Strip-Teaser

Lust auf mehr kann man beim Anblick des gut gerüsteten Studio Channels von Presonus schon bekommen. Besonders wenn man bedenkt, dass der Röhren-beheizte Channelstrip gerade einmal 340 Euro kostet. 

Von Michael Nötges

Der amerikanische Hersteller Presonus hat sich seit jeher ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis, Praxisnähe und guten Klang auf die Fahnen geschrieben. Mittlerweile bietet der Outboard-Spezialist vom digitalen Mixer, wie dem StudioLive (Test, 8/2009) über Audiointerfaces á la Firestudio Project (Test, 4/2008), bis hin zum nützlichen USB-Controller Faderport (3/2007) eine breite Palette an durchdachtem Studioequipment an. Im Presonus-Lager der röhrenbeschalteten Charakterköpfe taucht neuerdings zwischen dem zweikanaligen Vorverstärker-Flaggschiff ADL600 (2.695 Euro) und den Einsteiger-Preamps Bluetube DP (Stereo, 249 Euro) und TubePre (Mono, 139 Euro) ein weiterer viel versprechender Channelstrip auf: Für 339 Euro bietet die kostengünstige Wunderwaffe einen üppig bestückten Kanalzug mit funktionsreichem VCA-Kompressor sowie flexiblem Drei-Band-Equalizer und das ist erst der Anfang.

Zunächst handelt es sich beim Studio Channel um ein schmales aber dennoch sehr robust wirkendes 19-Zoll-Gerät mit dunkelblau lackierter Metall-Frontplatte, das 2,5 Kilogramm auf die Waage bringt und lediglich eine Höheneinheit im Rack in Anspruch nimmt. Da aber die Doppeltrioden-Röhre (ECC83/12AX7) – die genaue Herkunft verrät der Hersteller nicht –  der Class-A-Schaltung über Lüftungsschlitze in der Gehäusedecke ventiliert, ist es ratsam wegen der Wärmeentwicklung über dem Studio Channel etwas Platz im Rack zu lassen.   Der Studio Channel bietet rückseitig einen symmetrischen Mikrofon- (XLR) und Line-Eingang (6,35-mm-Klinke) sowie zwei analoge Ausgänge: Die XLR-Buchse ist symmetrisch, die alternative Klinken-Buchse unsymmetrisch ausgeführt. Zusätzlich bietet der Studio Channel – praktischerweise auf der Vorderseite – noch einen hochohmigen Instrumenteneingang, um auch E-Gitarren und E-Bässe anzuschließen. Die allesamt gleich großen sowie fein geriffelten und gerasteten Regler müssen zwar mit spitzen Fingern bedient werden, machen aber einen sehr hochwertigen und präzisen Eindruck. Durch die Skalen auf dem Gehäuse rund um die Potiknöpfe sowie die gefrästen Justierschlitze sind theoretisch sogar reproduzierbare Einstellungen möglich. Allerdings sind Adleraugen gefragt, um im dämmrigen Studiolicht die genauen Positionen der Drehregler abzulesen. 

Der Studio Channel bietet in der Eingangssektion die Möglichkeit, Phantomspannung, Phasenumkehrung, PAD (-20 Dezibel) sowie den Trittschallfilter mit einer Einsatzfrequenz von 80 Hertz zu aktivieren. Außerdem gibt es als Besonderheit zwei Eingangsregler: Gain und Tube Drive. Beschränkt sich ersterer auf die nüchterne Verstärkung des Eingangssignals (10 bis + 54 Dezibel), fährt der zweite die Röhre zunehmend in die Sättigung (siehe FFT-Spektren). Der eine macht also einfach laut, der zweite fett. Mit zunehmendem Tube Drive erhöhen sich die k2- und k3-Werte, was in der Praxis zu einem reichhaltigeren bis leicht angezerrten Sound führt. Praktisch ist, dass der Studio Channel auch noch über einen Regler zum Anpassen des Ausgangspegels (-80 bis +10 Dezibel) verfügt, um das Signal optimal auf nachfolgende Geräte wie beispielsweise A/D-Wandler anzupassen. Apropos Wandler: Der Studio Channel ist auf der Rückseite mit einem Slot für eine sogenannte Digital Option Card versehen. Auf Nachfrage beim Hersteller erfahren wir allerdings, dass eine digitale Schnittstelle wie beim großen Bruder Eureka von Presonus bei der Planung des Studio Channels zwar auch vorgesehen war, diese aber bis auf weiteres nicht produziert wird. Die beiden Effekt-Module (Kompressor und Equalizer) können per Bypass-Button aus dem Signalweg entfernt werden. Das ist besonders für schnelle A/B-Vergleiche hilfreich, um das Original mit dem bearbeiteten Signal zu vergleichen. Um Verwechslungen mit den anderen Buttons zu vermeiden, leuchten diese beiden als einzige rot. Beim Kompressor handelt es sich um einen so genannten Voltage Controlled Amplifier (VCA), also spannungsgeregelten Verstärker . Er bietet zunächst alle Einstellmöglichkeiten, die man von einem gut ausgestatteten Kompressor erwartet: Threshold, Ratio, Attack-, Release-Zeit und Aufholverstärkung (genaue Angaben siehe Tabelle). Zusätzlich bietet der Kompressor aber zwei Kompressionsmodi, die das Greifen der Schaltung abrupt (Hardknee-Charakteristik) oder sehr sanft (Softknee-Charakteristik) einleiten. Leuchtet der Soft-Button arbeitet der Kompressor auf die sanfte Tour. Die Auto-Funktion ist etwas für Anfänger und Gestresste oder für gestresste Anfänger, die bei Aufnahmen auf Nummer sicher gehen wollen. Attack- und Release-Zeit sind bei aktivem Autopilot auf universell einsetzbare Werte eingefroren. In manchen Aufnahmesituationen kann es hilfreich sein, das gefilterte Signal zu komprimieren und nicht das bereits Komprimierte zu filtern. Der EQ-Comp-Button kehrt die Reihenfolge der Module einfach um. Das ist hilfreich, wenn zum Beispiel zunächst Eigenarten des Timbres eines Sängers per EQ heraus gekitzelt und diese erst dann zur finalen Profilierung komprimiert werden sollen. Zur Überwachung der Kompression kann der GR-to-Meter-Button gedrückt werden. Die Nadel schlägt dann von rechts nach links aus und zeigt wie heftig der Kompressor arbeitet.  Das Equalizer-Modul bietet drei Bänder, wobei Höhen- (zwei Kilohertz bis 20 Kilohertz) und Bass-Filter (20 Hertz bis 30 Hertz) nach dem gleichen Prinzip funktionieren, der Mittenbereich aber praxisgerecht etwas anders aufgestellt ist. Für die Höhen und Bässe gilt: Es gibt einen Gain-Regler, der die Amplitude im ausgewählten Frequenzbereich um maximal zehn Dezibel anhebt oder absenkt. Der Frequenzregler bestimmt die Einsatz- oder Center-Frequenz, des jeweiligen Filters. Die beiden Peak-Buttons bestimmen die Charakteristik des Höhen- oder Bassfilters. Ist die Peak-Funktion aktiv, wirkt ein Glockenfilter mit fester Güte von 0,7. Ansonsten handelt es sich um Shelving-Varianten, die für die Außenbänder typisch sind. Dem überlappenden Mittenband (200 Hertz bis drei Kilohertz) haben die Entwickler einen Glockenfilter mit variabler Güte (0,7 bis 2,5) spendiert. Schmal eingestellt, können mit Hilfe des Frequenzreglers spezielle Frequenzbereiche zielsicher angefahren werden. Bei weiter Bandbreite sind hingegen großflächige Klangveränderungen möglich. Mit Hilfe des fein gerasteten Gain-Reglers (+/-10 Dezibel) können entscheidende oder störende Bereiche hervorgehoben oder herausgefiltert werden. 

Die Messwerte des Studio Channels sind sehr amtlich: Die Eingangsempfindlichkeit liegt mit -50,8 dBu im Bereich, wo auch der Einsatz von Bändchenmikrofonen oder dynamischen Schallwandlern grundsätzlich kein Problem ist. Allerdings stößt der Vorverstärker bei Mikrofonen à la M 130 oder M 160 von Beyerdynamic, deren Eingangsempfindlichkeit bei 1,2 respektive 0,9 mV/Pa liegt, an seine Leistungsgrenze, zumindest wenn sehr leise Signale mit optimaler Aussteuerung aufgenommen werden sollen. Für die meisten Aufnahmesituationen ist der preiswerte Channelstrip aber bestens gerüstet. Auch deshalb, weil Geräusch- und Fremdspannungsabstand des Mikrofoneingangs mit 84,5 und 81,8 Dezibel (Effektmodule auf Bypass) ausgezeichnete Werte aufweisen. Die Messwerte (91,7 und 86,2 Dezibel) unserer Referenz in Sachen Mikrofonvorverstärker F355 von Lake People (Test, Ausgabe 8/2006) erreicht der Studio Channel damit nicht ganz, er ist dem Spitzenklässler in diesem Punkt aber hart auf den Fersen – Chapeau!  Die Anodenspannung beträgt 45 Volt, was für eine ECC83 relativ wenig ist. Wenn das mit der doppelt so hohen Spannung wie bei anderen Röhrenschaltungen – so steht es in der Bedienungsanleitung – gemeint ist, müssen wir uns etwas wundern. Natürlich sind 45 Volt mehr als doppelt so hoch wie beispielsweise 20 Volt, aber unterm Strich trotzdem zu wenig, um die Röhre zur Bestleistung zu bringen. Je nach Modell einer ECC83 sind 100 bis 300 Volt für den optimalen Betrieb notwendig. Eine Unterversorgung führt zu einem schlechteren Rauschabstand, mehr Verzerrungen und insgesamt röhrenmäßigeren Sound, der sogar durchaus gewollt sein kann. Die THD+N Werte könnten demnach vielleicht noch besser sein, auch wenn jetzt schon der Noisefloor unterhalb -90 Dezibel liegt. K2 ragt aber eben bereits ohne aufgedrehte Röhrensättigung gute zehn Dezibel aus dem Grundrauschen heraus. Der Sound ist offensichtlich wichtiger als reine Spitzenwerte. Ergebnis: Der maximale Klirrfaktor liegt bei immer noch sehr amtlichen 0,04 Prozent.  Die Gleichtaktunterdrückung steigt bei tiefen Frequenzen bis zu -42 Dezibel (20 Hertz) an. Das ist keine meisterliche Ingenieursleistung aber bei kurzen Kabelwegen im Studio kein Problem. Wenig überzeugend sind die Werte des FFT-Spektrum über den Instrumenten-Eingang gemessen: Der Noisefloor steigt insgesamt deutlich an und erreicht sein Maximum von -50 Dezibel bei 50 Hertz. Warum Presonus allerdings beim Mikrofon- und Line-Eingang die Hausaufgaben gemacht hat, beim Instrumenteneingang die Entwickler aber Netzbrummen und Einstreuungen billigend in Kauf nehmen, bleibt offen. Da Presonus weiß, wie saubere Schaltungen aussehen müssen, ist der Instrumenteneingang wohl das Bauernopfer für den niedrigen Endpreis des Studio Channels. Ein kleiner Wehrmutstropfen, denn ansonsten macht der Studio Channel messtechnisch eine sehr ordentliche Figur.

Das sieht im Hör- und Praxistest von Professional audio nicht viel anders aus. Wir fertigen Sprach- und Gesangsaufnahmen an und nehmen eine Akustik- und E-Gitarre auf, um uns vom Klang des Studio Channels ein Bild zu machen. Beim Aussteuern vermissen wir zwar grundsätzlich eine Eingangspegelanzeige, was besonders Einsteiger schnell in die Übersteuerungsfalle tappen lässt. Mit etwas Gewöhnung und gespitzten Ohren gelingen die Aufnahmen aber einwandfrei. Zunächst stöpseln wir eine E-Gitarre ein und hören uns das Signal ohne und mit zunehmender Röhrensättigung an. Der Sound ist insgesamt klar, detailreich und transparent. Die unteren Mitten kommen satt und erscheinen bei zunehmend aufgedrehter Röhrensättigung zusätzlich angefettet und sehr organisch. Dabei bleibt das Signal selbst bei voll aufgedrehtem Tube Drive authentisch, fängt aber gehörig an zu glühen und bekommt insgesamt mehr Reichhaltigkeit und Energie. Die Transienten bei Funky-Licks oder auch perlenden Zerlegungen kommen zunehmend weicher und abgerundeter. Mit Hilfe des Kompressors und des EQs lässt sich der Sound dann unkompliziert auf den Punkt bringen und profilieren. Der gewünschte Klangcharakter ist im Handumdrehen erstellt und störende Frequenzen können problemlos eliminiert, Höhen geschmackvoll angehoben und wummernde untere Mitten entschärft werden. Hört man bei den Aufnahmen aber genau hin, wird leises Rauschen wahrnehmbar. Vor allem dann, wenn der Kompressor das Signal bearbeitet und leise Anteile nicht zuletzt durch die Aufholverstärkung in den Vordergrund rückt.   Anders sieht das bei den Aufnahmen der Akustikgitarre aus: Ein wenig Röhrensättigung steht der Lakewood M-14 CP (Grand Concert) recht gut, wirkt das Instrument dadurch etwas größer und voller. Der Einsatz des Kompressors und EQs ist völlig unproblematisch und die Aufnahmen kommen sehr transparent und absolut rauscharm. Im Gegensatz zu Vergleichstakes über die Mikrofonvorverstärker eines M-Audio FW410-Interface, zeigt sich der Studio Channel charaktervoll und mit dezentem Röhrencharakter solange der Tube Drive-Regler auf Linksanschlag steht. Für Pop- und Rock-Produktionen liefert der Studio Channel einen durchsetzungsstarken und vor allem flexibel einstellbaren Akustikgitarren-Sound. Die feinen Anschlagsgeräusche können mit EQ und Kompressor elegant herausgearbeitet werden und insgesamt klingen die Aufnahmen in den Höhen angenehm offen und unten herum satt und dicht. Wer’s am Ende etwas fetter mag, muss nur beherzt zum Tube Drive-Regler greifen.  Der klangliche Grundcharakter prädestiniert den Studio Channel auch für Gesangs- und Sprachaufnahmen. Mit Kompressor und Röhrensättigung kann der Radio-Sprecher-Effekt sehr schön erzeugt werden. Die Stimme klingt angenehm voll, groß und sehr direkt. Der EQ hilft zusätzlich die richtige Einstellung für jedes individuelle Timbre zu finden, um es geschickt in Szene zu setzen. Sehr hilfreich sind die beiden Bypass-Buttons, um die vorgenommenen Einstellungen zu überprüfen. Denn schnell erliegt man dem Röhrensättigungs- und Kompressionszauber. Die A/B-Vergleiche setzen das Sounddesign in Relation zum nüchternen Original und helfen, am Ende nicht über das Ziel hinaus zu schießen. 

Fazit

Der Studio Channel von Presonus ist ein vielseitiger Channelstrip mit regelbarer Röhrensättigung und wirkungsvollem Kompressor- und Equalizer-Modul. Er klingt edel dezent bis röhrig klirrend und hat grundsätzlich das Zeug sich auch in professionellen Umgebungen zu behaupten.

Erschienen in Ausgabe 04/2010

Preisklasse: Mittelklasse
Preis: 339 €
Bewertung: gut – sehr gut
Preis/Leistung: sehr gut

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