Kurz und gut

So überrascht wie der Schiffsarzt Lemuel Gulliver auf seinen Reisen die winzigen Einwohner der Insel Liliput betrachtete, schauen wir auf die neuen Produkte aus dem Marktsegment der mobilen WAV/MP3-Recorder. Mit dem Microtrack 24/96 von M-Audio testen wir den zweiten Vertreter mobiler Recorder, die anscheinend nicht nur immer kleiner, sondern auch immer besser werden. 

Von Michael Nötges 

Die Produktpalette von M-Audio reicht von professionellem Studioequipment bis hin zu mobilen Hard- und Softwarelösungen. Die kleinste Lösung mobilen Recordings, stellt der neue WAV/MP3-Recorder Microtrack 24/96 dar. Trotz seiner geringen Ausmaße sind die  Vorgaben der Entwickler von M-Audio für das Gerät durchaus ehrgeizig: Es soll mobil sein, ohne dabei auf hohen qualitativem Standard zu verzichten. Dazu verspricht es auf kleinstem Raum – es passt in eine Hemdentasche – komfortable und intuitive Bedienbarkeit. Selbst preislich will man punkten: Mit rund 480 Euro steht der Zwerg in der Preisliste. Die Eigen-schaften sind also mit denen des Edirol R-09 vergleichbar (siehe Test Heft 10/2006), weshalb sich der Microtrack 24/96 auch im Verlauf dieses Tests mit ihm messen muss. Werfen wir zunächst einen Blick auf das Äußere.

Die abgerundeten Kanten lassen den Microtrack 24/96 angenehm in der Hand liegen. Sein schwarz-silbernes Design wirkt zwar modern und professionell, doch das Kunststoffgehäuse wirkt wenig robust: Das Testsgerät, zuvor schon bei einer anderen Redaktion zu Gast, machte bereits einen etwas abgegriffenen Eindruck. Doch schauen wir mal auf die inneren Werte: Alle Anschlüsse befinden sich auf der Kopf- und Fußseite des handlichen Recorders. Für Aufnahmen – mit bis zu 24 Bit bei 96 Kilohertz im WAV-Format und 320 kbps bei 48 Kilohertz im MP3-Format –, gibt es insgesamt drei Möglichkeiten. Zum einen befindet sich auf der Kopfseite eine 3,5-mm Stereo-Klinkenbuchse, für den Anschluss eines im Lieferumfang enthaltenen Stereo-Elektret-Mikrofons, das mit fünf Volt Vorspannung versorgt wird. Für Schnappschüsse, Mitschnitte von Konferenzen oder Interviews ist dies eine schnelle und äußerst mobile Recording-Lösung.

Die zweite Möglichkeit ist die Aufnahme über zwei symmetrische 6,3-mm Mono-Klinkeneingänge. Deren Eingangsempfindlichkeit ist verstellbar, so dass sie sowohl Mikrofon- als auch Linepegel verarbeiten. Hierfür ist einer der drei ins Gehäuse eingelassenen Schalter auf der linken Seite des Gerätes zuständig. Er verfügt über drei Positionen die Dank der griffigen Oberfläche der Schieberegler exakt eingestellt werden können. Hier wird nach Bedarf zwischen Mikrofon- und Lineeingang umgeschaltet. Die dritte Position dient der Anhebung des Eingangssignals um 20 Dezibel. Reicht die Anhebung für das Einfangen von weit entfernten Geräuschen immer noch nicht aus, lässt sich im Menü unter den Aufnahmeeinstellungen der Pegel um weitere 27 Dezibel anheben. Dazu reichen wenige Navigationsschritte in den übersichtlichen Menüs  aus. Die beiden anderen Schalter aktivieren die Tastensperre und die integrierte Phantomspeisung, welche es grundsätzlich ermöglicht, auch Kondensatormikrofone für die Aufnahmen zu verwenden. Die Tastensperre verhindert das versehendliche Unterbrechen einer laufenden Aufnahme. 

Die dritte Aufnahmeschnittstelle ist der koaxia-le S/PDIF-Eingang im Cinch-Format, der als einziger Eingang auf der gegenüberliegenden Seite installiert ist. Direkt daneben befinden sich zwei weitere Cinch-Buchsen als Line-Ausgänge, deren Kopfhörerpendant als 3,5-mm Klinkenbuchse wiederum auf der Kopfseite zu finden ist. Sie dienen zum einen dem Abhören der aufgenommenen Tracks und zum anderen der Kontrolle der eingehenden Signale bei der Aufnahme. Über den USB 2.0 Mini-Anschluss ist der Datentransfer mit einem Computer gewährleistet. Hierfür wird kein Treiber benötigt, der Recorder wird sofort als Wechseldatenträger erkannt und per Drag & Drop sind die Files einfach zu verwalten. Mit der im Lieferumfang enthaltenen Audio-Software Audacity, liefert M-Audio ein abge-specktes Audiotool zur weiteren Bearbeitung der Aufnahmen. Der fest installierte Lithium-Ionen-Akku lässt sich über die Verbindung mit dem Computer genauso aufladen, wie auf her-kömmlichem Weg über einen mitgelieferten Netzadapter. 

Vorteile gegenüber dem Edirol R-09 sind die integrierte Phantomspannung und die Möglichkeit mit bis zu 24 Bit bei 96 Kilohertz aufzunehmen. Der R-09 ist jedoch durch die verwenden Batterien im AA-Format, nicht auf ein Stromnetz angewiesen. Mit einem Zehner-pack Batterien ausgestattet, steht dem mobilen Einsatz am Südpol nichts im Weg: zumindest solange der Vorrat reicht.

Als Speichermedium dienen dem Microtrack 24/96 Compact-Flash-Karten oder Microdrives mit bis zu 8 Gigabytes Speichervolumen. Dar-aus ergeben sich laut Hersteller Aufnahmezeiten von über achteinhalb Tagen im MP3-Format bei 96 kbps und guten vier Stunden bei 24 Bit und 96 Kilohertz im WAV-Format. Doch Vorsicht: Bei der mitgelieferten 64MB-CF-Karte können entgegen der Herstellerangabe bei 24 Bit und 48 Kilohertz nur 3 Minute und 36 Sekunden aufgenommen werden, was 17 Sekunden weniger sind als angegeben. Bei 96 kbps im MP3-Format sind es dann schon gute 4,5 Minuten weniger. Auf 4 GB hochgerechnet kann das zu einer Differenz von guten 18 Minuten bei höchster Auflösung im WAV-Format führen. Nach Angaben des Herstellers sind zwei Stunden und vier Minuten möglich. Weicht die Aufnahmekapazität jetzt nur um 5 Minuten von der prognostizierten Zeit ab, ist die vollständige Aufnahme eines Kon-zertes, das zwei Stunden dauert, nicht mehr möglich. 

Das übersichtliche zweifarbige LC-Display mit einer Bilddiagonale von guten vier Zentimeter bleibt aufgrund seiner Hintergrundbeleuchtung und der Möglichkeit den Kontrast einzustellen auch bei schlechten Sichtverhältnissen gut lesbar. Unter dem Display sorgen zwei Wipp-schalter für die Justierung des Eingangspegels, wobei linker und rechter Kanal getrennt regelbar sind. Bei Betätigung erscheint eine ausschließlich graphische Anzeige. Zwei Pfeilspitzen auf einem Strahl zeigen den relativen Pegel zwischen Minimum und Maximum an, ohne dabei eine numerische Orientierung zu bieten. Zwei grüne LEDs leuchten unterhalb der Eingangsregler, sobald ein Signal anliegt, zwei rote, wenn der Headroom erreicht ist und Übersteuerung droht. Glücklicherweise bleiben hier noch einmal 3 dBu Luft, bis tatsächliche 0 dBfs er-reicht sind und die digitale Verzerrung einsetzt. Exaktes Einpegeln ist trotzdem nur nach ausgiebigem Ausprobieren möglich, und es bleibt ein ungefähres Herantasten an die richtige Einstellung, wobei die teils langsam reagierende Anzeige dabei keine große Hilfe ist. In diesem Punkt bietet das zwar kleinere Display des R-09 durch die zusätzliche numerische Anzeige des Pegels mehr Sicher-heit. 

Der Ausgangspegel des Microtrack wird für beide Kanäle über einen weiteren Kippschalter geregelt. Ein graues Crescendo-Symbol im Display nimmt fließend von links nach rechts an Kontrast zu, um das Ansteigen der Lautstärke optisch zu verdeutlichen. Ein Druck auf den roten Record-Knopf startet die Aufnahme. Dabei wird jedes Mal ein Track mit dem Namen „file“ und einer dazugehörigen Nummer erzeugt. Um eigene Titel zu vergeben, gilt es die Files auf den Computer zu übertragen. Damit sollte gerade bei der Aufnahme vieler Tracks nicht zu lange gewartet werden, da sonst die Gefahr besteht, die Übersicht über die verschiedenen Takes zu verlieren. Über den kleinen runden Delet-Knopf lassen sich ausgewählte Tracks unkompliziert von der Speicherkarte löschen.

Zur Navigation durch die Menüs dient das Navigationsrad auf der rechten oberen Seite des Gerätes, das sowohl zur Auf- und Abwärtsbewegung innerhalb der Menüs, als auch zur Bestätigung ausgewählter Funktionen dient. Es fühlt sich an, wie ein Pitch-Bend-Regler am Keyboard. Hier dient es allerdings dem Scrollen und nicht der Tonhöhenveränderung. Der Druck des Navigationsrads wählt Menüpunkte aus und bestätigt vorgenommene Konfigurationen.

Auf der anderen Seite des Gerätes in gleicher Höhe liegt der Menüknopf. Seine Funktion ist es, zwischen Hauptfenster und Hauptmenü zu wechseln. Auf allen anderen Ebenen dient er dazu, eine Stufe in der Menü-Struktur nach oben zu gelangen. Liegt das Gerät in der Hand, sind damit die beiden Hauptnavigationselemente entspannt mit Daumen und Zeigefinger zu erreichen, was die Bedienung sehr komfortabel gestaltet. 

Die Messwerte des Microtrack 24/96 sind beeindruckend. Der Klirrfaktor liegt bei lediglich 0,015 Prozent und der Frequenzgang des Mikrofoneingangs ist für einen mobilen Recorder dieser Preisklasse vorbildlich. Bei beidem ist der Microtrack 24/96 dem Edirol R-09 überlegen. Der Geräuschspannungsabstand liegt für die Mikrofoneingänge bei 81 dBu, der Fremdspannungsabstand misst 78 dBu. Selbst bei Aufnahmen mit dynamischen Mikrofonen und deren geringem Ausgangspegel – die Eingangsempfindlichkeit der Mikrofoneingänge liegt beim sehr guten Wert von -51,7 dBu – ist hier kein hörbares Rauschen zu erwarten. Mit diesen Werten kann der Microtrack 24/96 An-schluss an die Klasse mobiler Recorder wie den Sound Devices 722 (siehe Test in Heft 10/2006) halten. Im Vergleich zum R-09 liegen der Geräuschspannungsabstand um 25 und der Fremdspannungsabstand um 15 Dezibel über dessen Werten. 

So, wie die Sonne in Bezug auf die Messwerte aufgeht, zeigen sich auch kleine Schatten, die bei den Aufnahmen zunächst nicht zu Tage getreten sind. Die Klinkeneingänge erweisen sich als nicht hundertprozentig zuverlässig, auch wenn sie für Aufnahmen besser geeignet sind als die 3,5-mm Klinkenbuchsen des R-09. Je nach Belastung der angeschlossenen Kabel, kann es zu kurzzeitigem Kontaktverlust zwischen Stecker und Buchse und einer damit verbundenen Signalunterbrechungen kommen. Tipp: abgewinkelte Klinkenstecker verringern die Belastung der Eingangs-Buchsen und führen zu sicheren Aufnahmen. 

Außerdem stellen wir fest, dass die Phantomspannung mit 28,8 V erheblich von der Norm (48 V ±4 dB) abweicht. Damit ist sie nicht für alle Kondensatormikrofone ausreichend und schränkt die Funktionalität und gewonnene Freiheit ein. Wie in unserem Hörtest noch gezeigt wird, können Kondensatormikrofone zwar funktionieren, es ist aber keineswegs gewährleistet, dass sie im optimalen Bereich arbeiten. Um sicher zu gehen, dürfen nur Mikrofone verwendet werden, die auch für niedrigere Phantomspannungen ausgelegt sind, was die Auswahl deutlich minimiert. Eine universelle Möglichkeit ist beispielsweise das AKG C1000, bei dem die Phantomspannung zwischen 9 V und 52 V liegen kann, ohne die Performance des Mikrofons zu beeinflussen. Gehen wir mit diesen Erkenntnissen in die letzte Runde.

Im Praxis- und Hörtest muss sich der Microtrack vier Herausforderungen stellen. Erstens: eine Sprachaufnahme mit dem im Lieferumfang enthaltenen Mikrofon. Zweitens: Aufnahmen von Naturatmos – gut, dass an diesem Tag ein Gewitter naht und wir die Auf-nahmen des Rgens und Donnergrollens aufnehmen können. Drittens: eine Gitarrenaufnahme der Lakewood D-8 mit demselben Mikrofon. Viertens: eine Stereo-aufnahme über die neuen 4090 der dänischen Firma DPA (siehe Test Seite 20). Alle Auf-nahmen werden mit einer Auflösung von 24 Bit bei 96 Kilohertz durchgeführt. Ergebnis: Die Sprachaufnahme ist rauscharm und klar. Es gibt keine Verständnisprobleme und auch leise Nebengeräusche werden gut abgebildet. Durch das Hinzuschalten der Eingangspegelanhebung um 27 Dezibel erfüllt der Microtrack 24/96 auch die Aufgabe der Naturaufnahmen. Zwar erscheinen die Atmo-Geräusche, bestehend aus dem leisen Regenprasseln und Donnergrollen, immer noch recht entfernt, aber durch eine spätere Pegelnormalisierung, mittel der mitgelieferten Software, gelingt es eine melancholische Spät-sommeratmosphäre zu erzeugen. Die Gitarrenaufnahme mit dem kleinen Stereo-Elektret-Mikrofon ist druckvoll und überzeu-gend, auch wenn die letzte Frische in den Höhen fehlt und die Mitten etwas vordergründig klingen.

Zum schnellen Festhalten einer Idee ist dies aber mehr als ausreichend. Die Stereoaufnahme mit den DPA 4090 kann sich hören lassen. Auf einer Zusatzschiene für Stereo-Mikrofonierung installiert, weist ein Mikrofon auf den Hals-Griffbrett-Übergang, das andere zwischen Schalloch und Steg. Beide sind in einem Abstand von ungefähr zehn Zentimeter von der Gitarrendecke postiert (siehe Aufnahmeworkshop Heft 10/2006). Die Kombination der DPA-Mikrofone mit dem Microtrack kann in Bezug auf mobile Gitarrenaufnahmen punkten, da die Klein-membranmikrofone auch mit der zu geringen Phantomspannung zurecht kommen. Das Ergebnis zeigt sich fein aufgelöst mit viel Luft in den Höhen. Selbst Details, wie das Atmen und die Rutschgeräusche auf den Saiten sind präsent ohne zu nerven und geben ein realistischen Abbild wieder. Die Klangfarben der Unterschiedlichen Mikrofonpositionen ergänzen sich zu einem ausgewogenen Klang-bild. Die dezenten klanglichen Unterschiede zwischen rechtem und linkem Kanal sind deutlich zu hören. Das spricht sowohl für die Genauigkeit der kleinen Dänen, als auch für die gute Wandlerlinearität des Microtrack 24/96. 

Fazit

Mit einem Mikrofonstativ plus Zusatzschiene für die Stereo-Mikrofonie, den beiden DPA 4090 und dem Microtrack 24/96 bewaffnet, ist man bestens für die Herausforderungen mobilen Recordings ausgestattet. Den richtigen Pegel zu finden ist zwar ein wenig knifflig, aber mit etwas Geduld lassen sich mit dem rund 480 Euro teuren Recording-Fäustling überzeugende Ergebnisse erzielen. Eine lohnende Investition für mobile Aufnahmen.

Erschienen in Ausgabe 11/2006

Preisklasse: Mittelklasse
Preis: 459 €
Bewertung: gut – sehr gut
Preis/Leistung: gut – sehr gut

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