Was rauscht und blubbert denn da?

Die Libraries Radiophonica und Airwaves aus dem Hause Something else Music beschwören den Geist der 1950er Jahre und bieten einen Trip zu den Anfängen der elektronischen Klangerzeugung.  

Von Georg Berger

Der Brite Ian Boddy kann auf eine lange Karriere als Musiker und Sound-Designer zurückblicken. Seit Anfang der 1990er Jahre produziert er Sample-Libraries und hat sich überdies international als Musiker und Inhaber des DiN-Plattenlabels in der Ambient-Musik-Szene einen Namen gemacht. Unter anderem produzierte er Klangmaterial für Produkte der Unternehmen Linplug, Camel Audio, Zero-G, Sample Magic und Rob Papen Soundware. Doch jetzt tritt Boddy mit seinem eigenen Unternehmen Something else Music Ltd. erstmals selbst als hauptverantwortlicher Hersteller von Sample-Libraries in Erscheinung. Die ersten Veröffentlichungen unter seiner Ägide sind die zwei Libraries Radiophonica und Airwaves, die Teil der sogenannten Ian Boddy Waveform-Serie sind. Beide Produkte offerieren Effektklänge, die zur Untermalung in Hörspiel und Film prädestiniert sind, sich aber auch für alle Spielarten elektronischer Musik empfehlen.  Bei den Sounds der Radiophonica-Library hat sich Boddy von der Klang-Ästhetik des BBC Radiophonic Workshops inspirieren lassen. Die Institution ist vergleichbar mit dem Studio für elektronische Musik des WDR, hat von den 1950er bis hinein in die 1970er Jahre intensive Klangforschung betrieben und war Forschungs- und Kompositionswerkstatt für viele Komponisten neuer klassischer Musik. (Das englische Sound on Sound-Magazin hat einen informativen Artikel über das elektronische Studio der BBC veröffentlicht. Nachzulesen unter http://www.soundonsound.com/sos/apr08/articles/radiophonic.htm) Die Samples bestehen aus Klängen zumeist großer modularer Synthesizer wie etwa dem Roland System 100-M oder dem Doepfer A-100. Das konzeptionelle Rückgrat der Airwaves-Library bilden Yaesu-Amateur-Funkgeräte des japanischen Herstellers Vertex Standard, durch die Boddy verschiedene elektronische Sounds und O-Töne schickte und so mit den für CB-Funk und auch Radioübertragungen typischen Verzerrungen, Modulationen sowie Stör- und Nebengeräuschen anreicherte.

Für die Aufnahme, Produktion und Aufbereitung der Libraries nutzte der britische Sound-Künstler ein RME Fireface 400 in Kombination mit einem Mac und Logic Pro 8. Für die Post Production kamen eine Vielzahl von Plug-ins zum Einsatz wie unter anderem Bias Peak Pro 5, Izotope Spectron und Audio Ease Periscope.   Die Samples beider Libraries wurden im 24 Bit-Format mit 44,1 Kilohertz produziert und besitzen ein Daten-Volumen von jeweils unterhalb 600 Megabyte. Die Sounds liegen sowohl als Wav-Files vor, wie auch im Kontakt 2 Format. Besonderheit: Die Ian Boddy Waveform-Libraries sind ausschließlich per Download über verschiedene Online-Library-Portale zu beziehen (siehe Tabelle). Dank schneller Server-Anbindung der Portale haben wir beide Produkte innerhalb von 15 Minuten auf unseren Redaktions-Rechner transferiert. Vorteil: Die Kosten bleiben niedrig, pro Library ruft Boddy lediglich etwas mehr als 30 Euro auf. Ein äußerst günstiger Preis, wie wir finden. Allerdings muss man dafür auch mit einer recht überschaubaren Ausstattung leben. Wer nicht mit dem Kontakt-Sampler von Native Instruments arbeitet, muss die Samples manuell importieren und gegebenenfalls konvertieren. Kontakt-Nutzer sind aber auch nicht viel besser dran. Jeder Sound ist ohne zusätzlichen Programmier-Schnickschnack lediglich über einen Bereich von sieben Oktaven gemappt. Ausnahme: Das Modulationsrad führt dabei lediglich ein Filter-Cutoff aus. Wer die Sounds per LFOs und Effekte veredeln möchte oder mehrere Layer nutzen will, die etwa per Velocity-Crossfade, Key-Switches oder -Splits aufrufbar sein sollen, muss also auch in Kontakt selbst Hand anlegen. Doch die sparsame Preset-Programmierung hat Methode: Denn die akribisch produzierten Sounds sollen nach dem Willen des Schöpfers, so wie sie sind, für sich selbst sprechen. Sehr schön: Innerhalb der Kontakt-Sounds finden sich dennoch als Bonus sogenannte All-Presets. Beim Laden werden mehrere Samples aus den Einzelsound-Presets der Reihe nach auf jeweils eine Keyboard-Taste gemappt, was ein bequemes Vorhören des nach Kategorien -unterteilten Inhalts erlaubt. Insgesamt hätten wir uns trotzdem mehr Preset-Formate für weitere Software-Sampler wie etwa Propellerhead Reason, Digidesign Structure oder Apple EXS 24 gewünscht. 

Widmen wir uns zuerst der Radiophonica-Library. Sie besteht aus knapp 200 Mono-Samples, die in acht Unterordner beziehungsweise Sound-Kategorien aufgeteilt sind. Die Ordner tragen sprechende Bezeichnungen wie „Atmospheres“, „Drones“ oder „Noises“ und bieten eine sinnvolle und überschaubare Sortierung. Auffällig: Die Radiophonica-Sounds besitzen einen eigentümlichen Grundsound, der in den unteren Mitten betont und in den oberen Mitten ein wenig gedämpft ist. Insgesamt entsteht dadurch ein angestaubter Klangcharakter wie man ihn von gealterten Tonbandaufnahmen her kennt. Dieser Vintage-Sound wird durch weidliches Nutzen von Federhall- und Bandecho-Effekten zusätzlich betont. Insgesamt klingen die Sounds dadurch eher gefällig und wirken eigentümlich unscheinbar. Selbst den Sounds mit dominant scharfen und spitzen Klanganteilen, die eigentlich drastisch in den Vordergrund rücken sollten, wohnt nichts Hässliches inne. Im Test ist es -jedoch ein Leichtes, mit Equalizern und Verzerrern nachzuhelfen und die eher zahmen Sounds alsbald in gewaltige Soundmonster zu verwandeln, die nach vorne preschen und sich auch im Industrial und Gabba-Techno behaupten können.   Das Repertoire der Library besteht einerseits aus Soundscapes, die durch ein quirliges Eigenleben überzeugen und sich anhören, als ob mehrere Synthesizer gleichzeitig erklingen. So mischen sich etwa Sinustöne mit Anteilen von Rauschen, Zwitschern, Blubbern und ähnlichen Sound-Ingredienzien, die mit teils exzessiver LFO-Modulation und häufigem Einsatz des Sample-and-Hold-Generators realisiert sind. Andere Klangkulissen warten mit einem eher statischen Grundsound auf, der höchstens durch einen mitgesampleten Filter-Sweep oder beispielsweise ein subtiles Hinzumischen zwitschernder Spektren angereichert wird. Im Test fühlen wir uns oft an Soundtracks und das Sound-Design von Science-Fiction-Filmen der 1950er und 1960er Jahre erinnert sowie an elektronische Kompositionen aus dieser Zeit etwa von Stockhausen, Xenakis oder Sala.  Doch es finden sich noch weitere bemerkenswerte Sounds in Radiophonica, die einen quasi imaginären Film in unserem Kopf ablaufen lassen. So liefern beispielsweise die Samples der Drone-Kategorie hervorragendes Material für Maschinengeräusche, die mal spitz und scharf, ein anderes Mal dunkel-bedrohlich daherkommen. Die Sounds im Noise-Ordner stehen dem in nichts nach, klingen aber durch ihre merkbaren Rauschanteile deutlich bissiger. In der One-Shot-Kategorie finden sich eine Reihe isoliert klingender Bleeps, Blips, Zwitscher- und Blubber-Sounds, die mal Assoziationen an R2D2 erzeugen, ein anderes Mal an das Abfeuern einer Laser-Pistole in einem Science-Fiction-Film erinnern. Eine Reihe FM-artiger Soundspektren, die allesamt eher kurz und impulsartig erklingen, runden die Kategorie ab. Die One-Shot-Samples empfehlen sich optimal zum Anreichern von Atmosphären. Im Test liefern sie brauchbares Material, um auch in elektronischer Musik Akzente und klangliche i-Tüpfelchen zu setzen. In der Oscillations-Kategorie finden sich überdies kurze Sinuston-Loops, die verschiedene Arten von Alarm- und Sirenen-Signalen bereitstellen und erfrischende Alternativen für Film und Hörspiel liefern.   

Alles in allem schafft es Radiophonica, den elektronischen Sound der 50er Jahre erfolgreich zu reproduzieren. Allen Samples merkt man deutlich an, dass sie mit viel Mühe und Liebe fürs Detail produziert wurden. Ian Boddy beweist ein Gespür für das Besondere und liefert mit Radiophonica eine eigenständig klingende Library ab, die jenseits des üblichen Standard-Repertoires an synthetischen Effektsounds zu überzeugen weiß.

Ebenso aufwändig und mit dem gewissen Etwas ausgestattet, kommt auch die Airwaves-Library daher. Die 100 Stereo- und Mono-Samples sind wiederum auf mehrere Unterordner verteilt und thematisch vorsortiert. Der besondere Clou an den Sounds besteht in den mal mehr oder weniger stark hinzugefügten Rauschspektren, Zerranteilen und Modulations-Verzerrungen, die durch die Yaesu-Funkgeräte erzeugt werden und den Samples ihren individuellen Charakter verleihen. Ähnlich wie in Radiophonica sind die Sounds im Frequenzgang beschnitten und machen durch einen absichtlich trashigen Klangcharakter auf sich aufmerksam, der an Übertragungen aus alten Röhren-Radios erinnert – was jedoch nicht unangenehm klingt, im Gegenteil. Subtile Rauschanteile in unterschiedlichen Ausprägungen sind ständige Begleiter in den Samples. In Airwaves finden sich zumeist in epische Breite ausgezogene Klangkulissen und -Verläufe, die atmosphärisch und eher ruhig und bedächtig daherkommen. Das Klang-Arsenal setzt sich aus Orgeln, Synthesizer-Sounds und nicht näher zu bezeichnenden Klangquellen zusammen, was durch die Beigaben der Funkgeräte teils drastisch verfremdet ist. Im Vergleich zu Radiophonica ist das Airwaves-Repertoire nicht ganz so lebendig und farbenprächtig ausgelegt. Als Lieferant für Flächenklänge bietet die Library jedoch ein reichhaltiges Angebot. Vorteil: Da sie keine definierte Tonhöhe aufweisen und allesamt eher sanft klingen, sind sämtliche Sounds universell in fast jeder Musikrichtung einsetzbar. Sei es als klassischer Flächensound im Hintergrund zum Auffüllen von Frequenzlöchern oder als Atmosphären-Lieferant zum Anreichern langweilig klingender Arrangements, denen es an Profil mangelt.    Musiker vor allem der Ambient-Szene werden mit Airwaves in jedem Falle auf ihre Kosten kommen. Einige Pop-Produktionen können durch behutsamen Einsatz der Airwaves-Samples ebenfalls profitieren. Weitere Highlights der Library finden sich im Voices- und Signals-Ordner, die eine Reihe von typischen Morse-Code-Tönen und -Sequenzen sowie Sprach-Samples enthalten. Die Sprachinformationen sind allerdings bewusst unverständlich gehalten und liefern so einen perfekten Background für entsprechende Szenen in Hörspiel und Film. In elektronischer Musik eingesetzt wissen sie sich gerade in Solo-Passagen oder in Intros eindrucksvoll in Szene zu setzen. Liebhaber und Produzenten der härteren elektronischen Musik werden jedoch enttäuscht sein, da Ian Boddy auch bei diesen Samples konzeptionell auf Zurückhaltung setzt und den Nutzer vor dem Minenfeld klanglich ausgewalzter Klischees schützt.  

Fazit

Alles in allem ist die Airwaves-Library ein perfekter Lieferant für ungewöhnliche Flächensounds, die jedes Arrangement unterschwellig zu bereichern weiß. Durch ihren zurückhaltenden und schmeichelnden Klangcharakter erledigen die Samples ihren Job – sozusagen als Frequenz-Auffüller – im Hintergrund und sorgen gerade deshalb für eine unmerkbare Aufmerksamkeit, die erst dann entsteht, wenn die Sounds aus dem Arrangement entfernt werden. Überdies beweist Airwaves erfolgreich, dass Effekt-Sounds nicht automatisch vordergründig und raumgreifend alles platt walzen müssen und so keinen Platz mehr für weitere Instrumente lassen.  

Erschienen in Ausgabe 02/2009

Preisklasse: Oberklasse
Preis: 32 €
Bewertung: sehr gut
Preis/Leistung: überragend

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