Sounds für die Ewigkeit

Die amerikanische Sound-Schmiede Heavyocity präsentiert mit der AEON Collection ein überaus fettes Sample-Paket, das sich sowohl im Sound, als auch in seiner Ausstattung vom Gros der Mitbewerber absetzen will. Gleichzeitig sollen die Sounds so vielfältig formbar sein, dass ein Produzentenleben nicht ausreicht, um sie alle einsetzen zu können. Wir haben die Probe aufs Exempel gemacht. 

Von Georg Berger

 

„Gut Ding will Weile haben“ könnte das Motto der jüngsten Veröffentlichung des amerikanischen Soundware-Unternehmens Heavyocity lauten. Nahrung erhält diese Vermutung durch die Namensgebung AEON Collection – griechisch für: Zeitalter, Lebenszeit, Ewigkeit. Zwar hat die Produktion des jüngsten Streichs eineinhalb Jahre in Anspruch genommen, was im schnelllebigen Library-Markt durchaus eine Ewigkeit ist. Doch die Bezeichnung zielt vielmehr auf die Sounds und ihre Einsatzmöglichkeiten ab, mit denen der Anwender eine schier unendliche Zahl an Klangvariationen gestalten kann. Dabei hat das Heavyocity-Kernteam, bestehend aus den renommierten Sounddesignern und Filmmusik-Komponisten Dave Fraser, Neil Goldberg und Ari Winter eine beachtliche Bandbreite an Klängen und Instrumenten für die Produktion aufgenommen. Orchester-Instrumente, ethnische Instrumente sowie Synthesizer – hier: vornehmlich analoge Modular-Systeme, aber auch digitale Vertreter – sind zum Einsatz gekommen, die mal isoliert für sich, das andere Mal in unterschiedlichen Kombinationen übereinander geschichtet, zu markant klingenden Texturen raffiniert wurden. In Sachen Gestaltungsmöglichkeiten setzt der Hersteller zudem die bereits in den zuvor veröffentlichten Produkten Evolve (Mutations) und Damage etablierten Features weidlich ein und hat sie sogar noch weiter entwickelt. Doch der Reihe nach.  

 

Insgesamt drei AEON-Produkte sind ausschließlich per Download über die Internet-Seite des Herstellers erhältlich. AEON Melodic für rund 300 Dollar enthält eine Vielzahl an Multisamples mit tonal spielbaren Sounds unterschiedlicher Couleur. AEON Rhythmic enthält hingegen ausschließlich Loops, in denen zumeist melodische Phrasen und Arrangements aufgenommen wurden. Kostenpunkt: rund 200 Dollar. Beide Librays zusammen sind als AEON Collection schließlich für knapp 400 Dollar erhältlich. Mit rund einem Gigabyte Datenumfang nimmt die Rhythmic-Library den kleinsten Teil des rund 14 Gigabyte großen Gesamt-Pakets ein. 
Wie auch in den Vorgänger-Produkten werden die Samples der AEON Collection mit Hilfe des Kontakt-Samplers von Native Instruments respektive der kostenlosen Player-Variante angesteuert. Dabei werden die Möglichkeiten des integrierten Script Prozessors intensiv genutzt, was aus der Library ein flexibles virtuelles Instrument macht. Das GUI beider Teil-Librarys versprüht einen Hauch von Steam Punk Ästhetik und ist im Wesentlichen identisch aufgebaut. Außer einer Reihe von einstellbaren Effekten, einem resonanzfähigen Filter mit fünf wählbaren Charakteristiken sowie Equalizer für Sample Layer/-Slices und ein Master-EQ warten beide Librarys mit einer Reihe besonderer Features auf (siehe Abbildungen). Highlights sind ohne Zweifel die Trigger-FX mit den erweiterten Möglichkeiten zum Modulieren der Effekt-Parameter via Step-Sequenzer sowie der Arpeggiator, der ebenfalls über Step-Sequenzer-Dialoge das Erstellen separater Verläufe für Anschlagsdynamik, Tondauer und -höhe erlaubt. Bis zu acht Pattern können pro Instanz programmiert und abgespeichert werden. Wird der Chain-Modus eingeschaltet, lässt sich die Zahl der zu spielenden Pattern mit Hilfe des Pfeils unterhalb der Slot-Buttons einstellen. Nicht unerwähnt bleiben soll auch der Amp-Sequencer, der unabhängig vom Arpeggiator werkelt und ebenfalls via Step-Sequenzer-Dialog das Ausformen der Lautstärke übernimmt. Per Key-Switches können zudem drei Geschwindigkeiten (einfach, doppelt, vierfach) temporär aktiviert werden. Mit seiner Hilfe sind Gate- und Stotter-Effekte ohne viel Zutun realisiert. Eine letzte Besonderheit halten noch die Single-Loop-Presets der Rhythmic-Library bereit, in denen geslicte Loops geladen sind. Über den Advanced Loop-Editor können dabei einzelne Slices direkt angewählt und isoliert in Lautstärke, Panorama und Tonhöhe eingestellt werden. Sehr schön: In Ausklapplisten finden sich Befehle, mit denen sich per Zufallsfunktion wahlweise nur einer oder direkt alle Parameter in allen Slices durchwirbeln oder per Reset-Befehl zurücksetzen lassen. 
Sämtliche Funktionen und Features kommen natürlich erst zur Geltung, wenn der eigentliche Haupt-Akteur, die Samples, geladen und gespielt werden. Schauen wir uns zuerst das Arsenal der Melodic-Library an: Die Sammlung ist in fünf Hauptkategorien unterteilt: AEON Hits enthält One-Shot-Samples mit unterschiedlich langen Klangverläufen, die Organic-Kategorie hält eine Reihe akustischer Instrumente wie Bässe, Glocken, Pianos und Streicher bereit, wohingegen es in der Synth-Kategorie rein synthetisch zugeht. Die Presets der Hybrid-Abteilung vereinen akustische und synthetische Sounds, wobei der Akustik-Teil sich zumeist auf Attack-Phasen konzentriert, die anschließend mit synthetischen Texturen fortgeführt werden. Zusätzlich gibt es noch einen weiteren Organic- und Synth-Ordner, die eigens programmierte Presets mit individuellen Arpeggiator-Läufen bereitstellen. Der Clou: Jedes Preset besitzt bis zu drei Layer, die sich über den mittig positionierten Mixer im Haupt-Dialog mit den üblichen Funktionen einstellen lassen. Ein Purge-Button erlaubt zudem das Entfernen von Layer-Samples aus dem Arbeitsspeicher. Alleine damit, soviel sei schon jetzt verraten, holen wir im Test eine Vielzahl an Klangvariationen aus nur einem Preset heraus, wobei sich die Ergebnisse im Klang teils drastisch verändern.  

 

Das Arsenal der Rhythmic-Library ist ebenfalls in mehrere Kategorien aufgeteilt. Die sogenannten „Menu Suites“ enthalten mehrere Loops pro Preset, die auf jeweils eine Keyboard-Taste gemappt sind. Die Single-Loop-Abteilung hält die gleichen Loops der Menu-Suites bereit. Unterschied: Pro Preset ist nur ein Loop geladen, der in geslicter Form über die Tastatur verteilt ist. Besonderheit: Über Key Switches in der untersten Oktave lassen sich die Menu Suites und Single-Loops, respektive ihre Slices in der Tonhöhe transponieren. Allerdings sind diese Key-Switches beim Einsatz des Arpeggiators deaktiviert, was schade ist und die Einsatzmöglichkeiten entsprechend erweitert hätte. Ein weiterer Single-Loop-Ordner versammelt speziell programmierte Presets mit aktiviertem Arpeggiator. Die dritte Haupt-Kategorie „Three Loop Combis“ besteht aus Presets mit jeweils drei Loops, die in Zonen auf die Tastatur gemappt und mittels Keyboard in der Tonhöhe manipulierbar sind.
Im Hör- und Praxistest gibt die AEON Collection eine beeindruckende Vorstellung mitsamt einer charakteristisch klingenden Visitenkarte ab. Sämtliche Sounds sind schon  überdeutlich breitbandig aufgestellt, wobei gerade der Bass- und Höhenbereich übermächtig in den Vordergrund drängt, den Sounds ohne Ausnahme einen hohen Aufmerksamkeits-Faktor verleihen und förmlich darum betteln, im nächsten Hollywood-Blockbuster eingesetzt zu werden. Gerade die Presets, in denen mit basslastigen Spektren gearbeitet wird, drängen mächtig, um nicht zu sagen brachial, aus den Lautsprechern. Dass sämtliche Samples tontechnisch gehörig durch die Mangel gedreht wurden, steht dabei außer Frage. Oftmals erhalten wir den Eindruck, dass weidlich mit Exciter-Effekten gearbeitet wurde, denn den Presets wohnt stets ein edel wirkender Glanz inne. Erste Auffälligkeit: In Sachen Bombast und Larger-than-Life-Sound überholt die AEON Collection die Vorgänger-Produkte Evolve (Mutations) und Damage um Längen, obgleich sie ebenfalls diesem Klang-Konzept verpflichtet sind. Zweite Auffälligkeit ist der häufige Gebrauch von Sättigungs- und Verzerrer-Effekten, der sich fast schon wie ein roter Faden durch die Librarys zieht. Sie verleihen den Samples im Mitten- und Höhenbereich eine teils ordentliche Portion an Schärfe und sorgen für einen zusätzlichen Schub an Vordergründigkeit. Dabei wird mal mit der groben Kelle absichtlich verzerrt, das andere Mal eher in homöopathischen Dosen. Unterm Strich klingt das zwar nicht unangenehm und verleiht den Sounds das gewisse Etwas. Dennoch hätte es dem einen oder anderen Sound gut getan, wenn er ohne ausgekommen wäre. Schließlich offeriert der integrierte Punish-Effekt vergleichbare Ergebnisse, die sich bei Bedarf wohldosiert auch nachträglich realisieren lassen. Mit diesen Qualitäten übernehmen die AEON-Sounds in Arrangements jedenfalls souverän die Hauptrolle. Den Job als Leisetreter zum subtilen Auffüllen von Frequenzlöchern überlassen sie anderen Librarys. Bei Bedarf können sie dies zwar auch, aber dann erst nach weidlichem Gebrauch der integrierten Equalizer. 

 

 

Ob und wie stark die Entzerrer in diesem Fall eingesetzt werden müssen, hängt nicht zuletzt auch vom Klang-Repertoire als solchem ab, das wir jetzt kurz beleuchten wollen. Als erstes hören wir in die AEON Hits der Melodic-Library und werden von den mit Abstand mächtigsten, voluminösesten, um nicht zu sagen brachialsten, Klanggebilden der gesamten Collection förmlich erschlagen. In dieser Kategorie geht es ausnahmslos wuchtig zur Sache, wobei die Klangverläufe zumeist sehr langgezogen sind und durchweg dunkle, bedrückende Atmosphären erzählen, die zudem Gefahr vermitteln. Verhältnismäßig sanfter und bedächtiger geht’s in den übrigen Kategorien zu. Dort tummeln sich zwar ebenfalls bombastische Klangspektren, die nicht selten mit geschmackvoll eingesetzten Verzerrungen zusätzliche Schärfe bringen. Oftmals finden sich auch eher zarte, flehentliche Klänge, die für ruhige Momente perfekt geschaffen sind, aber zumeist auch eher dunkel-romantische Ambiente vermitteln. Zugegeben, beim ersten oberflächlichen Reinhören sind wir von den Presets zunächst enttäuscht, denn es finden sich die üblichen Brot-und-Butter-Sounds, die so gar nichts Eigenes enthalten. Ein genaues Hören fördert schließlich rasch den besonderen Reiz und das Konzept der AEON-Sounds ans Tageslicht, was im Test letztlich sehr inspirierend wirkt. Dabei stellt der Hersteller durchaus den Brot-und-Butter-Anteil ins Zentrum der Sounds, reichert ihn aber mit zusätzlichen Teil-Spektren an, die den schnöden Alltags-Klang nachhaltig und auf eigentümliche Weise anreichert und prägt. Das geschieht teils deutlich, teils subtil. Dank der einstellbaren Layer lässt sich auf anschauliche Weise nachvollziehen wo und wie diese besonderen Klangelemente zum Einsatz kommen. Mehr noch demonstriert Heavyocity mit diesen Möglichkeiten sein exzellentes Know-how beim Sounddesign, für das der Hersteller in der Vergangenheit weltweit Lob und Anerkennung erfahren hat. Die Trigger-FX und der Arpeggiator fördern schließlich weitere klangliche Aspekte ans Tageslicht, die man so nicht vermutet hätte, etwa das wieselflinke Spielen eines Arpeggios, bei dem lediglich die Attack-Phase des/der Samples zum Einsatz kommen. Heavyocity kokettiert also in AEON Melodic ganz bewusst mit dem Banalen und Herkömmlichen, gibt dem Anwender aber gleichzeitig Werkzeuge an die Hand, um das Banale ins Besondere zu verwandeln. Das ist es, was das Salz in der AEON Melodic Suppe ausmacht. Selbst die rein akustischen Sounds der Organic-Kategorie sind diesem Konzept verpflichtet, so dass ein rein akustischer Sound immer mit Zutaten angereichert ist, die zwar perfekt auf den Hauptsound abgestimmt sind, ihn aber trotzdem aus dem realen Kontext herausheben, ihn also quasi surreal machen. Davon hätten wir uns durchaus mehr gewünscht. Den Löwenanteil nehmen in AEON Melodic jedoch die reinen Synthesizer-Sounds ein. Zumeist finden sich Flächen und Leads, die nicht minder uninteressante Texturen und lebendige Klangverläufe besitzen, bei denen man letztlich nicht weghören kann. Gerade die Presets, die mit rein analogen Klangerzeugern erstellt wurden, überzeugen durch einen wohlig-angenehmen und überaus fetten Sound. 
Gleiches gilt auch für die Presets der Rhythmic-Library, die in gleichem Maße eindrucksvoll zeigen, wie geschmacks- und zielsicher Heavyocity beim Sounddesign ans Werk geht. Das Klang-Repertoire besteht zum Großteil aus Synthesizern und offeriert zumeist kleinere Melodieläufe, kurze Sequenzer-Patterns und Akkordfolgen. Dabei kommen einmal mehr opulent gelayerte Klanggebilde zum Einsatz, die mit einem teils quirligen Eigenleben aufwarten und mit nicht minder cineastischen Qualitäten aufwarten. Auffällig ist die Dominanz an mächtig wirkenden Bassläufen, die nicht zuletzt durch den Einsatz der Verzerrer deutlich aggressiv und bissig aus den Lautsprechern kommen. Zwar finden sich auch perlende Sequenzerläufe, die mit zarten, luftigen und höhenreichen Sounds den Gegenpol dazu markieren. Doch die sind eher in der Minderzahl vorhanden. Nicht zuletzt durch den Grundsound vermittelt der Großteil der Loops stets eine energetische, hektische, bisweilen sogar aggressive Grundstimmung, perfekt um temporeiche Action-Szenen akustisch zu untermalen.  Drumloops fehlen übrigens komplett, wenngleich sich auch eine kleine Zahl an perkussiven Loops findet, die jedoch wiederum von Synthesizern generiert wurden. Doch das bloße Abspielen der Loops ist in AEON Rhythmic ja erst der Anfang. Highlights sind in jedem Fall die Möglichkeiten via Arpeggiator und separatem Loop-Slice-Editing völlig neue, teils überraschende Ergebnisse zu erzeugen. Im Test haben wir die Originalgestalt des Loops damit in Windeseile in etwas völlig anderes, unerwartetes transformiert. Somit steht auch in AEON Rhythmic das Tor weit offen für mannigfaltige Klangvariationen.

Fazit

Heavyocity präsentiert mit der AEON Collection ein Library-Bundle, das mit dem bislang bombastischsten Sound innerhalb der eigenen Produkt-Historie aufwartet und einmal mehr erfolgreich ein exzellentes Know-how in Sachen Sounddesign unter Beweis stellt. Beide Librarys sind ein Muss für jeden Tonschaffenden in Film, Hörspiel und Postproduction. In Musik-Genres der härteren Gangart, etwa Industrial, Nu-Metal, Gothic, dem einen oder anderen Dancefloor-Subgenre sowie Dark Ambient dürfte insbesondere AEON Rhythmic für Furore sorgen. Produzenten von Mainstream-Pop sollten jedoch die Finger davon lassen. 

Erschienen in Ausgabe 06/2013

Preisklasse: Spitzenklasse
Preis: 399 $
Bewertung: sehr gut
Preis/Leistung: sehr gut

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