E-Pianos Marke Eigenbau

Die Physical Modelling Technologie ermöglicht es, reale Instrumente virtuell im Computer nachzubauen. Ein bekannter Vertreter dieser Gattung ist Lounge Lizard EP-3 aus dem Hause Applied Acoustics Systems. Wir haben den Nachbau klassischer E-Pianos für Sie getestet.

Von Dr. Andreas Polk 

Lounge Lizard ist ein virtuelles E-Piano und bildet die Instrumente der Serien Fender Rhodes und Wurlitzer nach. Der Sound beruht auf der computerunterstützten Nachbildung der einzelnen Klangkomponenten der realen Vorbilder, was weitgehende Eingriffsmöglichkeiten in die Klanggestaltung erlaubt. Alle Töne werden in Echtzeit berechnet, Samples werden nicht verwendet.

Ein Vorteil der Physical Modelling Technologie besteht darin, bereits auf Ebene der Klangerzeugung grundlegend in den Sound eingreifen zu können. Verschiedene Stimmungen des Instruments lassen sich ebenso nachvollziehen wie aufwändige Modifizierungen. Gerade beim Nachbau der klassischen E-Pianos der Marken Rhodes und Wurlitzer spielt dies eine besondere Rolle, denn jedes Instrument hat seinen eigenen Klangcharakter, der sich Attributen wie „dreckig“, „glockig“ oder „weich“ zuordnen lässt. Selbst zwei Instrumente der selben Baureihe klingen nie genau gleich, und nicht selten war der Grundsound eines speziell eingestellten E-Pianos charakteristisch für den Sound eines Songs oder einer ganzen Band.

Der grundlegende Klang eines E-Pianos wird im Wesentlichen durch die Feinabstimmung von Hammer, Stimmgabel, Dämpfer und Abnehmer bestimmt. Mit Hilfe der Physical Modelling Technologie bildet Lounge Lizard diese Komponenten virtuell ab. Der Benutzer erhält Zugriff auf viele klangbildende Elemente und wird in die Lage versetzt, bereits den Basissound des Instruments frei zu gestalten. Virtuelle Instrumente auf Samplingbasis erlauben dies höchstens in eingeschränktem Rahmen, da der Grundsound bereits wesentlich durch den Klangcharakter des gesampelten Vorbilds geprägt wird.

Physical Modelling-Instrumente gehen schonender mit Festplatte und Arbeitspeicher um als gesampelte Instrumente, benötigen aber mehr Rechenkapazität. So belegt Lounge Lizard nur zwölf Megabyte auf der Festplatte, der Arbeitsspeicher wird also durch das Instrument kaum belastet. Zudem gehen Preset-Wechsel rasch von der Hand, Samples sind nicht nachzuladen. Durch die Echtzeitberechnung der Klänge ist die CPU-Last deutlich höher als bei Instrumenten auf Samplingbasis. Dies macht sich auch in einer eher geringen Anzahl gleichzeitig spielbarer Stimmen bemerkbar. Lounge Lizard ist nur 32fach polyphon, was aber für die meisten Spielsituationen ausreichend ist.

Nach der Installation und Eingabe des Challenge-Response Codes ist das Instrument sofort einsatzbereit. Dank der zahlreichen aussagekräftig benannten Presets finden sich auch Musiker schnell zurecht, die „nur“ klassische E-Piano-Sounds suchen und das Instrument spielen möchten, ohne in die tieferen Gefilde der Klangerzeugung einzusteigen. Lounge Lizard bietet aber auch dafür reichlich Gelegenheit.

Grundsätzlich entsteht der Sound eines E-Pianos mit Hilfe einer Stimmgabel, die von einem Hammer in Schwingung versetzt wird. Ein Tonabnehmer wandelt die mechanische Schwingung in elektrische Signale um, die dann der Effektsektion und einem Verstärker zugeführt werden.

Lounge Lizard bildet diese Komponenten im Detail ab. Die Sektion „Mallet“ (engl., „Hammer“) repräsentiert die physikalischen Eigenschaften des Hammers. Der Grad der Steifigkeit des Hammers beeinflusst die Färbung des Klangs. Eine hohe Steifigkeit führt zu metallischen und attackreicheren Sounds, eine geringe Steifigkeit assoziieren wir als lieblich, weich und warm. Zusätzlich können wir den Geräuschanteil zumischen, der beim Anschlagen des Hammers auf die Stimmgabel entsteht. Ein hoher Geräuschanteil führt zu einem deutlich vernehmbaren Klacken beim Anschlag der Taste, das Instrument klingt insgesamt roher. Allein mit den Parametern der Mallet-Sektion ist es möglich, die Grundstimmung des Instruments zwischen warm und unaufdringlich sowie aggressiv und roh abzustimmen.

 


Beim Fender Rhodes schlägt der Hammer eine zweiteilige Stimmgabel an, die aus einem dünnen Stab („tine“) und einem dickeren Stimmstab („tonebar“) besteht. Tonebar und Tine stehen in einem bestimmten Schwingungsverhältnis zueinander. Der Stimmstab ist maßgeblich für die tieffrequenten Tonanteile des E-Pianos zuständig, die Tine fügt dem Klang Obertöne hinzu. Lounge Lizard erlaubt es, Lautstärke und Abklingzeit für beide Komponenten individuell einzustellen. Die angeschlagene Taste bestimmt die Tonhöhe des Stimmstabs, die Klangcharakteristik der Tine lässt sich zusätzlich mit Hilfe des Parameters „tine color“ beeinflussen. So werden wahlweise die tiefen oder hohen Obertöne des Spektrums betont. Abhängig von der Justierung der Stimmgabel-Elemente klingt das Instrument voll und tiefenbetont oder eher luftig und etwas disharmonischer.

Die Dämpfer-Sektion („Damper“) vervollständigt die Klangerzeugung, bevor das Signal über den Tonabnehmer an die Effektsektion geleitet wird. Sowohl das Anschlagen als auch das Loslassen einer Taste erzeugen Geräusche, die entstehen, wenn der Dämpfer die Tongabel freigibt beziehungsweise wieder dämpft. Lounge Lizard kann den Anteil dieser Geräusche zum Gesangklang hinzumischen, die Färbung lässt sich frei bestimmen. Auf Wunsch kann das Programm die Attack- und Release-Sounds auch ganz ausschalten.

Der Tonabnehmer wandelt die physikalische Schwingung der Stimmgabel in ein elektrisches Signal um. Der Testkandidat verfügt über zwei Modelle, die die Abnehmersysteme von Fender Rhodes und Wurlitzer nachbilden. Den Klang des Instruments bestimmt nicht nur der Typ des Tonabnehmers, sondern auch die Position der Tine zum Tonabnehmer. Liegt die Tine in vertikaler Sicht direkt vor dem Tonabnehmer, entsteht ein obertonreicher Klang. Je weiter sich Tine nach oben oder unten bewegt, nimmt der Anteil der Obertöne ab. Auch der Abstand der Stimmgabel zum Tonabnehmer spielt eine Rolle: Eine Verzerrung wird um so deutlicher wahrnehmbar, je dichter sich die Tine vor dem Tonabnehmer befindet. Das Ausmaß der Verzerrung des Abnehmers lässt sich zudem durch die Signalstärke des eingehenden Signals bestimmen. Je stärker es ist, desto höher fällt die Verzerrung aus.

Mit Hilfe der beschriebenen Parameter können wir bereits auf der Ebene der Klangerzeugung eine Vielfalt gängiger E-Piano-Sounds realisieren. Die Palette reicht von lieblichen und schmeichelnden Klängen bis hin zu aggressiven, obertonreichen und verzerrten E-Piano-Sounds, die den Hörer direkt anspringen. Die Qualitäten des Instruments sind aber nicht nur auf die klassischen Rhodes- und Wurlitzer-Sounds beschränkt, perkussive und orgelähnliche Klänge lassen sich ebenso realisieren. In Kombination mit der Effektsektion kann man auch interessante Spezialeffekte erzeugen.

Lounge Lizard erfordert allerdings ein wenig Einarbeitungszeit, was durchaus für die Flexibilität des virtuellen Nachbaus spricht. Dank der gut ausgewählten und stimmig bezeichneten Presets („Mellow“, „Old School Mk II“, „Tinefull“, „Dreamer“ etc.) und dank der guten Einführung in die Klangerzeugung mit Hilfe der „Guided Tour“ finden sich auch Neulinge rasch zurecht. Positiv fällt ins Gewicht, dass bei Parameteränderungen keine Knackser oder Störgeräusche auftreten.

Das Programm rundet die Klangerzeugung mit einem Equalizer- und den für Rhodes und Wurlitzer typischen Tremolo-Effekt ab. Der Equalizer verfügt über drei Bänder mit Low Shelf, High Shelf und Peak-Charakteristik. Der Tremolo-Effekt bietet Dreieck- und Sinus-Modulation und Stereobetrieb. In diesem Falle wandelt das Signal phasenverkehrt zwischen linkem und rechtem Kanal hin und her, der Klang erhält deutlich mehr Raum.

Der Tremolo-Effekt lässt sich – ebenso wie alle anderen Effekte – auf Wunsch zum internen Tempo von Lounge Lizard oder zum Tempo des Host-Sequenzers synchronisieren. Dieses Tempo dient als Referenzwert, alle Effekte synchronisieren sich individuell gemäß der jeweils eingestellten musikalischen Zählzeit. Im Live-Einsatz und im Stand-Alone-Betrieb zahlt sich aus, dass sich das Tempo per MIDI-Controller eintappen lässt. Die intuitive Synchronisation aller Effekte ohne Rückgriff auf die Maus ist damit spielend möglich.

Die Effektsektion bietet zwei frei belegbare Slots, die wahlweise hintereinander oder parallel geschaltet sind. Mit Chorus, Flanger, Vibrato, Phaser, Distortion, Wah-Wah, Notch Filter und verschiedenen Delays stehen alle E-Piano-üblichen Kandidaten zur Verfügung. Am Ende der Effektkette erwartet das Signal ein optional zuschaltbarer Hall, der über verschiedene Raumtypen verfügt. Die Effekte klingen überzeugend und passen gut zu den E-Piano-typischen Sounds. Flanger und Chorus lassen sich zudem wahlweise als Mono- oder Stereo-Effekt einbinden. Positiv fällt ins Gewicht, dass die Klangerzeugung des Instruments in Kombination mit den Effekten auch eingesetzt werden kann, um sich vom Klangideal des klassischen E-Pianos bewusst zu entfernen. Effektsounds sind so ebenso möglich wie eher an Orgeln oder Windspielen orientierte Klänge.

Jeder Effekt bietet drei Parameter und eine individuelle Synchronisation zum Tempo. In vielen Situationen ist dies ausreichend, vereinzelt wären aber detaillierte Editiermöglichkeiten wünschenswert. So ist beispielsweise die Filterbreite des Wah-Wah-Effektes fest vorgegeben, und nicht alle Delays erlauben die Möglichkeit, das Signal gefiltert zurückzuführen. Aufwändige Effekte aus verschiedenen Delay-Stufen, die beispielsweise binäre und triolische Delay-Linien kombinieren, lassen sich zudem nur durch Parallelschaltung zweier Ping-Pong-Delays realisieren. Damit sind dann aber beide Effektslots belegt, eine höhere Anzahl Effektslots wäre mithin wünschenswert.

Änderungen der Effektparameter wirken sich unmittelbar auf den Sound aus. Negativ fallen hier und da kleinere Knackser und Aussetzer bei einigen Parameteränderungen ins Gewicht, die allerdings nur bei bestimmten Effektalgorithmen auftreten und vorhersehbar sind. Insgesamt lassen sich die Effekte intuitiv editieren, das Spielen mit dem Instrument macht einfach Spaß. Die Anwahl eines Effektes beeinflusst mitunter die Gesamtlautstärke des Instruments deutlich. Dies ist nicht besonders Ohren schonend und kann insbesondere im Live-Einsatz stören. Ein zuschaltbarer Kompressor, der hinter der Effektsektion liegt, würde dem Instrument nach unserer Ansicht gut tun. Wird Lounge Lizard zudem für experimentelle Sounds eingesetzt, die auf extremen Parametereinstellungen in der Klangerzeugung beruhen, kann auch die Lautstärkeverteilung über den gesamten Tastaturumfang hinweg uneinheitlich ausfallen. Ein Kompressor vor der Effektsektion könnte auch hier Abhilfe schaffen.

Der Testkandidat überzeugt durch gute Spielbarkeit und einen hervorragenden Klang. Das Velocity-Verhalten des Instruments lässt sich an das verwendete Masterkeyboard anpassen, in den Tests war ein Finetuning aber nur selten nötig. Die Presets sind hervorragend aufeinander abgestimmt und bieten ein hohes Maß an Spielgefühl. Der Sound ist authentisch, druckvoll und durchsetzungsfähig. Ein Wettbewerber ist das in Ausgabe 7/2007 getestete Elektrik Piano von Native Instruments. Lounge Lizard klingt vielleicht ein wenig undifferenzierter, die Unterschiede sind aber nur minimal und fallen kaum ins Gewicht. Beide Instrumente haben uns klanglich absolut überzeugt.

Das Preset-Handling und MIDI-Mapping löst Lounge Lizard vorbildlich. Presets lassen sich speichern und mit anderen Nutzern über das Internet austauschen. Applied Acoustics Systems stellt auf ihrer Homepage zahlreiche weitere Klänge zur Verfügung. Zudem lässt sich die gesamte Preset-Library per Knopfdruck in ihren Auslieferungszustand zurücksetzen. Die automatische Backup-Funktion stellt dabei sicher, dass eigene Presets nicht versehentlich verloren gehen.

Auch das MIDI-Mapping überzeugt. Jeder Regler lässt sich beliebigen MIDI-Controllern zuweisen, Mehrfachzuweisungen sind auch mit umgekehrten Vorzeichen möglich. Das Mapping lässt sich zudem in MIDI-Presets speichern und mit anderen Anwendern austauschen. Leider konnten wir auf der Homepage des Herstellers keine vorgefertigten MIDI-Presets finden, so dass wir alle Anpassungen eigenhändig vornehmen müssen. Lounge Lizards Wave-Recorder funktionierte in der getesteten Version 3.1 allerdings nicht. Er soll als einfaches Notizbuch dienen, eine Loop-Funktion oder Mehrspuraufnahmen bietet er nicht. Applied Acoustics Systems hat bereits Abhilfe angekündigt, zum Redaktionsschluss lag jedoch noch kein Update vor.

Fazit

Lounge Lizard klingt hervorragend und überzeugt durch gute Spielbarkeit. Im Vergleich bietet das in Ausgabe 7/2007 getestete Elektrik Piano von Native Instruments eine deutlich höhere Stimmenzahl und punktet mit der Integration eines Hohner Clavinets, dessen Sound Lounge Lizard bisher nicht nachbildet. Lounge Lizard bietet dagegen wesentlich ausgefeiltere klangliche Eingriffsmöglichkeiten, ein insgesamt überzeugenderes Bedienkonzept und die flexiblere Effektsektion. Die zahlreichen und aussagekräftig benannten Presets sprechen auch Musiker an, die ansonsten eher wenig Interesse am Finetuning des Instruments haben. Wer grundlegend in die Klanggestaltung von Rhodes und Wurlitzer eingreifen möchte, kommt an Lounge Lizard ohnehin nicht vorbei. Uns ist keine Alternative bekannt, die ähnlich flexibel arbeitet.

Erschienen in Ausgabe 10/2007

Preisklasse: Oberklasse
Preis: 249 €
Bewertung: sehr gut
Preis/Leistung: gut

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