Fruchtalarm!

Dass sich Musik auch mit amtlichem Sound im Proberaum produzieren lässt, bewiesen die Deutschrocker Ananasbaum mit ihrer EP „Feuer am Himmel“. Wie das gelang, erzählte uns Sänger Steven Wimmer im Interview.

Von Sylvie Frei

Fruchtig, frisch, intensiv und irgendwie anders – Ananasbaum ist eine noch junge Band aus dem Westerwald, die im vergangenen Jahr ihre erste eigene EP aufgenommen hat – eine aufregende Kombination aus energetischer Rockmusik mit deutschsprachigen, sozialkritischen Texten. Die Produktion hat Ananasbaum komplett in Eigenregie gemeistert, mit einem durchaus hörbaren Ergebnis. Wir haben uns mit Sänger Steven Wimmer über Ananasbaum und die EP-Produktion unterhalten. Er hatte wertvolle Tipps für andere Musiker parat, die in Eigenregie produzieren möchten. Außerdem durfte sich die Redaktion ein akustisches Bild von der EP „Feuer am Himmel“ machen.

 

Hallo Steven, kannst Du uns zunächst ein wenig über den Background von Ananasbaum erzählen?

Wir sind eine Deutsch-Pop/Rockband aus dem Westerwald und haben uns im Mai 2015 gegründet. Die Gründungsmitglieder waren Dennis Wimmer (Gesang, Gitarre), Daniel Hentges (Gitarre), Roban Cremer (Drums), Kevin Kleebach (Bass, Gesang) und ich (Sänger). Das eigentliche Songwriting findet hauptsächlich in meinem Kopf statt (lacht), was aber nicht bedeutet, dass ich der einzige kreative Kopf unserer Truppe bin.
Im Sommer 2016 mussten wir uns leider von unserem Drummer Roban verabschieden, erst vor kurzem leider auch von Daniel und Dennis. Zurzeit spielt Tobias Jordan aus München unsere Drums und unterstützt uns tatkräftig bei allem, was wir machen. Zur Zeit verfahren wir folgendermaßen: Kevin und ich schreiben Songs und senden diese per Mail an Tobi. Wenn das Songwriting passt, treffen wir uns zum Proben. Wir nennen das Songwriting 2.0.

Wen oder was möchtet ihr mit Eurer Musik erreichen?

Unser Ziel ist es natürlich, bekannt zu werden, unsere Musik mit allen Menschen zu teilen und vor allem zu diskutieren, da uns die Message sehr viel bedeutet.

Welche Musik hat Euch geprägt oder inspiriert?

Wir kommen aus dem Rock-, Punk- und Indie-Bereich, haben aber auch Erfahrung im Bereich Hardcore/Metal. Ich selbst habe vorher mit unserem neuen Drummer bereits in einer Tech-Core Band gespielt (Techno-Metalcore). Wir hießen Prison Mind. Ich bin jedoch 2011 aus der Band ausgestiegen und 2014 hat sich Prison Mind aufgelöst.

Wie seid ihr auf den Bandname „Ananasbaum“ gekommen?

Der Name Ananasbaum ist durch einen total beknackten Traum von mir entstanden. Im Traum stand ich gemeinsam mit meinem Onkel auf einer Bühne. Ich mit Mikrofon/Gitarre und er mit einer Trompete, vor uns jede Menge Publikum. Er kann weder Trompete spielen, noch bin ich sicher, ob er überhaupt weiß, was das ist. (lacht) Während er total schlecht auf der Trompete spielte, schrie er dazu immer wieder den Satz in die Menge: „Wir sind Ananasbaum!“ Ich bin aufgewacht und habe mich schlapp gelacht. Sowas war mir noch nie passiert… Das war einfach ein Zeichen.

Was waren bislang Eure prägendsten Erlebnisse als Band?

Anfang Dezember hatten wir die Ehre von Dennis Poschwatta (Drummer der Guano Apes) höchstpersönlich gecoacht zu werden. Wir haben uns in München getroffen und dieses Erlebnis hat uns noch mehr zu einer Band zusammen geschweißt. Er hat uns Tipps für das Songwriting gegeben und klare Strukturen gezeigt, einfachere Songgerüste erklärt, um alles zu optimieren und zu verbessern. Im Prinzip haben wir für das Studio geprobt. Der Tag war sehr spannend. Von wem kann man schließlich besser lernen als von den erfahrenen Dinos? (lacht)

Was war das Konzept hinter eurer aktuellen EP „Feuer am Himmel“?

Ganz einfach: Unsere Meinung zu aktuellen Themen in einem dreckigen und vollkommen authentischen Stil. In unserem ersten Song „Prolog“ erklären wir in sehr metaphorischer Art und Weise, wie Macht und Religion die Menschen zu dem gemacht haben, was wir sind und natürlich auch, was wir noch werden, wenn wir nicht aufwachen und lernen, menschlich zu denken und zu handeln. Das alles findet ihr auf einer Platte und mit viel Herzblut und Leidenschaft in jeder Note, denn das sind wir und „Feuer am Himmel“.

„‚Feuer am Himmel‘ ist unsere Meinung zu aktuellen Themen in einem dreckigen und vollkommen authentischen Stil.“

Für eine waschechte Eigenproduktion aus dem Proberaum habt Ihr einen sehr amtlichen Sound. Ist jemand von Euch tontechnisch geschult oder kennt sich mit Aufnahmetechnik aus?

Ich hatte einen Mentor namens Moritz Gröger aus der Hertzkammer in Köln. Er hat mir die Basics gezeigt und die Navigation durch die DAW. Außerdem konnte ich ihn immer anrufen, Fragen stellen und ihn nerven, wenn ich nicht mehr weiterkam.
Produktion und Tontechnik praktiziere ich jetzt neben dem Musizieren seit etwa sechs bis sieben Jahren. Ich habe mich für fast unzählbar viele Internetworkshops eingeschrieben, Bücher gekauft, viele Bands kostenlos produziert, Geld für eine DAW und Plug-ins investiert und selbstverständlich eigene Songs produziert.

Wie habt ihr die EP eingespielt – Stück für Stück im Overdub-Verfahren oder gemeinsam live?

Da wir nicht sehr viel Equipment zur Verfügung hatten, haben wir alles nacheinander eingespielt: erst die Drums, dann den Bass, etc..

 

 

Welche Produktionsmittel standen Euch zur Verfügung?

Zunächst einmal ein gut ausgestatteter PC (Intel Core i7-4930K Prozessor, 16 GB RAM, 3,5 TB Festplattenspeicher, 512 GB SSD, ASUS GF GTX970) mit Steinberg Cubase 5. Als Mischpult kam das Yamaha MG12 zum Einsatz und aufgenommen haben wir mit dem achtkanaligen USB-Audio-Interface Edirol UA-101. Unsere Abhöre ist ein M-Audio AV 32 Studio System.
Für die Mikrofonierung der Gitarren hatten wir zwei Shure SM57 und zwei Sennheiser e 609, haben aber auch mit D.I.-Signal gearbeitet. Die Drums haben wir folgendermaßen mikrofoniert: ein AKG D 112 MKII für die Bass-Drum, ein Shure SM57 für die Snare, AKG C 451 B Stereo-Paar als Overheads, ein Sennheiser e 604 für die Toms und ein weiteres AKG C 451 B für die Hi-Hat. Den Bass haben wir mit dem AKG D 112 MKII und D.I.-Signal aufgenommen. Für den Gesang kam das AKG Perception 220 zum Einsatz.
Als Amps dienten ein Marshall MG100 Series, ein ENGL Fireball und für das D.I.-Signal haben wir eine Mesa Boogie Amp Simulation benutzt. Als Boxen kamen ein ENGL Pro 4×12 und eine Ampeg Box zum Einsatz. Ansonsten haben wir mit diversen Effekt-Plug-ins von Waves und CLA, dem Toontrack Superior Dummer (für Trigger), den EQs und anderen Plug-ins aus Cubase gearbeitet.

Wie war der Raum beschaffen, in dem Ihr eingespielt habt? Musstet Ihr Maßnahmen ergreifen, damit er besser klingt?

Wir mussten einiges tun, um das Ganze besser klingen zu lassen. Dazu haben wir den Raum sprichwörtlich ausgeräumt, damit immer nur das aufzunehmende Instrument klingt. Leider hatten wir keinen guten Raum für das Drumset, da unser Proberaum komplett schallisoliert ist. Den Raumklang mussten wir daher leider komplett simulieren, indem wir unsere Overheads gedoppelt und dann mit Reverb leise gemischt haben. Ein perfektes Ergebnis klingt natürlich anders.

„Nachdem wir eine Woche lang ununterbrochen aufgenommen hatten, brauchte ich erst mal eine Woche Abstand.“

Wie haben sich Mixing- und Mastering-Prozess gestaltet?

Nachdem wir eine Woche lang ununterbrochen aufgenommen haben – von Montag bis Samstag von 8:00 bis 3:00 Uhr, hatte ich erst mal genug. Daher habe ich eine Woche gewartet, bis ich mit dem Mixing angefangen habe, um etwas Abstand zu gewinnen.
Davor musste ich zuerst die Drum-Spuren editieren. Dabei ist mit leider aufgefallen, dass wir nicht alles auf Klick hatten. Teilweise war das Ergebnis so weit davon entfernt, dass mir nichts anderes übrig blieb als zu triggern.
Dann habe ich zuerst das Schlagzeug gemischt, danach den Bass, die Gitarre, den Gesang und letztendlich Effekte und Glitches. Das Mastering bin ich dann drei Tage nach dem Mix angegangen.

Welche ästhetischen Vorstellungen hast Du beim Mix und Mastering verfolgt? Gab es soundtechnisch ein Vorbild?

Wir hatten Soundvorbilder wie Jupiter Jones, KMPFSPRT, Massendefekt, Heisskalt oder Captain Planet. Das waren aber nur Orientierungspunkte. Wir wollten einen eigenen Sound kreieren. Wir haben versucht „true“ zu bleiben. Das klingt zwar etwas abgedroschen, aber das war unser Vorhaben.

Was macht für Dich eine gut produzierte Platte aus?

Eine gut produzierte Platte entsteht vor allem durch eine gut organisierte Band, die ihre Songs mit Herz und Leidenschaft spielen kann und einen stressfreien, professionellen und kreativen Aufnahmeprozess. Wichtig sind auch ein unparteiischer und erfahrener Mixing Engineer und ein entsprechender Mastering Engineer. Wenn dann noch das Equipment perfekt ist, kann nichts mehr schief gehen, es sei denn, das Bier geht aus…

„Macht, wenn möglich, nicht alles alleine.“

Welche Tipps würdest Du anderen Bands geben, die auch eine Platte in Eigenregie aufnehmen und produzieren wollen?

1. Am wichtigsten ist es, vorher alles genau zu planen, vor allem wenn es eine große Produktion werden soll. Wir sind ziemlich planlos ran gegangen – das war keine so gute Idee.
2. Schreibt eine Bestandsliste von all dem Equipment, das Euch zur Verfügung steht, damit ihr genau wisst, was ihr für die Produktion nutzen könnt.
3. Schreibt Euch auf, welche Songs ihr aufnehmen wollt und fangt mit dem an, der am besten mit der Band funktioniert. Je besser es am Anfang klappt, umso mehr positive Energie entsteht für die Arbeit am restlichen Material. So macht es automatisch sehr viel Spaß.
4. Der Aufnahmeraum sollte etwas hellhöriger und nicht komplett gedämmt sein, um alle wichtigen Raumklänge einfangen zu können. Diese sind im Mix Gold wert.
5. „Nach fest, kommt ab!“ Das wurde uns bei der Aufnahme zum Verhängnis. Beim Anbringen der Mikros solltet ihr unbedingt aufpassen, dass alles an der richtigen Position steht und am besten keinen Mikrofonständer bis zum Anschlag festdrehen. Wir haben da nicht aufgepasst, so ist uns während der Aufnahme des Songs im Song „So schnell“ das SM 57 für die Gitarre umgefallen. Auf dem Song ist jetzt nur die D.I. Spur zu hören. Aber daraus lernt man eben.
6. Seid fit und gut vorbereitet am Aufnahmetag. Auch die Songs sollten natürlich alle fertig und spielbar sein. Ihr werdet zwar während den Aufnahmen womöglich noch einiges ändern, aber ihr solltet grundsätzlich wissen, was ihr tut.
7. Macht, wenn möglich, nicht alles alleine. Lasst Euch von jemand anderem beim Mixen und Mastern unterstützen. Wenn ihr alles selbst macht, entsteht gerne ein starker Tunnelblick, aus dem ihr im schlimmsten Fall nicht mehr herauskommt.
8. Habt Spaß und seid kreativ! Schließlich ist es ein wunderbares Gefühl mit den Jungs im Studio produktiv zu sein.

Was war Euer Fazit aus dieser Produktion?

Wir haben ungefähr 150 Stunden in die Platte investiert, nur 130 Euro ausgegeben, eine der besten Zeiten unseres Leben gehabt und dabei noch eine gute Platte aufgenommen. Besser geht’s nicht.
Aber im Endeffekt hätte man selbstverständlich vieles anders gemacht. Mittlerweile bin ich selbst auch viel besser geworden und produziere täglich Musik. Wenn ich meine jetzigen Produktionen höre und sie mit „Feuer am Himmel“ vergleiche, schüttle ich nur meinen Kopf und schäme mich. Es ist so viel schief gelaufen… Aber genau das macht mich/uns jetzt aus. Wir sind froh, über die Erfahrungen, die wir bei der Arbeit an „Feuer am Himmel“ gemacht haben und glücklich über das Produkt. Ein sehr großer Dank geht an meinen Bruder Justin Wimmer, der in der ganzen Produktions-Woche keinen Meter von meiner Seite gewichen ist. Er hat mich immer wieder motiviert und aus eigenem Interesse an der Platte mitgewirkt.
Wir haben im Proberaum übrigens nicht nur Musik aufgenommen, sondern hatten auch sehr talentierte und erfahrene Kameraleute mit dabei. Von diesen wurden wir während der Produktion durchgehend gefilmt. Vielen Dank an dieser Stelle an Philipp Sanden und Kevin Kleebach.

Werdet Ihr bei der nächsten Platte wieder alles selbst machen oder gibt es andere Pläne?
Wir werden demnächst ins Studio zu Dennis Poschwatta gehen und unsere neue Platte in seiner Regie aufnehmen. Leider wird es keine eigene Produktion mehr sein, aber das ist erstmal besser so. Selbstverständlich werde ich mit an der Soundgestaltung beteiligen, da mir der Sound von Ananasbaum sehr wichtig ist.

Ananasbaum – Feuer am Himmel

So harmlos und lustig der Bandname „Ananasbaum“ klingt und so bescheiden Steven Wimmer über die Produktion zur EP „Feuer am Himmel“ im Interview spricht – das kurze, aber eindrucksvolle und intensive Machwerk der Jungs aus Koblenz hat es musikalisch wie textlich in sich. Auf der musikalischen Seite erwartet uns gut gemachte, abwechslungsreiche, dynamische Rockmusik mit Stevens sympathischer, energiegeladener und ausdrucksvoller Stimme, welche die rundum positiven, wenn auch durchaus gesellschaftskritischen Texte der Band in dialektfreier deutscher Sprache in sicher intonierter mittlerer bis höherer Lage glasklar und gut verständlich rüberbringt. Ergänzt wird das Ganze teils von Chören und Backing-Vocals, griffigen rhythmischen Gitarrenriffs in abwechslungsreichem und wohl gewähltem Sound und treibenden Drums.
Die Songs bewegen sich fast ausschließlich im schnellen Mid- bis Uptempo, sprühen nur so vor positiver Energie und machen auch bei nachdenklichen Lyrics wie etwa beim Song „Wie Du!“, der sich mit dem Thema Fremdenhass auseinandersetzt, sehr viel Spaß. Das Song-Material ist perfekt für die Bühne gemacht, bietet viel Abwechslung und mitunter Mitsing-Momente, wie etwa beim Opener „Ein guter Tag“, einer Uptempo-Hymne für eine optimistische Lebenseinstellung. Konzertartige, fast feierliche Atmosphäre kommt beim kurzen, gesprochenen Stück „Prolog“ auf, bei dem Steven sozusagen das Manifest der Band, Hass zu überwinden und gemeinsam für eine bessere Gesellschaft einzustehen, in einer Ansprache an das Publikum rezitiert, umwabert von atmosphärisch-tragenden Gitarrenklängen. Der angenehm treibende Song „Regen“ hat unserer Meinung nach echtes Radiopotenzial und zeigt, dass die Band ihre Stücke gut und abwechslungsreich arrangieren kann. Auch die tontechnischen Qualitäten werden in diesem Stück offenbar und zeigen sich in einem pointierten Effekteinsatz und einem guten Gespür für Soundästhetik. In dieser Hinsicht zeigen sich aber auch die übrigen Songs fast ausschließlich positiv. Der einzige soundtechnisch etwas schwächere Song – sicherlich auch, weil bei der Aufnahme die Gitarrenspur verunglückt ist – ist das Stück „So schnell“. Es spielt mit einem etwas trashigeren Sound und Lo-Fi-Effekten und fügt sich nicht ganz organisch in das Gesamtgefüge „Feuer am Himmel“ ein. Außerdem fehlt es ein wenig an Bass und Druck. Kompositorisch und musikalisch ist der Song dennoch große Klasse, zeigt doch Sänger Steven Wimmer mit Sprüngen zwischen Brust- und Kopfstimme und einer abwechslungsreich phrasierten Melodie, die zwischen Sprechgesang und melodischer Artikulation variiert, das er gesangstechnisch mit allen Wassern gewaschen ist. Auch insgesamt ist der Song dramaturgisch gut gestaltet. Etwas eigenwillig, aber damit auch einzigartig wirken die sich überlappenden Gesangslinien am Ende des Stückes und das etwas offen ausklingend gehaltene Ende.
Insgesamt dürfen sich Ananasbaum für ihre Leistung auf der leider viel zu kurzen EP „Feuer am Himmel“ absolut auf die Schultern klopfen. Musikalisch wie soundtechnisch klingt die Produktion absolut nicht nach Proberaum und improvisierter Technik – der Sound ist glasklar, es wurde effektvoll und ausgewogen gemischt und das Ergebnis macht einen rundum professionellen Eindruck. Wir wünschen Steven und Ananasbaum alles Gute für ihre musikalische Zukunft und sind gespannt auf mehr.

Die EP „Feuer am Himmel“ können Sie im Channel AnanasbaumTV vollständig anhören.

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