Wo Neve drauf steht, ist Neve drin

Steinberg betätigt sich jetzt erstmals auch als Drittanbieter von Effekt-Plug-ins. Den Einstand feiert der Hersteller mit der Emulation von zwei Geräten aus der hochgeschätzten Portico-Serie des Herstellers RND. Ob das selbstgesteckte Ziel, den legendären Neve-Sound mit einer atemberaubenden Detailgenauigkeit nachzubilden, gelungen ist, erfahren Sie im Test.

Von Jacob Richter

Wenn der Name Rupert Neve fällt, klappt gleich ein dickes imaginäres Geschichtsbuch mit auf. Sämtliche Erfolge und Meriten des Grand Seigneurs der Tontechnik hier aufführen zu wollen, würde jedoch unzählige Seiten füllen. Daher in Kürze nur soviel: Die jahrzehntelange Erfahrung Neves im Bau analoger Hardware setzt sich seit 2005 fort im Unternehmen Rupert Neve Designs, kurz RND genannt. Die unter diesem Firmennamen produzierten Modelle der Portico-Serie haben dabei nicht nur in den Produkttests von Professional audio stets mit Bestnoten abgeschnitten (siehe Tests in den Heften 5 und 9/2007 sowie 8/2010). Steinberg hat sich jetzt als erstes Software-Unternehmen an die virtuelle Umsetzung von zwei Geräten der Portico-Serie gewagt, in dem Falle der nach wie vor produzierten Modelle 5033 EQ und 5043 Compressor. Damit stellt sich der Software-Hersteller einer großen Herausforderung in Sachen Sound, um sowohl den Ansprüchen von Rupert Neve und auch sich selbst gerecht zu werden. Um dies zu meistern, nutzt Steinberg das von Yamaha entwickelte Virtual Circuitry Modeling Verfahren (VCM). Nach Aussage von Yamaha sollen sich mit Hilfe von VCM virtuelle Reproduktionen analoger Hardware erstellen lassen, die jede klangliche Nuance der Vorbilder detailgetreu nachbilden, da nicht nur jedes einzelne Bauteil der analogen Schaltungen, wie Widerstände und Kondensatoren, sondern auch die Interaktion zwischen den einzelnen Komponenten simuliert werden. Laut Steinberg handelt es sich dabei um ein sehr aufwändiges und zeitintensives Verfahren, was sich der Hersteller auch entsprechend bezahlen lässt. Mit knapp 500 Euro für ein Plug-in beziehungsweise rund 800 Euro für das Bundle ist das Preis-Niveau recht happig, weshalb sich die Plug-ins eher ans Profilager richten. Ob die Portico-Emulationen diesen Preis wert sind, müssen sie im Hör- und Praxistest erst noch beweisen.

Doch zunächst werfen wir einen Blick auf die Ausstattung beider Plug-ins.Die Bedienoberflächen beider Plug-ins zeigen eine authentische Reproduktion der Hardware-Fronten, die jedoch mit einigen Besonderheiten aufwarten. Die Drehregler sind ansprechend animiert und einige Parameter lassen sich sogar haarfein bis auf die hundertstel Kommastelle einstellen, was bei der Suche etwa nach der richtigen Frequenz ungemein von Vorteil ist. Anders als die Hardware besitzt der virtuelle 5033 EQ ein grafisches Fenster, in dem die einzelnen Bänder angezeigt und editiert werden, was dem Bedienkomfort auf virtueller Ebene zu Gute kommt. Uns hätte es jedoch gut gefallen, wenn sich das Graphik-Display per Button ausblenden ließe, denn beim Einsatz mehrerer Instanzen oder bei der Arbeit mit kleineren Monitoren, etwa von Laptops, nimmt das GUI relativ viel Platz auf dem Bildschirm in Anspruch. Abseits dessen sprechen die Regler für Frequenz, Verstärkung und Güte für sich. Der 5033 Equalizer verfügt über drei parametrische Mittenbänder, die von zwei Shelving-Filtern umrahmt werden. Jedes Mittenband deckt einen individuellen Frequenzbereich ab, wobei sich die jeweils benachbarten Bänder überlappen. Insgesamt decken sie einen sehr weiten Bereich ab, der sogar bis in den Bereich der Shelving-Filter reicht und zwischen 50 Hertz und 16 Kilohertz liegt. Die Shelving-Filter sind zwischen 30 bis 300 Hertz sowie 2,5 bis 25 Kilohertz einstellbar. Besonderheit: Beide Filter lassen sich nur gemeinsam aktivieren. Im Test lässt sich der virtuelle Portico-Equalizer schnell und intuitiv bedienen, nicht zuletzt durch das editierbare Graphik-Display. Schade ist jedoch, dass die Filtergüte der Mittenbänder nicht per Mausrad editierbar ist, was die Arbeit im Display noch komfortabler gestalten würde.

Das GUI des 5043 Compressor Plug-ins zeigt zwar ebenfalls eine authentisch reproduzierte Bedienoberfläche. Sie unterscheidet sich gegenüber der Vorlage jedoch dadurch, dass lediglich eine der zwei Bediensektionen zu sehen und zu editieren ist. Das Plug-in ist dabei selbstverständlich sowohl in mono, als auch in stereo einsetzbar, wobei sich in letzterem Fall zwei LED-Meter-Ketten zur Anzeige des Eingangspegels auf der Oberfläche finden. In dieser Form nimmt der virtuelle 5043 Compressor zwar wenig Platz auf dem Monitor ein. Besser wäre jedoch eine zusätzliche Variante mit zwei dargestellten Bediensektionen, was dem Anwender die Möglichkeit gibt, bei Bedarf die Stereokanäle unabhängig voneinander bearbeiten zu können. Mit dieser Lösung verschenkt Steinberg Punkte in Sachen Flexibilität und Einsatzmöglichkeiten. Zur Einstellung steht das übliche Arsenal an Parametern zur Auswahl, also Regler für Threshold, Ratio, Attack- und Release-Zeiten sowie die Aufholverstärkung. Als Extra finden sich zwei Buttons zum Schalten des Kompressors auf Bypass und zum Umschalten des Kompressionsmodus zwischen Feed Forward und Feed Back. Wir erinnern uns: Liegt der Regelweg der Steuerspannung vor dem Verstärkungselement, weiß der Kompressor schon vor dem Wirken, wie das Signal aussehen wird. Diese etwas komplizierter zu realisierende Schaltung wird Feed-Forward genannt und lässt höhere Kompressionsraten und kürzere Attack-Zeiten zu. Im Feed-Back-Modus liegt der Regelweg hinter dem Verstärkungselement und reagiert erst auf das schon komprimierte Signal. Dieser Modus arbeitet zwar nicht ganz so präzise, er wird aber in der Regel als musikalischer empfunden (Näheres dazu in den Kompressor-Workshops in den Heften 2 bis 4/2011). Wichtig: Leuchtet der Button für den Kompressionsmodus, befindet sich das Plug-in im Feed-Back-Modus. Insgesamt zeigt sich die Ausstattung des virtuellen 5043ers überschaubar, was die Arbeit bereits nach kurzer Zeit flott von der Hand gehen lässt. 

Als steter Befürworter von übertragerbasierten Designs hat Rupert Neve für jeden Aus- und Eingang seiner Portico-Baureihe eigene Übertrager entwickelt, um den Signalweg elektrisch zu entkoppeln, was letztlich den exzellenten Klang seiner klassischen Designs gewährleisten soll. Willkommener Nebeneffekt: Die Übertrager selbst nehmen Einfluss auf das eingespeiste Signal und tragen mit zur charakteristischen Ausformung des Klangbilds bei. Dieses Merkmal ist selbstverständlich auch in den virtuellen Portico-Prozessoren emuliert worden und lässt sich auf ganz spezielle Art nutzen: Sind beide Plug-ins auf Bypass über die entsprechenden Buttons auf der Bedienoberfläche geschaltet, betrifft dies nur die Filter respektive den Dynamik-Schaltkreis. Die Emulation der Übertrager ist nach wie vor aktiv und wirkt auf das anliegende Signal ein. Die Detailverliebtheit der Entwickler, den Übertrager-Sound exakt nachzubilden, lässt sich dabei insbesondere am 5043-Kompressor festmachen: Im Test schalten wir den Regel-Schaltkreis auf Bypass und hören zunächst keinen merkbaren Unterschied. Erst beim Deaktivieren des gesamten Plug-ins werden die Unterschiede deutlich, die zwar unauffällig, aber dennoch nachhaltig das anliegende Signal auf eigentümliche Art schön färben. Mehr noch entsteht beim Deaktivieren des Plug-ins der Eindruck, als ob etwas fehlt. Mit aktivierter Emulation legt sich quasi ein hauchfeiner Schleier über das Signal, der es auf angenehme Art weichzeichnet. Zudem klingen die unteren Mitten ausgeprägter, was den Signalen zusätzlich schmeichelt. Abseits dieser Charakteristika zeigen sich beide Plug-ins im Hörtest in Bestform und liefern den allseits an der Neve-Hardware hoch geschätzten Analog-Sound. Den Anfang macht der Equalizer: Im Vergleich zum Studio EQ von Nuendo 5, zeigt sich der 5033 EQ als Musterschüler in Sachen Klangfärbung, vor allem in den Shelving-Filtern. Im Test heben wir in beiden Equalizern Frequenzen bei 50 Hertz um vier Dezibel an. Das Ergebnis kann sich hören lassen: Im Vergleich zum Nuendo-Equalizer klingt es im Portico-Plug-in merkbar harmonischer und vollmundiger. Gleiches gilt auch für die Höhen. Insgesamt gehen die Shelving-Filter des Portico-Equalizers stets einen Tick weicher und zurückhaltender ans Werk als der Nuendo-Entzerrer. Selbst bei extremen Einstellungen besticht der 5033-EQ immer noch mit musikalisch verwertbaren Ergebnissen. Höhen und Tiefen lassen sich kräftig anheben, ohne dass sie aus dem Gesamtklang herausfallen oder aufdringlich werden. Das Regelverhalten der Mittenbänder fällt im Vergleich dazu deutlich subtiler aus, wenngleich sich mit ihrer Hilfe der wichtige Mittenbereich  nach allen Regeln der Kunst bearbeiten lässt. Entzerrungen geschehen sehr unauffällig ohne deutlich hörbar färbend auf den Klang einzuwirken. Selbst bei extremen Einstellungen bleibt der Grundcharakter des anliegenden Signals erhalten. Noch besser: Beim Deaktivieren der Mittenbänder erklingt das jetzt unbearbeitete Signal eigentümlich unangenehm, um nicht zu sagen falsch, was letztlich für die Qualität der Mittenbänder spricht. Im Test filtern wir mittlere und hohe Frequenzanteile einer Bass- und Gitarren-Spur aus, die ursächlich Einfluss auf die Wahrnehmbarkeit der Gesangsspur nehmen. Nach Abschluss der Arbeit klingt das Arrangement deutlich aufgeräumter, der Gesang ist jetzt deutlich besser hörbar und alle Spuren sitzen besser im Mix. Sicherlich, als rein technisches Werkzeug zum Aufstöbern und gezielten Entfernen von Störfrequenzen ist der 5033 EQ nicht geeignet. Dieses Terrain überlässt er anderen. Seine Domäne liegt vielmehr im Sounddesign, wobei er es auf feinsinnige Art schafft, aus Gutem etwas Besseres zu machen.

Der zweite Kandidat im Bund(l)e, der 5043 Compressor, ist mit der gleichen Hingabe emuliert worden und zeichnet sich ebenfalls durch Sounddesign-Qualitäten mit charakteristischem Klang und Regelverhalten aus. Ebenso wie das 5033-Plug-in ist auch der Portico-Kompressor kein Präzisions-Werkzeug zum rein technischen Eingrenzen der Dynamik, zumal er mit einer minimal einstellbaren Attack-Zeit von 20 Millisekunden augenscheinlich als Transientenfänger wenig geeignet ist. Seine Qualitäten und Stärken spielt das Plug-in aus, wenn es um ein unauffälliges und zurückhaltendes Eingrenzen der Dynamik geht. Die damit einhergehenden klanglichen Besonderheiten sind insbesondere beim Komprimieren von Schlagzeugspuren hörbar. Bei einer mittleren Ratio von 4:1 und kurzen Attack-Zeiten gelingt dem 5043 der einzigartige Spagat zwischen zurückhaltender aber dennoch kraftvoller Kompression. Sofort klingt alles räumlich geordnet, plastischer und auch luftiger. Klapperten Snare,  Bassdrum und Hi-Hat zuvor eher kraftlos und ungeordnet im Arrangement vor sich hin, klingt das Schlagzeug nun, als hätte der Drummer noch einen kräftigen Espresso vor der Aufnahme getrunken. Das Schlagzeug klingt deutlich präziser und druckvoller ohne jedoch unangenehm laut zu werden oder gar die Binnendynamik zu nivellieren. Beim Umschalten in den Feed-Forward-Modus trumpft das 5043-Plug-in mit weiteren klanglichen Charakteristika auf: Frequenzanteile der Hi-Hat und Becken erhalten um zehn Kilohertz einen leichten Schub. Sie treten deutlicher in den Vordergrund und klingen merkbar frischer, ohne jedoch bissig zu klingen. Gleichzeitig tönt der untere Mittenbereich auf angenehme Weise kraftvoller, was der Bassdrum und den tiefen Toms noch einmal schmeichelt. Besonderheit: Bei extremen Einstellungen im Feed-Forward-Modus sind überdies leichte Verzerrungen hörbar, die wir eher als angenehm denn als störend empfinden und eine weitere Sounddesign-Option offerieren. Bei Sprach- und Gesangsaufnahmen leistet der 5043 Compressor ebenfalls ganze Arbeit. Das Signal wird auf behutsame Art verdichtet, wobei die Artikulation der Sprechlaute deutlich besser hörbar ist ohne diese Anteile zu überzeichnen. Gleichzeitig ist eine Klangfärbung im unteren Mittenbereich hörbar, die dem Timbre der Stimme leicht, aber nachhaltig schmeichelt und sie angenehmer klingen lässt. In der Summenbearbeitung eingesetzt, lassen sich wunderbar warme und kraftvolle Klänge mit dem 5043 Compressor gestalten. Alles klingt auf einmal merklich druckvoll, vordergründiger, kompakter und nach oben hin luftig, so als ob der Toningenieur den Musikern gesagt hätte, beim Einspielen noch das eine Quäntchen mehr an Expressivität und Präzision draufzupacken. Alles in allem ist auch das 5043-Plug-in ein Soundschmeichler, der es ebenfalls versteht, die positiven Seiten einer Aufnahme prominent herauszuarbeiten und in den Vordergrund zu stellen, wobei er als ausgewiesener Klangfärber auch im Mastering ein Wörtchen mitreden kann.

Fazit

Mit den beiden Plug-ins 5033 EQ und 5043 Compressor ist es Steinberg ohne Wenn und Aber auf vortreffliche Weise gelungen, den hoch geschätzten, analogen Neve Sound der Portico-Geräte in die virtuelle Welt zu transportieren. Mit dem warmen und weichen Klang des Equalizers und dem subtilen aber dennoch kraftvollen Regelverhalten des Kompressors empfehlen sie sich als charakterstarke Sounddesign-Instrumente, um Signalen und Mixen den letzten Feinschliff zu verpassen. Der Preis für die Plug-ins ist zwar durchaus gerechtfertigt. Dennoch würde ein etwas günstigerer Verkaufspreis die Attraktivität dieser ohne Zweifel exzellent klingenden Plug-ins deutlich steigern.  

Moderne Zeitzeugen der Magnetband-Ära

Das Unternehmen Rupert Neve Designs (RND) entstand 2005 und ist aus dem Unternehmen ARN Consultants hervorgegangen, das von Rupert Neve 1975 gegründet wurde. RND steht dabei synonym für die Portico-Produktreihe, die für unsere Testkandidaten Pate standen und unter anderem mit dem TEC Award und dem PAR Exellence Award ausgezeichnet wurden. Der Name leitet sich von dem lateinischen Begriff porticus ab, was so viel wie Laufgang, Säulengang und Halle bedeutet und in der Architektur Einzug gehalten hat. Die meist mehrgeschossigen Eingangshallen sollten dem Eintretenden den Eindruck von Größe und Erhabenheit des Innenraums vermitteln. Diesen Eindruck wollte auch Rupert Neve in seiner Hardware klanglich umsetzen, denn eins haben alle Produkte der Portico-Reihe gemein: den analogen Sound und einen eigenen Klang sowie herausragende technische Qualität. Möglich macht dies unter anderem die magnetische Abschirmung, die dadurch erreicht wird, dass die Portico-Module aus einem voll verkleideten Stahl-Gehäuse sowie Stahl-Frontplatten bestehen. Unterstützt wird der Klang auch durch die einseitig geführten Schaltungen, die Crossover-Verzerrungen unmöglich machen sollen. Darüber hinaus befinden sich ausnahmslos in jedem Modell die bekannten, von Rupert Neve entwickelten Ein- und Ausgangstransformatoren, die den Klang besonders warm und seidig erscheinen lassen.

Erschienen in Ausgabe 10/2011

Preisklasse: Spitzenklasse
Preis: 799 €
Bewertung: sehr gut
Preis/Leistung: gut

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