Um zu definieren, was das Verhältnis von beyerdynamic zu Kopfhörern prägt, dürfte es keine passendere Vokabel geben: Expertise. Der Heilbronner Traditionshersteller hat 1937 mit dem DT 48 den ersten dynamischen Kopfhörer überhaupt gebaut. Das Wissen aus acht Jahrzehnten Entwicklung und Fabrikation floss selbstverständlich auch in unseren Testkandidaten, den Amiron Wireless, ein.

Von Malte Schmidt

Der Amiron Wireless ist bereits seit April 2018 auf dem Markt und heute mit 549 Euro rund 150 Euro günstiger zu erstehen als zu seiner Einführung. Er basiert auf dem im November 2016 veröffentlichten Amiron Home, ein kabelgebundenes, offenes und erfolgreiches Modell, welches beim Hersteller und den Nutzern gleichermaßen die Frage aufwarf, „ob ein Kopfhörer wie Amiron Home in vergleichbarer Qualität auch drahtlos machbar sei“, so beyerdynamic Senior Product Manager Gunter Weidemann. Seit August 2019 ist außerdem der Amiron Wireless Copper verfügbar, eine optisch veränderte aber technisch identische Ausführung.

Lieferumfang und erster Eindruck
Geliefert wird der Amiron Wireless in einem schlichten Pappkarton, nach dessen Öffnen man zunächst eine Kurzanleitung und die Garantiebestimmungen in den Händen hält. Alles Weitere, sprich der Kopfhörer, das USB-C-/USB-A-Ladekabel und das mit vergoldeten 3,5mm-Klinkensteckern ausgestattete Verbindungskabel samt Fernbedienung, befndet sich in einem stabilen schwarzen Hardcase. Die kostenfreie MIY („Make it Yours“) App zur Personalisierung des Klangs ist im Google Play- beziehungsweise Apple App-Store erhältlich.

Die Polsterungen des Kopfbügels und der Ohrmuscheln sind in schwarz gehalten, die Gehäuseschalen erscheinen in einem matt schimmernden silbergrau. Optik und Haptik des Testgeräts wirken auf den ersten Blick hervorragend und vermitteln den Eindruck eines hochwertig gefertigten Produkts.

Bauweise und Technik des Amiron Wireless
Der Amiron Wireless ist als geschlossener Over-Ear konzipiert. Die Firmen-Schriftzüge auf der linken Ohrmuschel des Kopfhörers sowie beiden Seiten des Kopfbügels hätte es wohl nicht gebraucht: Die charakteristischen Aufhängungen der runden Ohrhörer, gefertigt aus hochfester Aluminiumlegierung, lassen nämlich schon vor dem Auspacken erkennen, dass es sich um einen Kopfhörer aus dem Hause beyerdynamic handelt.

Die Gehäuseschalen der Muscheln sind aus formstabilem, druckfestem Kunststoff gefertigt, lassen sich geringfügig nach innen klappen, jedoch nicht drehen. Die Ohrpolster bestehen aus weichem Microfaser-Velours. Auch die Kopfband-Polsterung aus Alcantara ist weich und edel verarbeitet. Am rechten Hörer befnden sich die USB-C-Ladebuchse, der On/Off-Schalter, das Mikrofon für die Freisprechfunktion und die 3,5mm-Klinkenbuchse zum Anschluss des Audiokabels.

Alle Anschlüsse und Bedienelemente befinden sich am rechten Hörer.

Die Schallwandlung unseres Probanden erfolgt durch die von beyerdynamic Ende der Nullerjahre entwickelte Tesla-Technologie, basierend auf einem Neodym-Ringmagnet. Das Innovative an dieser Technologie ist, dass die für den Klang eines Kopfhörers wichtige Flussdichte (die Stärke der Einwirkung eines Magneten auf einen stromdurchfossenen Leiter) um bis zu 100 Prozent höher ist als bei anderen Bauweisen. Die Maßeinheit für die Flussdichte ist Tesla und die ‚magische‘ Grenze für Kopfhörer lag lange Zeit bei einem Tesla. Der Amiron Wireless erreicht Werte von bis zu 1,2 Tesla, während zum Vergleich ein konventioneller DT-Schallwandler, ebenfalls aus dem Hause beyerdynamic, sein Maximum bei 0,6 Tesla erreicht. Zusammenfassend lässt sich konstatieren: jede Erhöhung der magnetischen Flussdichte lässt den Klang präziser und detailreicher werden, die Energie wird effzienter genutzt, wodurch höhere Lautstärken wiedergegeben werden können.

Bluetooth, Akku und Funktionalität
Der Amiron Wireless nutzt den Bluetooth-Standard der Version 4.2 und unterstützt die Codecs SBC, AAC, aptX, aptX LL und aptX HD. Zudem ist er Hi-Res-Audio zertifziert. Die verbauten Lithium-Ionen-Akkus haben eine Kapazität von 1050 mAh und bieten laut Hersteller, bei mittlerer Lautstärke, Laufzeiten bis zu 30 Stunden. Dass diese auch in der Praxis erreicht werden, erscheint realistisch, da nach einem ausgiebigen Hör-Wochenende der Akku immer noch eine Kapazität von 55 Prozent hatte.

Die Außenseite der rechten Ohrmuschel ist als Touchpad konzipiert und ermöglicht so die Steuerung des verbundenen Smartphones, gleichermaßen für Musik und Telefonie. Nach dem Einschalten informiert eine weibliche Stimme, dass der Kopfhörer betriebsbereit ist und über den Kopplungs- und Ladestatus. Im Falle einer aptX-Kompatibilität des sendenden Geräts teilt die Stimme die Aktivierung dieses Codecs mit. Einige Nutzer werden wahrscheinlich erstdadurch erfahren, ob sie über ein Device mit dieser Fähigkeit verfügen.

Der High-End-Bluetooth-Kopfhörer in der Praxis
Unser Testkandidat sitzt sehr angenehm und bequem und bestätigte im Test den guten Ersteindruck. Auch bei teils stundenlangen Hörstrecken entstand niemals ein ungutes, drückendes Gefühl auf dem Kopf oder den Ohren. Gleichwohl hätte ich nichts gegen ein wenig mehr Anpressdruck einzuwenden. Den Tragekomfort des 380 Gramm leichten Kopfhörers würde das meines Erachtens nicht mindern, aber verhindern (oder zumindest das Risiko minimieren), dass man sich den Amiron Wireless vom Kopf schüttelt. Das ist mir nicht nur einmal fast passiert, etwa wenn nach dem Intro von Rage Against The Machines ‚Killing in the Name‘ die ganze Band einsetzt und die Wucht und der Groove dieser Aufnahme schlicht mitreißen.

Die Verbindung des Probanden mit diversen Bluetooth-fähigen Geräten funktionierte tadellos, auch die parallele Kopplung mit mehreren Geräten. Bis zu acht verschiedene Devices können mit dem Kopfhörer verbunden werden, zwei dieser Kopplungen können gleichzeitig aktiv sein. Telefonie und Musikgenuss gleichzeitig sind nur über ein verbundenes Endgerät möglich. Telefonie hat Vorrang gegenüber der Musikwiedergabe und unterbricht diese bei eingehenden Verbindungen. Dass dem so ist, bewies der Anruf meines Nachbarn. An beiden Enden der Leitung war die Sprachqualität sehr gut und die Lautstärke entsprach der der zuvor für die Musik eingestellten.

Es ist erst 15 Jahre her, dass die Steuerung von digitalen Geräten durch Wischen auf Oberfächen Einzug in unser Leben erhielt. Aufgrund der Gewöhnung daran ist es ein Kinderspiel, die grundlegenden Befehle zur Steuerung des Amiron Wireless, wie Play/Pause, Track vor/zurück, Erhöhen und Reduzieren der Lautstärke oder Annahme eines Telefonats, intuitiv anzuwenden. Die Sensitivität des Touchpads lässt sich über die MIY-App einstellen, während des Tests kam ich jedoch sehr gut mit der Voreingestellten zurecht.

Beim ersten Öffnen der App erfolgte sofort der Hinweis, dass für diverse Kopfhörer-Modelle, den Amiron Wireless eingeschlossen, Firmware-Updates zur Verfügung stehen. Nützlich, um sein Gerät immer auf dem aktuellen Stand zu halten. Für die Installation der neuen Firmware müssen zunächst wieder ein Download durchgeführt und ein Programm installiert werden: der beyerdynamic Update Hub (für Windows und Mac über Herstellerseite verfügbar). Die Installation erfolgte rasch und das Programm leitete in wenigen Schritten durch die Prozedur – schon war die Firmware auf dem neuesten Stand.

Mittels der App ist es ebenfalls möglich, den Klang zu personalisieren und an das eigene Hörvermögen anzupassen. Dazu machen Nutzer einen kurzen Hörtest, bei dem man zunächst sein Geburtsjahr angibt, damit ein statistisch gemittelter Bezugspunkt für die Hörfähigkeit bestimmt werden kann. Das Testergebnis ist die Grundlage für die Anpassungen. Etwas schade ist, dass das Resultat nur in Form eines Schiebereglers zwischen links „Original“ und rechts „Personalisiert“ dargestellt wird. Einen Hinweis, welche Anpassungen genau vorgenommen wurden, etwa in Gestalt einer EQ-Kurve, gibt es nicht. Es hätte mich durchaus interessiert zu sehen, wie es um mein Hörvermögen bestellt ist oder wie ich im Vergleich zu Altersgenossen dastehe – das wäre ein potenzielles Schmankerl für weitere Updates der App.

Unverkennbar beyerdynamic: Die charakteristischen Aufhängungen der Ohrhörer.

Getestet habe ich den Kopfhörer mit einem iPhone 5S (2013), einem iPhone SE der 1. Generation (2016) und einem iPad von 2017. Mit diesen allesamt älteren Geräten gab es keine Probleme die Konnektivität betreffend. Ebenfalls nicht mit einem unserer Referenz-Player Pioneer XDP-300R. Die Möglichkeit des Kabelanschlusses ist mehr als ein nettes Feature, da (nur) im Kabelbetrieb hochaufösende Formate genutzt werden können. Nutzern modernster Smartphones wird dies aber keinen Mehrwert verschaffen, da diese Devices kaum mehr über eine Anschlussbuchse verfügen. Laut Hersteller ist der Amiron Wireless insbesondere für den Musikgenuss zu Hause konzipiert, bei gleichzeitiger Mobilität in den eigenen vier Wänden. Natürlich bringt er dennoch alles für den externen Einsatz mit, mir wäre er für alltägliches Unterwegssein jedoch schlicht zu edel. Der intendierte Einsatz in den eigenen vier Wänden schließt durchaus das Heimstudio mit ein, welches schon in vor-pandemischen Zeiten nichts anderes war als „Homeoffice“.

Im Heimstudio sind Platz und Geld meist nicht im Überfuss vorhanden, sodass pragmatische und variable Lösungen willkommen sind. Vor allem Solo-Singer/Songwriter, die daheim hauptsächlich Gitarre, Gesang oder mal ein Klavier aufnehmen, wie auch Produzenten von Podcasts, haben immer Verwendung für einen guten geschlossenen Kopfhörer.

Der Amiron Wireless im Hörtest
Eines muss jedem klar sein: Ein Kopfhörer kann nur so gut klingen wie das Material, welches ihn speist,
es zulässt. Wer ein verlustbehaftetes Format wie mp3 mit einem ebenfalls nicht verlustfreien Codec nutzt, der wird nicht in den vollen Genuss des Amiron Wireless kommen. Aber selbst in einem solchen Setting holt unser Testkandidat das Beste aus dem Vorhandenen heraus und so ändert sich nichts am Testurteil: Der beyerdynamic Amiron Wireless klingt fantastisch und bereitet große Freude!

Die Frequenzbereiche werden ausgewogen, differenziert und ohne auffallende Färbung wiedergegeben. Der (Tief-)Bass-Bereich kommt wuchtig aber sauber. Die unteren Mitten sorgen für angenehme Wärme. Obere Mitten und Präsenzbereich erscheinen glasklar. Die Höhen werden fein, präzise und differenziert abgebildet. Becken und Shaker habe ich nie als zischelnd oder zerrend und somit störend-nervig empfunden. Selbst bei Michael Jacksons „Billie Jean“ oder „Beat It“ nicht, wo die Shaker beziehungsweise Hi-Hats sowohl in der originalen Version von Quincy Jones, als auch im Remaster der 25-Jahre-Edition sehr präsent, um nicht zu sagen „laut“ sind. Sein volles Klangpotenzial entfaltet der Amiron Wireless jedoch erst in der Verwendung eines aptX(HD)-fähigen Geräts beziehungsweise im Kabelbetrieb mit einem Hi-Res-Player, wie dem während des Tests eingesetzten Pioneer XDP-300R.

Die vor allem für einen geschlossenen Kopfhörer (verglichen mit offenen Modellen) beeindruckende Stereobühne, wie auch die detaillierte Tiefenstaffelung und der Dynamikumfang, lassen sich am besten bei klassischen Aufnahmen erfahren. Ich war schlicht begeistert, wie präzise Gustav Mahlers „Titan“-Sinfonie in der Einspielung des Orchesters des Bayerischen Rundfunks klingt. Wahrlich ein lebendiges, sehr dynamisches Klangerlebnis. Ebenfalls die Aufnahme der Beach Boys zusammen mit dem Royal Philharmonic Orchestra war ein reiner Genuss, wie auch diverse MTV Unplugged-Konzerte. Atemgeräusche, eine schnarrende oder nicht sauber getroffene Gitarrensaite – alles ist zu hören und so lassen sich Lieblingssongs noch einmal gänzlich neu erfahren.

Je besser der Kopfhörer, desto eher treten aber nicht nur die Stärken und Feinheiten grandioser Aufnahmen und Bearbeitungen in den Vordergrund, sondern auch die negativen Aspekte und Schwächen einer Produktion: „Still D.R.E.“ von Dr. Dre und Snoop Dogg wird für mich immer ein Klassiker bleiben, der Amiron Wireless macht aber schonungslos deutlich, dass dieser Track ein prominentes Opfer des „Loudness-War“ ist, dessen Bestandteile allesamt einfach derbe laut sind und kaum noch Dynamik aufweisen. Es ist also positiv zu bewerten, dass der Testkandidat dies herausarbeitet.

Der Lieferumfang des beyerdynamic Amiron Wireless.

Der Personalisierung des Klangs durch die App stehe ich zwiegespalten gegenüber. Die ersten Tage habe ich den Kopfhörer ohne Anpassung benutzt und der Klang gefel mir. Dann habe ich die Anpassung eingeschaltet, empfand sie als tendenziell zu stark und daher etwas unangenehm. Ein Zurückregeln von automatisch gesetzten circa 60 auf ungefähr 25 Prozent der Personalisierung traf schließlich meinen persönlichen Geschmack. Je älter das Gehör, desto sinnvoller wird jedoch die generelle Möglichkeit eine Anpassung vornehmen zu können.

Fazit
Wer Musik am liebsten in Ruhe und zuhause genießt, dabei aber nicht auf Bewegungsfreiheit verzichten möchte, der wird den beyerdynamic Amiron Wireless lieben. Wer zusätzlich von einem reinen Hörzimmer träumt, dieses mangels Platz oder Geld aber nicht einrichten kann, der wird kaum umhin kommen die Anschaffung dieses Kopfhörers (in Verbindung mit einem Hi-Res- bzw. aptX-HD-Player) ernsthaft in Betracht zu ziehen. Für einen sicherlich nicht geringen, aber in Anbetracht des Gebotenen absolut vertretbaren Preis bekommen Käufer ein tadellos verarbeitetes, edel anmutendes Produkt, das mit hervorragendem Klang, einer sehr guten Darstellung der Räumlichkeit in Breite und Tiefe, wie auch durch seine intuitive Bedienung zu überzeugen weiß. Obendrein lässt er sich auch durchaus im (Heim-)Studio zu Monitoring-Zwecken während Aufnahmen einsetzen oder auch, um den Klang eigener Abmischungen auf einem anderen System einzuschätzen.

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