Wenn dich die Muse küsst …

… dann solltest du nicht nur rasiert sein, sondern bereit, diesen außergewöhnlichen Moment in bestmöglicher Qualität festzuhalten. Ob der Wave/MP3-Recorder von Edirol für den Kuss der Muse taugt und was der portable Recorder im Look alter Braun-Rasierer noch zu bieten hat, zeigt unser Test. 

Von Michael Nötges  

Als Nachfolger des taschenrechnergroßen R-01 ist der digitale R-09 Wave/MP3 Recorder ein Beispiel dafür, wie klanglich hochwertiges Diktiergerät und professionelles Recording-Equipment weiter zusammenwachsen. Natürlich war es auch Ziel des Herstellers, die Qualität zu verbessern und die gerade im Mobilrecording-Segment entscheidende Größe erneut zu verringern. Mit einer Wortbreite von 24 Bit bei maximal 48 Kilohertz bewegt sich der R-09 im Bereich professioneller Studioqualität. Um Speicherplatz zu sparen, lässt sich zudem direkt im MP3-Format auf die SD-Speicherkarte aufzeichnen. Dank dem integrierten Stereo-Kondensatormikrofon handelt es sich beim R-09 um eine kompakte Lösung für mobile Recording-Situationen. 

Die Ähnlichkeit zu den Braun-Rasierern ist frappierend; sie zeigt sich in der Größe, dem Gewicht und sogar im zurückhaltend eleganten Stil des R-09. Die Qualität vermittelt sich einem schon, wenn man das sauber verarbeitete Gerät anfasst. Auf dem vom schwarzen Gehäuse silbern abgesetzten, ungefähr vier Zentimeter breiten Mittelstreifen der Vorderseite befindet sich die Hauptsteuereinheit sowie das 2,6 mal 1,4 Zentimeter große Schwarz-Weiß-Display. Das quadratische Bedienfeld im unteren Frontbereich ermöglicht die Navigation durch die einzelnen Menüs und dient als Transportsektion. Im Zentrum der Steuerwippe liegt der Rec-Knopf, der zur Bestätigung – wie beim PC die Enter-Taste – und außerdem zum Starten der Aufnahme dient. Das Umschalten verschiedener Funktionen ist durch Rechts- oder Linksbewegung zu erreichen, das Scrollen durch die Menüpunkte durch Auf- oder Abwärtssteuerung. Um eine Ebene zurück zu gelangen, oder um das Finder- oder Menüfenster von der Hauptseite aus anzuwählen, genügt ein Druck auf den Finder/Menü-Knopf oberhalb der linken Ecke des Navigationszentrums. Das Display ist kontrastreich und gestochen scharf; damit lässt sich das Gerät auch in dunklen Umgebungen sicher handhaben. 

Nach dem Einschalten des R-09 erscheint zunächst das Hauptfenster. Dieses zeigt den Titel des ausgewählten Tracks samt Formatendung (WAV/MP3), dessen Länge – sowohl numerisch in Stunden, Minuten und Sekunden, als auch grafisch anhand eines Positionspunktes in einem Balken – und dessen Gesamtlaufzeit.

Im Aufnahmemodus ist die kontinuierliche Eingangspegel-Anzeige aktiv und gibt Auskunft über die Aussteuerung von -45 bis Null Dezibel. Bei zu hohem Pegel leuchtet ein rotes Peak-Signal auf. Die Info für die Track-Länge schaltet automatisch auf die verbleibende Aufnahmekapazität um. Ist einer der vier internen Halleffekte (Hall 1, Hall 2, Room, Plate) über den Reverb-Knopf aktiviert, erscheint der gewählte Effekt weiß hinterlegt neben der Pegelanzeige – es ist erstaunlich, wie übersichtlich und gut lesbar die Informationen auf dem Display erscheinen. 

Wenn der Finder/Menü-Knopf kurz gedrückt wird, öffnet sich das Finder-Fenster. Es ist wie die Baumstruktur im Windows-Explorer aufgebaut. Die Files lassen sich direkt in das Root-Verzeichnis speichern. Durch das Anlegen von Ordnern ist außerdem eine übersichtliche Strukturierung möglich. Sie können die Dateien auch kopieren, löschen und umbenennen. Letzteres ist über das kleine Display sehr unkomfortabel, da Sie jeden Buchstaben einzeln durch scrollen suchen müssen. Wenn der Finder/Menü-Button länger gedrückt wird, erscheint das Menü-Fenster. Das Angebot umfasst acht Einstellungen. Neben Standardfeatures wie Datum und Uhrzeit, Helligkeit des Displays, SD-Karten Information und Formatierung befinden sich hier auch die Aufnahmeeinstellungen. Diese lassen Samplingfrequenzen zwischen 44,1 und 48 Kilohertz zu.

Während der Aufnahmemodus im WAV-Format die Auflösung in 16 und 24 Bit bereithält, ist es bei der Aufnahme im MP3-Format möglich, das Auflösungsvermögen in sieben Stufen zwischen 64 und 320 kBit/s zu wählen. Als Speichermedium dient eine auswechselbare SD-Karte mit einer Kapazität von 64 Megabyte (im Lieferumfang enthalten). Bei Aufnahmen mit 24 Bit und 48 Kilohertz reicht deren Platz nur für wenig mehr als drei Minuten, also ist die Anschaffung einer größeren Speicherkarte obligatorisch. 

Beim MP3-Format informiert das Display bei niedrigster Datenrate über eine Aufnahmezeit von zwei Stunden und zwölf Minuten: Für Interviews und Schnappschüsse reicht das aus. Glücklicherweise lassen sich SD-Karten bis zu 2 Gigabyte verwenden. In diesem Fall sind bei bester Qualität 100 Minuten und über 22 Stunden an MP3-Material bei 192 kBit/s speicherbar. 

Für Komponisten und Songwriter ist die Repeat-Funktion interessant. Über den dazugehörigen Taster oberhalb des Steuerquadrats (A◄►B) lässt sich ein beliebiger Bereich im Track markieren, der nach der Festlegung des Anfangs- und Endpunktes automatisch im Loop läuft. Um Chorstimmen für den Refrain zu erstellen, kann dies sehr hilfreich sein. Die Hauptstimme läuft im Kreis und parallel dazu probieren Sie Zweit- und Drittstimmen aus. Es ist zwar nicht möglich, die Stimmen übereinander zu legen; aber für den kreativen Fluss beim Komponieren ist das Feature trotzdem eine prima Sache. 

Einige wichtige Einstellungen sind sofort, ohne Menüblättern am Gehäuse steuerbar. Für das Festlegen der Ein- und Ausgangspegel sind jeweils zwei Tasten an den beiden Schmalseiten des Gerätes zuständig. Liegt der R-09 in der linken Hand, ist der Eingangspegel entspannt mit dem Daumen über die obere der beiden Tasten anzuheben und über die untere abzusenken. 

Dabei erscheint ein Pop-up-Fenster im Display, das die Pegelanpassung numerisch auf einer Skala von Null bis 30 dokumentiert. Auf der gegenüberliegenden Schmalseite bedienen Zeige- und Mittelfinger das Steuerungspendant für den Ausgangspegel, dessen Kontrollanzeige auf einer Skala von Null bis 100 rangiert. 

Auf der Rückseite des Recorders sind vier flache Schiebeschalter in das Gehäuse eingelassen; so kann es nicht passieren, dass sich deren Einstellungen während einer Aufnahme versehentlich ändern. Bei Mitschnitten von Meetings empfiehlt es sich, dort die automatische Aussteuerung zu aktivieren. Leise Pegel werden dann angehoben und laute automatisch abgesenkt. Die manuelle Aussteuerung ist in diesem Fall blockiert. Je nachdem, ob Sie ein Stereo- oder Monomikrofon verwenden, muss ein weiterer Schiebeschalter auf der entsprechenden Position stehen. Der Low-Cut-Schalter aktiviert einen Tiefpassfilter, der niederfrequente Störgeräusche wie Wind oder heftiges Ausatmen ab einem Kilohertz eliminiert. Über die Mic-Gain-Funktion lässt sich der Eingangspegel nach Bedarf um 10 dB anheben.

Das eingebaute Stereo-Kondensatormikrofon nimmt dank der Anordnung der beiden Kapseln in einem 120°-Winkel zueinander auch bei geringem Abstand zur Aufnahmequelle ein breites Stereopanorama auf. Für den Live-Mitschnitt eines kompletten Streichquartetts etwa oder einer kleineren Band bietet der R-09 beste Voraussetzungen – in einem gut klingenden Raum sind respektable Ergebnisse zu erzielen. Wegen der XY-Charakteristik seiner Mikrofone eignet sich der kleine Edirol ganz besonders dazu, Einzelinstrumente wie zum Beispiel Akustikgitarren aufzunehmen; das zeigte sich im Praxistest. Die analogen Ein- und Ausgänge des R-09 sind nur im 3,5 mm Klinkenformat. Der Eingang auf der Oberseite des Recorders ermöglicht es, sowohl externe Mikrofone als auch Line-Signale anzuschließen. Hier bietet sich beispielsweise das Stereo Elektret-Kondensatormikrofon MCE 72 von Beyerdynamik an, das mit interner Stromversorgung sehr gute Aufnahmequalität verspricht und außerdem mit einem Adapter für die kleine Klinke geliefert wird. 

Strom bekommt der Edirol entweder über das mitgelieferte Steckernetzteil oder über zwei Alkaline Batterien beziehungsweise Nickel-Metall-Hybrid-Akkus in AA-Größe. Bei Alkaline Batterien verspricht der Hersteller im Play-Modus 5,5 und bei Recording rund vier Stunden Laufzeit. Die Akkus sind nicht im Gerät selbst aufladbar; die Laufzeit ist erfahrungsgemäß etwas geringer. Da es Alkaline Batterien in nahezu jedem Winkel der Welt gibt, sind Sie mit dem R-09 uneingeschränkt mobil. Das Schiebefach für die Batterien an der Unterseite öffnet sich übrigens in zwei Stufen. Durch das Herausschieben der Abdeckung wird zunächst nur die USB-Schnittstelle und der Steckplatz für die Speicherkarte freigelegt. Damit ist die reibungslose Anbindung an den PC oder MAC gewährleistet; da USB 2.0 unterstützt wird, gibt es auch der Verwaltung größerer Datenmengen keine Probleme. Um das Batteriefach ganz zu öffnen, müssen Sie in einem zweiten Schritt einen kleinen Schiebeschalter betätigen, dann die Abdeckung ein weiteres Stück herausziehen und dann hochklappen – eine etwas fummelige Lösung.

Die Messwerte des R-09 liefern zufrieden stellende Ergebnisse. Die Konzeption des mobilen Recorders ist grundsätzlich eine andere, als die eines klassischen Preamps. Um die Messwerte aber besser einordnen zu können, lohnt sich der Blick auf einen Vertreter, der von uns getesteten Economy-Klasse der Vorverstärker, dem Tube Ultragain Mic200 von Behringer (siehe Vergleichstest 06/06, S. 52). Der Klirrfaktor liegt bei durchschnittlichen 0,3 Prozent, wobei dieser unterhalb von 200 Hertz stetig ansteigt und die Kennlinie von einem Prozent bei 50 Hertz überquert. Mit diesem Ergebnis liegt er knapp unterhalb der Messergebnisse des Behringer Vorverstärkers, der einen Klirrfaktor von 0,2 Prozent aufweist. Das FFT-Spektrum ist ordentlich, auch wenn etwas stärkere Schwankungen im Bassbereich auszumachen sind. Alle Werte bleiben aber unter -90 Dezibel. Der Frequenzgang verläuft zwischen 100 Hertz und vier Kilohertz geradlinig. Außerhalb diesen Bereichs, sackt die Kurve um ein bis maximal 2 Dezibel ab, was zu verkraften ist, aber auch besser sein könnte. Geräusch- und Fremdspannung liegen bei mittelmäßigen -55,9 und -62,7 Dezibel. Mit diesen Messwerten kann der R-09 nicht ganz in der unteren Liga der Vorverstärker, die immerhin als Studiogeräte dienen, mit mischen. Er ist ihnen aber beeindruckender Weise dicht auf den Fersen – obwohl dem Gerät eine grundlegend andere Konzeption zugrunde liegt.

Natürlich muss sich der R-09 auch dem Praxis- und Hörtest des Professional Audio Magazins stellen. Als erste Hürde bietet sich das allmorgentliche Redaktionsmeeting an: Wir platzieren den Lauscher ganz bewusst an einer relativ ungünstig gelegenen Stelle, sodass die Entfernung zu den einzelnen Personen sehr unterschiedlich ist, und schneiden bei höchster Auflösung mit. Durch das Stereomikrofon sind die Gesprächspartner auffallend gut zu orten und wegen der klaren und rauscharmen Aufzeichnung exzellent zu verstehen. Damit hat der kleine Edirol schon gepunktet. 

Als nächstes stehen Instrumentenaufnahmen an. Hierfür gestalten wir zwei Szenarien, um das interne Mikrofon zu testen. Zum einen nehmen wir zwei im Raum verteilte Akustikgitarren mit unterschiedlicher Klangcharakteristik (Lakewood D-8 und Launhard FS3 Jazzgitarre) über das Stereomikrofon im Raum auf. Anschließend nutzen wir den R-09, um eine Stereo-Nahaufnahme der Lakewood anzufertigen. Die Raumaufnahme rauscht durch die notwendige Mic-Gain-Anhebung ein wenig, überzeugt aber ansonsten. Beide Gitarren sind in ihrer jeweiligen Charakteristik gut zu erkennen und klingen natürlich. Insgesamt ist der Klang allerdings etwas hell, doch ausgewogen und in Sachen Auflösung auch präzise. Deutlicher zeigt sich die gute Qualität des internen Stereomikrofons bei der Stereoaufnahme der Lakewood D-8. Wir montieren den R-09 in ungefähr 15 Zentimetern Entfernung vor das Schallloch, sodass die eine Kapsel in Richtung Griffbrett, die andere in Richtung Steg weist. Das Ergebnis ist eine Aufnahme, die zwar dieselbe Höhenbetonung aufweist, ansonsten aber äußerst zufriedenstellend ausfällt. Die Anschlagsgeräusche sind angenehm präsent und die unteren Mitten erscheinen warm und konkret. Ein ordentliches Ergebnis – und es darf nicht vergessen werden, dass es sich hier um ein internes Mikrofon handelt. Um den trockenen Klang etwas zu veredeln, testen wir noch die Halleffekte. Einhellig sind wir der Meinung, dass diese lediglich eine nette Dreingabe darstellen, um beispielsweise die Gitarrenaufnahme etwas zu verschönern. Insgesamt klingt der Hall aber hell und als Raumsimulation nicht authentisch. 

Fazit

Durch das integrierte Stereomikrofon überzeugt der R-09, wenn es um spontane Aufnahmen und absolute Mobilität geht. Handlich und intuitiv zu bedienen, bekommen Sie einen professionellen Reisebegleiter, der für Layouts, Mitschnitte, Schnappschüsse und den Kuss der Muse jederzeit bereit ist.

Erschienen in Ausgabe 10/2006

Preisklasse: Mittelklasse
Preis: 439 €
Bewertung: gut
Preis/Leistung: gut

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