Raumgestalter

Aktiver Richtungsmischer, nennt es der deutsche Toningenieur, Stereo Field Editor die Firma Rupert Neve Designs. Der Portico 5014 ist  ein Spezialist unter den Klangdesignern für Profis und solche, die es werden wollen. 

Von Michael Nötges 

Mister Rupert Neve wäre wahrscheinlich auch als Raumgestalter und Innenarchitekt zu Ruhm und Ehren gekommen. Denn er war Zeit seines Lebens ein Macher und Entwickler, Innovator und tüchtiger Geschäftsmann. Der heutige Wahltexaner zog es aber vor sich schon in jungen Jahren der Entwicklung von Audio-Equipment zu widmen: mit beachtlichem Erfolg. Mittlerweile ist der Name Programm und steht für Qualität und vor allem für guten Sound. Mit 80 Lenzen auf dem Buckel scheint der Pionier der Pro-Audio-Szene noch immer nicht müde zu sein, denn 2005 gründet er in Wimberley, Texas die Firma Rupert Neve Designs und bringt seitdem mit dem modularen Konzept der Portico Serie Produkte auf den Markt, die es ermöglichen aus hochwertigen Einzelteilen individuelle Channel-Strips auf der soundlichen Basis analoger Neve-Konsolen zusammen zu stellen. 

Der Portico 5014 ist ein Spezialist für akustische Raumgestaltung. Es handelt sich hierbei vom Grundkonzept um einen aktiven Richtungsmischer – seine Grundfunktion: Veränderung der Stereo-Basisbreite (Width) und der Stereo-Mitte (Depth).

Allerdings haben die Entwickler von Rupert Neve Designs den 5014 zusätzlich noch mit einem speziellen Equalizer, sowie einem Insert-Weg ausgestattet und ihn damit um zwei kreative Features erweitert. Vorgesehen ist der Stereo Field 
Editor zur klanglichen Optimierung von Stereosignalen oder Subgruppen bei Abmischungen, beim Mastering oder im Live-Einsatz. Der Portico 5014 liegt preislich bei 1700 Euro was wieder einmal zeigt: Spezialisten sind nicht einfach 
nicht billig. Gute zwei Kilo bringt der 5014 auf die Waage. Das ist für ein Gerät im halben 19-Zoll-Gehäuse überraschend gewichtig. Rückseitig befinden sich die Anschlüsse des Portico 5014: Ein- und Ausgänge im XLR-,  Insert (Send/Return) und Busse (links/rechts) im 6,35-mm-Klinken-Format. Die Schaltungen sind diskret aufgebaut. Dabei sind sowohl Ein-, als auch Ausgänge trafosymmetriert: ein Konstruktionsprinzip, dass sich auch bei anderen Modellen der Portico-Serie (siehe Test, Heft 11/2006 und Test, Seite 76) wieder findet und zum unverkennbaren Neve-Sound beitragen soll. Optisch folgt der 5014 seinen Modul-Kollegen aus der Poritco-Serie: blaues Chassis, graue Frontplatte und Drehregler, gelbe Schrift auf schwarzem Hintergrund mit roten Applikationen. Die Farblichen Kontraste führen zu guter Lesbarkeit und übersichtlichen Strukturierung der Frontplatte. Die farbig hinterleuchteten Tast-Schalter zur Aktivierung  der unterschiedlichen Features messen einen knappen halben Zentimeter  im Durchmesser, sind aber trotzdem bequem und sicher zu bedienen. Ebenso Platz sparend wie funktional sind die beiden 8-Segment-Bargraph-LED-Ketten zur Pegelkontrolle des rechten und linken Kanals. Der Meter-Button schaltet die Anzeige zwischen Eingangs- und Ausgangspegel um. Da sich die Lautstärke am Ausgang durch die Einstellungen der Effektsektion deutlich ändern kann, ist die Umswitch-Möglichkeit eine praktische und durchdachte Angelegenheit um Übersteuerungen zu vermeiden. Der maximale Eingangspegel liegt bei über 30 dBu, um auch starke Line-Signale verarbeiten zu können. Zur Anpassung der Eingangslautstärke dienen zwei griffige Messknöpfe pro Kanal. Diese regeln die Eingangspegel in einem Bereich von –6 dBu bis +12 dBu. 

Die Effekt-Sektion samt Bedienelementen befindet sich auf der rechten Hälfe der Frontplatte. Es gibt drei interne Möglichkeiten in das Klangbild einzugreifen: erstens, über den Width-Regler, der die Stereo Basisbreite einengt oder verbreitert (mono bis wide); zweitens durch den Depth-Regler, der die Stereo-Mitte in den Vordergrund holt oder in den 
Hintergrund schiebt und drittens, mit Hilfe des semi-parametrischen Equalizers, der Frequenzen zwischen 120 Hertz und 2,4 Kilohertz um 15 Dezibel anhebt oder dämpft. Deren Filtergüte lässt sich zwischen Wide und Narrow umschalten. Zusätzlich kann ein externer Effekt über die Insert-Wege eingeschleift werden. Den Möglichkeiten der Klangveränderung sind keine Grenzen gesetzt außer denen der eigenen Kreativität. Interessant kann es sein, Kompressoren, Phaser, Pitch-Shifter oder andere Effekte zur Modulation des Signals einzuschleifen, um ausgefallene klangliche  Veränderungen zu erreichen.

Der 5014 verfügt über keinen separaten Bypass-Button, denn der gesamte Effekt-Schaltkreis muss immer erst durch den Width-Button aktiviert werden. Die Width-Funktion ist also obligatorisch, um die beiden anderen Effekte (Depth, EQ) und den Insert-Weg aktivieren zu können. 

Um zu verstehen wie die einzelnen Regler und Tastschalter wirken, lohnt sich ein Blick auf den Signalfluss und die komplexe Schaltung des 5014. Bei inaktiver Width-Funktion ist das gesamte Effekt-Modul zuerst einmal komplett überbrückt. Ist das Effekt-Modul aktiviert, durchläuft zunächst nur das Signal des rechten Kanals den Depth-Schaltkreis. Die Modulationen (Frequenzgang, Phase) finden also nur in einem Kanal statt und bewirken am Schluss den akustischen Effekt, die Stereo-Mitte nah oder entfernt wahrzunehmen. Das Linke bleibt vorerst völlig unangetastet. Steht der Depth-Regler auf Near erscheint beispielsweise der Hauptgesang eines Stückes näher, auf Rechtsanschlag weiter entfernt. Bildlich gesprochen, wölbt sich die Mitte des Klanges wie ein Kegel dem Hörer entgegen (near) oder erscheint invertiert wie ein sich entfernender, spitz zulaufender Tunnel (far). Nun werden beide Kanäle, der mit der Depth-Modulation bearbeitete rechte und der unbeeinflusste linke, in den Width-Schaltkreis eingespeist. Dieser Schaltkreis erzeugt nun aus beiden Signalen ein Summen- und gleichzeitig ein Differenzsignal. Das Differenz-Signal 
durchläuft nun den Equalizer und wird dort nach Herzenslust verändert. Auf dem Weg dorthin befindet sich auch die Abzweigung zum Insert-Weg (Send/Return), um externe Effekte einzuschleifen. Am Ende der Effekt-Kette übernimmt ein zweiter Width-Schaltkreis. das Umwandeln des Differenz- und Summensignals zurück in den rechten und linken Kanal – klingt kompliziert, ist es auch. Der Width-Regler  entscheidet darüber ob die Stereo-Basis erweitert oder bis zu einem Mono-Signal verengt wird. Soweit in groben Zügen das Grundkonzept, über dessen technischen Details die Entwickler den Mantel des Schweigens legen. 

Ganz praktisch geht es dagegen im Messlabor von Professional audio Magazin zu. Die Messwerte zeigen: Hier waren echte Könner und Klangtüftler am Werk. Der Klirrfaktor liegt oberhalb von 120 Hertz bei maximal 0,015 Prozent, darunter steigt er drastisch bis auf 0,8 Prozent an. Der Verlauf dient dem Sounddesign der Portico-Reihe und ist bei den getesteten Modulen (5012 und 5016) ebenso wiederzufinden. Folglich ist dies keine Unzulänglichkeit des 5014, sondern 
gewolltes Resultat der Entwickler. Die FFT-Analyse zeigt bei einem Nutzsignal von fünf Kilohertz beste Dämpfungs Werte von mindestens –100 dBu bei Frequenzen oberhalb von 100 Hertz. Lediglich eine kleine Spitze bei 10 Kilohertz zeugt von einer sehr schwach ausgeprägten harmonischen Verzerrung zweiter Ordnung (K2), von unharmonischen Verzerrungen ist der 5014 völlig frei. Auffällig sind jedoch die tieffrequenten Störanteile unter diesen 100 Hertz, die bis -62 dB bei 20 Hertz ansteigen. Der Geräuschspannungsabstand liegt bei -105,1 und der Fremspannungsabstand bei -100,2 dBu. 

Den ausführlichen Hör- und Praxistest von Professional audio Magazin haben wir in vier unterschiedliche Anwendungsgebiete unterteilt:  erstens, Mastering einer eigenen Mehrspuraufnahme; zweitens, klangliche Optimierung beziehungsweise Sounddesign eines Schlagzeug-Sub-Mixes; drittens, räumliches Gestalten eines Gitarren-Duos und viertens die Restauration und Verbesserung eines bereits fertigabgemischten und gemastereten Songs. Dabei haben wir die Eingänge des Portico 5014 mit den Analog-Ausgängen des Aurora 8 von Lynx verbunden und die unterschiedlichen Projekte über die gerade für räumliches Hören exzellenten Geithain RL 906 (siehe Test, S. 86) abgehört und bearbeitet. 

Bei der instrumentalen  Mehrspuraufnahme konzentrieren wir uns zunächst auf das Herausarbeiten der Solostimme (Querrflöte) und dann auf die räumliche Gestaltung. Also nehmen wir uns den Depth-Regler vor und bringen die Signale 
der Stereo-Mitte dezent in den Vordergrund, indem wir eine Zehn-Uhr-Stellung auswählen. Das Ergebnis ist ein deutlich präsenteres Klangbild, dass besonders die Querflöte und den Bass – dieser liegt auch in der Stereo-Mitte – in den Vordergrund rückt und insgesamt die räumliche Tiefe etwas verringert. Um der Querflöte noch etwas mehr Platz zu schaffen, senken wir mit Hilfe des Filters die Geigen und Piano-Sounds im Bereich von 300 Hertz ab. Da die Grundtöne der Flöte überwiegend in der zweigestrichenen (523 bis987Hertz) und dreigestrichenen (1046 und 1975 Hertz) Oktave erklingen, setzt sie sich damit zunehmend besser im Klangbild durch. Zum Test der Wirksamkeit des 5014 versuchen wir auch die Querflöte  im Nachhinein aus dem Mix zu verbannen. Dafür stellen wir den Depth-Regler auf Rechtsanschlag. Die Stereo-Mitte rückt in weite Ferne und die Flöte verschwindet zunehmend. Der EQ schafft eine fast vollständige Auslöschung, allerdings führt dieser harte Eingriff zu ungewollten Nebenwirkungen, da alle Mitten-Signale betroffen sind. Das Klangbild wird beispielsweise deutlich dünner, da auch der Bass verschwindet. Gefühlvoll eingesetzt lassen sich aber aufdringliche Soloinstrumente in die zweite Reihe verbannen. 

Als nächstes nehmen wir uns eine Schlagzeug-Subgruppe in einem Mix vor. Die grundlegende Abmischung fertigen wir im Sequenzer an und schicken dann nur die Schlagzeug-Subgruppe an den 5014, um den Sound zu modifizieren. Schon bevor wir das Effekt-Modul aktiviert haben fällt uns der sattere Klang der Aufnahem auf. Deutlich hören wir, dass die Höhen automatisch seidiger erscheinen, die Bass-Drum runder und druckvoller klingt und die hoch gestimmte Snare etwas an Schärfe verliert, ohne dabei an Biß einzubüßen. Ohne alle Signale neu im Stereopanorama anordnen zu müssen, lässt sich über den Width-Regler die optimale Breite festlegen. Dabei ist Vorsicht vor zu weiten Einstellungen geboten, da die stabilie Stereo-Mitte ab einer Stellung des Reglers von zirka ein Uhr verloren geht und damit die Bass-Drum nicht mehr 
sicher geortet werden kann. Auch hier hilft der Depth-Regler für das Sounddesign. Bei sehr naher Einstellung wirkt das Set aggressiv und die Snare steht stark im Vordergrund: sehr interessant für Rock-Produktionen. Drehen wir den Regler auf Rechtsanschlag rücken die Rauminformationen der Schlagzeugaufnahme stark in den Vordergrund und das Set wirkt sehr distanziert und zurückhaltend. Die etwas zu extrem zischenden Overheads bekommen  wir mit dem EQ schnell in den Griff, ohne die Brillanz des Gesamtsound zu beeinträchtigen. Nachdem uns der Schlagzeugsound zusagt, versuchen wir ihn in den bestehenden Mix zu integrieren. Dabei stellen wir fest, dass es für den Gesamt-Mix förderlich ist die Stereobasis der Subgruppe  etwas einzuengen.  

Die Aufnahme des Gitarrenduo ist beim Bändchenmikrofontest der Royer Mikrofone R-121 und R-122 (siehe Test, S. 50) entstanden. Jetzt wollen wir sehen, ob und wie sie sich verbessern lässt. Die Solitude Jazzgitarre übernimmt das Thema, die Lakewood Steelstring-Gitarre die Begleitung des Zigeunerjazz-Klassikers Djangology von Django Reinhardt. Das Ziel ist es die räumlich Anordnung der beiden Instrumente optimal zu gestalten und dabei das Thema in den Vordergrund zu rücken, ohne dabei die Lautstärkenverhältnisse zu verändern. 

Wir rücken die beiden Signale mit Hilfe des Width-Reglers zurecht. Dabei simulieren wir eine räumliche Situation, in der die beiden Musiker auf zwei Stühlen zirka zwei Meter auseinander sitzen. Um den Raumanteil der Aufnahme zu vergrößern und das Gesamtbild trotzdem offen und weit klingen zu lassen, stellen wir den Depth-Regler auf zwölf Uhr. Da sich beide Gitarren im Klangraum entfernt haben, suchen wir mit Hilfe des Equalizers nach einer charakteristischen Frequenz der Jazz Gitarre. Es empfielt sich dabei die Güte auf narrow zu stellen und zunächst die volle Anhebung von 15 Dezibel zu wählen. Jetzt drehen wir den Frequenzregler langsam im Uhrzeigersinn von 240 Hertz an aufwärts. So lässt sich die richtige Frequenz schnell finden und die Melodiestimme rückt automatisch in den Vordergrund. Jetzt regeln wir die Anhebung des Frequenzbereichs zurück, bis sich ein ausgewogenes Verhältnis der beiden Gitarrensignale einstellt, und erweitern zusätzlich die Güte, um den sonst sehr aufdringlichen und hölzernen Sound der Jazzgitarre wieder etwas zu glätten: Klassenziel erreicht.

Da sich der 5014 auch zur Restauration von bereits bestehenden Aufnahmen eignen soll, wollen wir auch das prüfen. Dafür laden wir den miserabel klingende Track Walking On The Moon von Sting in die DAW, der sich auf einer MTV-Unplugged-CD befindet. Beim Test der K+H Monitore O500 (siehe Test, 12/2006) stellten wir einen enervierenden Gesang des Weltstars fest, was sicher nicht am Künstler, sonder an der Abmischung und der Mikrofonwahl lag. Der Versuch den ehemaligen Police Frontmann wieder in Form zu bringen, gelingt weitestgehend. Zaubern kann der 5014 zwar auch nicht aber deutlich wird, dass sich durch  leichte Veränderungen der Stereo Mitte bei gleichzeitigem Einsatz des EQ – leichte Absenkung der scharfen Frequenz mit schmaler Güte – der schrille Gesang deutlich entschärfen lässt. Um die Hauptstimme aber im Bandgefüge nicht unter gehen zu lassen, erweitern wir die Stereo Basisbreite ein wenig und schaffen damit deutlich mehr Platz auf der imaginären Klangbühne. Da der Eigenklang des Portico 5014 noch hinzukommt ist das Ergebnis eine deutliche Verbesserung des Ausgangsmaterials.

Fazit

Klanglich und aufgrund seiner Funktionalität ist der Portico 5014 ein wahrer Spezialist in Sachen akustischer Raumgestaltung. Seine Wirkungsweise ist speziell aber sehr vielseitig einsetzbar und führt zu überzeugenden Ergebnissen. Er hält was der Hersteller verspricht  und ist ein praktisches, musikalische Werkzeug für den Studioalltag, wenn es um Klangoptimierung beim Mischen oder Mastern geht. Stereo Basisbreite und  die räumliche Tiefe 
der Stereo-Mitte können nach belieben angepasst werden und mit dem internen EQ und der Möglichkeit externe Effekte einzuschleifen, sind dem kreativen Sounddesign kaum Grenzen gesetzt. Für rund 1700 Euro bekommt man ein gelungenes Spezialwerkzeug das aufgrund seines Grundklangs und der Vielzahl an gestalterischen Möglichkeiten überzeugt.   

Erschienen in Ausgabe 05/2007

Preisklasse: Spitzenklasse
Preis: 1771 €
Bewertung: sehr gut
Preis/Leistung: sehr gut

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