Virtuelle Tastenklassiker

Gute Vintage-Pianos braucht jedes Studio. Native Instruments Elektrik Piano bringt die Sounds der Klassiker in den Computer.  

Von Dr. Andreas Polk

Elektrik Piano umfasst vier Instrumente. Neben einem Fender Rhodes Mark I und Mark II sowie einem Wurlitzer A200 befindet sich auch ein Hohner Clavinet E7 im Lieferumfang. Damit setzt sich Native Instruments von den Mitbewerbern ab, denn ein Hohner Clavinet ist sonst eher selten zu finden.

Das Anspielen der Sounds weckt sofort Assoziationen mit Stil prägenden Klängen und Interpreten: Die Rhodes-Sounds sind Klassiker schlechthin und aus der Musikgeschichte kaum mehr wegzudenken. Die Palette reicht von Jazz- und Funkgrößen wie Herbie Hancock und George Duke bis hin zur aktuellen Lounge Music und Pop-Produktionen. Das Wurlitzer A200 hat unter anderem den Sound von Supertramp maßgeblich mitgeprägt, und beim Hohner Clavinet kommt uns sofort Stevie Wonders „Superstition“ in den Sinn. Dort wurde zwar ein Hohner Clavinet D6 eingesetzt, das im Elektrik Piano enthaltene Modell E7 klingt aber sehr ähnlich.

Die gesamte Library ist 1,8 GB groß, jedes einzelne Instrument umfasst 200 bis 700 MByte an Daten. Elektrik Piano lädt immer nur einen Teil des Instruments in den Speicher und belastet den Hauptspeicher nur minimal. Schlagen wir eine Taste an, werden die notwendigen Samples in Echtzeit nachgeladen. Dieses Direct-From-Disk genannte Verfahren basiert auf der Kontakt-Technologie, einem Sampler aus dem selben Hause. Das Disk-Streaming arbeitet in den Tests absolut reibungslos, wir konnten keine Knackser oder Aussetzer feststellen. Ein Instrument belegt dank dieser Technologie nur 20 bis 30 MByte des Hauptspeichers.

Zudem stehen alternativ für jedes Instrument abgespeckte Versionen bereit, die mit 5-10 MByte einen Bruchteil des Speichers in Anspruch nehmen und sich deutlich schneller laden lassen. Diese „Essential Instruments“ eignen sich besonders für den Live-Einsatz, wo durchaus auf das letzte Quäntchen Klangqualität zugunsten einer verkürzten Ladezeit und dem schnellen Zugriff auf die einzelnen Klänge verzichtet werden kann.

Zu jedem Instrument gehören ca. 30 Presets, die den Grundsound mit verschiedenen Effekten kombinieren. Die Effekte sind fest verkabelt, es ist nicht möglich, eigene Effektpresets zu erstellen und das Instrument den individuellen Wünschen anzupassen. Wir sind damit auf die klanglichen Vorgaben von Native Instruments angewiesen.

Über vier Drehregler nehmen wir Einfluss auf die wichtigsten Effektparameter eines Presets. Die feste Vorgabe von vier Parametern macht sich besonders bei Effektkombinationen negativ bemerkbar, wo wir zum Teil wichtige Editiermöglichkeiten vermissen. So lässt sich beispielsweise in den Presets mit der Effektkombination aus Delay, Chorus und Flanger die Delayzeit nicht einstellen. Ebenso fehlt eine Möglichkeit, in den Presets aus Delay und Kompressor Einfluss auf den Hallanteil zu nehmen, der ebenfalls in den Signalen enthalten ist.

Wir können die Effektparameter über externe MIDI-Controller fernsteuern, die Zuweisung der Bedienelemente zu den MIDI-Controllernummern ist fest vorgegeben. Das ist für frei programmierbare MIDI-Controller nicht weiter problematisch, nicht jede Hardware bietet aber diese Möglichkeit. Einige Klangparameter würden wir zudem am liebsten über ein Modulationsrad oder Expressionpedal bedienen, beispielsweise die Filterfrequenz bei einem Eqalizer, um einen Wah-Wah ähnlichen Effekt zu erzielen. Mit der festen Zuweisung bleibt uns dies aber verwehrt, es sei denn, wir wenden den im Kasten dargestellten Trick an. Eine freie Zuweisung der Controllernummern würde die Arbeit hier doch erleichtern.

In den Tests fielen uns deutlich hörbare Knackser auf, die das Drehen einiger Effektparameter verursacht. Dies ist insbesondere im Live-Einsatz störend, Native Instruments sollte hier noch nachbessern. Bei der Integration ins Studio fällt ins Gewicht, dass sich das Instrument nicht mit dem Host-Sequenzer synchronisieren lässt, Delays und Phaser sich also nicht temposynchron zum Songtempo einstellen lassen.

Elektrik Piano kann bis zu acht Presets in einer Performance zusammenfassen, zwischen denen wir mit den Funktionstasten F1 bis F8 umschalten. Leider funktioniert das Umschalten der Presets mit Hilfe der Funktionstasten nicht in Cubase, hier müssen wir zur Maus greifen. Elektrik Piano lädt alle Presets einer Performance vorab in den Speicher, das Umschalten erzeugt keine Wartezeiten und alle Klänge stehen sofort zur Verfügung. Das Umschalten der Presets führt auch nicht mehr dazu, dass die Hallfahne oder das Delay des bisher aktivierten Presets abgeschnitten wird, was in der Version 1.0 noch der Fall war. Elektrik Piano eignet sich damit auch besonders für den Live-Einsatz.

Alle vier Instrumente klingen sehr authentisch. Das liegt nicht nur daran, dass Elektrik Piano bis zu 384 Stimmen gleichzeitig erklingen lassen kann, was deutlich mehr als genug ist. Native Instruments hat auch vollständig auf Transponierungen der Samples verzichtet, jeder einzelne Halbton wurde mehrmals in unterschiedlichen Lautstärkeabstufungen aufgenommen. Dies trägt merklich zur Authenzität und Klangqualität bei. Lediglich die abgespeckten Instrumentvarianten verteilen einzelne Samples auf mehrere Halbtöne. Auch sie sind aber noch mit einem ausreichenden Ausdruck spielbar und bieten einen natürlichen Klang.

Die Qualität der Samples überzeugt. Das Wurlitzer A200 klingt knackig und hat genau den Anteil an Rauheit, die wir von diesem Instrument erwarten. Die beiden Rhodes-Varianten klingen in allen Tonlagen gut, besonders in den tiefen Lagen entwickelt das Mark II ordentlich Druck und bildet das Original gut nach. Bei den ganz hohen Tönen haben wir lediglich die Anteile der Hammergeräusche als etwas zu stark empfunden. Auch das Hohner Clavinet ist hervorragend gelungen. Das Instrument klingt aggressiv und knackig wie das Original und besitzt ordentlich Fülle.

Elektrik Piano bildet auch die Release-Sounds nach, also die Geräusche, die entstehen, wenn eine Taste losgelassen wird. Release-Sounds sind in allen Presets enthalten, was die Authentizität der Instrumente noch einmal deutlich erhöht. Leider sind die Release-Sounds nicht in jedem Presets stufenlos regelbar, beim Rhodes Mark II klingen sie zudem sehr uneinheitlich. Einige Halbtöne haben deutliche wahrnehmbare Release-Sounds, bei anderen können wir sie kaum vernehmen. Es kann gut sein, dass dies genau dem im Original gesampelten Instrument entspricht, für eine virtuelles Instrument würden wir uns in dieser Hinsicht aber ein etwas ausgewogeneres Klangbild wünschen.

Das Dynamikverhalten der Vorbilder ist schwierig nachzubilden, da die Originale über eine große Bandbreite an Ausdrucks- und Spielmöglichkeiten verfügen. Native Instruments hat die Nachbildung des Dynamikverhaltens recht gut hinbekommen, es besteht aber noch Raum für Verbesserungen. Beispielsweise sind die Lautstärkeabstufungen bei einigen Presets nicht einheitlich. Manchmal erzeugen kleinste Unterschiede in der Anschlagstärke überbetonte Lautstärkeunterschiede, teilweise sind sie überhaupt nicht zu hören.

Entscheidend ist aber letztendlich die Spielbarkeit der Instrumente, und die ist trotz der kleinen Unregelmäßigkeiten im Detail insgesamt überzeugend. Natürlich kommen die virtuellen Nachbildungen in Hinblick auf das Spielgefühl und die Ausdrucksmöglichkeiten nicht an die jeweiligen Originale heran. Schon ein Masterkeyboard bietet nicht das gleiche Feeling wie die Klaviatur eines Originalinstruments.

Für ein dennoch gutes Spielgefühl sorgt die Möglichkeit, das Dynamikverhalten von Elektrik Piano über MIDI-Velocity-Kurven an das Verhalten unterschiedlicher Masterkeyboards anzupassen. Rasch ist für jedes Keyboard eine Einstellung gefunden, die ein gefühlvolles Spiel ermöglicht. Elektrik Piano speichert diese Einstellung individuell mit ab, so dass bei einem Presetwechsel die passende Velocity-Kurve automatisch aktiviert wird. Wir sind so in den Tests in der Lage, alle Instrumente gefühlvoll zu spielen und in ihrer ganzen Ausdrucksbreite zu nutzen.

Maßgeblich für den Klang von Rhodes und Co. sind die mitgelieferten Effekte, ein roher Einsatz der Instrumente ist eher nicht üblich. Elektrik Piano deckt mit den vorhandenen Presets viele gängige Sounds ab. Alle Instrumente werden mit den gängigen Vintage-Piano-Effekten wie Tremolo, Flanger, Chorus, Delay oder Phaser kombiniert. Lediglich einen WahWah-Effekt haben wir vermisst. Auch Kombinationen aus Effekten sind vorhanden. So gibt es beispielsweise das Hohner Clavinet E7 in Kombination mit Delay, Chorus, Flanger und Reverb, oder das Wurlitzer A200 mit Delay und Kompressor. Wir haben uns in den vorhandenen Presets auf Anhieb zurechtgefunden und konnten sehr schnell eine Vielzahl der gängigen Sounds reproduzieren.

Die Presets klingen gut. Sie sind anwendungsorientiert ausgewählt, wir können sofort loslegen zu spielen. Durch die starre Vorgabe einiger Effektkombinationen und die Beschränkung auf vier editierbare Parameter bleiben aber Wünsche offen. Wir haben beispielsweise eine Variante des Fender Rhodes mit einem Wah-Wah-Effekt vermisst, und auch Kombinationen aus Delays und anderen Effekten sind nur mäßig vertreten.

Die in Version 1.5 neu angebotenen Presets mit der Bezeichnis „Authentic Instruments“ beinhalten im Wesentlichen eine Verstärkersimulation und eine verbesserte Raumsimulation. Besonders die Verstärkeremulation ist ein Gewinn für die typischen Rhodes- und Wurlitzersounds. Wir würden sie in Zukunft aber auch gerne in Kombination mit anderen Presets und Effekten einsetzen, was bisher aufgrund der festen Vorgabe der Presets nicht möglich ist.

Ein auf Sampling-Technologie aufbauendes Instrument bietet naturgemäß weniger Einfluss auf den Klang als ein Instrument auf Physical-Modelling-Basis, das die einzelnen elektromagnetischen Komponenten und Schaltkreise virtuell nachbaut. Die Elektrik Piano richtet sich damit weniger an Klangtüftler, die die feinsten Nuancen eines Sounds beeinflussen wollen. Die Software kann beispielsweise nicht die virtuelle Position der Stimmgabel des Rhodes verändern, eine Feinabstimmung des Grundsounds ist damit nicht möglich. Zudem fallen die Beschränkung auf vier Effektparameter und die deutlichen Audioknackser bei einigen Effektparametern ins Gewicht.

Elektrik Piano entfaltet sein ganzes Potential leider erst in Kombination mit Native Instruments Sampler Kontakt 2. Öffnen wir ein Instrument als Sound Library in Kontakt 2, können wir alle Effektparameter editieren, die mitgelieferten Presets erweitern und neue erstellen. Diese Variante ist leider auch kostspielig, denn Kontakt 2 muss separat erworben werden. Wir würden uns weitergehende Editirmöglichkeiten auch in Elektrik Piano wünschen.

Fazit

Elektrik Piano überzeugt, denn die Instrumente klingen sehr realitisch und bieten eine nahezu unbegrenzte Anzahl von Stimmen. Die Software empfiehlt sich damit Musikern, die an einem gut zu spielenden Instrument interessiert sind und wenig Wert auf Editiermöglichkeiten legen. Es eignet sich besonders für den Einsatz im Studio oder für Musiker, die Rhodes, Wurlitzer und Clavinet live einsetzen möchten. Die Auswahl der Effektpresets ist insgesamt gelungen, das Spielen macht einfach Spaß.

Erschienen in Ausgabe 07/2007

Preisklasse: Oberklasse
Preis: 199 €
Bewertung: sehr gut
Preis/Leistung: gut

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