Die Helden der Nacht

Von Stefan Feuerhake

Als Anfang des 20. Jahrhunderts in Chicago der erste DJ im Radio seine Arbeit aufnahm, konnte noch niemand ahnen, wie immens sich seine Rolle bis zur heutigen Zeit entwickeln würde. Der Einfluss des DJs auf die gesamte Musikindustrie war schon in den1950er Jahren sehr groß. Heute haben DJs den Status von Rockstars, Gagen von 50.000 Euro und mehr für ein bis zwei Stunden Spielzeit sind keine Seltenheit. DJs produzieren, veranstalten, haben eigene Labels und teils auch Ihre eigene Mode- oder Kopfhörerlinie. Dabei finden wir Disk Jockeys heutzutage nicht nur im Club/Festival Bereich. Neben DJ-Artistik, sogenanntem Turntablism, finden wir auch viele DJs, die bei Events jeglicher Art auflegen. Hier geht es um Geburtstage, Hochzeiten, Firmenfeiern und nahezu jede Veranstaltung wo Musik gebraucht wird. Meist von den Club-DJs belächelt, spricht man in diesen Fällen oft eher von Dienstleistern. Das liegt wohl an der Tatsache, dass hier die Musik vorgegeben wird, und sich oft wenig kreativer Freiraum bietet als beim Club-DJ.

Eins haben sie aber alle gemeinsam: Viele Jahre hatten sie es nicht leicht, wurde doch von der Allgemeinheit ihre Tätigkeit nicht als „richtiger“ Beruf wahrgenommen. Schließlich geht es hier ja „nur“ darum, ein paar Platten aufzulegen, und das wurde von Laien schnell als anspruchsloses Hobby abgetan. Das ist heute zum Glück anders, und der DJ ist ein wichtiger und anerkannter Teil der Musikindustrie.

Schauen wir doch zuerst mal ins 19. Jahrhundert, wie alles begann.

Es war einmal ein Phonograph

Die Geschichte des DJs begann im Jahre 1877, als Thomas Alva Edison das erste Wort mit seinem gerade gebauten Phonographen aufzeichnete. Eine mit Staniol bespannte Walze wurde dabei von einer Kurbel betrieben. Über eine Nadel, die an einer Membran befestigt war, wurde die Folie dann beschrieben. Zehn Jahre später wurde der Phonograph vom ersten Grammophon abgelöst. Diese Erfindung von Emil Berliner war schon mit einem Motor betrieben, als Speichermedium benutzte er eine Zinkplatte, die mit Hartwachs überzogen war. Somit war die erste „Schallplatte“ geboren, die viele Jahre das Hauptmedium und -Werkzeug des DJs sein sollte.

Der DJ erobert das Radio

1906 legte Reginald A. Fessenden an der amerikanischen Ostküste in einer Radiosendung eine Schallplatte auf (er wählte das „Largo“ von Händel), womit er als Erster die Kriterien des Begriffes „Disc Jockey“ erfüllte, was grob übersetzt bedeutet: „Jemand der sich um Platten kümmert“. Die Idee, Platten im Radio zu spielen, setzte sich schnell durch, da dies deutlich einfacher, und kostensparender war als die übliche Praxis, Musik im Radio live zu übertragen. Dadurch wurde die Rolle des Radio-DJs immer wichtiger und sein Einfluss wuchs. DJs hatten bald die Macht, einen Song zum Hit zu machen.

Bestechungszahlungen von Künstlern, Managern und Labels an DJs sollen keine Seltenheit gewesen sein, um selbst mäßigen Platten zu großem Erfolg zu verhelfen.

Geburtsstunde der Pop-Musik

Bill Haleys „Rock Around The Clock“ von 1955 war das erste Beispiel eines von einem DJ „gepushten“ Riesenhits: Haleys Entdecker und Förderer, Alan Feed, war ein DJ, der hier zum ersten Mal als aktiver Förderer der Szene agierte – eine Rolle, die auch für zukünftige DJs immer wichtiger wurde.

Ein weiterer Meilenstein der DJ-Geschichte ist die Entstehung der Soundsysteme auf Jamaika, die ebenfalls in den 50er Jahren begann. Dort begann man, vermutlich aus Mangel an Musikern für Live-Beschallung, Soundanlagen auf Tanzveranstaltungen aufzustellen. Mit der Zeit wurden die Basslautsprecher dieser Anlagen immer größer, ebenso auch die Egos mancher DJs. Die ganz großen Stars dieser Zeit ließen sich mit Hermelinmantel und Krone zum Plattenspieler tragen. Der DJ-Starkult war geboren. Auf Jamaika wurde ebenfalls die Praktik erfunden, mit Hilfe eines Mikrofons die Platten zu kommentieren und dabei auch die Tänzer zusätzlich anzuheizen. Daraus wurde schnell ein eigener Sprechgesang entwickelt, das sogenannte Toasten. Das wiederum diente etwas später als Vorbild für die ersten MCs beim HipHop. Dazu aber später mehr.

Diskotheken

Wer heute an einen DJ denkt, denkt vermutlich auch an die Diskothek als dessen Wirkstätte. Die Wurzeln der Disko liegen im Paris der 1950er Jahre – erst einige Jahre später, um 1960 herum, eröffnete die erste Diskothek in New York. Für die Besucher von Diskotheken ging es vor allem darum, möglichst lang und durchgehend zu tanzen. Damit begann die Art der Clubkultur, wie wir sie heute noch kennen. Dadurch wurde auch das zusammenmixen von Stücken immer wichtiger, um Pausen zu vermeiden und damit die Musik sozusagen nie enden zu lassen. Der DJ wurde immer mehr der kreative Star, von dessen Fähigkeiten und nicht zuletzt auch  Charisma das Gelingen der Clubnacht abhängig war. Der erste DJ, der auf diese Art berühmt wurde, war Francis Grosso. Er spielte hochenergetische Tanzmusik, eine Mischung aus Funk und Soul, und veränderte die Stücke zusätzlich, indem er Percussion und Vocals dazu mischte. Er war der erste, der mit Kopfhörer die Stücke vorhörte, und er erfand mit der Slipmat ein bis heute für jeden Vinyl DJ unverzichtbares Tool. Mit ihr war es nun möglich, Platten punktgenau zu starten und sie anzustupsen oder abzubremsen. Grosso legte den Grundstein für das Konzept des DJs als Club-Star.

Neue DJ-Techniken durch Hip Hop

Mitte der 70Jahre wurde in New York ein neues Musikgenre geboren, das stark von DJs geprägt war: Hip Hop. Neben  DJ Kool Herc, der gemeinhin als „Erfinder“ des Hip Hop gilt, war Grandmaster Flash wegweisend, der als gelernter Elektrotechniker sein eigenes Mischpult baute und dadurch das Mixen weiter perfektionierte.  Nebenbei erfand er auch den Backspin (schnelles Rückwärtsdrehen von Platten) und das Scratching (schnelles Hin- und Herbewegen von Platten). Auch das aus Jamaika stammende anheizen mit dem Mikrofon funktionierte in New York hervorragend und somit war der MC (Master of Ceremony) geboren.

House Music was born

Mitte der 80er Jahre begann die Zeit der House-Musik und die der Clubs. So spielte DJ Franky Knuckles im Chicagoer „Warehouse“ einen Mix aus Disco und Dancefloor. Zeitgleich entwickelte DJ Larry Levan in der „Paradise Garage“ in New York einen ähnlichen Stil, in dem allerdings die Vocals eine größere Rolle spielten. Die  Begriffe House (von Warehouse) und Garage (von Paradise Garage) wurden in dieser Zeit geprägt. House-Musik war geboren.

Auf dem Weg in die 90er kam ein wichtiger Impuls von der Firma Roland mit dem eigentlich für andere Zwecke gebauten Bass-Synthesizer TB 303. Die Töne in Kombination mit dem Filter in der 303 wurden zu den von Berlin bis Detroit beliebten Acid Sounds. Aus House wurde Acid House und eroberte von Chicago aus die ganze Welt und vor allem England,  wo im Jahr 1988  der „Second Summer of Love“ auch die Rave Kultur begann. Bekanntes Symbol der Acid-House-Bewegung, die das erste massenwirksame Dancefloorphänomen wurde, war der gelbe Smiley. Einer der großen Hits dieser Zeit war das Stück „Pump up the Volume“ von M.A.R.R.S., das hauptsächlich aus Sampeln bestand und von DJs produziert wurde. Die „Doppelrolle“ des DJs, der auch als Produzent arbeitet, hat hier ihren Ursprung.

Raveculture

In den 90ern wurde der DJ durch die immer größer wachsende Raveculture langsam zum neuen Rockstar. Die Gagen explodierten in kürzester Zeit. Viele Untergrundkünstler konnten plötzlich von der Musik leben und reisten um die ganze Welt. DJs bauten den Starkult um sich immer weiter aus. Auch aus Deutschland kamen viele angesagte Vertreter dieser Zeit, zum Beispiel der Frankfurter Sven Väth, der dafür bekannt wurde, 12 Stunden lange Sets zu spielen.

Ende der 90er begann langsam ein neues Medium relevanter zu werden: Die CD. Bis dato hatten sich DJs bis auf eine paar wenige Ausnahmen auf das Schwarze Gold verlassen. Eine kleine Ausnahme bildete die Goa-Szene, wo in Indien auf Partys am Strand zuerst Musik von pitchbaren Walkmans, später dann mit portablen DAT-Spielern aufgelegt wurde. Dass CDs sich immer mehr durchsetzten, lag auf der einen Seite daran, dass die pitchbaren CD-Player immer besser wurden und man damit nun richtig Mixen konnte. Auf der anderen Seite wurde das Brennen von CDs für jeden erschwinglich. DJs, die selbst produzierten, konnten nun einen frisch fertig gestellten Track schnell auf CD brennen und sofort im Club testen. Zu Vinylzeiten war dies nur teuer und umständlich durch die Anfertigung einer sogenannten „Dubplate“, einer Probeplatte machbar.

Neue digitale Werkzeuge

Im Jahr 2000 wurden in Berlin zwei wegweisende Programme für die nächsten DJ Jahre entwickelt. Es handelt sich dabei um Traktor von Native Instruments und Ableton Live. Traktor war als DJ Software auf das Spielen von ganzen Tracks spezialisiert,  während Ableton Live als DJ-Werkzeug aus der Not geboren wurde, da es bisher noch keine Software gab, mit der es möglich war, am Rechner produzierte Musik live, eben wie eine Band, in Echtzeit zu performen. Ebenso sei noch Serato Scratch Live erwähnt, eine 2004 veröffentlichte DJ Software. Auf den seit Anfang der 2000er immer häufiger in der DJ-Kabine auftauchenden Laptops war eigentlich immer mindestens eines dieser Programme installiert.

Als Star-DJs dieser Zeit muss man auf jeden Fall die Niederländischen Trance DJ’s Tiesto und Armin van Buuren nennen, aber auch der Schwede Eric Prydz und der Kanadier Deadmau5 haben ganzen Stadien gefüllt.

Durch die sich immer weiterentwickelnde Technik bot sich nun vielen Menschen die Möglichkeit, sich auch mal als DJ zu versuchen. Es war keine monatelange Übung nötig, um zwei Songs mit unterschiedlicher BPM zusammenlaufen zu lassen, dazu gab es nun automatische Synchronisierungsfunktionen, im Volksmund auch Sync Button genannt. Allerdings wurde schnell klar, dass ein guter DJ weit mehr können muss, als das sogenannte Beatmatching. Eine Unzahl an neuen DJs tauchte auf dem Markt auf, so dass vor allem das Produzieren erfolgreicher Songs zu Bookings als DJ führt. Umgekehrt werden auch viele erfolgreiche Produzenten als DJs eingesetzt, um Live-Auftritte zu rechtfertigen, die in der Gegenwart die Haupteinnahmequelle von Künstlern darstellt – Veröffentlichungen dienen im Regelfall eher der Promotion.

Gegenwart – Zukunft

Die unglaublich gute und vielfältige Technik, die den DJs der Gegenwart zu Verfügung steht, macht dieses Berufsfeld heute attraktiver denn je. Es gibt Möglichkeiten, von denen man selbst in den 90ern noch nicht zu träumen gewagt hätte. So ist ein DJ auf dem Weg zu einem Gig heute für Außenstehende kaum zu erkennen, reicht es doch oft, mit ein bis zwei USB-Sticks und einem Kopfhörer zu reisen. Das neue Traktor Stems Format macht es nun möglich, Songs in Ihren Einzelspuren zu kaufen und später ganz neu zu kombinieren.  Ableton Link, ein neuer Sync-Standard, synchronisiert über Wlan verschiedene Hard- und Softwaresysteme miteinander – MIDI-Clocks werden damit überflüssig.

Eine Schattenseite dieser Entwicklung sind immer häufiger zu beobachtende gefakte DJ-Sets, wo ein fertiger, vorbereiteter Mix abgespielt wird und der DJ dazu hauptsächlich das Publikum animiert.

Heute dominieren vor allem junge Künstler die DJ-Szene, wie die aus Deutschland stammenden Robin Schulz und Felix Jaehn, der nicht nur einen Song mit unserer Fußballnationalmanschaft aufnahm, sondern es mit seinen Produktionen sogar auf Platz 1 der US-Charts schaffte. Auch der extrem erfolgreiche Niederländer Martin Garrix mit seinem Top-Hit „Animals“ gehört zu dieser Garde der Anfang Zwanzigjährigen Star-DJs. Dagegen ist der Franzose David Guetta natürlich ein alter Hase, doch er ist einer der umtriebigsten und populärsten Hitproduzenten der Gegenwart und eröffnete zuletzt sogar Olympischen Spiele mit einem DJ-Set.

Wohin sich die DJ-Szene entwickelt, ist aufgrund ihrer Schnelllebigkeit schwer zu sagen. Fest steht: Die Rolle des DJs für die Entwicklung der Musikindustrie seit Anfang des letzten Jahrhunderts war immens, und er ist am Ende auch für einige gerettete Seelen verantwortlich. Oder wie es in dem bekannten Song der Gruppe Indeep von 1983 heißt: „Last Night a DJ saved my Life…“

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