Volles Programm

Die meisten Musikschaffenden bringen die Software Sequoia mit Klassikproduktionen und großen Sendeanstalten in Verbindung, wissen aber gar nicht so recht, was es mit dem DAW-Flaggschiff der Berliner Magix AG tatsächlich auf sich hat. Grund genug, die deutlich erweiterte und verbesserte Version 11 vorzustellen und ihren Spezialitäten wie dem neuen Multisynchron-Schnitt auf den Zahn zu fühlen.

Von Michael Nötges

Magix bietet eine ganze Menge interessanter Software für die Multimediaproduktion. Im Musikproduktions-Segment reicht die Software-Palette vom Einsteigerprodukt Music Maker 16, der bereits für knapp 60 Euro zu haben ist, über die nativen Software-Sequenzer Samplitude und Samplitude Pro bis hin zum umfassenden DAW-Flaggschiff Sequoia. Gerade sind die neuen Versionen der Pro-Produkte erschienen. Die neue Vollversion der Basis-Software Samplitude 11 kostet gut 500 Euro, das deutlich besser bestückte Samplitude Pro liegt preislich bei gut 1.000 Euro und Sequoia bietet für knapp 3.000 Euro das volle Programm der neuesten Magix-Innovationen und Zusatzfeatures.

Doch was hat Sequoia wesentliches zu bieten, was Samplitude Pro nicht hat? Sehr entscheidend ist wohl zunächst die Option auf eine proprietäre Schnittstelle für die Datenbanksysteme DAVID DigaSystem (ARD, NRK, RTR) oder VCS dira! Highlander (WDR, BBC, MDR, NDR). Zwar kostet das jeweilige Software-Interface extra (VCS: 892 Euro; DAVID: 1.071 Euro), die Vorteile, will heißen Zeitersparnis durch direkte Integration in Sequoia, zahlen sich aber laut Oliver Neumann, Produktspezialist bei Magix, im Alltag schnell aus. Damit qualifiziert sich Sequoia 11 als spezialisierte Broadcast-Lösung, während Samplitude (Pro) klar auf den Studio-Bereich abzielt. Dafür spricht auch, dass Sequoia im Gegensatz zu Samplitude netzwerkfähig ist und die Möglichkeit der Multi-Benutzer-Administration bietet. Außerdem ist Magix „Cleaning & Restauration Suite“ fester Bestandteil von Sequoia 11, was besonders Audio-Archive interessieren wird.

Bei Samplitude (Pro) muss das Plug-in-Bundle für rund 150 Euro zusätzlich erworben werden. Sequoia 11 ist außerdem 12-Kanal-Surround-fähig – Film- und Kino-Produktionen lassen grüßen – und zeichnet sich durch Editier-Features wie den Source-Destination- oder den brandneuen Multisynchron-Schnitt besonders für Klassik- und Jazz-Produktionen aus. Der erweiterte Crossfade-Editor, die DDP 2.0-Unterstützung beim Mastering, der praktische Clipstore zur übersichtlichen Verwaltung eines Projektes, erweiterte Funktionen wie das Video-Recording oder der Export von MPEG-2-, AVI-, Quicktime-, MXV-Files sowie die Kompatibilität mit dem Euphonics EuCon Protokoll sind die kleineren Zusatz-Schmankerl, die nur Sequoia 11 bietet.

Aufgrund der Affinität zu Sendeanstalten, Archiven sowie Film-Produktionen läuft Sequoia weniger den klassischen nativen Sequenzern à la Steinbergs Cubase, Apples Logic oder Cakewalks Sonar den Rang ab. Vielmehr setzt es Pro Tools (Test, 3/2009), Sadie, Pyramix und Co. unter Druck, die besonders im Film-, Rundfunk- und Mastering-Bereich allgegenwärtig sind. Netzwerkfähige, native DAW-Lösungen – das hat Magix sehr früh erkannt – sind wohl auf Dauer die günstigeren Alternativen. Gerade wenn man, wie bei großen Sendeanstalten von vielen Arbeitsplätzen in einem Haus ausgeht. Kein Wunder, dass Pyramix mit der Native V6-Software (1.485 Euro) und neuerdings auch Sadie mit ihrer nativen Sadie6-DAW (voraussichtlich lieferbar bis Ende 2009) tapfer gegenhalten.

Sequoia 11 eignet sich sowohl zum Recording, Mixing und Editing (Postproduktion, Restauration) als auch, was bei Sequenzern, wie Nuendo 4 (Test, 12/2007), Logic oder Sonar 8 (Test, 7/2009) nur bedingt möglich ist, zum Mastering. Damit bietet Sequoia für alle Schritte der Musikproduktion die passenden Tools und Features. Geliefert wird die Software auf einer DVD, zusammen mit der ausführlichen Bedienungsanleitung (deutsch oder englisch) und dem Codemeter-Stick. Die Vollinstallation benötigt rund 5,5 Gigabyte freien Speicherplatz auf dem Windows XP- oder Vista-System. Die erweiterte Multi-CPU-Strategie der so genannten Hybrid-Audio-Engine unterstützt mittlerweile bis zu acht Prozessoren. Die maximale Auflösung liegt bei 32 Bit (Fließkommaberechnung) und 384 Kilohertz. Für die gesamte Profiriege (Samplitude 11, Samplitude Pro 11 und Sequoia 11) stehen maximal 256 Ein- und Ausgänge, je 64 Busse sowie die unbegrenzte Anzahl an virtuellen Instrumenten und Objekten pro Track zur Verfügung – zumindest soweit es die CPU zulässt. Sequoia 11 und Samplitude Pro 11 verarbeiten maximal 999 Audio- und MIDI-Tracks (Samplitude:128) und ermöglichen den Einsatz von maximal 64 (Samplitude: 16) Plug-ins pro Objekt, Track, Master oder Bus.

Als reine PC-Software unterstützt Sequoia 11 Hardware mit ASIO-, WDM- oder MME-Treibern und bietet VST- DXi und Rewire-Schnittstellen zum Einbinden von Plug-ins, Effekten und virtuellen Instrumenten. Die Sequenzer-Software bietet aber neben den zahlreichen altbewährten Tools (siehe Steckbrief) mit den Studio Essentials fünf neue Magix Plug-ins (siehe Kasten), mit dem sMax11 einen weiteren Brickwall-Limiter, mit dem EQ116 einen Sechs-Band-EQ, der auch linearphasig arbeitet und mit dem Vandal eine Gitarren- und Bassverstärker-Simulation. Neue Magix-Synths wie der Sample-Player Vita und das virtuelle Instrument Revolta2 sowie die so genannten Object Synths Atmos, Beatbox2, DrumnBass und LiViD gehören außerdem zur üppigen Ausstattung (siehe auch Kasten).

Um ein Gespür für die Philosophie der Magix-Sequenzer im Allgemeinen und Sequoia 11 im Speziellen zu bekommen, stellen Sie sich folgendes Szenario vor: Die CD-Produktion einer Jazz-Combo steht an, deren Ziel es ist, alle Tracks Live einzuspielen. Ein Mentor Ihres Vertrauens hat Ihnen Sequoia 11 ans Herz gelegt, weil er vom Handling, der einzigartigen objektorientierten Arbeitsweise und einigen Editier-Features gerade für den Klassik- und Jazz-Bereich überzeugt ist. Er lädt Sie ein, auf seinem System die Produktion zu fahren und nun sitzen Sie zum ersten Mal, wie Ochs am Berg, vor dem vermeintlichen Baum der Erkenntnis, Sequoia 11.

Beim Anlegen des ersten Mehrspur-Projekts beziehungsweise sogenannten Virtuellen Projekt (VIP), öffnet sich ein Einstellungsfenster um grundlegende Voreinstellungen (Name, Pfad, Spurenanzahl, Samplerate, Projektlänge) festzulegen. Wir wählen einen Projektnamen, setzten den Aufnahmepfad und generieren 16 Spuren für Schlagzeug (10), Gitarre (2), Kontrabass (2) und Gesang (2). Wir setzen die Samplerate auf 192 Kilohertz. Über die Schaltfläche Projektoptionen – später über den Shortcut Strg+Umschalten+# zu erreichen – gelangen wir zu weiteren Grundeinstellungen: Wir setzen die Rastereinstellungen so, dass die Objekte (das sind in Sequoia alle zusammenhängende Audio- oder MIDI-Ereignisse) an den Kanten anderer Objekte andocken und lassen uns das Gitter im Arrangement-Fenster auf den Takten beziehungsweise Taktschlägen (Samples, Millisekunden, SMPTE oder Frames wären unter anderem auch möglich) anzeigen. Der Haken für „Aufgenommene Objekte festsetzten“ ist auch noch schnell gesetzt und das Tempo vorläufig auf 125 BPM für den ersten Song festgelegt. Sequoia 11 legt automatisch (natürlich muss das Häkchen gesetzt sein) ein Unterverzeichnis an, in dem alle projektbezogenen Dateien gespeichert werden.

Ist man grundsätzlich vertraut mit DAWs, bietet ein frisch geöffnetes Projekt in Sequoia 11 auf den ersten Blick keine wirklichen Überraschungen. Die Benutzeroberfläche ist – auch wenn die beiden neuen Skins sehr geschmackvoll geraten sind – nach wie vor eher nüchtern, sachlich und pragmatisch. Aber das gehört bei Magix eben auch zur Philosophie und die einfache Sachlichkeit ist mittlerweile schon fast ein Markenzeichen. Für gute Übersicht und langes, konzentriertes Arbeiten ist das mit Sicherheit kein Nachteil.

Sequoia hat Arbeitsbereich-Presets (Power User, Easy, Record, Edit, Master), die helfen können, für den jeweils anstehenden Produktionsprozess, die passenden Symbolleisten respektive Werkzeuge aufzurufen. Wir schalten zunächst in den Easy-Modus, der nur die allernötigsten Schaltflächen anzeigt. Per Rechtsklick in die auf dem Bildschirm frei verschiebbaren Werkzeugleisten können diese den individuellen Bedürfnissen angepasst werden. Per Drag-and-drop sind im Handumdrehen die häufig gebrauchten Tools als praktische Schaltfläche aktiviert und alle anderen aussortiert. Der Rechtsklick ist neben der Beherrschung von Shortcuts bei der Bedienung von Sequoia sehr wichtig, da so die meisten Menüs aber auch beispielsweise die GUIs der Plug-in unmittelbar geöffnet werden.

Zu den Systemoptionen bringt uns die Y-Taste. In dieser Übersicht lässt sich von den Audio-über MIDI- und Effekt- bis hin zu allgemeinen Design-Einstellungen alles aufrufen und haarklein anpassen und konfigurieren. Eine Baumstruktur im linken Teil des Fensters, ähnlich der des Windows-Explorers, dient der Navigation. Im rechten Teil erscheint das jeweils ausgewählte Menü. Im Audio-Setup aktivieren wir den ASIO-Treiber, prüfen (Schaltfläche Einstellungen) die Einstellungen, so dass uns 16 Eingänge für die Aufnahme zur Verfügung stehen und aktivieren 24 Bit als Device-Ansprache. Der ASIO-Puffer steht auf 256/24 Bit was eine angezeigte Latenz von sehr kurzen zwei Millisekunden (I/O) bedeutet. 

Fürs Monitoring bietet die Audio-Engine drei Economy-Modi (Peakmeter, Hardware, Software Track FX) und zwei Hybrid-Modi (Hardware und Mixer FX). Je nach Monitoring-Einstellung werden verschiedene Puffergrößen (VIP oder ASIO) verwendet, die sich unterschiedlich auf die Latenzen auswirken. Damit gibt es ein variables Angebot, je nach Einsatzzweck und Arbeitsumgebung.

Zurück im Arrangement-Fenster, öffnen wir mit dem Shortcurt Strg+Umschalten+M die Mixer-Einstellungen, um sehr einfach die Aufnahmesession vorzubereiten. Es werden die Tracks (16 Stück) und die Submix- und AUX-Busse (wir legen jeweils vier fest) angezeigt. Außerdem kann beim Routing die Funktion „Alle Tracks direkt auf vorhandene Mono-Devices routen“ gewählt werden. Nach Bestätigung liegen automatisch die Eingänge (1-16) des Audio-Interfaces auf den jeweiligen Spuren im Sequenzer an. Die gewünschten Busse sind angelegt. Um die Spuren zu benennen wagen wir einen Blick auf den neuen Datei-Manager. „Bisher haben sich viele Samplitude und Sequoia-User von der nüchternen Darstellung des Managers und den unpraktischen Pop-up-Fenstern abschrecken lassen“, erklärt uns Neumann und ergänzt: „Jetzt dockt der Manager an der Oberfläche an und sieht nicht mehr ganz zu pragmatisch aus. Wenn man sich einmal an das Arbeiten mit den unterschiedlichen Listen und Matrizen gewöhnt hat, sind sie gerade bei umfangreichen Projekte eine sehr wirkungsvolle Arbeitserleichterung.“ Das wollen wir ausprobieren. Die Manager-Ansicht bietet Schaltflächen zur Organisation von Clips, Dateien, Objekten, Spuren, Markern, Bereichen, Takes, VSTis sowie eine Source Liste und eine Routing-Matrix. Nüchtern sehen die Menüs nicht mehr aus. Sie erinnern vielmehr optisch an das 2007-er Windows Office-Paket (siehe Screenshot, S. 29). Im Spuren-Manager tauchen alle 16 Spuren (S: 1-16) und die insgesamt acht Busse (Bus 1-8) des Projektes untereinander aufgelistet auf. In der Horizontalen befinden sich Spalten (Mute, Solo, Record, Mono, Lock, Arrangement, Mixer, Freeze. Economy, Mute Bus-Inputs, Solo-exklusiv) mit Aktivierungskästchen. In der letzten Spalte steht der vollständige Name der Aufnahmedatei. Mit einem Rechtsklick in Spur eins öffnen wir die Spureinstellungen – im Arrangement-Fenster reicht ein Rechtsklick ins Namenfeld des Spurkopfes. Über die Schaltfläche „Alle Spuren“ weisen wir den Spurnamen folgende Struktur zu: Projektname+Spurname. Benennen wir nun eine Spur, sind automatisch im Spurmanager alle Aufnahme-Dateinamen richtig vergeben, um sie schnell und eindeutig auf der Festplatte wiederzufinden. Neumann hat recht. Sehr schnell und übersichtlich lassen sich die Mixer- und Arrangement-Ansicht durch Setzen von Häkchen organisieren. Soll eine Spur auftauchen wird der Haken gesetzt, ansonsten entfernt. Mit gehaltener Umschalt-Taste lassen sich problemlos alle oder zusammenhängende Spuren markieren, um beispielsweise schnell bestimmte Tracks stumm zu schalten. Die Liste kann auch einfach per Drag-and-drop umsortiert werden. Die Reihenfolge der Spuren ändert sich natürlich sofort auch im Arrangement-Fenster und Mixer. Die praktische Freeze-Funktion – Spuren werden mit allen Effekten gebounced, sozusagen eingefroren, um die CPU zu schonen – ist über den Spur-Manager auch auf mehrere Spuren gleichzeitig anwendbar – das ist sehr praktisch und spart Zeit.

Alle Manager-Optionen durchzugehen würde den Rahmen dieses Tests bei weitem sprengen. An dieser Stelle sei aber noch der so genannte Clip-Store erwähnt, der eine Neuheit in Sequoia darstellt. In dieser Tabelle (Name, Position, Länge, Datum, Uhrzeit, Auflösung, Mono/Stereo, Samplerate, Verzeichnis) werden alle Clips, also Referenzen auf ein oder mehrere Objekte inklusive allen objektbezogenen Einstellungen, aufgelistet. Ein Stern vor einem Eintrag symbolisiert, dass sich der Clip in der offenen Session befindet. Es gibt eine Such-Funktion, zum schnellen Auffinden und eine praktische Vorhörfunktion. Clips können aus dem Store direkt in das Arrangement-Fenster gezogen werden. Die Möglichkeit einen Clip-Store abzuspeichern und wieder zu laden, macht die Ereignisse auch für andere Sessions abrufbar.

Doch zurück zu unserer imaginären Aufnahmesession: Alle Vorbereitungen sind getroffen. Für die live-eingespielten Tracks nehmen wir jeweils drei bis vier Takes à 16 Spuren auf. Das Ganze ohne Click und doppelten Boden, um das organische Zusammenspiel der Band und die gefühlvolle Performance der Künstler festzuhalten. Manchen Track-by-track-Recordler graust es jetzt vorm Editieren. Sequoia 11 hat mit dem neuen Multisynchronschnitt (MuSyC) als Sonderform des Source/Destination-Schnitts (S/D-Schnitt) die passende Lösung: Stark vereinfacht gesagt werden beim S/D-Schnitt eine oder mehrere Source- und Destination-Spuren über das Track-Menü definiert (kleines Fenster im Spurkopf). Ein ‚D’ erscheint für Destination, ein ‚S’ wenn die Spur als Source aktiviert ist. Wir erzeugen in unserem Projekt weitere 16 leere Spuren und definieren sie als Destination, hingegen die aufgenommenen Tracks als Source. Wird jetzt der S/D-Schnitt-Modus aktiviert, wechselt die Arranger-Ansicht in einen Spezialmodus mit zwei übereinander angeordneten Spurbereichen. Die Source-Spuren sind unten, die Destination-Spuren oben angeordnet. Durch Setzten von In- und Out-Punkten (siehe Screenshot, Seite 29) lassen sich Bereiche in den Source-Spuren exakt definieren, die dann mit einem Tastendruck (F9) in den markierten Destination-Bereich übertragen werden (4-Punkt-Schnitt). Alleine das ist schon sehr praktisch, um aus den unterschiedlichen Takes das Beste zusammen zu schneiden. Hat man sich die durchdachten Shortcuts eingeprägt (Strg+Pos1: Source In; Strg+Ende: Source Out – für den Destination-Bereich gilt das gleiche mit der Umschalttaste) geht der Schnitt verblüffend schnell von der Hand.
Noch komfortabler wird es durch den bereits erwähnten MuSyC-Modus: Das Geheimnis liegt im optischen Time-Stretching. Nach einer Analyse werden alle Takes gleichen Inhalts untereinander in einer Referenzspur (neues Übersichtsprojekt) anstatt wie vorher hintereinander dargestellt. Die Wellenformen werden synchronisiert, so dass an gleichen musikalischen Positionen der Takes geschnitten werden kann, auch wenn die Varianten nicht hundertprozentig gleich gespielt sind. Wichtig ist zunächst die Wahl einer Referenz-Spur – beispielsweise den Gesangs- oder Bass-Drum-Track. Die Multisynchronisations-Analyse erkennt die einzelnen Takes auf einer Spur. Dann wird automatisch ein Übersichtsprojekt erstellt, das auf die eigentlichen Source-Spuren verweist. Alle Schnitte in den unterschiedlichen Takes im MuSyC-Projekt werden dann auf die Source-Spuren übertragen und die ausgewählten Passagen aus dem Source-Projekt in das Destination-Projekt übertragen. Im Handumdrehen haben wir die besten Passagen aus drei Takes eines aufgenommenen Songs zusammen geschnitten – komfortabler geht’s nimmer. Die Vorbereitung und Analyse dauert zwar gerade bei vielen und langen Takes ein wenig, die Zeitersparnis ist am Ende aber enorm.

Beim Mix bietet Sequoia 11 alle erdenklichen Tools zur Bearbeitung. Besonders die internen Effekte wie der EQ116 (siehe Kasten und Screenshot, Seite 30), Advanced Dynamics oder die Essential Effects (Screenshot, Seite 31) überzeugen durch ihre Neutralität auf hohem klanglichen Niveau und benutzerfreundliche Einfachheit. Beim Gesang machen wir uns die neuen so genannten Revolvertracks  zunutze. Erst legen wir Revolvertracks (Spurkopien) der Vocal-Spur an. Dann basteln wir Variationen zusammen in dem wir unterschiedliche Phrasierungen wählen, verschiedene Pre-Amps aus dem am-phibia-Plug-in verwenden sowie unterschiedliche Kompressor-, EQ- und Hall-Einstellungen vornehmen. Das Kürzel ‚Alt+Bild ab’ wählt den nächsten Revolvertrack. Beim Abhören können die einzelnen Alternativen durchgeskippt und im Zusammenhang gehört werden. Das Hilft im Zweifelsfall die beste Lösung für den Gesamt-Mix zu finden, oder aber, um dem Musiker oder Produzenten schnell eine Alternative anbieten zu können.

Um ein CD-Master zusammenstellen und direkt aus Sequoia 11 zu brennen, laden wir die fertigen und per internem Mixdown erstellten Wav-Files in ein neues Mastering-Projekt. An dieser Stelle sei ein weiteres, cleveres Feature erwähnt: Sequoia merkt sich beim Bouncen, aus welchem VIP der Mix stammt. Über die Funktion ‚Root-VIP bearbeiten’ wird das ursprüngliche VIP automatisch geöffnet. Jetzt können wir im Nachhinein noch Veränderungen vornehmen, die beispielsweise der Künstler oder Auftraggeber wünscht. Beim Speichern des Root-VIPs wird dann das modifizierte Projekt neu gebounced und im Masterprojekt aktualisiert. Damit können Anpassung und letzte Änderungswünsche sehr schnell und auch noch auf der Zielgeraden einer Produktion vorgenommen werden. Sequoia 11 stellt mit dem Multiband-Kompressor, dem sMax11-Limiter (siehe Kasten), dem am-munition (Mastering-Kompressor mit M/S-Matrix), dem Brilliance Enhancer oder auch dem am-track-Plug-in, mit seiner Bandsättigungs-Simulation, wirkungsvolles und sehr professionell klingendes Mastering-Besteck zur Verfügung. Ein weiterer Vorteil der Magix-Software (Samplitude und Sequoia) ist aber, dass direkt aus dem Programm ein fertiges Master für das Presswerk erstellt werden kann. Mit der Funktion ‚Indizes an Objektkanten setzen’ werden die Track-ID gesetzt. Jetzt lässt sich der CD-Text, inklusive EAN- und ISRC-Codes eintragen und schlussendlich der TOC mit allen Angaben für das Presswerk ausdrucken. Die Möglichkeit des DDP-Exports wird viele Mastering-Ingenieure interessieren, die ihre Master-Daten per FTP zum Presswerk übermitteln. Erzeugt werden folgende Streams: DDP-id (DDPID), DDP-Map, die Audio-Daten (Image DAT) und die PQ-Description (PQDESC). Als ZIP-File transferiert, gilt der DDP-Export immer noch als sicherste Lösung. Können die Daten vom Presswerk entpackt werden, sind die Dateien auch konsistent. Bis zum Schluss haben die Entwickler an hilfreiche und sehr praxisnahe Details gedacht.

Wesentliche Neuheiten in Magix Sequoia 11

Das GUI beziehungsweise User-Interface bietet zunächst zwei neue Skins (Camo und Canis), die nicht nur frisch aussehen, sondern beispielsweise auch eine Schaltfläche im Spurkopf zum Aufrufen der Revolver-Tracks-Funktion bieten. Dialog- und Anzeigefenster (Manager, Visualisierung, Audioquantisierungs-Wizard, Symbolleisten Zeitanzeigefenster) lassen sich an bestimmten Stellen der VIP-Oberfläche andocken. Das neue Farbwerkzeug-Tool verfügt über einen neuen, verbesserten Modus: Alle Objekte einer Spur lassen sich beispielsweise durch Klicken mit dem Farbeimer-Mauszeiger in den jeweiligen Spurkopfbereich einfärben. Die Mehrfach-Selektion von Spuren ist jetzt auch endlich möglich und Sequoia 11 bietet eine Grid-Leiste an, um Rastereinstellungsänderungen unmittelbar im Arrangement-Fenster vornehmen zu können.

Es gibt einige neue Effekte: Die Plug-ins der sFX-Suite (Kompressor, Hall, Delay, Chorus/Flanger, Phaser) setzen auf einfache und übersichtliche Bedienung. Die GUIs sind identisch, lediglich die zu verstellenden Parameter den jeweiligen Effekten angepasst. Die „Brot-und-Butter-Plug-ins“ sind Ressourcen-schonend und benötigen nur wenig Platz auf der Benutzeroberfläche. Mit dem sMax11 bietet Sequoia 11 jetzt einen zusätzlichen Brickwall- beziehungsweise Hard-Limiter. Das pragmatische GUI bietet drei Regler (In, Out, Release) und vier Modi (ausgewogen, schnell, aggressiv und Hard-Clipper), um die Wirkungsweise zu beeinflussen.

Außerdem mit von der Partie ist ein neuer Sechs-Band-Equalizer. Der EQ116 verfügt über drei Modi: Normal, Oversampling und Linearphasig, um chirurgische Eingriffe vornehmen zu können. Die Flankensteilheit der Tief- und Hochpassfilter reicht von sechs bis 36 Dezibel pro Oktave. Grafisch angezeigt werden: Amplitudengang, die Gruppenlaufzeit oder Phase und eine Darstellung des originalen und bearbeiteten Signals (siehe Screenshot, Seite 30).

  • Mit dem Vandal-Plug-in (siehe Screenshot, Seite 32) bietet Magix auch eine neue Gitarren- und Bassverstärker-Simulation. Es werden drei verschiedene Preamps und zwei Poweramps modelliert. Zuschaltbar sind einige virtuelle Stomp-Boxen wie Delay, Distortion, Chorus oder Wahwah. Außerdem bietet der Vandal die Möglichkeit,

    Mikrofonierung, Cabinet und sogar Parameter der Speaker zu beeinflussen.

  • Auch in puncto virtuelle Instrumente hat Sequoia aufgestockt: Der neue Sample-Player Vita bietet überwiegend klassische Orchester-Instrumente, hat aber auch sehr interessante Gitarren- und E-Piano-Sounds an Board. Der Revolta2 ergänzt die virtuelle Soundvielfalt von Sequoia 11 durch analoge Synth-Klänge. Der 12-stimmige Synthesizer mit Soundmatrix, Noisegenerator und neun Effekttypen richtet sich besonders an Freunde der elektronischen Musik. 

Mit den Objekt-Synths bietet Sequoia 11 noch eine weitere, besondere Gattung der virtuellen Klangerzeuger. Diese Synths basieren nicht auf vorher erzeugten MIDI-Daten und können somit unkompliziert als Klangbausteine verwendet werden. Atmos bietet unterschiedliche Atmosphären-Sounds, BeatBox 2 ist ein einfach zu bedienender Drumcomputer, DrumnBass liefert als Step-Sequenzer moderne Club- und Elektro-Sounds. LiViD ist ein Plug-in, das im Handumdrehen vorgefertigte Drum-Grooves in verschiedenen Stilistiken anbietet, um schnell Song-Layouts erstellen zu können.

Für die Aufnahme und Wiedergabe hat sich folgendes verbessert: Es gibt einen Pre- und Post-Recording-Modus, in dem Material vor und nach der Aufnahme in einen Puffer geladen wird, um das Material bei Bedarf verwenden zu können. Revolvertracks machen es möglich, mehrere Takes oder Varianten einer Spur praktisch und schnell auszutauschen, um die beste Version für den Mix zu finden. In Sequoia 11 ist jetzt außerdem das Routing im Mixer auch von rechts nach links möglich.

Für das Editieren hat sich Magix etwas ganz Besonderes ausgedacht, was besonders die Klassiker freuen wird: Der Multisynchronschnitt analysiert Takes aus mehreren Spuren (Orchesteraufnahme) und ordnet Material gleichen Inhalts einem Übersichtsprojekt als einzelne Spuren übereinander an. Dafür findet ein rein optisches Timestretching statt, um die Wellenform der Takes synchron darzustellen. Schnitte können dann an der gleichen musikalischen Position vorgenommen und Ausschnitte aus den unterschiedlichen Takes komfortabel in einem so genannten Destination-Projekt neu arrangiert werden.

Es gibt auch ein paar neue MIDI- und VSTi-Features: Die Velocity-Dynamics sind ein MIDI-Effekt, der die Anschlagsdynamik bearbeitet. Die Anschlagsstärke wird sozusagen komprimiert beziehungsweise expandiert. Außerdem lassen sich in Sequoia 11 eigene Groove-Templates erstellen, die der Quantisierung zugrunde liegen. In den neuen Skins gibt es die Schaltfläche Input-Q. Ist sie aktiviert, sind die globalen Quantisierungseinstellungen bereits beim Einspielen aktiv. Es gibt analog zur Pre/Post-Recording-Funktion auch ein MIDI-Pre-Recording und last but not least kann die Systemzeit als MIDI-Zeitstempel eingestellt werden, um Aufnahmeprobleme mit MIDI-Geräten zu beseitigen.

Ansonsten gibt es noch einen erweiterten Track-Bouncing-Dialog, einen INI-Container, der es ermöglicht alle Grund-Einstellungen auf einen anderen Arbeitsplatz zu transferieren, falls an mehreren Workstation gearbeitet wird. Außerdem ist jetzt auch das Importieren und Exportieren von AAF- und OMF-Files möglich und der Video-Export wurde mit einem neuen Dialog deutlich verbessert.

Fazit

Pragmatismus, sachliche Nüchternheit, hohe klangliche Qualität und ein hohes Maß an Usability sind Magix’ Tugenden, wofür das Audio-Flaggschiff Sequoia 11 sehr überzeugend den Beweis liefert. Netzwerkfähigkeit und Datenbankanbindung öffnen dabei die Türen zu den Sendeanstalten, S/D- und Multisynchronschnitt die der Klassikproduktionen, Post-Production- und Mastering-Studios. Am aufgestockten Effekt- und VST-Instrumenten-Fuhrpark weiden sich Sound-Designer und anspruchsvolle Produzenten, deren DAW mit allen Wassern gewaschen sein soll. Knapp 3.000 Euro ist ein stolzer, aber durchaus angemessener Preis.

 

Erschienen in Ausgabe 11/2009

Preisklasse: Spitzenklasse
Preis: 2975 €
Bewertung: sehr gut
Preis/Leistung: gut – sehr gut

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