Vier STEMS für ein Halleluja

In dieser Folge unserer DJ-Serie widmen wir uns einer der populärsten, Software-gestützten Auflegeplattformen in Gestalt von Native Instruments Traktor. Vor allem die Kombination mit dem neuen STEMS-Vierkanalformat und dem dazu passenden DJ-Controller S5 eröffnen ein Dorado von Mix-Möglichkeiten.

Von Johannes Dicke

Als pünktlich zum Millennium die erste Traktor-Version auf den Markt kam, stieß Native Instruments damit in eine ganz neue Auflegewelt vor. Mit den seinerzeit aufkommenden, Software-gestützten DJ-Systemen wurden Plattenkisten und CD-Koffer über Nacht virtuell und das DJ-ing vereinfachte sich immens. 2003 konnten die Berliner noch einmal nachgelegen, indem erstmalig eine Steuerung der Software-internen Decks via Control-Schallplatten und -CDs möglich war. Dies erlaubte der damaligen DJ-Generation nun auch mp3 & Co in Kombination mit einer von Schallplatten gewohnten Bedienung abzuspielen. Darüber hinaus wuchs in den Folgejahren Traktors Funktionsumfang stetig an, nicht nur mit mehr Decks und Zusatzeffekten, sondern bald auch durch die Bedienung über dezidierte DJ-Controller. 2015 kam schließlich die jüngste Neuerung in Form des aufsehenerregenden STEMS-Formats hinzu. Dabei handelt es sich um ein neues Mehrkanal-Audio-Format, das speziell für DJs und den Mix-Einsatz konzipiert wurde. Als besonderer Clou liegt der Track nicht nur als normale Stereo-Datei, sondern auch in vier Subgruppenspuren aufgeteilt vor, wie beispielsweise Drums, Vocals, Synthesizer und Effekt-Sounds. Diese lassen sich nun mit Traktor Pro 2 und einem STEMS-fähigen Controller unabhängig voneinander mixen und bearbeiten. Unterstützt wird das neue Format bislang einzig von Native Instruments Auflege-Software, genauer gesagt von Version 2.9 aufwärts bis hin zum neusten Update 2.11. Passendes Track-Material gibt es auch schon zu Genüge in allen gängigen DJ-Online-Stores, wie Beatport, Bleep oder Juno. Wöchentlich kommen neue Releases hinzu. Dem nicht genug, lassen sich auch eigene Produktionen ins neue Mehrkanalformat überführen. Möglich macht dies die zusätzlich kostenlos unter www.stems-music.com erhältliche Converter Software namens Stems Creator. Wie‘s geht, haben wir für Sie im Kasten auf Seite 68 zusammengefasst. Passend zum neuen STEMS-Feature haben Native Instruments selbstredend für jeden Geschmack den passenden Controller in petto. Deren beide Flaggschiffe verkörpern zunächst der große Kontrol S8 (UVP: 1199,- Euro) und sein etwas kompakterer Bruder Kontrol S5 (UVP: 799,- Euro), den wir im Folgenden näher kennenlernen werden (weitere Controller-Lösungen finden Sie unter: www.native-instruments.de). Beide bieten umfangreiche Komplettlösungen inklusive integriertem Audio-Interface und neuartiger Decks-Steuerung. Im Workshop werde ich nun zeigen, wie die Mehrkanaltechnik funktioniert. Willkommen in der Welt der STEMS!

Pre-Mix-Countdown

Bevor wir jedoch mit unserer STEMS-Bibliothek und herkömmlichen Tracks mit Traktor Pro 2 und S5-Controller loslegen können, müssen die gewünschten Titel erstmal in Traktor importiert und analysiert werden. Dies ist notwendig, damit der Software zwecks passgenauem Beat-Matching vorab die BPM-Geschwindigkeit jedes einzelnen Songs bekannt ist. Außerdem ergibt es Sinn, in allen Titeln für‘s nächste DJ-Set Cue-Punkte zu setzen. In Traktors Extended View-Modus stehen dazu am jeweiligen Deck acht Cue-Buttons zur Verfügung. Parallel dazu lassen sich am S5 nach Druck auf den Hotcue-Button ebenso die acht großen Buttons der jeweiligen Deck-Abteilung nutzen. Der Clou: Einmal an entsprechend prominenten Stellen im Track platziert, wie etwa im Intro an günstigen Punkten zum Hineinmixen oder zu Beginn von Breakdown-Parts zwecks Schnell-Einstieg, erleichtern und beschleunigen sie die Arbeit sichtlich. Kurz: Damit lässt sich blitzschnell zur jeweils gewünschten Stelle springen. Sind dann alle Editing-Arbeiten inklusive etwaigen Korrekturen in ID-Tags zwecks besserem Auffinden von Titeln abgeschlossen, kann‘s mit unserem Traktor-Setup sogleich reibungslos zur Sache gehen.

Auflege-Basics für Traktor und S5

Zum Start unserer Mix-Session beginnen wir am linken Deck. Mit einem Druck auf den Browse-Encoder gelangen wir erst einmal in den Track-Browser, wo wir uns mittels Drehen durch die zuvor importierte Musikbibliothek scrollen. Nachdem wir einen potentiell passenden ersten Titel, beispielsweise aus dem House-Bereich gefunden haben, können wir mithilfe der integrierten Vorhörfunktion kurz reinhören, ob der Track passt – und zwar ohne ihn extra ins Deck laden zu müssen. Dazu lässt sich die Vorhörwiedergabe mit einem Druck auf den Loop-Encoder starten, ein Dreh nach rechts oder links erlaubt zudem im Song vor- oder zurückzuspringen. Passt die auserkorene Nummer ins Set, laden wir sie durch Drücken des Browse-Encoders ins Deck. Zum Abspielen öffnen wir nun den betreffenden Kanal-Fader und drücken anschließend die Play-Taste. Lupenrein: Das integrierte Audio-Interface des S5 erweist sich dabei zuallererst klangtechnisch hervorragend. Es weiß mit glasklarem, transparentem Sound zu glänzen, genauer gesagt mit schön sauber dargestellten Fein-Details in den oberen Mitten und Höhen.

Da nun der erste Titel läuft, verschafft uns das ein wenig Zeit, nach dem passenden, nächsten Track Ausschau zu halten und ihn ins rechte Deck zu laden. Als wichtige Anhaltspunkte helfen dabei neben Geschmack und Club-Erfahrung ebenso die beiden Faktoren BPM-Geschwindigkeit und Tonhöhe, welche dank der eingangs erfolgten Analyse beim Browsen zu jedem Titel im Deck-Display angezeigt werden. Geht es dann ans Mixen, funktioniert das am S5 wie bereits angedeutet nicht etwa klassisch mittels Jogwheels und Pitch-Fadern. Vielmehr baut Natives zweitgrößter Controller primär auf Traktors automatischen Tempoangleich via Sync-Funktion, wodurch händisches Beat-Matching nur noch in seltenen Fällen nötig ist. Sprich: Weitestgehend unabgelenkt durch zeitraubendes Tempoangleichen soll das DJ-Hirn seinen Fokus auf die Musikauswahl und die Kreativmöglichkeiten an Bord von Traktor und S5 richten können. Einzig wenn, wie beispielsweise beim Übergang von einem Dance- zu einem Hip Hop- oder R’n’B-Track, die vorherrschende Temporegion verlassen oder zu Halftime-Rhythmen gewechselt wird, kann die Sync-Automatik nicht mehr mithalten und es muss per Hand eingegriffen werden. In solchen Fällen drücken wir die obere der beiden linksseitigen Quadrattasten neben dem Display. Nun erscheint das BPM-Tempo des sich im Decks befindlichen Tracks, welches wir durch Drehen am Browse-Encoder bei gleichzeitig gedrückter Shift-Taste in ganzen BPM-Schritten verstellen können. Wird noch feineres Tempo-Tuning gewünscht, lassen wir kurzerhand die Shift-Taste los und die Justage-Steps werden kleiner. Zwecks passgenauen Angleichen der Beats per Kopfhörer und Kanal-Cue-Button, lässt sich der anzugleichende Track zusätzlich mithilfe des Touch-Strips anschieben oder abbremsen. Apropos: Der bei  Tempoveränderungen zur Verfügung stehende Regelbereich entpuppt sich als ungemein groß und reicht von schleppenden 40 bis hin zu rasend-schnellen 300 BPM. Damit lässt sich jegliches Beat-Tempo perfekt einbinden, gerade auch, wenn es von Traktors Analyse-Engine als Halftime interpretiert wird. Dabei klingt das Ergebnis selbst bei bereits krassen Tempoveränderungen stets sauber und ohne hörbare Artefakte. Doch dem nicht genug. Es findet sich auch in puncto Tonhöheneinstellung eine äußerst praktische, allerdings einzig manuell justierbare Angleichsfunktion an Bord. Ähnlich wie zur Tempo-Justage muss dazu diesmal der untere der beiden Quadrat-Buttons neben dem Display gedrückt werden, um zur gewünschten Funktion zu gelangen. Die Einstellung erfolgt dann abermals per Browse-Encoder, und zwar standartmäßig in Halbtönen bis maximal eine Oktave aufwärts oder abwärts. Wird zudem gleichzeitig die Shift-Taste gedrückt, verläuft das Ganze in Cent-Schritten.

Doch zurück zu unserem S5-Mixing-Tutorial. In puncto Beat Matching entscheiden wir uns nun der Einfachheit halber für die Sync-Funktion. Praktisch: Dazu genügt an dem Deck, mit dem wir den nächsten Titel hineinmixen wollen (in diesem Fall ist es das Rechte) ein Tastendruck auf Sync und schon hat der dort hineingeladene Track das Tempo des linken Decks übernommen. Mithilfe eines zuvor gesetzten Cue-Punktes oder aber per Touch-Strip (bei gleichzeitig gedrückter Shift-Taste kann damit zu jedem Großbereich im Track gesprungen werden) navigieren wir an eine geeignete Stelle zum Mixing-Einstieg im Mix-Intro. Anschließend starten wir pünktlich zu Beginn des Mix-Outros des auf dem linken Deck laufenden Tracks die Wiedergabe des rechten Decks. Anschließend schrauben wir uns mithilfe von Kanal-Fadern und Kanal-EQs, beziehungsweise HPF/LPF-Filtern bis zur vollständigen Überblendung durch den Übergang.

Noch ein kleiner Abschlusstipp: Sollte dabei der verbleibende Rest des noch laufenden Titels knapp werden, stellt das keinesfalls ein Problem dar. Mithilfe der Loop-Funktion können wir kurzerhand ein paar Beat-Schläge in entsprechender Länge in Schleife laufen lassen und somit das Mix-Outro künstlich verlängern. Dazu stellen wir mittels Drehen am Loop-Encoder die Loop-Länge ein, wobei je nach Variationen im Beat vier oder acht Takte genügen. Anschließend reicht ein kurzer Druck auf den Encoder-Poti zur Loop-Aktivierung. Übrigens: Im Falle allzu kurzer Mix-Passagen am Anfang von Tracks hilft diese Methode für den Mix-Einstieg.

 

STEMS-Steuerung in der Praxis

Da wir nun die grundlegende Mix-Funktionalität am S5 kennengelernt haben, steigen wir eine Stufe höher, und zwar in die nochmals komplexeren Sphären des STEMS-Mixing empor. Zu diesem Zweck laden wir zwei entsprechende Tracks in die Decks und mischen wie zuvor unter Zuhilfenahme der Sync-Funktion einen Übergang. Da wir nun mit Multikanal-Files arbeiten, werden uns auf dem Display die Wellenformen der vier Einzelspuren übereinanderliegend angezeigt. Zudem sind diese ganz unten noch einmal in Form kleiner Regler-Darstellungen aufgeführt, parallel zu den unterhalb des Displays gelegenen acht Drum-Machine-Style-Buttons. Nachdem wir dann den Remix-Button aktiviert haben, geben uns die acht Taster Zugriff auf die einzelnen STEMS. Mit der oberen Tastenreihe lässt sich jede Spur einzeln stummschalten, mit der unteren kann jede entweder zwecks Lautstärkenregelung oder zur Cut-off-Filterbearbeitung scharf geschaltet werden. Sobald ein Mitglied der unteren Button-Reihe gedrückt wird, fährt auf dem Deck-Display die untere Leiste mit den kleinen Einzelregler-Darstellungen nach oben und zeigt den jeweils eingestellten Volume- oder Filterbetrag in Prozent an. Nun kann wahlweise mittels Browse-Encoder die Lautstärke oder aber per Loop-Encoder der Filterwert jeder Einzelspur eingestellt werden. Dem nicht genug bewirkt seitens der Volume-Regelung bei Werten ab 99% abwärts ein Druck auf den Browse-Encoder das sofortige Zurückspringen auf 100%. Auf der anderen Seite bewirkt ein Druck auf den Loop-Encoder das Ein- oder Ausschalten der Filterfunktion. Außerdem wurde diese gleich doppelt, nämlich mit einem positiven und einem negativen Regelbereich ausgeführt. Ersteren durchfährt beim Drehen nach rechts ein Highpass-, letzteren beim Drehen nach links ein Lowpass-Filter. Durch solche cleveren Zusatz-Features lässt sich beispielsweise pünktlich auf den ersten Schlag eines Drop-Parts alle Filterung, beziehungsweise Lautstärkereduktion schlagartig auf „neutral“ stellen. So lassen sich diverse Knalleffekte nochmals präziser ins Mixen einbinden.

Eleganter Mehrkanalmix

Mit all diesen Steueroptionen unter den Fingern eröffnen sich uns einige neue Mixing-Möglichkeiten. Zuallererst lassen sich STEMS-Tracks durch getrenntes Ein- und Ausfaden einzelner Klangelemente unabhängig voneinander besonders elegant ineinander mischen. Passen zum Beispiel die Intros zweier Tracks harmonisch nicht zueinander, bietet sich die Möglichkeit bei dem Titel, der als nächstes hineingemixt werden soll, im Mix-Intro störende Elemente, wie Synthesizer oder andere Harmonieinstrumente schlichtweg auszuschalten. Pünktlich auf die erste Zählzeit des Breakdowns können diese dann entweder mithilfe der oberen Button-Reihe schlagartig wieder eingeschaltet oder aber, mittels der zweiten Tastenreihe markiert, behutsam an einer geeigneten Stelle wieder hineingefahren werden. Je nachdem wie smooth das Ganze von statten gehen soll, bleibt zudem die Wahl zwischen Lautstärke- oder Filterfahrt. Zudem eröffnen sich noch weitere, kreative Einsatzmöglichkeiten. Neben eleganten Mix-Übergängen ist mit STEMS nämlich auch der Einsatz bei besonders sangesfreudigem Querbeet-Party-Publikum denkbar – geeignetes Track-Material vorausgesetzt. Angenommen, Sie spielen vor vollem Haus einen Hit, bei dem der ganze Laden lauthals mitsingt. In solchen Fällen bietet es sich selbstredend an, in betreffenden Refrain-Passagen den Kanal-Fader kurz herunterzuziehen und den Publikums-Chor kurzerhand ein wenig a capella mitsingen zu lassen. In der Theorie lässt sich mit STEMS-Titeln als zusätzliches Schmankerl auch einzig der Lead-Gesang ausschalten, sodass das Ganze für das Publikum kurzerhand zur Karaoke-Einlage wird. Einziger Haken: Vor allem im Pop-Bereich sind uns bislang keine entsprechenden Hits im STEMS-Format bekannt. Doch der Stems Creator und ein wenig Erfindergeist können in dieser Beziehung Abhilfe schaffen. Wer nämlich von alten Platten oder aus sonstigen Quellen a capella-Spuren besagter Mitsing-Hits besitzt und diese in der DAW phasengenau über den kompletten Summen-Mix legt, kann sich so erst das passende Instrumental erzeugen und damit nebst der a capella-Spur via Stems Creator ein eigenes – wenn auch nur zweikanaliges – STEMS-File des betreffenden Hit-Tunes basteln. Zwar bedeutet das zunächst einige Arbeit. Doch diese wird im Club nicht nur durch oben beschriebene Mitsänger, sondern zudem auch durch jede Menge Mashup- und Live-Remix-Potential belohnt. So kann mit entsprechend vorbereitetem STEMS-Material auf der Festplatte sowie etwas Übung der nächste DJ-Auftritt zur packenden Live-Performance mutieren – ausprobieren lohnt sich!

Fazit

Native Instruments hat mit S5 und Traktor eine veritable Auflege-Kombination am Start, die es tatsächlich schafft, den Blick des DJs wieder mehr vom Laptop-Bildschirm hin zu Musik, Reglern und Publikum zu lenken. Zwar ist das Fehlen von Jogwheels und Pitch Fadern zunächst ungewohnt, doch die Mix-Arbeit geht auch mit der Bedienfunktionalität des S5 ausgesprochen gut von der Hand – Übung macht den Meister. Apropos: Auch das neue STEMS-Multikanalformat wurde bei entsprechend kompakten Abmessungen bestmöglich integriert. Das Mischen mit den STEMS-Einzelspuren funktioniert gut, wobei mit dezidierten Einzel-Fadern, wie am – wenn auch sichtlich größeren – S8 der Workflow sicherlich schneller und intuitiver liefe. Klasse in puncto STEMS ist vor allem auch, dass mit dem Stems Creator eine kostenfreie Möglichkeit besteht, eigene STEMS-Tracks zu kreieren.

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