. Das Anpassen des Notenbildes an die eigenen Bedürfnisse gerät dabei trotz ausgereifter Bedienergonomie gerade für Ungeübte zum Geduldsspiel und ohne Intensivstudium telefonbuchdicker Handbücher geht gar nichts. Ganz anders das Konzept von PriMus, der Notationssoftware von Columbus Soft, ihres Zeichens Spezialisten für Musiker-Software aus Darmstadt: Frei nach dem Motto „Papier ist geduldig“ versteht sich die Software als eine Art digitales Notenpapier, das satztechnisch erstmal alles erlaubt. Ganz so wie das gute alte Notenblatt – nur zerknüllen können Sie es nicht. PriMus ist also vorrangig ein Notenlayout-Programm, mit dem sich mühelos und äußerst effizient – soviel sei schon einmal vorweg genommen – mehrere Musikstücke mit unterschiedlicher Besetzung, Texte oder Grafiken zu einem harmonischen Ganzen zusammenfügen lassen. Natürlich beherrscht die Software auch die Wiedergabe der eingegeben Noten nach dem General MIDI-Standard, die auch Spielweisen wie Triller oder Tremolo, Dynamikanweisungen und übliche MIDI-Befehle, beispielsweise Program Change oder Pitch Bend, einbezieht. Der Name der Software ist übrigens in mehrerlei Hinsicht Programm, denn er ist sowohl angelehnt an das lateinische Wort für Erster und Bester als auch die Abkürzung für Printed Music – gedruckte Musik also, die auch höchsten Ansprüchen nach Verlagstandards genügen soll. Für Umsteiger von anderen Notationsprogrammen winkt nicht nur eine außerordentlich hohe Kompatibilität mit den gängigen Formaten – MIDI, MusicXML, Capella und SPP-Dateien können im- und teilweise auch exportiert werden – , sondern auch ein spezielles Crossgrade-Angebot: Besitzer von SPP, Capella, Finale, Sibelius oder Forte erhalten PriMus zum Preis von 200 Euro. Die Vollversion ohne Ermäßigung kostet moderate 350 Euro. Preisbewussten Notenschreibern ohne Ambitionen zum verlagsreifen Druck mit Titelseite, Inhaltsverzeichnis und mehreren Musikstücken pro Dokument wird die PriMus Classic-Variante für 170 Euro vollkommen ausreichen. Mac-User müssen sich allerdings gedulden: PriMus ist bisher nur für den PC erhältlich. Eine Mac-Version befindet sich aber in Planung.

Eine solch schlichte und nüchterne GUI, wie sie sich uns beim ersten Öffnen von PriMus – das im Übrigen auch unter Windows Vista problemlos läuft – offenbart, haben wir in Zeiten, in der sogar Textverarbeitungsprogramme alle grafischen Register ziehen, selten gesehen. Hier hat die Funktionalität oberste Priorität und die Entwickler haben bewusst auf peppige 3D-animierte Bedienelemente verzichtet.   Zentrales Element ist – wie sollte es auch anders sein – das digital-virtuelle Notenblatt, das bereits nach dem Aufrufen des Programms mit einem vorgefertigten leeren Klaviersystem bereit steht. PriMus folgt dabei dem Prinzip „what you see is what you get“, denn die Ansicht und das Layout entsprechen exakt dem späteren Druckbild.  Die schnörkellose, wenn auch nicht ganz zeitgemäße Benutzeroberfläche hat einen ganz entscheidenden Vorteil: Der Anwender wird nicht durch Dutzende Panels und Buttons überfordert, sondern behält stets den Überblick. Für die wesentlichen Funktionen sind erstaunlicherweise auch gar keine Buttons notwendig. Das Konzept ist nämlich nahezu spektakulär simpel: Fast jede Änderung am Layout wird ganz wie mit einem Zeichenstift an „Ort und Stelle“ vorgenommen. Will der Komponist beispielsweise einen doppelten Taktstrich setzen, genügt ein Mausklick auf den einfachen Taktstrich und schon erscheint ein üppiges Auswahlfenster sämtlicher Taktstricharten. Nach demselben Prinzip kann der Anwender auch Tonarten und Taktarten ändern oder Vorzeichen hinzufügen oder ändern. Es genügt jedes Mal ein Klick direkt auf oder in die Nähe des zu ändernden Objekts. Während der fleißige Notenschreiber bei anderen Notensatzprogrammen schon beim vermeintlich schlichten Hinzufügen einer Taktklammer angesichts der umständlichen Umsetzung wenigstens ins Schwitzen  kommt, so geht das mit PriMus locker von der Maushand. Ein Rechtsklick auf den Taktstrich genügt und schon kann der Benutzer Taktklammern, Studierzeichen – die automatisch gezählt werden –, Umbrüche oder verschiedene Taktstrichgruppierungen hinzufügen und deren Ausrichtung und Größe mit einfachen Mausklicks anpassen. Selbst alte Mensurschreibweisen wie beispielsweise kurze Taktstriche in der Mitte der Notenzeile sind möglich. Mit diesem ausgesprochen benutzerfreundlichen Grundkonzept, das sich fast von selbst erschließt, kann PriMus vom Fleck weg punkten.   So ganz ohne zusätzliche Bedienelemente kommt selbstverständlich auch PriMus nicht aus. Die sogenannte Toolbox, die wahlweise im unteren Fensterdrittel angedockt oder frei positioniert werden kann, erinnert ein wenig an das Notepad in Sibelius. Tatsächlich erfüllt es auch eine ähnliche Funktion, nämlich die Auswahl des gewünschten Werkzeugs. Dies geschieht über Gruppen in acht Registerkarten: Noten, Artikulationen, Dynamikanweisungen, Ornamente, instrumentenspezifische Anweisungen, Text, Grafik und Schlüssel. Kurz: Hier findet sich alles, was man für den Notensatz braucht. Praktischerweise geschieht die Anwahl der jeweiligen Registerkarte und des gewünschten Werkzeugs beziehungsweise der gewünschten Note über die Tastatur. Allerdings liegen die Befehle nicht wie bei Sibelius auf dem Ziffernblock, sondern auf den Buchstaben und Zahlen der linken Tastaturhälfte. Das mutet zunächst etwas verwirrend und wenig gefällig an, ist aber im Hinblick auf bestmögliche Anwenderfreundlichkeit wohldurchdacht – zumal auch Notebook-Benutzer  in den Genuss des vollen Bedienkomforts kommen.

In der Praxis sieht das Notenschreiben so aus: Für eine Viertelnote beispielsweise drückt man die Taste E und klickt dann auf die entsprechenden Tonhöhen im Notensystem, mittels Rechtsklicks lässt sich eine Pause desselben Werts hinzufügen. Beim Erstellen einer Partitur mit PriMus  arbeiten somit rechte und linke Hand gut durchdacht zusammen: Die Linke wählt über die Tastatur den jeweiligen Notenwert oder das Symbol, die Rechte bedient die Maus zur Positionierung im Notensystem. Auch absolute Computerneulinge finden sich sofort zurecht und auch wir sind beeindruckt, wie schnell wir wie schnell wir unsere Takte gefüllt haben. Über die Toolbox mit Tastatursteuerung hat man nämlich auch direkten Zugriff auf Spezialitäten wie Triolen, N-Tolen, Vorschlagnoten und eine große Auswahl an Notenköpfen.  Dabei hält PriMus noch einige zusätzliche Bedienfinessen bereit: Viele Formatierungen lassen sich nämlich in einem Rutsch erledigen. Für ein Fis im vorzeichenfreien C-Dur genügt beispielsweise das Setzen eines F, während die Maushand das Kreuz bei gedrückter linker Maustaste auswählt – schneller geht es wirklich nicht. Ähnlich geschieht das  Überbinden von Noten mit dem Haltebogen. Hierfür wählt man das Haltebogenwerkzeug in der Toolbox aus und klickt einfach mit gedrückter Alt-Taste irgendwo im Takt hinter die zu haltende Note und PriMus überbindet den Ton oder Akkord automatisch. Besonders bei komplexen gehaltenen Akkorden wird dem Notenschreiber hier eine Menge Arbeit und Zeit erspart. Wir möchten diese Funktion während des Tests jedenfalls nicht mehr missen. Legatobögen gehen ähnlich einfach von der Hand und können bis zur Sinnlosigkeit verbogen werden. Wird eine punktierte Note benötigt, kein Problem: Drückt man doppelt auf die Taste der gewünschten Note, nimmt sie den punktierten Wert an.  PriMus passt im Allgemeinen jedes Notensatzelement intelligent an das gewählte Objekt an – beim Verschieben einzelner Noten wandert also auch der Legatobogen relativ dazu mit. Noch nie mussten wir so selten Korrekturen im Layout vornehmen. Das Schöne: Die vielen kleinen Bedienfinessen werden nicht im Kleingedruckten des übrigens sehr gut verfassten Handbuchs versteckt, sondern dem Benutzer gleich im ersten Tutorial – das sich auch für fortgeschrittene Notenschreiber empfiehlt – an den Mann oder die Frau gebracht. Die Verinnerlichung fällt damit jedem leicht und auch der Gelegenheitsnotenschreiber kann PriMus auch nach längerer Notensatzpause sogleich und zeitsparend wie sonst die Textverarbeitung gebrauchen.   Wem das Notenklicken mit der Maus trotzdem zu umständlich sein sollte, der kann auch seine MIDI-Klaviatur zur Eingabe nutzen. Dies geschieht dann entweder per Live-Einspielung oder über den Step-by-Step-Modus, bei dem die Klaviatur an die Stelle der Maus rückt und die Notenwerte und Werkzeuge weiterhin über die Tastatur angewählt werden. Hat man keine Klaviatur zur Hand und möchte trotzdem die Piano-Optik nicht missen, so blendet man einfach die virtuelle Klaviatur ein und kann darüber die Tonhöhen anwählen, was gerade für Einsteiger in die Notenschrift eine nützliche Funktion ist. 

Wesentlicher Bestandteil des Notenschreibens ist die Formatierung der Takte und Notensysteme. Auch insoweit überzeugt PriMus mit kaum zu übertreffender Einfachheit und einer intuitiven Bedienung. Mit Hilfe der gehaltenen Shift-Taste lassen sich Anpassungen aller Art vornehmen: Die Anzahl an Takten pro Zeile kann ebenso wie die Anzahl an Notensystemen pro Seite mit einfachen Klicks verändert werden. Bereits gefüllte Takte werden mit samt Symbolen und Artikulationszeichen dynamisch angepasst. Zugegeben, das beherrschen grundsätzlich alle gängigen Notensatzprogramme. Allerdings setzt PriMus die Formatierungen fast perfekt um und wir müssen praktisch so gut wie gar nicht manuell nachjustieren. Das Layout bleibt stets in Form, Dynamikzeichen oder Textteile rutschen automatisch an die gewünschte Position. Sehr hilfreich ist das sogenannte Formatierungsfenster, mit dem Zeilenumbrüche und Systemabstände mit ein paar Klicks verändert werden können. Sehr schön: Die Abstände werden auch bei manueller Justierung in Millimetern angezeigt, sodass der Anwender gleich eine Vorstellung des tatsächlichen Abstandes hat. Und es kommt noch besser: Ändert man den Abstand zwischen zwei Notensystemen in der ersten Notenzeile manuell, so bietet die Software sogleich an, diese Einstellung für alle folgenden Systeme zu übernehmen. Die mühsame Justierung jedes einzelnen Systems ist damit passé.  Wo wir gerade beim Thema Anpassungen sind: Auch das Eingeben von Songtexten unter den Noten geht kinderleicht von der Hand und wird von PriMus intelligent gesetzt. Für das Hinzufügen von Akkordsymbolen stehen einige zeitsparende  Bedienschmankerl bereit. Ein immer wiederkehrender Akkord kann beispielsweise in einem Arbeitsschritt für das gesamte Stück eingefügt werden, indem sämtliche Noten, die diese Harmonie erfordern, markiert werden und dann das gewünschte Akkordsymbol über das Menü oder die Toolbox eingegeben wird. Ein Rechtsklick auf die Akkordbezeichnung eröffnet weitere nützliche Optionen: PriMus kann passende Gitarrengriffbilder erzeugen, bietet mehrere Griff-Varianten eines Voicings und erlaubt auf Wunsch auch das Auslassen des Grundtons.  Umgekehrt stellt das Programm auch ein Griffdiagramm in allgemeingültiger Notenschrift dar, so dass die Gitarrenstimme, wenn der Gitarrist krankheitsbedingt ausfällt, notfalls auch durch ein anderes Harmonieinstrument ersetzbar ist. Besonderer Clou: Erklingen in einer Passage mindestens drei Töne, so ist die Software in der Lage, den erklingenden Akkord zu berechnen und das entsprechende Symbol darüber zu setzen. Selbst bei komplexeren Harmonien funktionierte dies in den meisten Fällen erfreulich gut. Wunder sollte niemand von dieser sicherlich cleveren Funktion erwarten, aber gerade für Anfänger, die nicht so sattelfest  in Harmonielehre sind, hilft PriMus damit jedenfalls weiter.   Steht das Notieren einer Partitur an, hat der Benutzer die Möglichkeit, diese mithilfe des Partiturassistenten zu erzeugen und zusammenzustellen. Ähnlich wie in Sibelius sind die Instrumente in Gruppen zusammengefasst und können einzeln hinzugefügt werden. PriMus erstellt dann eine passende Notenzeile mit dem richtigen Schlüssel und – fast schon selbstverständlich – in der richtigen Transposition. Obwohl die Software dafür viele Presets bereithält – auch für Exoten wie das Sousafon oder die Laute – fehlen interessanterweise häufiger benötigte Instrumente wie beispielsweise die Celesta ganz.

Etwas verwirrend ist auch, dass die anderen Idiophone Glockenspiel, Marimba, Vibraphon und Xylophon, die eigentlich zu den Stabspielen gehören, bei den Tasteninstrumenten eingeordnet sind. Außerdem – und auch das ist zunächst ungewohnt – müssen die Stimmen vom Benutzer selbst in die gewünschte Partituranordnung gebracht werden. Für unerfahrene Notenschreiber eine kleine Falle, denn bei Orchesterpartituren ist die richtige Anordnung der Stimmen von essentieller Bedeutung. Besser wäre es, wenn  PriMus die Stimmen automatisch sortieren würde. Insoweit wünschen wir uns ein entsprechendes Update.  Ganz hervorragend gelungen ist dagegen der Einzelstimmenauszug. Orchesterkomponisten kennen das: Nach dem Erstellen der Partitur gilt es, die einzelnen Stimmen für die Musiker zu exportieren und vor allem in eine ablesbare Form zu bringen. Dabei will der meist sowieso schon gestresste Komponist nicht auch noch jede einzelne Spielanweisung und Dynamikbezeichung zurecht rücken, weil diese durch das Extrahieren eventuell nicht mehr an der geforderten Stelle sitzt.    PriMus beherrscht diese Disziplin so gut, dass binnen kürzester Zeit die Einzelstimmen unserer Testpartitur erstellt sind.  Die Korrekturen, die wir vornehmen müssen, sind dabei minimal und resultieren meist aus nicht korrekt verankerten Symbolen.   Möchte man Grafiken und andere nicht notensatzbezogene Elemente einfügen,  muss man schon tiefer in die Software einsteigen und sollte in jedem Fall das Handbuch zu Rate ziehen. Insgesamt gestaltet sich der Umgang mit Grafiken jedoch nicht schwieriger als in Textverarbeitungsprogrammen. Sollten dennoch Fragen ungeklärt bleiben, so lohnt sich eine E-Mail oder ein Anruf in der Darmstädter Softwareschmiede, die einen hervorragenden Support bietet und einen Kontakt zu ihren Kunden pflegt, den man in dieser Form heutzutage eher selten antrifft.  Eine weitere große Stärke von PriMus ist das Zusammenstellen mehrerer Stücke, auch unterschiedlicher Besetzung zu einem Dokument oder Notenblatt. Die erweiterten Druckoptionen ermöglichen dabei sogar die Ausgabe in richtig angeordneter Heftform. Eine schnelle Zusammenstellung verschiedener Bläserstücke für das nächste Schützenfest stellt also überhaupt kein Problem dar und ist zudem leicht zu bewältigen. 

Fazit

Es bleibt festzuhalten: Das Erstellen eines Partitur-Layouts hat uns lange nicht mehr so viel Spaß gemacht wie mit PriMus. Statt langen Herumschiebens von Einzel-Elementen und kniffeligen, trickreichen Anpassens des Layouts, ist das Notenschreiben und Layouten fast genauso intuitiv und flexibel wie mit dem guten alten Bleistift auf Papier. Hilfreiche Funktionen wie der Partiturassistent oder der Einzelstimmenauszug ersparen zusätzlich wertvolle Zeit. Das gedruckte Ergebnis ist sehr professionell und motiviert zu weiteren kreativen Höchstleistungen.

Erschienen in Ausgabe 07/2009

Preisklasse: Spitzenklasse
Preis: ab 169 €
Bewertung: sehr gut
Preis/Leistung: sehr gut

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