Test Sontronics Halo

Test dynamisches Großmembranmikrofon Sontronics Halo

Trevor Coley hat ein Faible für ausgefallene Vintage-Designs. Seit 2005 überrascht der Firmengründer der britischen Mikrofonmanufaktur Sontronics die Pro Audio-Szene immer wieder mit extravaganten Schallwandlern. Dabei geht der Hersteller nicht nur optisch eigene Wege, sondern setzt auch klanglich eher auf Charakterköpfe, denn geradlinige Puristen. Der Firmenphilosophie folgend sind seine Mikrofone aber nicht nur ausgefallene Blickfänge, sondern sollen professionellen Standards genügen und dabei den Geldbeutel nicht über die Maßen belasten. Möglich ist dies, indem die Entwicklung komplett auf dem europäischen Island, die Fertigung allerdings in China stattfindet. Bereits die Tests der Modelle Apollo, Saturn (Ausgabe, 7/2010) sowie Orpheus (Ausgabe, 11/2006) und Sigma (Ausgabe, 2/2007) zeigen, dass die extravaganten Schallwandler immer einen Test wert und für eine Überraschung gut sind.

Sontronics Halo

Der jüngste Streich der Briten trägt den Namen Halo und orientiert sich optisch an frühen Radiomikrofonen der 1940-er Jahre, wie beispielsweise das Kohlefasermirofon Technowatt von Tesla. Aber auch das legendäre Reisz-Mikrofon im Marmorblock, welches seinerzeit (1923) Georg Neumann höchstpersönlich entwickelte, steht in direkter optischer Verbindung mit dem schmucken Neuling. Coley hat die Kapselaufhängung der Oldies für das Halo adaptiert. Durch das Aufspannen mittels vier kurzer Federn in einem Metallring erreicht der Hersteller aber nicht nur einen optischen Effekt, sondern bietet gleichzeitig wirksamen Schutz vor unliebsamem Trittschall. Nachteilig ist allerdings, dass die Konstruktion mit einem Durchmesser von rund 12 Zentimetern zwar lässig aussieht, dafür aber etwas sperriger ist. Ein Shure SM57 oder die sogenannten „Gitarrenbriketts“ e606 beziehungsweise e906 von Sennheiser – Abkömmlinge des MD409 – sind da auf den ersten Blick flexibler und unauffälliger. Die flachen e-Mikrofone hängt so mancher Tontechniker aus Platzgründen sogar ohne Stativ einfach entlang der Lautsprecherbespannung über den Combo oder das Cabinet. Eine Vorgehensweise, die zwar nicht direkt vorgesehen, aber mit dem Halo durchaus auch möglich ist. Beim Sennheiser MD 421 oder dem Electro Voice RE20 (Test, Ausgabe 9/2007), welche ebenfalls als dynamische Gitarrenverstärker-Spezialisten gehandelt werden, gilt der platzwerte Vorteil weniger, ist gerade das RE20 doch eher ein wuchtigerer Vertreter ihrer Zunft. Das Halo wiegt mit 368 Gramm zwar etwas mehr als das Shure SM57 (284 Gramm) und gut doppelt so viel wie das e609 (180 Gramm). Am Ende ist es aber immer noch wesentlich leichter als das mächtige RE20 mit rund 740 Gramm Lebendgewicht. Nicht zu vergessen, dass das Halo die trittschalldämmende Federaufhängung immer dabei hat. Letztlich ist das Gewicht völlig unproblematisch, lässt sich der Testkandidat doch sicher – auch über Kopf – am Mikrofonstativ installieren. Die Verarbeitung des Halo ist solide und vermittelt ein sicheres Gefühl, dass der Schallwandler auch im Live-Alltag bestehen kann. Allerdings erweckt der schwarze Metallrahmen den Eindruck, als wäre der Lack im wilden Leben eines Gitarren-Amp-Spezialisten schnell ab. Wobei ein angekratzter „Relic-Style“ dem Rock ‚n‘ Roller mit Sicherheit gut zu Gesichte steht. Die Feststellschraube für den Neigungswinkel vermag das Mikrofon grundsätzlich sicher zu justieren. Jedoch vermitteln die einzelnen Metall-Elemente nicht den Eindruck präziser Dreh-Kunst, sondern greifen eher etwas locker ineinander und sitzen mitunter etwas wackelig.

Sontronics Halo Federaufhängung

Die Großmembrankapsel des dynamischen Mikrofons ist in einer Art Metall-Büchse mit luftdurchlässigem Deckel und Boden untergebracht, die ungefähr die Größe einer Espressotasse hat. Zum Schutz vor Umwelteinwirkungen wie Staub oder auch unachtsam abgegebener Mundflüssigkeit – vorausgesetzt das Halo wird zweckentfremdet als Gesangs- oder Sprechermikrofon genutzt – ist das Gehäuse mit schwarzem Schaumstoff ausgekleidet. Selbstverständlich entschärft dies auch Plosivlaute und Windgeräusche etwas. Die Kapselkonstruktion folgt dem Handmikrofon STC80 aus eigenem Hause, das als Bühnengesangsmikrofon mit druckvollem, prägnantem Klang unter Insidern bereits als erstklassiger Gitarren-Amper gehandelt wurde. Durch die spezielle klangliche Abstimmung, so der Hersteller, bedarf es keinerlei Filterung beim Recording von verzerrten Gitarrensounds (siehe Frequenzgangmessung, Seite 81). Außerdem kommt dem Druckgradientenempfänger mit fixer Nierencharakteristik, der sich vor brüllend lauten Gitarren-Amps am wohlsten fühlt, seine für dynamische Schallwandler typische Unempfindlichkeit zugute. Das Professional audio-Messlabor ermittelt völlig normale 1,6 mV/Pa. Zum Vergleich: Das Shure SM57 liegt bei 1,8 mV/Pa, das RE20 von Electro Voice bei 1,5 mV/Pa. Weitere Extras bietet das Halo nicht. Lediglich ein dünner Transportbeutel (siehe Foto, Seite 82) ist im Lieferumfang enthalten, der aber nicht mehr und nicht weniger als Staub und groben Schmutz fernhält. Ein Blick auf die Konkurrenz zeigt aber, dass die direkten Nebenbuhler der dynamischen Gitarrenabnahme-Zunft wie das Shure SM57 mit einer UVP von 133 Euro und das Sennheiser e606 für 139 Euro auch keine weiteren Features bieten. Erst das teurerer e609 (207 Euro) hat einen dreistufigen Hochpassfilter, das MD421U-2 (449 Euro) einen 5-stufigen Bass-Schalter und das RE 20 für 665 Euro einen Trittschallfilter.

Das Halo rockt. Auf einen Engl Squeeze 50 Combo losgelassen, der mit einer Fender Custom Shop Telecaster malträtiert wird, ist sofort klar, dass der Hersteller nicht zu viel versprochen hat. Der Abstand zur Membran beträgt rund zehn Zentimeter und durch Verschieben des Mikrofons zwischen Kalotte und Membranrand sowie Veränderung des Winkels zur Abstrahlrichtung ist schnell eine optimale Position (Membranrand auf die Kalotte zeigend) für ein rockiges Rhythmusgitarren-Brett gefunden. Der Sound ist druckvoll, was beim Close-Miking dem optimal ausgenutzten und kompensierten Nahbesprechungseffekt (siehe Frequenzgang) zu verdanken ist. Dabei klingt die Abnahme kernig und sehr durchsetzungsstark mit angenehm zurückhaltenden Höhen, ohne im unteren Mittenbereich zu verschwimmen. Das Impulsverhalten ist gut und die bei dynamischen Mikrofonen häufig nicht ganz so detailverliebte Auflösung bringt an dieser Position – direkt vor dem Amp – die nötige Raubeinigkeit ins Spiel. Schnell ist das 12-taktige Riff gedoppelt und brät kraftvoll zum programmierten Drum-Groove. Für ein kurzes Solo im High-Gain-Modus verschieben wir das Mikro etwas mehr zur Mitte und richten es auf das Membranzentrum aus. Der Sound bekommt mehr Biss und setzt sich hervorragend im Test-Mix durch, ohne zu harsche Höhenanteile zu entwickeln. Dabei ist – genau das hat der Hersteller versprochen – kein Equalizer zu bemühen. Im Zusammenspiel mit dem runder klingenden Hals-Pickup gelingt ein cremiger Lead-Sound, den wir in dieser angenehm präsenten Form vom kleinen Engl nicht erwartet hätten. Wir testen auch leicht angezerrte Blues-Sounds und eine knackig cleane Country-Einstellung. Das Ergebnis ist vergleichbar: Die Aufnahmen wissen beide auf ihre individuelle Art zu überzeugen und attestieren dem Halo das Prädikat vielseitiger Gitarren-Amp-Spezialist. Wie das mit ausgewiesenen Fachmännern so ist, kann das Halo bei Gesangs- und Sprachaufnahmen nicht wirklich punkten. Die Höhen kommen einfach ein wenig zu kurz, dem Anspruch detailgetreuer Auflösung und natürlicher Signalübertragung, welcher bei hochwertigen Gesangsmikrofonen nicht unerheblich ist, kann das Halo nicht vollständig genügen. Will der straighte Rock ‚n‘ Roller aber auch gar nicht, fühlt er sich doch viel wohler am Rand einer Snare oder in direkter Nähe brüllender Lautsprechermembranen. Für das Halo muss es eben ordentlich krachen, dann läuft es zur Höchstform auf.

Sontronics Halo und Tasche

Erschienen in Ausgabe 10/2011

Preisklasse: Mittelklasse
Preis: 159 €
Bewertung: gut
Preis/Leistung: gut – sehr gut

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