Messinstrument

Breitband-Systeme sind die Außenseiter unter den Studiomonitoren. Das 2.1-System The Flow besitzt die analytische Präzision eines Messinstruments und widerlegt gängige Vorurteile. 

Von Harald Wittig

Wer regelmäßig das aktuelle Marktangebot an Studiomonitoren und die Lautsprecher-Tests von Professional audio Magazin verfolgt, weiß: Von Nah- bis Fernfeld, die Mehr-Wege-Systeme dominieren unabhängig vom Preis und Leistung. Abgesehen vom Avantone Mixcube, ein aktiver Lautsprecherwürfel mit nur einem Lautsprecher, der als legitimer Nachfolger der berühmt-berüchtigten passiven Auratone 5C gilt, schafften es in den letzten Jahren kaum neue Ein-Wege-Systeme in die Studios. Das liegt sicherlich daran, dass solche Breitbandlautsprecher immer noch als klanglich unzureichend gelten. Ein einziges Lautsprecherchassis könne, so die verbreitete Meinung, unmöglich das gesamte Spektrum hörbarer Töne verzerrungsfrei übertragen. Schließlich gebe es eben deshalb Mehr-Wege-Systeme. Exoten wie die alten Auratones oder die neuen Avantones seien auch – wenn überhaupt – lediglich als reine Kontrollinstanz zu gebrauchen, um die Mischung auf etwaige Phasenauslöschungen, ihr Stereobild und die Gesamtdarstellung des Mittenspektrums zu überprüfen. Im Übrigen gebe es schließlich noch die Koaxial-Systeme, die gewissermaßen das Beste beider Welten vereinen.
Attila Czirják, seines Zeichens Inhaber und Entwickler des Unternehmens United Minorities aus Breisach in Baden-Württemberg hat entgegen aller momentanen Trends mit seinem Ginko einen Ein-Wege-Lautsprecher entwickelt, der höchsten Qualitätsansprüchen genügen und die Vorurteile ad absurdum führen soll.

Großes Ohrenmerk legt er beispielsweise auf einen sehr linearen Frequenzgang, der auch in den Höhen keinen nennenswerten Pegelabfall aufweisen soll. Ursprünglich allein zum Eigengebrauch als Alternativ-Abhöre entwickelt, entschied sich der gebürtige Ungar, den Ginko in Kleinstserie herzustellen. Offiziell seit Frühjahr 2007 erhältlich und von MH Labs, dem deutschen Metric Halo-Vertrieb, vertrieben, erspielte sich der kleine Passiv-Lautsprecher mit dem markant ausgeformten Gehäuse sowohl bei professionellen Anwendern als auch in Magazintests weit mehr als nur einen Achtungserfolg: So wird dem Ginko unter anderem bescheinigt, dass Räumlichkeit, Mischbalance und tonale Abstimmung im darstellbaren Frequenzbereich des Lautsprechers erstklassig seien. Auch Professional audio Magazin hatte bereits vor gut anderthalb Jahren eine erste Begegnung mit einem Ginko-Pärchen. Die Testredaktion erkannte bei einer Vorführung im redaktionseigenen Studio das Potential der passiven Lautsprecher, wünschte sich gleichwohl – wie übrigens auch zahlreiche Ginko-Kunden – eine passende, sprich hochwertige Verstärkereinheit und eine Tieftonergänzung. Denn Bässe kann das kleine Lautsprecher-Chassis, daraus macht der Entwickler keinen Hehl, systembedingt-physikalisch nicht bieten – unterhalb 100 Hertz ist einfach Schluss.
Attila Czirják hat auf diese Anregungen reagiert und Anfang dieses Jahres, zur Musikmesse in Frankfurt, The Flow präsentiert: Ein komplettes 2.1-System, bestehend aus einem Ginko-Paar, einem Tieftonlautsprecher namens Seismo und der Endstufe/Verstärkereinheit Flow. Hiermit erhält der Anwender nun ein in sich geschlossenes Nahfeld-Lautsprechersystem aus einem Guss mit genauestens aufeinander abgestimmten Einzelkomponenten. Dabei handelt es sich um eine echte Boutique-Anlage, die komplett von Hand gefertigt in der Werkstatt von United Minorities entsteht. Dass es ein solches System nicht zum Budget-Preis geben kann, liegt auf der Hand: 4.200 Euro sind zu investieren, was angesichts der Preise für manch industriell und in großen Stückzahlen gefertigtes High-End-Gerät schon fast wieder günstig erscheint – wenn die Qualität mindestens auf vergleichbarem Niveau ist.

Betrachten wir nacheinander die Komponenten des Systems, beginnend bei den beiden Ginkos. Herzstück des Ein-Wege-Lautsprechers ohne Frequenzweiche ist sein Breitbandchassis mit gerade mal rund zehn Zentimeter Durchmesser. Die Membran ist aus verwindungssteifer Glasfaser, in einem Druckgusskorb gelagert und mit einer Polkernbohrung versehen. Laut Entwickler sei der Ginko im Mitten- und Hochtonbereich den meisten – auch hochwertigen – Zwei-Wege-Systemen ebenbürtig. Das Membran-Material ist nämlich – insoweit vergleichbar mit Carbon oder ähnlichen Werkstoffen – sehr steif und zugfest. In Kombination mit der besonders leichten Schwingspule, ergibt sich eine trägheitsarme Masse, die dem Musiksignal exakt folgen kann. Sie soll folglich also ein hervorragendes Impulsverhalten aufweisen, was unter anderem die präzise Abbildung von Transienten ermöglicht. Lediglich zu den Tiefen hin falle der Frequenzgang ab – übrigens eine typische Eigenschaft aller Breitbandsysteme. Deswegen sind teuere Ein-Wege-Systeme, die in klanglicher Hinsicht auch hohen Ansprüchen genügen sollen, mitunter mit einem speziell konstruierten Basshorn versehen, das für die unteren Frequenzbereiche zuständig ist. Beispielhaft wären in diesem Zusammenhang die Lowther-Systeme zu nennen. Der Frequenzgang des Ginko fällt ausweislich unserer Messungen ab etwa 120 Hertz kontinuierlich ab. Dieser Abfall ist ein Tribut an das kleine Chassis und das sehr kompakte Gehäuse des Lautsprechers. Unabhängig von dem konstruktions- und größenbedingten Tiefenabfall, arbeitet im Ginko noch ein Hochpassfilter mit einer Steilheit von sechs Dezibel pro Oktave. Das Filter beziehungsweise seine Wirkungsweise ist auch auf dem Frequenzgangschrieb, der auf Seite XX abgebildet ist, deutlich zu erkennen. Es soll die Lautsprechermembran vor zu großen und unkontrollierten Auslenkungen bei tiefen Frequenzen bewahren. Gleichwohl wirke sich das Filter nur äußerst geringfügig auf die Phase aus.

Das auffällige, halbelliptisch geformte Gehäuse ist bewusst in geschlossener Bauweise ausgeführt: Der Ginko ist als Nahbereichslautsprecher konzipiert, gerade im Nahfeld erweisen sich aber die sehr gängigen kleinen Bassreflexgehäuse nach Auffassung Czirjáks als äußerst nachteilig. Nahfeld-Monitore in Bass-Reflex-Bauweise sind oft nur minimal größer als die Ginkos, die es auf eine Höhe von gerade mal knapp 20 Zentimeter bringen. Eine solche Ultra-Kompaktbauweise in Verbindung mit einer vergleichsweise tiefen Abstimmung vieler kleiner Mehr-Wege-Bassreflex-Lautsprecher führt zwangsläufig zu sehr kleinen Querschnitten beim Bassreflexrohr, was in Kompression und Verzerrungen resultieren kann. Das geschlossene Ginko-Gehäuse hingegen gewährleiste, so Czirják, eine verzerrungsarme und auch impulstreue Wiedergabe.

Das Gehäuse mit seinem mehrlagigem Birkenmultiplex und der mit Wurzelholz-furnierten Frontplatte ist so aufwändig wie tadellos von Hand gefertigt. Durch seine ausgetüftelte innere Formgebung erreicht es sowohl eine hohe Steifigkeit, als auch eine Dispersion, beziehungsweise Brechung des Schalls, die Innenreflexionen praktisch ausschalten soll. Überhaupt ist die Gehäuseform kein reiner Designgag, sondern folgt in erster Linie akustischen Grundüberlegungen und Erkenntnissen, die Czirják in immerhin 14 Jahren des Lautsprecherbaus gewonnen hat. So dient die ungleichmäßige – halbelliptische – Gehäuseform mit den abgerundeten Kanten der Minimierung von Reflexionen am Gehäuse, welche die Wiedergabe verfälschen können. Dazu trägt auch die Positionierung des Chassis im oberen Teil der Front bei, denn der sich daraus ergebende unterschiedliche Abstand des akustischen Zentrums des Lautsprechers zum Gehäuserand verhindere ein Brechen des Schalls. Schließlich hat die Gehäuseform noch einen weitern nicht zu unterschätzenden Vorteil: Kommt das Ginko-Paar als zusätzliches Nahfeld-System zu den Haupt-Monitoren zum Einsatz, besteht wenig Gefahr, dass die Kleinen, anders als die üblichen Quader, dem abgestrahlten Schall der Midfields im Wege sind.

Allen Breitbandsystemen ist gegenüber Mehr-Weg-Systemen ein höheres Bündelungsmaß zu Eigen, sie strahlen den Schall gerichteter ab. Dies hat den grundsätzlichen Vorteil, dass Schallreflektionen kaum auftreten können und somit die Ortung erleichtert wird. Allerdings erfordern Breitbandlautsprecher damit auch eine sehr viel präzisere Ausrichtung zum Hörplatz. Hier können schon wenige Zentimeter, um die einer der Lautsprecher eines Paares falsch angewinkelt ist, nachteilig sein. Bei den Ginkos beträgt der Öffnungswinkel immerhin circa 60 Grad, eine für diese Konstruktion relativ weite Öffnung. Dennoch empfiehlt es sich, einige Zeit und Sorgfalt auf die Ausrichtung der Ginkos zu verwenden – Breitband bleibt Breitband. Weniger bis gar keine Gedanken muss sich der Anwender dafür hinsichtlich der Mindestdistanz Lautsprecher/Hörplatz machen: Während Mehr-Wege-Systeme hierbei in Abhängigkeit von der Größe sehr anspruchsvoll sein können – die einzelnen Schall- beziehungsweise Frequenzanteile der Chassis müssen schließlich erst am Hörplatz zusammentreffen – entfällt dies bei den Ginkos als Ein-Wege-System. Ob in unmittelbarer Nähe oder etwas weiter weg: Solange der Hörer im Schnittpunkt der beiden Lautsprecher sitzt, kann allenfalls die reine Abhörlautstärke die Analyse des aufgenommen Materials erschweren.

Grundsätzlich sollte der Ginko freistehen – angesichts seiner geringen Größe findet er mühelos sein Plätzchen auf dem Arbeitstisch oder der Meterbridge des Mischpults. Nach unserer Erfahrung darf er auch ohne weiteres in Wandnähe aufgestellt werden, ohne dass die tiefen Frequenzen übermäßig angedickt oder gar matschig klingen. In diesem Fall sorgt die Wand als Begrenzungsfläche für eine Kompensation des Hochpassfilters (siehe oben) um +6 Dezibel pro Fläche. Insoweit wäre dies für alle, die nur über ein Ginko-Pärchen verfügen, eine Aufstell-Experiment wert. Wer das System The Flow hat, benötigt derlei natürlich nicht, denn er hat mit Seismo eine Tieftonergänzung. Widmen wir uns im Folgenden also dem Tieftonlautsprecher des Systems.

Der Seismo entstand nach einer Entwicklungs- und Reifephase von fast zwei Jahren als Antwort auf den häufig geäußerten Wunsch der Ginko-Besitzer nach einer Tieftonerweiterung. Dabei soll der Seismo als Tieftonlautsprecher für alle bestehenden und künftigen Monitore von United Minorities der tieftönenden Erweiterung des Wiedergabespektrums dienen. Unter anderem steht das große Midfield-Abhörsystem „Phonolith“ kurz vor der Serienreife. Damit ist der Seismo ebenfalls kompatibel, weswegen ihn Czirják auch als „universale Tieftonergänzung“ für das Lautsprecher-Angebot seines kleinen Unternehmens bezeichnet.

Wie bei den Ginkos, vertraut der Entwickler – wie übrigens auch Dynaudio bei seinen Subwoofern – mal mehr auf eine geschlossene Bauweise, denn nur diese gewährleiste eine präzise Basswiedergabe, da sie allein die wichtigen Kriterien Phasentreue, Nebengeräuscharmut und saubere Tiefendarstellung ohne Effekthascherei erfüllen könne. Nicht von ungefähr verwehrt sich Czirják gegen die Bezeichung Subwoofer, denn dies sei seiner Meinung nach untrennbar mit tief wummernden Auto-Tiefbasslautsprechern verbunden, die wenig von signaltreuer Basswiedergabe halten.
Der Seismo beziehungsweise sein Gehäuse – wie das der Ginkos aus hochkant verleimten, sorgfältig ausgefrästen Birkenmultiplex-Scheiben mit Wurzelholz-furnierter Frontplatte – hat die Form eines Würfels. Um stehende Wellen im Gehäuseinneren zu vermeiden, sind die Seitenwände als eine sogenannte Diffusor-Matrix ausgeformt. Wie die Aufnahme eines Seismo-Gehäuses ohne Lautsprecher auf Seite XX zeigt, handelt es sich hierbei um fünf Zentimeter dicke Rippen, die den Schall brechen. Die Schichten des Gehäuses werden beim Kleben zusätzlich mit vier M6-Gewindestangen und Niroschrauben verschraubt. Aufgrund dieser aufwändigen Herstellung besitzt der Seismo-Würfel eine sehr steife Gehäusestruktur. Der eigentliche Lautsprecher ist nicht – wie es die Regel ist – nur mit der Frontplatte verschraubt, sondern für besondere Stabilität zusätzlich mit weiteren, insgesamt sechs M6-Gewindestangen durchgehend mit der Gehäuserückseite verschraubt. Somit ist der Seismo in seiner Gesamtheit eine unerschütterliche Einheit.
Der Seismo ist – wie gesagt – als Baustein eines modularen Systems gedacht, deswegen befinden sich auf der Gehäuseoberseite exakt ausgeformte Mulden, die das Stapeln mehrerer Lautsprecher erlauben. Gleichzeitig kann der Benutzer mehrere Seismos durch die Mehrfachanordnung sowohl in der akustischen Leistung als auch in der Ausrichtung der Abstrahlung individuell seinen Bedürfnissen anpassen.
Der Seismo ist, wie die kleinen Ginkos, ein Passiv-Lautsprecher. Aktiv-Lösungen gibt es von United Minorities prinzipiell nicht: Trotz unbestreitbarer Vorteile von Lautsprechern mit integrierten Endstufen, hält Czirják nichts davon, wenn die empfindlichen und durchaus klangentscheidenden elektronischen Bauteile „im Takt der Musik durchgerüttelt werden“. Etwas weniger salopp ausgedrückt: Elektromechanische Wechselwirkungen zwischen Elektronik und Lautsprecher, wie beispielsweise Mikrofonie der Bauteile durch Vibrationen oder unerwünschte Interaktion bei der Veränderung der Magnetfelder, sei damit ausgeschlossen. Der Seismo wird bei Einzelbestellung allerdings künftig mit maßgeschneiderten, externen Verstärkereinheiten einschließlich passenden Kabel ausgeliefert: Es wird zwei Verstärker-Module geben, mit denen sich jeweils zwei Seismos betreiben lassen. Ein rein analoges Modul bringt es auf zweimal 200 Watt Leistung, während das Digital-Modul üppige zweimal 750 Watt Leistung liefert.

Wer sich gleich für das System The Flow entscheidet, muss sich um die Anschaffung  standesgemäßer Endstufen keine Gedanken machen: Mit Flow – die Bezeichung spielt auf den Begriff Workflow an – befindet sich eine passgenaue Endstufen-Einheit im Gesamtpaket, das dieses zu einer homogenen Einheit oder einem in sich geschlossenen System mache. Die Gesamtleistung der drei Endstufen beträgt üppig dimensionierte 400 Watt an vier Ohm (siehe genauer den Steckbrief auf Seite XX), wobei es sich um ein rein analoges dreifach Mehrdrahtsystem handelt. Hinter dem Begriff „Mehrdrahtsystem“ verbirgt sich eine konstruktive Besonderheit dieses Verstärkers: Über Vier-Adersysteme von der Endstufe bis zu den Chassis – also der beiden Ginkos und des Seismo – wird das sogenannte negative Rückkopplungs-Signal nicht wie gemeinhin üblich im Verstärker, sondern direkt im Lautsprecher, genauer gesagt in dessen Treiberspule, abgenommen. Insoweit bilden Lautsprecher und Verstärker eine Einheit. Daraus resultiert ein besonders hoher Dämpfungsfaktor, im Falle von The Flow sinnigerweise „System-Dämpfungsfaktor“ genannt: Durch diese eigenwillige und übrigens auch aufwändige Konstruktion seien Verluste in der Übertragungskette minimiert, da im Falle von The Flow stets die ganze Kette kontrolliert wird. Anschlussseitig hat Flow neben den beiden XLR-Eingangsbuchsen zum Anschluss beispielsweise an einen Monitoring-Controller, drei Speakon-Buchsen für die Ginkos und den Seismo – alle jeweils mit Verriegelung. Die entsprechenden, drei Meter langen Kabel gehören zum Lieferumfang. Auf Cinch- oder Combo-Buchsen hat Czirják bewusst verzichtet, da diese nicht zum professionellen Anspruch des  Systems passen.
An Regelmöglichkeiten bietet die Verstärkereinheit des Test-Sets einen Gain-Regler zur stufenlosen Regelung der Gesamtlautstärke und einen vergleichbaren Regler für den Pegel des Tieftöners. Letzterer dient gleichzeitig auch zum Stummschalten des Seismo: Ein Druck genügt und eine weiße, sehr dezent glimmende LED signalisiert die aktive Mute-Funktion. Bei der Testendstufe handelt es sich übrigens um das letzte Exemplar der Erstauflage. Künftig wird es einen überarbeiteten Flow geben. Bei gleicher Schaltung und Klangeigenschaften ersetzt ein Schalter für die Lautstärkeanpassung, mit wahlweise –10 oder +4 Dezibel Ausgangspegel, den Gain-Regler. Diese Maßnahme dient nicht zuletzt auch dem Schutz der Ginkos. Denn auch bei der alten Verstärkereinheit sollte der Gain-Regler maximal auf etwa Ein-Uhr stehen. Anderenfalls können die Lautsprecher Schaden nehmen, in jedem Fall werden die Chassis allzu schnell an ihre Belastungsgrenze getrieben, was sich hörbar in Verzerrungen äußert. Darüber hinaus wird beim neuen Flow das Platinen-Layout im elektronischen Innenleben der Endstufe in der zweiten Version auf einer Platine, statt wie bisher auf dreien realisiert werden. Das Ein-Platinen-Layout soll den Dämpfungsfaktor noch einmal erhöhen und Nebengeräusche noch weiter absenken. Schließlich wird das Gehäuse für eine bessere Wärmeabfuhr – die Test-Endstufe agiert insoweit wie eine kleine Standheizung – und um Einstreuungen des Trafos zu minimieren, um etwa vier Zentimeter verlängert sein.

Als kleiner Vorgriff auf den finalen Hörtest, ist klar festzustellen, dass die Ginkos und der Seismo mit dem Testgerät eine angemessene Verstärkereinheit bekommen haben, die ihrem Potenzial gerecht wird. Wer sich für die Ginkos alleine interessiert, sollte auf keinen Fall bei den Endstufen sparen und ist gut beraten, wenn er zu Attila Czirjáks Eigenkreation greift. Spannend – auch für Professional audio Magazin – wäre natürlich zu wissen, ob die überarbeitete Endstufe in klanglicher Hinsicht noch eine Verbesserung bringen wird. Sobald die neuen Flows serienreif sind, werden wir zu gegebener Zeit nachlegen.

Bevor es ans Hören geht, betrachten wir kurz den vom Messlabor ermittelten Frequenzgang der Ginkos: Ab 200 Hertz weist die Kurve einen steten, aber sehr gleichmäßigen Anstieg bis hinauf zu fünf Kilohertz, mit einer kleinen Senke bei zwei Kilohertz auf. Oberhalb zehn Kilohertz erfolgt dann ein leichter Abfall. Unterhalb 120 Hertz fällt die Messkurve, wie schon oben beschrieben sehr gleichmäßig, mit sechs Dezibel pro Oktave ab. Der den Lautsprechern beigelegten Frequenzgangschrieb des Herstellers ist übrigens deckungsgleich mit unserer Messkurve. Außerdem unterscheiden sich die beiden Ginkos messtechnisch nicht und bilden somit ein perfektes Pärchen.

Das erste Hören mit The Flow – mit 1-Uhr-Stellung des Gain- und Bassreglers am Verstärker – beschert den Testern eine recht ernüchternde Hörerfahrung: Weit davon entfernt, grandios und imposant oder gar schön zu klingen, offenbart dieses System gnadenlos Phasenauslöschungen, Verdeckungseffekte und sonstige Mischfehler. Da fällt auch schon mal die eine oder andere Industrie-Produktion durch – immer dann, wenn es sich um Aufnahmen mit unzähligen Spuren und jeder Menge Samples handelt. Auch das Anhören eines eigenen Arrangements, seinerzeit beim Test des Focusrite ISA828 (Ausgabe 2/2008) entstanden, sorgt für eine metaphorische kalte Dusche: Hier zeigt sich ganz eindeutig, dass das Doppeln oder Trippeln von Instrumentalspuren nicht immer zu mehr Klang führt. Gerade bei exaktem Spiel gibt es nun mal Phasenauslöschungen, was sich in mehr oder weniger großen Löchern im Gesamtklang, sprich beim Zusammenfassen in der Summe beziehungsweise beim Downmix nachhörbar bemerkbar macht. Schon alleine, also ohne den Seismo, behaupten sich die Ginkos als Präzisionsinstrumente, um die Monokompatibilität einer Mischung zu überprüfen. Es stellt sich jedenfalls schon nach verhältnismäßig kurzer Zeit heraus, dass die Aktivierung des Phasenumkehrschalters bei einigen Spuren und das schlichte Muten zweier zusätzlicher, musikalisch aber überflüssiger Spuren, Wunder wirkt. Das Arrangement gewinnt wieder an Geschlossenheit. Wirkte das Klangbild zuvor wenig homogen und leicht zerfallen, ist die Mischung nunmehr sehr viel geschlossener und fällt nicht mehr auseinander. Mit diesen Lautsprechern lässt sich sehr gut nach Gehör arbeiten, denn die Ginkos teilen klipp und klar mit – eine gewisse Misch-Erfahrung vorausgesetzt –, wo die Problemzonen im Arrangement sind. Anders ausgedrückt: Diese kleinen Lautsprecher sind akustische Korrelationsmesser. Wenn Sie beispielsweise mit Hall oder Delay als Insert-Effekt aufnehmen wollen oder diese später dem trockenen Signal hinzufügen, belehren die Lautsprecher gnadenlos über Phasenverschiebungen. Gleichzeitig ist die Abbildung des Stereo-Panoramas vorzüglich. Eine so millimetergenaue Darstellung der Schallereignisse auf der horizontalen Ebene haben wir bisher allenfalls näherungsweise bei Spitzen-Koaxial-Systemen erlebt. Die Ginkos setzen noch ein Schippchen oben drauf, weswegen es ein Leichtes ist, Schallquellen beim Mischen im Klangraum zu positionieren. Auch die Raumdarstellung in der Tiefe ist auf vergleichbar hohem Niveau und die Phantommitte ist klar konturiert: Auch unerfahrenen Hörer macht es zum Beispiel keinerlei Schwierigkeiten, mit dem Finger auf die Lead-Stimme zu deuten. Denn diese erklingt, wie festgenagelt um vorgesehenen Platz.
Anders als einfache Breitbandsysteme, die wenig linear und ausgesprochen mittenverliebt klingen, ist den Ginkos eine hohe tonale Ausgewogenheit im darstellbaren Frequenzbereich zu bescheinigen. Vor allem zwischen 100 und fünf Kilohertz klingen die Kleinen sehr ausgewogen. Eine besondere Vorliebe für die oberen Mitten ab einem Kilohertz, dem sogenannten Präsenzbereich, haben sie nicht. Stattdessen ist Neutralität oberstes Gebot – zumindest im genannten Bereich. Das ist in jedem Fall zu begrüßen, denn damit liegt der Griff zum Klangsteller (Equalizer) fern. Anders ausgedrückt: Stimmen alle Aufnahmeparameter, wie die optimale Mikrofonposition und ist bestmöglich eingepegelt worden, stimmt die Basis – es klingt einfach gut. Der Einsatz von Effektgeräten dient dann nur noch dem Klangdesign – die entsprechenden Wirkungen stellen die Ginkos ehrlich und präzise dar. Lediglich im Höhenbereich sind die Ginkos ein wenig zurückhaltend. Das liegt nicht allein an einem kleinen Abfall des Hochtonpegels in der Größenordnung von zwei bis drei Dezibel oberhalb zehn Kilohertz: Die Höhenauflösung liegt – zumindest im Vergleich zu Hochtonspezialisten wie den KRK Exposé mit ihrem Beryllium-Hochtöner – auf durchaus gutem, nicht aber auf Spitzenniveau. Damit lässt sich gleichwohl leben und arbeiten, zumal die Ginkos bei der Darstellung des wichtigen Mittenbereichs, wo sich bekanntlich die meisten Schallereignisse zusammendrängen, souverän sind.
Souverän ist auch ihr Impulsverhalten, was sich vor allem bei Transienten auszahlt: Ob der harte Anstoß auf einer Trompete, der Bogenstrich eines Violinisten oder der Plektrum-Anschlags-Peak bei einem Akustikgitarren-Solo – immer ist die Wiedergabe sehr sauber, präzise und das Lautsprecher-Chassis hat keine Mühe, dem schnellen Hochtonimpuls zu folgen. Bässe im eigentlichen, also tieffrequenten Sinn, können die Ginkos nicht darstellen. Doch dafür gibt es schließlich den Seismo. Dieser fügt sich bestens ein und fällt eigentlich erst auf, wenn das Material Bässe enthält. Die eigentliche Basswiedergabe ist geprägt von Klarheit und Trockenheit. Ein künstliches Andicken und Aufblasen der Bässe ist des Basswürfels Sache nicht. Ob Bass-Drum-Impulse, zum Beispiel von der 40-Zoll Orchester Trommel der FXpansion Library B.O.M.B (Test in Ausgabe 8/2008), geslappte Noten auf Kontra- und E-Bass oder auch knallharte Elektrobässe: Das sehr gute Impulsverhalten der Ginkos findet beim Seismo seine tieftönende Entsprechung. Durch die Erschließung des Bassbereichs – namentlich der Ober- und Tiefbässe – macht The Flow auch als alleinige Abhöre eine gute Figur. Die Ginkos alleine gehört besitzen eher die – allerdings besonders hohe – Qualifikation als Zweit-Abhöre, da sie sich, wie zuvor beschrieben, als unbestechliches Messinstrument bei kritischen Arrangements und Aufnahmen bewähren. In gewisser Weise dienen sie auch als Kontrollinstanz, ob die eigenen Klang-Skulpturen auch auf dem Ghettoblaster funktionieren, ohne das erst eine Test-CD gebrannt werden müsste. Die Gewöhnungszeit an dieses System fällt nach unseren Erfahrungen sehr kurz aus. Das Abhören ist, sofern der Benutzer der Verführung widersteht, den Verstärker voll aufzudrehen, stressfrei und über viele Stunden möglich. Da die Ginkos als reinrassige Nahfeld-Spezialisten ohnehin in unmittelbarer Nähe zum Hörplatz Aufstellung finden werden, ist die Gefahr gering, dass die kleinen Lautsprecher an ihre Belastungsgrenze getrieben werden.

Fazit

Mit The Flow hat Attila Czirják eine 2.1-Abhöranlage entwickelt und gefertigt, die ein echtes Profiwerkzeug mit der Präzision eines Messinstruments darstellt. Ob als Alternativ- oder Zweitabhöre im Studio oder als alleinige Abhöranlage für kleinere Projektstudios – mit diesem System lässt sich hervorragend arbeiten. Eine nachhaltige Empfehlung für jeden, der sich keine Mischfehler leisten kann oder will.

Erschienen in Ausgabe 09/2008

Preisklasse: Spitzenklasse
Preis: 4200 €
Bewertung: sehr gut
Preis/Leistung: gut – sehr gut

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