Intelligentes Lauschwerkzeug

Der finnische Lautsprecher-Hersteller Genelec hat sein professionelles Produkt-Portfolio um ein neues Modell im oberen Preissegment erweitert. Der neue 8351 bewirbt sich als Referenz-Abhöre im Studio und hat intelligentes Rüstzeug für weniger optimale Abhörumgebungen im Gepäck – seien Sie gespannt!

Von Sylvie Frei

Weltweit versuchen Lautsprecher-Hersteller mit unterschiedlichsten Konstruktionsprinzipien dem Ideal eines neutralen Monitors möglichst nahe zu kommen. Voraussetzung ist die aufwändiger Entwicklung hochwertiger Lautsprechersysteme, Gehäuse und Frequenzweichen, sowie einer akkurate Abstimmung der einzelnen Komponenten. Hier treiben die renommierten Hersteller meist großen Aufwand, wählen aber auch unterschiedliche Wege zum Erreichen des hochgesteckten Ziels: geschlossenes Gehäuse, Bassreflex-Systeme, aktiv, passiv, analog, digital. Der finnische Hersteller Genelec hat jüngst sein Produktportfolio um einen neuen Monitor der gehobenen Preisklasse erweitert, der sich als eine solche Studio-Referenz bewerben möchte.
Den brandneuen 8351 hat Genelec als digitalen, aktiven Dreiwege-Bassreflex-Monitor für das Nahfeld konstruiert. Um dem Ideal der punktförmigen Schallquelle möglichst nahe zu kommen, besitzt der Monitor ein koaxiales Hoch/Mittelton-Chassis sowie einen neu entwickelten Tieftöner mit zwei ovalen, symmetrisch zum Koax-Chassis verbauten Membranen, die sich hinter der Schallwand des Monitors verbergen und eine echte Neuinvention darstellen. So soll der Monitor von den Vorzügen der Einpunkt-Schallquelle profitieren, ohne dass dabei der Anschluss des separaten Bass-Chassis Phasenprobleme bei der Übergangsfrequenz bereitet. Angetrieben werden die Chassis von einer 90 Watt Class AB-Endstufe für den Aluminium-Kalotten-Hochtöner, einer 120 Watt Class D-Endstufe für den Mitteltöner sowie einer 150 Watt Class D-Endstufe für den Tieftöner.

Der Testkandidat besitzt wie viele Modelle des Herstellers ein stark verrundetes, fast eiförmiges Aluminium-Druckguss-Gehäuse, immerhin 19 Kilogramm schwer. Dies bringt einige akustische Vorteile mit sich. So sind die Gehäusewände Material-bedingt so steif, dass sie nicht mitschwingen können. Die aufwändige Form besitzt außerdem keine parallele Gehäusewände und vermeidet so stehenden Wellen im Gehäuseinneren, insbesondere im oberen Bass und unteren Mittenbereich. Ein weiterer Vorteil der verrundeten Kanten und Ecken: Sie bewirken ein kontinuierliches und dadurch gleichmäßigeres Abstrahlverhalten, der Schall löst sich besser vom Gehäuse. Einen ähnlichen Effekt hat auch der ausgeprägte Waveguide (DCW = Directivity Control Waveguide), in dem das Koaxial-Hoch/Mittelton-Chassis eingebettet ist.

Trotz des hohen Gewichtes von 19 Kilogramm besitzt der Monitor kompakte Maße und lässt sich sowohl aufrecht als auch liegend positionieren. Anschlussseitig ist bei dem Digitalmonitor für Signale aus beiden Welten vorgesorgt: Es lassen sich via XLR-Kabel sowohl analoge (Line) als auch digitale (AES/EBU) Signalquellen an den Monitor anschließen. Zur Anpassung des 8351 an räumliche Eigenheiten und den persönlichen Hörgeschmack, ist der Monitor mit einer Filterbank von sechs vollparametrischen und vier Shelving-Filtern ausgestattet.

Für den stolzen Preis von 3.330 Euro pro Box (in Anthrazit) beziehungsweise 3.530 Euro (in Weiß) bietet die 8351 ein ganz besonderes Schmankerl: Als Monitor aus Genelecs sogenannter SAM-Reihe (= Smart Active Monitors) ist der 8351 mit einer Technologie ausgestattet, die es ermöglicht, ihn mit Hilfe des Einmess-Tools GLM Set 8300-601 auf den Abhörraum und die exakte Hörposition automatisch abzustimmen, also einzumessen. Eine zentrale Rolle spielt dabei der im Lautsprecher integrierte DSP, der über eine automatisch einstellbare Reihe von digitalen Filtern verfügt. Das Genelec GLM Set 8300-601 bestehend aus USB-Messinterface, Messmikrofon und GLM-Software  schlägt noch einmal mit 520 Euro zu Buche, kann aber auch beim Vertrieb Audio Export oder bei vielen Händlern geliehen werden.

Im ausführlichen Test haben wir den 8351 sowohl mit als auch ohne Einmessung messtechnisch und im Hörtest ausgiebig untersucht

Innovative Chassis-Kombination
Während die Vorteile der koaxialen Einpunktschallquelle, was das gleichmäßigere Abstrahlverhalten, die Phasengenauigkeit und dadurch auch die überlegene Stereo- und Raumabbildung angeht, mittlerweile den meisten Musikern und Produzenten bekannt sein dürften, stellt der schon erwähnte Tieftöner des 8351 eine echte Neuinvention dar. Die beiden ovalen Tieftöner-Membranen befinden sich wie bereits erwähnt hinter der Gehäusewand. Zwei schlitzförmige Schall-Öffnungen (bei aufrechter Monitoraufstellung) oben und unten am Rand der Gehäusefront leiten den Schall der Tieftöner nach außen, sodass keine Übergangsprobleme mit dem zentralen Koaxial-Chassis entstehen. Außerdem addieren sich die beiden synchron arbeitenden Membranen zu einer richtig großen Bassmembran, die quasi die ganze Front des Monitors einnimmt und dementsprechend weit in den Frequenzkeller reicht.

Anschluss- und Einstelloptionen
Die Bassreflexöffnung sitzt übrigens auf der Rückseite des Monitors, wo sich auch sämtliche XLR-Anschlüsse befinden – zwei für analoge Line- und digitale AES/EBU-Eingangs-Signalquellen und einer für ausgehende AES/EBU-Signale. Hinzu kommt eine Schalterleiste für die manuell einstellbaren Filter zur Anpassung an Raum und Aufstellposition plus Drehregler für den jeweiligen Amplitudenwert (welcher Schalter für welches Filter zuständig ist, erklärt die aufgedruckte Grafik auf der Monitorrückseite). Hinzu kommen zwei Netzwerkanschlüsse für Cat5-Kabel. Letztere dienen als Anschluss für das optionale GLM Einmess-Set 8300-601, an das die Monitore per Netzwerk-Kabel via Daisy-Chaining angeschlossen werden.

Digitales Innenleben
Der 8351 ist mit einem DSP ausgestattet, der sowohl die Aufgaben der Frequenzweichen, als auch die Werte der manuellen Filter und die Einmessdaten handelt. Die interne Signalverarbeitung findet mit 96 Kilohertz und 24 Bit statt, es können allerdings auch AES/EBU-Signale mit bis zu 192 Kilohertz verarbeitet werden, die vor der Verarbeitung downgesampelt werden. Analoge Signale werden logischerweise zunächst digital gewandelt, bevor sie die DSP-Filter des 8351 durchlaufen.

Im Stereo-Setup
Dank der sehr gut dämpfenden, clever konstruierten Gummifüße stehen die 19 Kilogramm-Lebendgewicht sicher auf unseren Monitorpodesten. Die Gummifüße lassen sich übrigens auf zwei verschiedene Arten mit den Monitoren verschrauben, sodass sie entweder aufrecht oder horizontal positioniert werden können. Wir entscheiden uns aufgrund der Beschaffenheit unseres Hörraums für eine aufrechte Aufstellung. Um das Genelec-Einmesssystem testen zu können, verkabeln wir die Monitore nicht nur mit unserem Controller, sondern auch über die Netzwerkkabel mit dem Genelec USB-Interface, an dem das im Lieferumfang enthaltene Messmikrofon angeschlossen ist. Nach erfolgreicher Installation der GLM-Einmesssoftware (mehr dazu im Kasten auf Seite 88/89), positionieren wir das Messmikrofon direkt im Sweetspot unseres Hörplatzes und messen die Lautsprecher ein, was schnell und unkompliziert von statten geht – Details siehe Kasten.

Der Messvergleich
Am gleichen Platz wie das Genelec-Messmikrofon positioniert Professional audio-Messingenieur Uli Apel das Messmikrofon und zeichnet die Frequenzgänge des linken Monitors auf – einmal mit und einmal ohne das Einmessprofil. Auf dem Messschrieb ohne Einmessung wird deutlich, dass der akustisch sehr aufwändig optimierte Professional audio-Hörraum dennoch im Bassbereich um 50 Hertz eine kleine Überhöhung aufweist, die man mit dämpfenden Maßnahmen ohne aufwändige Helmholzresonatoren nicht mehr in den Griff bekommen kann. Ansonsten verläuft die Kurve per se relativ ebenmäßig. Vergleichen wir die Kurve nun mit der des eingemessenen Monitors, ist die Bassdominanz um 50 Hertz zwar noch nicht gänzlich verschwunden, jedoch deutlich eingeebnet. Die GLM-Software macht hier einen guten Job.

Sehr überzeugender Höreindruck
Im Hörtest zeigt sich schnell, dass der Genelec 8351 bereits ohne Einmessung hervorragende Klangergebnisse liefert. Die Raumdarstellung sowohl in der Breite als auch in der Tiefe ist absolut plastisch, die Ortung einzelner Signalanteile punktgenau im dreidimensionalen Raum möglich. Dies gelingt in einer solchen Ausprägung nur absolut guten Monitoren. Auffällig: Lautsprecher und Musik erscheinen völlig losgelöst voneinander – wenn wir beim Hören die Augen schließen, vergessen wir fast, dass die Schallquelle ein Stereo-Monitorpaar ist. Bei klassischen Live-Aufnahmen erscheint regelrecht das Orchester vor unserem inneren Auge. Das wird zwar häufig von Lautsprechern behauptet, aber beim 8351 ist es auf spektakuläre Weise der Fall.
Zudem ist der Klang der Genelecs über das gesamte Frequenzspektrum äußerst konsistent, sprich Höhen, Mitten und Bässe klingen gleichermaßen fein aufgelöst, präzise, scharf umrissen und ausbalanciert. Hier scheint sich der Aufwand mit dem Koax-Chassis samt Spezial-Tieftöner-Konstruktion auszuzahlen.
Das Impulsverhalten zeigt sich darüber hinaus bis in die tiefsten Bässe hinunter absolut vorbildlich. Der Bass klingt straff, konturiert, kraftvoll und reicht derart weit in die Tiefe, dass der zusätzliche Einsatz eines Subwoofers überflüssig erscheint. Der 8351 ist definitiv ein echter Fullranger.
Hinsichtlich der Ausgewogenheit des Frequenzgangs zeigt sich der Genelec tendenziell neutral. Beim Hören ohne Einmessung macht sich im tiefsten Bassbereich ein leichtes Dröhnen bemerkbar, das aber lediglich beim absolut tiefsten Ton des Stückes Yulunga der Formation Dead can Dance zum Vorschein kommt und wohl von der Resonanz im Hörraum stammt. Davon abgesehen können wir keinerlei Über- oder Unterbetonungen ausmachen.
Zum Vergleich aktivieren wir nun das per Einmessung erstellte GLM-Profil. Beim erneuten Hören des Dead can Dance-Stückes wird sofort offenbar, dass die Software hervorragende Arbeit geleistet hat. Das Dröhnen im Tiefbass konnte sie spielend eliminieren. Damit steht auch der Faktor „Raum“ dem hervorragenden Gesamt-Klangbild nicht mehr im Wege. Die nachfolgende Hörsession mit unterschiedlichem musikalischem Material und unseren neuesten Testaufnahmen können wir ohne jegliche Ermüdungserscheinungen genießen. Gut abgemischte Musik klingt über die Genelecs fantastisch – unfertige Rohaufnahmen lassen sich akribisch und differenziert analysieren, sodass sich Störgeräusche und andere ungewünschte Elemente schnell enttarnen und eliminieren lassen. Der 8351 entlarvt beim Mischen und Mastern schonungslos – das können nur wirklich gute Monitore.

Insgesamt zeigt sich der 8351 im Test als Spitzenklassemonitor, bei dem der finnische Hersteller alles richtig gemacht hat. Ob eine GLM-Einmessung notwendig ist, kommt auf den Einzelfall an. Schließlich kann der Nutzer auch selbst mit Hilfe der manuell stellbaren Filter die Genelecs an den Raum anpassen. Doch mit der dem Messinterface und der GLM-Software gelingt dies schneller und zudem messtechnisch genau auf die exakte Hör-Position und den Raum abgestimmt. Insofern lohnt sich das Einmessen, besonders wenn der eigene Hörraum etwas zu klein oder ungünstig geschnitten ist.

Fazit
Der Genelec 8351 zeigt sich im Test als Spitzenklasse-Monitor mit dem Zeug zur Studioreferenz. Sein ausgesprochen konsistentes Gesamtklangbild, die hervorragende Stereoabbildung und Tiefenstaffelung können uns im Test auf ganzer Linie überzeugen. Das optional erhältliche Zubehör samt GLM-Software zur Einmessung stellt einen echten Mehrwert das, da es den 8351 auch an eine nicht optimale Abhörumgebung in Windeseile anpassen kann.

Erschienen in Ausgabe 05/2015

Preisklasse: Spitzenklasse
Preis: 3330
Bewertung: sehr gut – überragend
Preis/Leistung: sehr gut

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