Einstiegsdroge

Der jüngste Nachwuchs aus dem Hause Steinberg hört auf den Namen Sequel und markiert ein völlig neues Sequenzer-Konzept: Die Produktion von Musik auf dem Computer dank einer Einfachst-Software zum Volksvergnügen für die breite Masse zu machen.

Von Georg Berger

Das Hamburger Software-Haus Steinberg bietet mit Sequel eine Sequenzer-Software für den blutigen Recording-Laien an, der sich fürs Musik machen interessiert, aber über kein Vorwissen verfügt. Die knapp 100 Euro teure Software schließt dabei eine Lücke auf der Windows-PC Ebene, die schon seit langem in der Mac-Welt vom Sequenzer Garageband erfolgreich besetzt wird. Nebeneffekt: Das Apple-Produkt bekommt ab sofort gehörige Konkurrenz auf eigenem Feld. Die konzeptionelle Nähe von Sequel zu Garageband ist überdeutlich: eine konsequente Ein-Fenster-Bedienung, einfachste Erstellung, Editierung und Abmischung von Audio- und MIDI-Spuren, sowie ein im Lieferumfang enthaltenes Arsenal an knapp 5000 Audio- und MIDI-Loops unterschiedlicher musikalischer Provenienz, die sich per Drag and Drop ins Arrangement einfügen lassen und so die Produktion von Songs im Baukastenprinzip ermöglichen, garantieren hier wie dort binnen kürzester Zeit erste Erfolgserlebnisse. Der Clou daran: Die Audio-Loops werden automatisch an Tonhöhe und Tempo des Projekts angepasst. Doch Sequel ist kein Klon von Garageband, enthält die Software einige Elemente, die eindeutig Cubase 4, Test im Weihnachtsheft 2006, entstammen. Zu nennen wäre der fest integrierte Halion One Sampler, die Media Bay mit integrierter Datenbankfunktion zum bequemen Durchsuchen und Vorhören der Loops, den knapp 600 Halion-Sounds sowie den etwa 150 Audio- und Instrumenten Spur-Presets, die mit ihren Voreinstellungen und Effekten eine bequeme und ideale Ausgangsbasis zur Aufnahme unterschiedlicher musikalischer Stile bilden. So gibt es etwa Gitarren-Spur-Presets für Rock, Jazz oder Funk, die mit unterschiedlichen Equalizer- und Effekteinstellungen aufwarten. Die Audio-Engine von Sequel ist ausschließlich in der Lage Aufnahmen mit 44,1 kHz und wahlweise 16 oder 24 Bit zu erstellen. Für Einsteiger reicht das allemal, da die Bedienung im Vordergrund steht. Zwar findet sich mit Halion One auch ein virtuelles Instrument, sowie insgesamt 19 Audio- und zwei MIDI-Effekte an Bord der Software. Allerdings sind sie quasi fest verdrahtet und es existiert keine Möglichkeit zusätzliche VST-Plug-ins in Sequel einzubinden. MIDI-Spuren steuern dabei immer den Halion Sampler an. Zusätzliche VST-Instrumente- und Effekt-Slots zum nachträglichen Laden von Plug-ins würden die Attraktivität von Sequel ohne Zweifel jedoch deutlich steigern und überdies auch Einsteigern einen didaktischen Vorteil bringen, die sie beim anschließenden Umstieg aufs nächste Level – Steinberg offeriert selbstverständlich Upgrade-Möglichkeiten zu Cubase (Studio) 4 – noch besser gerüstet wären. Ein kommendes Cubase-Update soll es jedoch möglich machen, in Sequel erstellte Projekte sowie auch den Loop-Content dort importieren zu können. Einsteiger brauchen also ihre Projekte nicht noch einmal zu erstellen und können fast auf gleichem Level wie die Großen agieren, sollte es einmal zu einer zusammenarbeit kommen. Mehr noch: Sequel wird auch für den Profi als musikalisches Skizzen-Heft und Loop-Lieferant dadurch interessant.

Im Vergleich zu den Profi-Produkten aus gleichem Hause macht sich das Design der Oberfläche durch eine knallige Farbigkeit gerade bei den Spuren deutlich bemerkbar, die durch die eher dunklen Farben der übrigen Elemente noch
deutlicher hervortreten. Die Regler und Bedienelemente etwa im Mixer und Kanal-Editor zeigen sich eher stylish-verspielt anstatt nüchtern-funktional, die insgesamt eine Nähe zum Design der 1970er Jahre vermitteln. Die edienoberfläche ist dreigeteilt und kommt ohne Menüleiste aus. Anstelle dessen erledigen Buttons diesen Job, deren Piktogramme jedoch nicht eindeutig interpretierbar und überdies viel zu klein geraten sind. Das ist dann doch zuviel
Style. Das obere Achtel, die so genannte Pilot Zone, enthält außer den Transporttasten Buttons zur Ausführung der üblichen Dateifunktionen, zur Erstellung von Spuren, sowie zur Anzeige und Aktivierung der Spurautomation, die sich anschließend auf das Einzeichnen von Lautstärkeverläufen innerhalb der Spuren konzentriert. Besonderheit: Ein integriertes Stimmgerät bietet für die Saitenfraktion ein willkommenes Accessoire. Den Großteil der Oberfläche nimmt das Arrangierfenster mit den dort enthaltenen Audio-/MIDI-Spuren ein, die sich im linken Teil, dem Inspektor, auf Aufnahme, solo oder stumm schalten lassen. Das untere Drittel, die so genannte Multi Zone enthält insgesamt sechs
Dialoge, die sich über Icons an der linken Seite aufrufen lassen. Das Preferences-Fenster erlaubt dabei die Einstellung des zu verwendenden Audio-Interface, seines Treibers und des Ausgangs, sowie die Definition von
Speicherorten für die Loops, Sounds und Projekte. Das Mixer-Fenster erklärt sich von selbst. Pro Kanal/Spur steht ein Fader und Panpot, sowie die drei Buttons aus dem Spur-Inspektor zur Verfügung. Der bereits erwähnte Media Bay-Dialog ist ebenfalls binnen kürzester Zeit erfasst. Aus fünf Kategorien lassen sich entsprechende musikalische Attribute anwählen, die helfen, das Ergebnis auf der rechten Seite einzugrenzen.

Der Kanal-Editor erinnert an sein Pendant aus der Profi-Abteilung: Als permanente Elemente finden sich der Kanal- und der Master-Fader. Sechs Menü-Reiter innerhalb dieses Dialogs gestatten den Aufruf unterschiedlicher Effekt-Gruppen und Editoren. Ist eine MIDI-Instrumenten-Spur angewählt, können ein Arpeggiator oder eine Chorder genannte Funktion zum Speichern und Spielen von Akkorden eingesetzt werden. Jeder Sound lässt sich mit acht der gebräuchlichsten Parameter wie Hüllkurve oder Filter editieren. Die Effekte warten mit den üblichen Brot- und Butter-Varianten wie Echo, Hall, Chorus, Kompressor, aber auch mit Amp- und Verzerrer-Simulationen auf. Ihr Parametervorrat beschränkt sich dabei auf das Nötigste, was der Übersichtlichkeit zu Gute kommt. Pro Kanal ist es möglich, drei Inserts zu nutzen – der vierbandige Equalizer ist in einem separaten Menü erreichbar –, wobei der Kompressor allerdings fest integriert, jedoch deaktivierbar, am Ende der Kette steht. Zwei Send-Effekte erlauben die globale und Ressourcen schonende anteilige Veredelung der Spuren. Insgesamt vier Master-Effekte – jeweils zwei fest integrierte, Maximizer und Stereo Enhancer, und zwei wählbare – erledigen beim Mixdown den letzten Feinschliff. Mangelt es den Aufnahmen an rhythmischer Präzision empfiehlt sich der Aufruf des kombinierten Key-/Sample-Editors, der je nach Spur entweder einen Piano Roll- oder Wellenform-Dialog zeigt und der nachträgliche Eingriffe in die Aufnahme erlaubt. So können MIDI-Noten mit einem Stift verändert werden, oder Audio-Material durch Anwahl von Presets nachträglich in Tonhöhe und Länge angepasst werden. Sicherlich sind die dort bereitgestellten Funktionen wiederum nur eingeschränkt nutzbar. Es gibt beispielsweise nur einen Quantisierungs-Algorithmus, der mit einer Swing-Option für etwas Lebendigkeit sorgt. Doch im Test zeigt sich dies als völlig ausreichend.

Ein besonderes Gimmick enthält schließlich das Arranger-Fenster, das eine Reihe von maximal 16 Feldern zeigt und es erlaubt, Teile des Arrangements als Pattern durch Druck darauf anzusteuern und bei Bedarf das gesamte Stück komplett neu zu strukturieren. Dazu müssen im Arrangier-Fenster ganz oben in der dafür vorgesehenen Arranger-Spur entsprechende Tracks erstellt werden, die der Länge des Song-Teils entsprechen, einen Buchstaben tragen und sich schließlich korrespondierend dazu als Fläche im Arranger-Dialog wieder finden. Zwei Modi stehen zur Auswahl: Live und Chain, die gerade bei Einsatz der fertigen Loops viel Spielfreude garantieren und den Computer zu einem DJ-Mischpult nebst Plattenspielern macht. Im Live-Modus spielt Sequel nach Druck auf eine Fläche den entsprechenden Songteil nach einer zuvor festgelegten Abspielanweisung etwa direkt, oder nach Ende eines Taktes oder des gesamten vorherigen Songteils ab. Im Chain-Modus lassen sich die einzelnen Songteile neu ordnen, indem eine Abfolge von Songteil-Buchstaben
eingegeben wird, die anschließend ohne weitere Eingriffsmöglichkeiten das so neu erstellte Arrangement abspielt.

m Test gefällt Sequel durch seine Übersichtlichkeit. Schon nach kurzer Einarbeitungszeit beherrschen wir den Großteil der Funktionen und verfügbaren Parameter und erstellen in Windeseile nicht nur mit den enthaltenen Loops neue Arrangements. Audio- und MIDI-Aufnahmen geschehen denkbar einfach: Bei der Erstellung einer neuen Spur erscheint – genau wie in Cubase 4 – ein Dialog, der uns vor die Wahl der Spurenart nebst verfügbarer Presets stellt.
Instrumenten-MIDI-Spuren sind generell auf „all inputs“ gestellt. Anfänger müssen sich also nicht noch zusätzlich mit den Eigenheiten von MIDI abmühen. Nachteil: Externe Klangerzeuger lassen sich nicht ansteuern, da gerade eben keine Kanalvergabemöglichkeit existiert. Audio-Aufnahmen geschehen ebenfalls leicht und bequem: Jede Spur enthält einen Input-Dialog, der sämtliche verfügbaren Eingänge des Audio-Interface auf einen Schlag in einem Drop down Menü sowohl mono als auch in Stereo-Pärchen aufgeteilt zur Auswahl enthält. Dies ist die einzige vorbereitende Maßnahme, um Aufnahmen zu erstellen. Mit den verfügbaren Editiermöglichkeiten lässt sich im Anschluss an die Aufnahmen schon einiges anstellen. Die erzielten Ergebnisse klingen für eine Software dieser Klasse schon sehr gut, nicht zuletzt durch die ausgezeichneten Loops, die sich vor einschlägigen Libraries wirklich nicht zu verstecken brauchen.

Fazit

Mit Sequel dürften fortan die Zeiten vorbei sein, in der blutige Anfänger angesichts des komplexen Umfangs von Cubase den telefonischen Support von Steinberg in die Knie zwangen. Orientiert an Garageband von Apple, jedoch mit
eigenem Profil versehen, ist es Windows-PC Nutzern mit diesem Einfach-Sequenzer fortan möglich, zu einem attraktiven Preis in Windeseile gut klingende Arrangements zu erstellen. Mehr noch leistet Steinberg mit Sequel einen didaktisch sinnvollen Beitrag, zumal auf spielerische Art, um künftig noch mehr Musikinteressierte an das Thema Recording heranzuführen.

Erschienen in Ausgabe 05/2007

Preisklasse: Economyklasse
Preis: 99 €
Bewertung: sehr gut
Preis/Leistung: sehr gut

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