Usability-Offensive

Mit Cubase 6 gestaltet sich das Produzieren von Musik künftig noch einfacher und komfortabler. Doch nicht nur das. So ganz nebenbei führt Steinberg teils einzigartige neue Features ein, die das Tor zu neuen kreativen Ausdrucksmöglichkeiten aufstößt.  

Von Georg Berger 

Major-Updates haben immer etwas von Geburtstag oder Weihnachten. Ähnlich wie beim Öffnen von Geschenken sorgen die neuen Features für Überraschung und teils faszinierendes Staunen. Kein Wunder, denn je nach Art und Umfang der Neuheiten haben sich die Entwickler ordentlich ausgetobt und warten mit teils spektakulären Features auf, die man selbst für unrealisierbar gehalten hat. So geschehen mit Cubase 6, der jüngsten Reinkarnation des Hamburger Software-Herstellers Steinberg. Das Major-Update des beliebten Sequenzers hat eine Renovierung und Optimierung in allen wichtigen Teilbereichen erfahren, die sich mit teils einzigartigen Features gekonnt in Szene setzt. Während sich Cubase 5 (Test in Heft 4/2009) sehr stark auf die kreativen Aspekte der Musikproduktion konzentrierte, dreht sich in Cubase 6 zumeist alles rund um die Usability und verbesserten Workflow. Altbekannte, etablierte Dialoge und Funktionen sind ganz im Geiste besserer Bedienbarkeit überarbeitet und mit neuen Features ausgestattet worden. Cubase 6 wartet zusätzlich auch mit neuen Klangerzeugern auf, die ebenfalls ganz im Geiste der Usability für ein flotteres und komfortableres Produzieren von Musik sorgen wollen. Die Zahl an Neuheiten ist erwartungsgemäß so hoch, dass wir uns lediglich auf die wichtigsten Highlights konzentrieren und weitere interessante Features nur kurz anreißen wollen. Die in unseren Augen spektakulärsten Neuheiten finden sich dabei im Note Expression-Feature (siehe Kasten), das es ermöglicht einzelne Noten in einer MIDI-Spur mit separaten Controller-Automationen zu versehen sowie die Möglichkeit, Audio-Clips erstmals so einfach und unkompliziert quantisieren zu können wie MIDI-Clips (siehe Kasten). Gitarristen werden sich über das VST Amp Rack freuen, das als waschechte Verstärker-Emulation auf den Pfaden von Guitar Rig, Amplitube oder Amp Farm wandelt (siehe Kasten). Das Amp Simulator Plug-in ist übrigens nach wie vor immer noch an Bord, nicht zuletzt aus dem Grund, um ältere Projekte nach wie vor lauffähig zu halten. Freunde elektronischer Klänge kommen mit der Light-Version der Workstation Halion Sonic auf ihre Kosten (siehe Kasten) und mit der überarbeiteten Version des Loop Mash-Instruments lässt sich Cubase 6 auch für beinhartes DJing mit allen Schikanen einsetzen (siehe Kasten). Erfreulich ist, dass sich an der Preisgestaltung angesichts der vielen Neuheiten nichts geändert hat. Bei Erstkauf verlangt der Hersteller immer noch knapp 600 Euro. Updates sind schon für cirka 200 Euro zu haben. Daneben offeriert Steinberg für umgerechnet 300 Euro mit der Version Cubase Artist 6 wiederum eine in der Ausstattung abgespeckte Version seines Sequenzers, die unter anderem allerdings ohne VST-Expression und Audio-Quantisierung auskommt, was aber nachvollziehbar ist. Doch genug der Vorrede, schauen wir uns Cubase 6 einmal näher an.

Augenfälligste Neuheit ist eine insgesamt dunkler gestaltete Oberfläche mit der sich Cubase 6 an das elegant wirkende GUI von Nuendo 5 (siehe Test in Heft 9/2010) annähert und in gleichem Maße überzeugen kann. Etwas gewöhnungsbedürftig ist die neue, plastisch wirkende Clip-Darstellung, die beim Anwählen anstelle eines roten Rahmens jetzt farbig invertiert angezeigt wird. Die Button-/Menü-Leiste des Projektfensters ist ebenfalls einem Redesign unterzogen worden, die ebenfalls plastischer daherkommt. Sehr schön: Innerhalb der Projekt-Menü-Leiste findet sich neben dem Button zum Auswählen des Quantisierungs-Rasters jetzt ein weiterer kleiner Button zum direkten Aufruf des Quantisierungs-Dialogs, der zuvor nur umständlich über das MIDI-Menü erreichbar war. Nicht unerwähnt bleiben soll auch der Spur-Preset-Button oberhalb des Inspectors, mit dem sich Track-Presets ohne lästigen Aufruf der Media Bay rasch auswählen lassen. Ansonsten ist soweit alles beim Alten geblieben.   Doch auch im Inneren, quasi unbemerkt, hat sich eine Menge getan, das ebenfalls nicht verschwiegen werden soll. Mac-Anwender können Cubase 6 jetzt auch auf 64-Bit-Systemen verwenden und erstmals lassen sich Aufnahmen bis hinauf 192 Kilohertz aufnehmen und wiedergeben, was schon lang fällig war. Interessantestes Novum ist die neue VST3.5-Schnittstelle, über die das bereits erwähnte Note Expression-Feature realisierbar ist (siehe Kasten). Das Software Development Kit zum Einbetten in Drittanbieter-Plug-ins ist übrigens bereits veröffentlicht worden. Darüber hinaus haben die Entwickler einen neuen Algorithmus zum Erkennen von Transienten entwickelt, der jetzt auf Basis der Lautstärke Audio-Material analysiert, wichtig für das Erkennen von Hit-Points. Später dazu mehr. In Sachen Time-Stretching und Pitch-Shifting hat der altgediente MPEX-Algorithmus Zuwachs bekommen in Form der exzellent klingenden elastique-Algorithmen des deutschen Herstellers zplane. Gerade die Formantbasierten Algorithmen zur Korrektur wahlweise von Timing oder Tonhöhe wissen im Test zu überzeugen und erweitern die Möglichkeiten zur Korrektur von Audio-Material via Audio-Warp-Funktion. Ebenfalls eher unscheinbar und von Nuendo 5 übernommen, ist die Möglichkeit, Daten auf externen Medien von der Media Bay scannen und mit Indices versehen zu lassen. Damit lässt sich künftig auch mobil an verschiedenen Rechnern mit dem eigenen persönlichen Datenbestand arbeiten, der blitzschnell in der Media Bay zur Verfügung steht. A pro pos Nuendo 5: Weitere übernommene Features erstrecken sich auf die Anzeige der verbleibenden Restaufnahme-Kapazität sowie das Schalten mehrerer oder aller Spuren auf Aufnahmebereitschaft inklusive Record-Lock-Funktion zum Vermeiden versehentlicher Aufnahmeabbrüche. Ein Umstand soll an dieser Stelle ebenfalls nicht verschwiegen werden, der insbesondere für Windows-Nutzer von Interesse sein dürfte: Steinberg hat Cubase 6 gezielt auf die aktuellen Betriebssysteme Mac OS X 10.6 und Microsoft Windows 7 ausgerichtet und testet die Produkte nicht mehr auf Lauffähigkeit in älteren Systemen, was übrigens auch schon Wavelab 7 und Halion Sonic betrifft. Doch das heißt nicht, dass Cubase 6 unter Windows XP nicht mehr läuft. Allerdings zeigen sich im Test mit Windows XP einige wenige Abstürze, etwa beim Erkennen des Tempos oder dem Einstellen von Crossfades innerhalb der gruppenweisen Quantisierung von Audiospuren (siehe Kasten). Dabei ist nicht auszuschließen, dass diese Abstürze nicht ursächlich auch mit dem verwendeten Computersystem zu tun haben oder es sich schlicht und einfach um eine Kinderkrankheit von Cubase 6 handelt, die per Update behoben werden kann.

Abseits von Äußerlichkeiten und den inneren Werten spielen die Hauptrolle selbstverständlich die vielen Verbesserungen und neu hinzugekommenen Features, mit denen sich das Produzieren von Musik künftig noch besser gestaltet. Den Reigen eröffnet das neue Unterspuren-Konzept, mit dem sich aus mehreren im Cycle-Modus aufgenommenen Takes ein resultierender End-Take zusammenstellen lässt, was auch Comping genannt wird. Anders als bisher zeigt die Hauptspur jetzt nicht mehr den zuletzt aufgenommenen Take, sondern das resultierende Ergebnis des Comping-Vorgangs. Ebenfalls neu ist, dass sich die Auswahl der in Frage kommenden Teilstücke nach erfolgtem Schneiden per simplem Klick auswählen lassen. Darüber hinaus ist es jetzt möglich, die Teilstücke per Trim-Funktion relativ zu den benachbarten Teilstücken feinzujustieren. Abgeschnittene Attackphasen lassen sich durch Erweitern der Clip-Grenze sauber herausarbeiten, wobei der vorangegangene Clip entsprechend verkürzt wird. Beim Verkürzen eines Teilstücks blendet sich automatisch das Teilstück des vorherigen Takes ein, so dass sich unabhängig von den erfolgten Schnitten zusätzliche Möglichkeiten zum Comping bieten. Per Schnitt- und Mute-Funktion lassen sich dabei die in Frage kommenden Teilstücke gezielt auswählen beziehungsweise ausschließen. Im Test stellen wir uns unweigerlich die Frage, wie wir bislang nur ohne diese Möglichkeiten ausgekommen sind. Die Überarbeitung hat dem Feature gut getan und es von einem hässlichen Entlein in einen schönen Schwan verwandelt. Wie bereits erwähnt, ist ein neuer Algorithmus zum Erkennen von Transienten in Cubase 6 implementiert worden. Dabei profitiert der Anwender gleichzeitig von neuen Features innerhalb der Hit-Point-Sektion des Sample-Editors, was nicht zuletzt auch erheblichen Einfluss auf die Möglichkeit zur Audio-Quantisierung hat (siehe Kasten). Erstes Highlight: Über den Schwellenwert-Fader lässt sich nach erfolgter Analyse die Zahl der erkannten Hitpoints beeinflussen. Der Parameter arbeitet dabei ähnlich wie der Threshold-Regler an einem Kompressor. Je höher er eingestellt wird, desto weniger Hit-Points werden angezeigt, was auf den neuen, Lautstärke basierten, Algorithmus zurückzuführen ist. Vorteil: Ghost-Notes lassen sich bei Bedarf somit aus der Hit-Point-Erkennung entfernen. Tatsächlich sind sie zwar immer noch vorhanden, angezeigt durch kleine Dreiecke am oberen Rand des Editors. Doch für das Slicing oder eine Audio-Warp-Bearbeitung spielen sie dann keine Rolle mehr. Mit dieser einfachen wie genialen Lösung tendiert das lästige Entfernen unerwünschter Hit-Points dadurch gegen Null.

Doch das ist noch längst nicht alles, denn das Arsenal an Hit-Point-Bearbeitungs-Funktionen hat gleichzeitig Zuwachs bekommen. Über den Befehl „MIDI Noten erzeugen“ können jetzt aus den Hitpoints – Nomen est Omen – MIDI-Notenbefehle erzeugt werden. Dazu erscheint ein neuer Dialog mit verschiedenen Optionen zum Erzeugen der Daten. Darin lässt sich definieren, ob die Daten mit fester oder freier Velocity erzeugt werden sollen. Zusätzlich lässt sich die Tonhöhe und Notenlänge definieren sowie bestimmen, ob die Daten in eine bereits existierende, eine neue MIDI-Spur oder in die Zwischenablage geschrieben werden soll. Das Feature ist dabei primär zum Ersetzen von Drumsounds gedacht, es leistet aber auch gute Dienste für das synchrone Einstarten von Loops analog zu den Ereignissen der Audio-Spur. Reinrassige Drum-Replacer-Programme wie etwa Drumagog 5 (Test in Heft 2/2011) werden dadurch sicherlich nicht arbeitslos. Dennoch erweitern sich die Gestaltungsmöglichkeiten in Cubase 6 um eine willkommene Option, mit der sich das Sounddesign, sprich das Doppeln und Ersetzen von Sounds, erheblich vereinfacht. Damit ist der Themenkomplex Rhythmus und Tempo jedoch noch nicht ganz beendet. Audio-Clips und/oder -Spuren sind erstmals via Tempoerkennungs-Funktion analysierbar, woraufhin sich nach Abschluss der Analyse eine Tempospur zeigt. Ähnlich wie die Groove-Presets im Sample-Editor lässt sich dem Projekt somit der rhythmische Vortrag einer Audio-Aufnahme aufprägen. Wer also den Take seines Lebens eingespielt hat, der jedoch nicht ganz haargenau ins Taktraster passt, braucht künftig nicht mehr zu verzweifeln. Im Test funktioniert das ohne Fehl und Tadel, sofern es sich um leichte Temposchwankungen handelt. Sollten nach erfolgter Analyse noch Ungenauigkeiten beim Abhören mit aktiviertem Metronom auftreten, bietet der Tempoerkennungs-Dialog verschiedene Optionen zur Korrektur. Bei Bedarf kann das Tempo in der Spur halbiert oder verdoppelt werden, die Tempokurve lässt sich glätten, um harte Brüche im Tempo zu vermeiden und es ist sogar auf punktierte und triolische Taktraster einstellbar. 

Weitere nicht minder uninteressante Verbesserungen, die den Workflow deutlich beschleunigen, zeigen sich im Quick Control-Dialog des Spur-Inspectors sowie im Handling von Plug-ins. So verfügt der Quick Control-Dialog über eine Lern-Funktion, mit der sich wieselflink die gewünschten Parameter eines oder mehrerer Plug-ins auf die Slots routen lassen. Der Clou: Beim Laden von Instrumenten werden automatisch die ersten acht Parameter des Plug-ins auf die Quick-Control-Slots geroutet, was letztlich noch schneller geht. Wem die Auswahl nicht gefällt, kann immer noch per Lern-Funktion oder über eine Parameter-Auswahlliste korrigierend eingreifen. Zusätzliche Möglichkeiten zum Routing auf die Quick Controls zeigen sich im Plug-in selbst. Jenseits der beschriebenen Optionen reicht ein Rechtsklick auf den Parameter, woraufhin sich ein Menü zeigt, das dazu auffordert den Parameter wahlweise gezielt oder sukzessiv auf den nächsten Slot  zu routen. Genial: Über dieses Menü lässt sich der Parameter zudem blitzschnell auf die Controller-Spur im Projekt-Fenster aufrufen, was ein zusätzliches Plus in Sachen Bedienkomfort bedeutet. Allerdings sind diese Optionen ausschließlich VST3-Plug-ins vorbehalten.  

Ready to Rock: Das VST Amp Rack

Jüngster Zuwachs im mitgelieferten Effekt-Arsenal ist das VST Amp Rack. Mit der opulent ausgestatteten Gitarren-Amp-Simulation wandelt Steinberg auf den Pfaden namhafter Hersteller wie Native Instruments, IK Multimedia oder Line6 und bietet fast alles, was das Gitarristen-Herz begehrt. Sieben Amps, sechs Cabinets sowie elf Bodeneffekte, die simultan sowohl vor, als auch nach dem Amp einsetzbar sind, finden sich an Bord. Am Ende der Signalkette ist eine Master-Sektion integriert, bestehend aus Drei-Band-Equalizer, Stimmgerät und Master-Volume-Regler. In der Amp-Sektion tummeln sich unter anderem die üblichen Klassiker von Marshall (Plexi), Fender (Twin Reverb), Vox (AC-30) und sogar eine Mesa Boogie Emulation, die wahlweise frei mit dem Arsenal an Boxen-Emulationen oder gezielt mit der dafür vorgesehenen Box verlinkt werden können. Das Cabinet-Menü erlaubt dabei den Einsatz von vier on- und drei off-Axis-Positionen. Zwei Mikrofon-Simulationen stehen zur Verfügung, die sich anteilig per Blendenregler mischen lassen. Vertraut man den Darstellungen, handelt es sich um ein Neumann U87 und ein Shure SM57. Insgesamt fällt die Ausstattung überschaubar aus, was die Bedienung leicht und intuitiv gestaltet. Die klanglichen Stärken liegen im VST Amp Rack deutlich bei den Zerr-Sounds, die kraftvoll und merkbar drückend in den Vordergrund drängen. Crunch- und Clean-Sounds gelingen zwar ebenfalls, doch für unseren Geschmack klingen die Sounds insgesamt ein wenig zu mittenbetont. Auffällig ist auch der drastische Wechsel im Klang bei Auswahl der Cabinets und Mikrofonposition, was wenig filigran wirkt. Ein Highlight sind jedoch die Bodeneffekte, die ausnahmslos mit einem feinen, schmeichelnden Grundsound aufwarten. Einziger Reinfall ist der Tuner, der für unseren Geschmack viel zu träge und grob reagiert. Eine ernsthafte Konkurrenz zu den Drittanbieter-Produkten ist das VST Amp Rack zwar nicht. Doch als Ressourcen schonende Alternative gerade für mächtige Zerrsounds oder als Effekte-Rack leistet das Steinberg-Rig sehr gute Dienste.

Klangliches Schlaraffenland: Halion Sonic SE

Mit Halion Sonic SE, einer abgespeckten aber dennoch in weiten Teilen identischen Version der gleichnamigen, mächtigen Synthesizer-Workstation (Test in Heft 10/2010), trumpft Steinberg in Sachen Sounds mächtig auf. Der altehrwürdige Halion One Player, der zum Abspielen alter Projekte im Lieferumfang übrigens immer noch enthalten ist, hat ausgedient, denn seine Sounds sind auch in der über 900 Presets umfassenden Sonic SE-Library enthalten. Unangefochtenes Highlight ist die Möglichkeit, den Halion Sonic SE 16-fach multitimbral zu nutzen, was bei der Arbeit deutlich übersichtlicher und auch Ressourcen schonender ausfällt. Das Handling und Management der Presets ist, ebenso wie im großen Halion Sonic, über das identische MIDI-, Mixer- und Global-Menü realisierbar und offeriert mannigfaltige Möglichkeiten. Mit an Bord ist sogar die gleiche opulente Effekt-Sektion, die allerdings ohne den Reverence-Faltungshall auskommt, was aber nicht weiter schmerzt. Der große Unterschied zur Haupt-Version findet sich im Edit-Menü. Im SE-Instrument beschränkt sich das dort enthaltene Arsenal an Parametern auf das Einstellen von Tonhöhe, Filter und Verstärker-Hüllkurve, was aber voll in Ordnung geht. Schade ist jedoch, dass sich das mächtige Flex Phraser-Feature zum Abspielen von Sequenzen nicht einstellen lässt und fest in einigen Presets vorgegeben ist. Abseits dessen macht Cubase 6 mit Halion Sonic SE einen mächtigen Sprung nach vorne in Sachen Sounds und deren Handling.

Neue Wege in der Audio-Bearbeitung: Audio-Quantisierung 

Die Neuheiten-Lawine in Cubase 6 macht auch nicht vor Features und Funktionen zur Bearbeitung von Audio-Clips Halt. Das sensationellste Novum ist dabei ohne Zweifel die Möglichkeit, Audio-Clips erstmals in gleicher Weise wie MIDI-Daten quantisieren zu können. Um dies realisieren zu können, bedarf es zunächst der Hitpoint-Funktion im Sample-Editor zum Erkennen der Transienten. Mit Hilfe des altbekannten MIDI-Quantisierungs-Dialogs lässt sich als nächstes das gewünschte Raster auswählen. Über den Befehl „Audio-Warp-Quantisierung“ werden die Hitpoints/Transienten anschließend an das zuvor gewählte Taktraster angleichen, wobei im Hintergrund ein Time-Stretching stattfindet. Sicherlich, in früheren Cubase-Versionen funktionierte das auch. Allerdings gestaltete sich dies bislang ungleich umständlicher und aufwändiger. Dank der Koppelung von Quantisierungs-, Audio-Warp- und Hitpoint-Funktion geschieht dies jetzt deutlich komfortabler und markiert in der Cubase-Geschichte einen Meilenstein.   Damit ist das Thema Audio-Quantisierung allerdings noch nicht ganz abgeschlossen. Die Entwickler haben sich zudem eine weitere pfiffige Lösung zum simultanen Quantisieren gleich mehrerer Audio-Spuren/-Clips einfallen lassen, was primär Schlagzeug-Takes zu Gute kommt, deren Instrumente per Einzel-Abnahme auf jeweils einer eigenen Spur aufgenommen sind. Doch bevor wir dazu kommen, müssen wir zunächst eine weitere Neuheit kurz erläutern, die in direktem Zusammenhang damit steht: Die Gruppen-Edit-Funktion. Sie macht es in Cubase 6 möglich, Clips in mehreren Spuren auf einen Schlag komfortabel zu bearbeiten, was das Handling und den Workflow ungleich sicherer und komfortabler gestaltet. Die Funktion eignet sich zwar gleichsam für Audio- und/oder MIDI-Spuren. Den größten Nutzen ziehen wir im Test jedoch aus der Bearbeitung von Audio-Clips, so bei einer Instrumenten-Aufnahme die simultan auf mehreren Spuren mit unterschiedlichen Mikrofonen erfolgt ist oder, wie bereits erwähnt, beim Editieren von Einzelspuren eines Schlagzeug-Takes. Das Verfahren ist dabei denkbar einfach. Im Test erzeugen wir eine Ordnerspur und transferieren alle in Frage kommenden Spuren dort hinein. Anschließend klicken wir auf den neu in der Ordnerspurleiste integrierten Gruppen-Button und schon lassen sich sämtliche Clips auf einen Schlag wie gehabt editieren. Dabei ist es egal, auf welcher Spur wir Bearbeitungen vornehmen, etwa Schneiden, Kopieren, Löschen, Verschieben, sie werden wie von Zauberhand automatisch auf alle Spuren angewendet. Solch ein Feature war schon lange fällig, denn ab sofort verkürzen sich die Arbeitsabläufe merkbar. Zudem ist die Gefahr, beim Schneiden von Clips über viele Spuren hinweg einen Clip auszulassen, damit Geschichte.   Doch jetzt endlich zur Quantisierung mehrerer Einzelspuren im Gruppen-Edit-Modus: Auch dieses Prozedere erfolgt denkbar einfach, wobei der Clou darin besteht, dass Quantisierungen sogar phasenstarr erfolgen, wovon Schlagzeug-Aufnahmen am meisten profitieren. Voraussetzung: Sämtliche Clips in den Spuren sind anhand der Hit-Points zuvor per Slice-Funktion zerschnitten worden. Doch der Reihe nach. Wir öffnen durch Doppelklick auf die Bassdrum-Spur den Sample-Editor, erstellen die Hitpoints und verlassen anschließend den Editor. Das Gleiche führen wir auch auf der Snaredrum- und der Tom-Spur durch. Als nächstes öffnen wir das Quantisierungs-Feld, das anders als gewohnt um einen zusätzlichen Slice-Regel-Dialog erweitert ist. In ihm sind die Spuren aufgelistet, die wir zuvor per Hit-Point-Funktion analysiert haben. Über die Prioritätenspalte erhalten wir die Möglichkeit, die Hitpoints der zuvor analysierten Spuren für das anschließende Zerschneiden zu gewichten, wobei wir der Bassdrum die höchste Priorität einräumen. Sie bestimmt als Basisspur somit maßgeblich das anschließende Slicen der Spuren. Die übrigen Spuren erhalten eine niedrigere Priorität, wobei sich beim Einstellen auf den Spuren anteilig neue Schnittpunkte zeigen. So erzeugen wir zusätzlich zu den Einsätzen der Bassdrum weitere Slices an wichtigen Einsatzpunkten von Snaredrum und Tom. Ist dies erledigt, klicken wir auf den Teilen-Button und sämtliche Spuren sind blitzschnell anhand des zuvor definierten Slice-Rasters zerschnitten. Gleichzeitig erscheint ein Crossfade-Teil-Dialog, den wir zunächst außer Acht lassen. Zuvor stellen wir im eigentlichen Quantisierungsfeld das gewünschte Taktraster ein, auf das die Slices angepasst werden sollen und führen die Korrektur durch Klick auf den Quantisierungs-Button aus. Je nach Einstellung passiert es dabei, dass sich benachbarte Slices nach der Quantisierung überlappen oder Lücken auftreten, was sich akustisch mit hörbaren Drop-Outs bemerkbar machen müsste. Doch die Entwickler haben an alles gedacht und mit der kurz erwähnten Crossfade-Sektion für diese Fälle vorgesorgt. Bei Überlappungen wird über die dahinter werkelnde Funktion das Audio-Material des vorherigen Slice am Beginn des nachfolgenden abgeschnitten. Lücken werden geschlossen, indem der Teil des Audiomaterials vom nachfolgenden Slice in das vorherige Slice eingeblendet wird, das zuvor per Teilen-Funktion quasi ausgeblendet wurde. Der Teil-Dialog bietet dabei Möglichkeiten zum Feinjustieren und Verschieben des Crossfades. Im Test kann das Quantisieren im Gruppen-Modus vollauf überzeugen und wir sind ein weiteres Mal begeistert von einer pfiffigen wie effizienten Lösung, die uns einmal mehr bei der Arbeit künftig viel Zeit erspart.

Aufgebohrtes Loop-Tool mit DJing-Qualitäten: Loop Mash 2 

Das in Version 5 erstmals integrierte Loop-Instrument Loop Mash hat in Cubase 6 einige bemerkenswerte neue Features erhalten, mit denen sich die Gestaltungsmöglichkeiten noch flexibler gestalten und sich der Spaß-Faktor nachhaltig erhöht. An der grundsätzlichen Funktionsweise hat sich selbstverständlich nichts geändert. Maximal acht Loops sind pro Instanz ladbar, wobei ein Loop als Master-Spur definierbar ist, der das rhythmische Grundgerüst des gesamten Loop-Arrangements liefert. Per Fader lassen sich anteilig die Slices der übrigen Loops in die Slices des Master-Loops einblenden und austauschen, was zu reizvollen klanglich-rhythmischen Ergebnissen führt. Soweit so gut. Neu ist, dass der Algorithmus zum Analysieren und Austauschen der Loop-Fragmente eine Erweiterung erfahren hat. So lässt sich auswählen, ob die Slices, grob gesprochen, anhand der Lautstärke oder ihres harmonischen/tonalen Gehalts analysiert und ersetzt werden sollen. Ebenfalls per Auswahlliste können die ersetzten Soundschnipsel nach klanglichen Kriterien an die Slices des Master-Loops angepasst werden, so im Spektrum, der Lautstärke oder der Hüllkurve, was im Test zu verschiedenen klanglich durchaus reizvollen Ergebnissen führt. Das spektakulärste Highlight in Loop Mash 2 findet sich jedoch im Performance-Control-Menü. Über die 24 farbigen Schaltflächen, die selbstverständlich auch per MIDI-Keyboard ansteuerbar sind, lassen sich eine Reihe von Effekten blitzschnell auf den Gesamt-Loop legen, etwa das Muten der Ausgabe, das rückwärts Abspielen des Sounds oder verschiedene Stotter- und Glitch-Effekte, die aus dem DJ-Bereich bekannt sind. Damit bettelt Loop Mash 2 noch stärker als bisher darum, seinen Dienst als Live-Instrument zu verrichten. Den Vogel schießt Loop Mash 2 jedoch mit der Möglichkeit ab, diese Effekte gezielt auf einzelne Slices anzuwenden, was den Loops beim Abspielen automatisch mehr Lebendigkeit einhaucht. Die Gestaltungsmöglichkeiten erweitern sich dadurch ins schier Unendliche. Vergleichbare Effekte liefert unseres Wissens nur der in Reason 5 integrierte Octo Rex Player (Test in Heft 10/2010), der jedoch nicht mit der Zahl an Effekten mithalten kann.

Verbesserter Workflow mit einzigartigem Feature: Der neue Key Editor plus Note Expression-Feature

Auch im Key-Editor hat sich einiges hinsichtlich Bedienkomfort und Handling getan. Ebenso wie im Sample-Editor findet sich dort jetzt ein Inspector-Dialog mit Reiter-Buttons, die zentral sämtliche Funktionen rund ums Bearbeiten von MIDI-Daten bereitstellen. Für diese Lösung gibt’s in jedem Fall schon einmal ein Sonderlob, denn zuvor waren diese Funktionen nur weit verstreut an verschiedenen Stellen des Programms erreichbar. An Bord des Inspectors sind der altbekannte Quantisierungsdialog, ein Menü zum Quantisieren der Notenlängen, zum Transponieren von Noten sowie ein Dialog zum Laden von Expression-Maps. Das in Cubase 5 eingeführte Feature erlaubt es, Spielartikulationen, die ansonsten per Key-Switch ausgewählt werden, bequem in eine gesonderte Controllerspur des Key-Editors einzuzeichnen und anschließend ausführen zu lassen. Gleiches gilt übrigens auch für die nächste Neuheit im Editor: Das Einzeichnen von Dynamikbezeichnungen in eine eigene Controllerspur, die automatisch Einfluss wahlweise auf den Volume-Controller und/oder die Velocity nehmen und die, ebenso wie die übrigen Spielartikulationen einer Expression-Map, beim Öffnen des Noten-Editors automatisch im Notentext erscheinen. Die Spanne reicht dabei von einem je vierfachen piano bis forte. Crescendi und Diminuendi sind ebenfalls realisierbar. Ein separater Dialog erlaubt überdies das Editieren der einzelnen Dynamikbezeichnungen, wobei je nach Bedarf die Velocity und/oder Volume-Controller-Werte veränderbar sind. Zeichen-Orgien etwa in der Velocity-Controllerspur reduzieren sich dadurch ab sofort auf ein Minimum. Im Test haben wir dieses Feature jedenfalls rasch in unser Herz geschlossen und wollen es künftig nicht mehr missen. Doch das Beste kommt zum Schluss: Hinter dem Note Expression-Reiter verbirgt sich ein einzigartiges Highlight, das im Zuge der Einführung von VST3.5 erstmals realisierbar ist: Das Einzeichnen/Programmieren von Controllern auf Notenebene. Wer etwa einen Filter-Sweep ausführen wollte, konnte diesen bislang nur auf alle Noten eines gespielten Akkords anwenden, da die Controller-Daten über den MIDI-Kanal auf den gesamten Sound und die damit gespielten Töne angewendet werden. Wollte man gezielt nur eine Akkordnote mit einem Sweep versehen, war dazu ein riesiger Aufwand erforderlich indem eine weitere MIDI-Spur und eine zusätzliche Instrumenten-Instanz zum Einsatz kommen mussten. Mit Note Expression findet dieser Aufwand jetzt ein Ende. Um das notenspezifische Senden und Empfangen von Controllern realisieren zu können, haben die Entwickler ein eigenes Datenformat entwickelt, das feiner aufgelöst ist als MIDI und ausschließlich über die VST3.5-Schnittstelle übertragbar ist. Zum Ausführen von Parameter-Automationen bedarf es jedoch nach wie vor herkömmlicher Hard-/Software-MIDI-Controller, deren Werte über VST3.5 übersetzt und an das Instrument respektive die Note weitergeleitet werden. Die Zuweisung der Controller auf Note Expression-Parameter wird dabei über den Note Expression-Dialog wahlweise durch direktes Routing oder per Lern-Funktion realisiert. Das Aufzeichnen von Controller-Automationen erfolgt dabei wie gehabt, etwa mit Hilfe eines DAW-Controllers. Das funktioniert natürlich auch umgekehrt, also das Note Expression-Daten an Soft-/Hardware-Klangerzeuger ohne VST3.5-Schnittstelle gesendet werden, die wiederum in herkömmliche MIDI-Controller-Daten übersetzt werden. Logischerweise werden diese Automationen dann wieder kanalbezogen auf den Sound sowie sämtliche gespielten Töne gleichzeitig angewendet. Die Mächtigkeit des Note Expression-Features zeigt sich dabei erst beim nachträglichen Bearbeiten im Key-Editor. Durch Doppelklick auf eine einzelne Note legt sich ein in der Größe skalierbares Graphik-Display über die Note, in das sich per Stift-Werkzeug nach Lust und Laune Automationen einzeichnen lassen. Je nach geladenem Instrument – zurzeit ist dies (noch) auf den Halion Sonic SE sowie Halion Symphonic Orchestra beschränkt – findet sich im Note-Expression-Dialog eine entsprechende Zahl an vordefinierten Parametern, etwa Cutoff, Resonance oder Tuning, die per Klick wählbar sind und sich anschließend im Expression-Editor per Stift additiv animieren/einzeichnen lassen. Über Anfasser an den Ecken und der Mitte des Editors kann der Linienverlauf, ähnlich wie beim Erzeugen von Fades in Audio-Clips, skaliert und gestaucht werden. Das Feature ist übrigens auch nach Aufziehen eines Auswahl-Rechtecks auf Controller-/Automations-Spuren im Projekt-Fenster sowie im Key Editor verfügbar und sorgt dort für zusätzlichen Bedienkomfort. Genial: Der Expression-Editor ist nach rechts erweiterbar, um Klangverläufe, die nach einem Note-off-Befehl noch hörbar sind, ebenfalls in die Automation einzubeziehen. Das Beste: Die so erzeugten Parameter-Automationen wandern beim Versetzen der MIDI-Note im Key-Editor automatisch mit. Es geht also nichts verloren. Mit dem Note Expression-Feature stößt Steinberg ohne Zweifel das Tor zu neuen Gestaltungsmöglichkeiten auf und betätigt sich einmal mehr als Pionier im Sequenzer-Bau. Es bleibt allerdings abzuwarten ob sich Note Expression bei den Herstellern von Sample-Librarys und virtuellen Instrumenten durchsetzen kann und wird. 

Fazit 

Steinberg legt mit Cubase 6 ein glänzendes Major-Update vor, mit dem sich das Produzieren von Musik fortan deutlich komfortabler und zeitsparender gestaltet. Ähnlich wie in Nuendo 5 haben die Entwickler den Anwendern auf die Finger geschaut und Cubase 6 um viele praxisnahe Features erweitert. Gleichzeitig betätigt sich der Hersteller mal wieder als Technik-Pionier und stößt mit VST3.5 das Tor zu neuen musikalischen Gestaltungsmöglichkeiten auf.  

Erschienen in Ausgabe 04/2011

Preisklasse: Oberklasse
Preis: 599 €
Bewertung: sehr gut
Preis/Leistung: sehr gut

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