Reine Einstellungssache

Wo gehobelt wird, fallen Späne. Vor Jahren hätte jeder Gitarrenbauer diese Aussage blind unterschrieben, und dann die kreischende Frä-se in den handselektierten Ahornkorpus getrieben. Doch die Zeiten haben sich geändert: mit der Variax Workbench von Line 6, kann selbst der Holzstauballergiker seine eigene Costum-Shop-Gitarre entwerfen und zwar ganz einfach vor dem Bildschirm des heimischen Computers.

Von Michael Nötges

Der allgemeine Trend, der nicht zuletzt mit Verstärkeremulationen á la POD, Guitar Rig oder Amplitupe vorangetrieben wird, hat mit den digitalen Variax-Gitarren von Line 6 längst Einzug in die Instrumentenwelt genommen. All-In-One-Lösungen stehen bei vielen hoch im Kurs und sind klanglich, durch die ständig besser werdende Algorithmen, schon lange nicht mehr zu verachten. Das gilt auch für das Lager der Gitarristen. Für diese besondere Spezies unter den Musikern haben sich die innovativen Entwickler aus England das Ziel gesetzt, den Sound verschiedener Klassiker aus der Geschichte des Gitarrenbaus in einer Gitarre zusammen zu fassen. Basierend auf den Originalen, wie einer 1959er Stratocaster, einer 1952er Gibson Les Paul Gold Top, einer Gretsch 6120 aus dem selben Jahr oder Akus-tikgitarren wie einer 1967er Martin O-18 oder einer 1935er Dobro (Model 32), werden insgesamt 28 verschiedene Gitarrenmodelle in einer Variax simuliert. Um das zu erreichen mussten zuerst die physikalischen Eigenschaften der tonverändernden Elemente einer Gitarre analysiert werden, um sie dann durch Algorithmen digital nachzubilden. Dabei spielten die verwendeten Hölzer, die Korpusformen, die Tonabnehmer und Potis, sowie die Bauweise der verschiedenen Modelle die entscheidende Rolle. Hinzu kam noch die schwer nachzubildende Wechselwirkung der einzelnen Elemente untereinander. Die Entwickler stellten auf diese Weise quasi die akustischen Ebenbilder der berühmten Originale her. Die umfangreiche Grundlagenforschung kommt den Innovatoren jetzt zu gute. Mit der Variax Workbench stellt Line 6 als Ergebnis eine neue Bearbei-tungssoftware, speziell für ihre eigenen digitalen Variax-Gitarren vor. Mit dem 122 Euro teuren Produkt für MAC und PC lassen sich die Variax-Gitarren mit deren bereits gespeicherten Gitarrenmodellen, detailliert modifizieren. Außerdem sind eigene virtuelle Kreationen, teilweise über die physikalisch machbaren Grenzen hinaus, möglich. Die Software macht Sie zum frisch gewachsenen, virtuellen Gitarrenbauer.

Die Variax Workbench funktioniert nur im Zusammenhang mit einer Gitarre der Line 6 Variax-Serie. Die Mindestanforderungen laut Hersteller für ein Windows-XP oder -2000-System sind ein Pentium III Prozessor, mit mindestens 500 MHz, 128 MB RAM, 100 MB freiem Speicherplatz, einer Internetverbindung, sowie einem freien USB-Anschluss. Ein G3, mit mindestens OS X 10.3 und ansonsten gleichen Voraussetzungen, wird für MAC-User vorausgesetzt. Die Software ist schnell installiert. Während des Installationsprozesses wird durch die Update-Applikatioen, dem so genannten Line 6 Monkey, automatisch die Firmware der angeschlossenen Gitarre über die Internetverbindung aktualisiert. Dafür muss vorher das USB-Interface der Workbench auf der einen Seite mit dem Computer und auf der anderen Seite, über das RJ-45 Netzwerkkabel, an die Gitarre angeschlossen werden. Mit Hilfe eines TRS-Kabel wird die Gitarre über die Verbindung mit dem XPS-Fußtaster mit Strom versorgt. Ein weiteres Kabel verbindet den Eingang des Gitarrenverstärkers mit dem XPS-Fußtaster und das System ist einsatzbereit. Zugegebener Maßen ein ziemliches Kabelchaos, aber dafür entsteht auch später beim Gitarrenbau kein lästiger Holzstaub.

Bevor wir uns der Software zuwenden, muss die grundlegende Funktionsweise der Variax-Gitarre geklärt werden. Es handelt sich um ei-ne so genannte Modelling-Gitarre, deren Tonerzeugung auf digitalem Weg erfolgt. Äußerlich ähnelt die Gitarre der klassischen Fender Stratocaster. Das Markenzeichen sind die fehlenden Tonabnehmer. Neben dem Lautstärke- und Klangregler befindet sich für die Auswahl der unterschiedlichen Modelle ein dritter Drehknopf. Über ihn lassen sich zwölf verschiedene Bänke auswählen, die mit jeweils fünf Speicherplätzen für verschiedene Gitarrenmodelle oder Modellvariationen bestückt sind. Die Position des Fünffach-Wahlschalter – der bei herkömmlichen Gitarren für die Auswahl der Tonabnehmer zuständig ist – entscheidet letztendlich über die Auswahl des jeweiligen Sounds. Mit diesen Grundkennt-nissen über die Handhabung der Variax-Gitarre, können wir uns jetzt getrost an die Arbeitsbank unserer neuen Gitarrenwerkstatt begeben.

Die Software besteht aus zwei Hauptfenstern: dem Tone Locker und dem Editor. Der Tone Locker dient zur Organisation der Gitarrenmodelle. Nach dem Start der Workbench zeigt er automatisch die ab Werk gespeicherten Presets auf der rechten Seite, und die auf der Festplatte gespeicherten Eigenkreationen auf der linken Seite. Die eigene Library für die Lieblingssounds kann damit verwaltet und die 60 Speicherplätze der Variax-Gitarre belegt werden. Einmal auf der Festplatte gespeichert, sind die Files auch von jedem anderen Variax-User mit Workbench nutzbar, so dass der Austausch von erstellten Gitarrenmodellen möglich ist.

Die übersichtlichen Get- und Send-Buttons ermöglichen das Bestücken der Variax-Gitarre mit den bevorzugten Sounds. Die zehn mittle-ren Bänke beinhalten die Factory-Presets. Bank eins (Stellung: Custom1) und zwölf (Stel-lung: Custom2) sind als Speicherbänke für die eigenen Kreationen vorgesehen. Der Vorteil: die vorhandenen Presets müssen nicht überschrieben werden und stehen zusätzlich zur Verfügung. Außerdem lassen sich wichtige Sounds auf der Bühne zielsicher einstellen, da der Regler bloß auf Anschlag gestellt werden muss. Damit verhindert man die peinlichen Situation, das Gitarrensolo mit einem quäkenden Banjo-Sound zu präsentieren, wäh-rend man bereits rhythmisch auf den Knien, mit verzerrtem Gesicht über die Bühne rutscht. Im Tone-lock-Fenster sind die über den Editor veränderten Modelle mit einem gelbroten Ausrufezeichen am Modellnamen gekennzeichnet und werden erst auf die Gitar-re übertragen, wenn der Sync-Button in der unteren rechten Ecke des Fensters gedrückt wird. Erst dann werden die Presets mit den Veränderungen überschrieben, die Ausrufezeichen verschwinden und die Gitarre ist neu konfiguriert. Damit ist es möglich, für verschiedene Situationen individuelle Sets vorzubereiten und die Gitarrenkonfiguration für den jeweiligen Einsatz zu ändern. Beispiel: Sie spielen in einer Coverband, gehen häufig auf Jazz-Sessions, haben den ein oder anderen Studio-Job und frönen in ihrer Freizeit dem gepflegten Punk-Rock zur inneren Befreiung mit alten Freunden. Den Anforderungen entsprechend, erstellen sie die nötigen Konfigurationen und speichern diese in eigene Presets ab. Vor dem Gig mit der Coverband braucht dann nur die Variax 600 mit den optimierten Gitarrenmodellen über das Tone Locker-Fenster aktualisiert werden und man erspart sich den lästigen Transport von drei Gitarrenkoffern für die Fender Telecaster, die Gibson ES-335 und die Martin D-28, die für das abwechslungsreiche Programm zwischen Jazzstandards und Top-40 -Cover-Songs notwendig sind. Für die Jazz-Session am nächsten Abend und die Bandprobe über die Pfingsttage, sind die jeweiligen Setups schnell in wenigen Minuten installiert.

Ein Klick auf den Editor-Button führt weiter in das gleichnamige Fenster und damit direkt an die virtuelle Werkbank. Diese zeigt sich insge-samt sehr aufgeräumt und übersichtlich. Im Zentrum des Blickfeldes liegt der jeweils ausgewählte Gitarrenkorpus mit den selektierten Tonabnehmern, deren Position und Winkel zu den Saiten per Drag & Drop zu verändern ist. Ein Klick auf das Zentrum der virtuellen Pick-Ups ermöglicht bei gehaltener Maustaste deren Positionskorrektur. Am Rand der jeweiligen Repräsentation hingegen ruft der Mausklick grafisch zwei Pfeile hervor, die die Aktivität der Drehfunktion symbolisieren. Die Mausbewegung führt zur Drehung der Tonabnehmer um die eigene Achse, um Klangunterschiede im Bass- und Diskantbereich zu erreichen.

Die Darstellung des Korpus und der Tonabnehmer korrespon-diert mit den ausgewählten Modellen und den numerisch einstellbaren Werten der Konfigurationsmasken. Über drei Kartenreiter, rechts neben dem Abbild der Gitarre, werden diese aufgerufen. Unter Body-Type sind die 28 unterschiedlichen Gitarren-Modelle mit ihren speziellen Klangcharakteristika auswählbar: eine dem Original nachempfundene Grafik erscheint auf dem Bildschirm. Gleiches gilt für die 17 unterschiedlichen Tonabnehmer-Modelle, die im Fenster Pickups angeboten werden. Die beiden Tonabnehmer können ge-trennt von einander aktiviert werden. Ob sie in Phase liegen oder nicht und ob sie seriell oder parallel verschaltet sind entscheiden zwei vir-tuelle Kippschalter. Zu guter letzt ist die Gesamtlautstärke, sowie das Gain der einzelnen Pickups regelbar.

Die dritte Konfigurationsmaske Controls, zeigt die Einstellungsmöglichkeiten für das Volumen- und Klang-Poti. Der simulierte Gleichstromwiderstand beider Regler ist in sieben Stufen einstellbar (25 kΩ, 50kΩ, 100 kΩ, 250 kΩ, 470 kΩ, 500 kΩ, 1MΩ). Je nach Stellung ändert sich der Output der Gitarre. Mit der Kapazität des Ton-Kondensators verhält es sich ähnlich. Sie ist auch in sieben Stufen einstellbar (0,1μF, 47nF, 22nF, 11nF, 4,7nF, 2,2nF und 1,1 nF) und verändert die Dämfpungeingenschaften und damit den Grundcharakter des Hochtonspektrums. Das Regelverhalten des Volumenpotis weist je nach Einstellung einen linearen oder logaritmischen Verlauf auf. Ein virtueller Klanregler ermöglicht es zudem, einen exakten Sound einzustellen und nach Wunsch mit dem jeweiligen Modell abzuspeichern. In diesem Fall steht beim Aufrufen des Modells, die Klangreglerposition automatisch auf dem ge-wünschten Wert.

Die Tuning-Sektion besteht aus einem 24 Bünde umfassenden Gitarrenhals, wobei sich der Sattel (Bund 0) in der Mitte der Darstellung befindet. Der veränderbare Tonumfang beträgt nach oben und unten jeweils eine Oktave, also 12 Bünde. Die Stimmung jeder Saite verändert sich durch das Verschieben roter Punkte, die durch ihre Position die Tonhöhe der Seite festlegen. Über den Enable-Button werden die vorgenommenen Veränderungen der Stimmung übernommen. Der Preset-Button öffnet ein Pop-Up-Fenster mit zahlreichen Stimmungen. Darunter sind unterschiedliche Open-Tunings, eine Drop-D-Stimmung oder das eigentümliche Leavitt Tuning, dass es ermöglicht alterierte Akkorde ohne Slants einfacher zu greifen.

:Prinzipiell sind hier der Kreativität keine Grenzen gesetzt und selbst völlig skurrile Tunings können durchaus ihren Reiz haben. Zwei weitere Buttons, oberhalb des Sattels, verschieben alle Punkte parallel einen Bund nach recht oder links. Damit ist die virtuelle Gitarre mit einer Art Kapodaster ausgestattet, der Tonartenanpassungen mit offenen Akkorden zu  einem virtuellen Kinderspiel macht. Eine Tabelle links neben dem Griffbrett zeigt die aktuelle Tonhöhe, die abweichenden Halbtonschritte und im Falle einer zwölfseitigen Gitarre, den Grad der Verstimmung der Saitenpaare und das jeweilige Lautstärkenverhältnis der oktavierten Saite zur Grundsaite an. Im Editor-Fenster lassen sich die zu bearbeitenden Bänke auch direkt auswählen. Die Belegung der jeweiligen fünf Modell-Plätze wird durch stereotype Skizzen der jeweiligen Bodyform angezeigt. Ein Feld für die Autorenangabe und eins für Kommentare zu erstellten Modellen komplettieren die insgesamt gut durchdachte und übersichtliche Bedienoberfläche, die sich intuitiv von selbst erklärt.

Im Praxistest des Professional Audio Magazins soll eine 1992er Custom Shop Telecaster (Jerry Donahue Signature Modell) virtuell nachgebaut werden. An ein Samsung P10 Notebook und einen Engl Squeeze 50 Vollröhrencombo angeschlossen verschaffen wir uns zunächst einen kurzen Überblick über den Klang der emulierten Gitarrenmodelle.

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Beim Skippen durch die verschiedenen Vintage-Sounds, der berühmter Gitarrenmodelle, bleibt das Ohr unweigerlich an stereotypen Klangbildern aller musikalischr Stilistiken hängen. Unabhängig davon, ob sie hundertprozentig authentische Sounds erzeugt, liefert sie sehr gut klingende Vintage-Sounds, und das bei einer riesigen Bandbreite von Gitarrenmodellen. Um die Funktionalität der Workbench zu testen, soll jetzt der Sound der Tele nachgebaut werden. Als Grundlage des virtuellen Nachbaus dient die T-Model-Bank und Position vier des Fünffach-Wahlschalters. Hier handelt es sich um die Si-mulation einer 1960er Fender Telecaster Custom mit ausgewähltem Hals-Pickup. Der warme Vintagesound klingt überzeugend und rund in den unteren Mitten brillant im Diskantbereich und erinnert vom Grundcharakter an die Custom Shop Tele. Allerdings weist der Sound im Vergleich zur Vorlage eine zu hohe Betonung der unteren Mitten auf. Außerdem sind die Höhen des Originals dünner und luftiger und es fehlt eine leicht nasale Betonung, wie man sie von den Stratocaster-Zwischenpositionen kennt. Als erstes wechseln wir den Hals-Pickup und ersetzen ihn durch ein Stratocaster-Modell. Dann verschieben wir den Tonabnehmer fast auf die Position des mittleren Tonabnehmers (5,17“ vom Saitenende am Steg entfernt) und verändern den Winkel um -17,1 Grad, dadurch werden die Bass-Saiten noch etwas härter wieder gegeben und die restlichen behalten die angenehme Wärme. Um das insgesamt etwas zu laute Signal abzuschwächen, reduzieren wir die Lautstärke des Pickups um – 4dBu und starten erneut einen Vergleich. Das Ergebnis ist sehr nah am Original aber es fehlt noch et-was an Präsenz in den Höhen. Durch das Hinzuschalten des Steg-Pickups mit einem Winkel von Null Grad und einer Entfernung von 1,61 Zoll zum Saitenende, gelingt uns der Nachbau bis auf ein paar Nuancen ziemlich genau. Der markanteste Unterschied ist das Fehlen der  Einstreuungsgeräusche über den Singlecoil, was den ungehobelten Charakter etwas glättet, für Aufnahmen ohne Störgeräusche aber äußerst praktisch ist.

Fazit

Die Line 6 Workbench hält was sie verspricht. In Zusammenarbeit mit der E-Gitarre Variax 600, lassen sich 28 überzeugende Vintage-sounds bekannter Gitarren-Klassiker herstellen und nach eigenen Wünschen modifizieren. Der Kreativität im Umgang mit den veränderbaren Parametern sind keine Grenzen gesetzt, so dass der virtuelle Gitarrenbauer seine helle Freude am experimentieren haben wird. Für 119 Euro biete die Workbench eine intuitiv bedienbare Bearbeitungssoftware für alle Gitarristen, die Besitzer einer Variax Gitarre sind. Die grundsätzliche Entscheidung für Gitarren mit digitaler Klangerzeugung bleibt weiterhin reine Einstellungssache.

Erschienen in Ausgabe 11/2006

Preisklasse: Oberklasse
Preis: 122 €
Bewertung: sehr gut
Preis/Leistung: sehr gut

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