Danse des Araucans

Autor und Live-Recording-Experte Andrew Levine arbeitete wieder mit dem Olivier Greif Ensemble zusammen. Diesmal ging es um eine Einspielung für die geplante CD, für die ausschließlich Ureinspielungen von Greifs Werken geplant sind.

Von Andrew Levine (Fotos: Thibaut Baissac)

Mit der Cellistin Anne-Elise Thouvenin arbeite ich schon seit der Zeit vor ihrem Konzertdiplom zusammen. Mittlerweile hat sie das Olivier Greif Ensemble gegründet und sich die Fähigkeit zum professionellen Setzen von Noten angeeignet, um bislang nicht edierte Werke – in erster Linie dieses Komponisten – in optimaler Form herausgeben zu können. Nach einem ersten musikalischen Projekt des Olivier Greif Ensembles, über das ich unter dem Titel „Piano-Trio à la Andrew“ in den Professional Audio-Heften 09/2016 und 10/2016 ausführlich berichtet habe, ging es nun an die Produktion der ersten Greif-CD. Es soll sich ausschließlich um Welt-Ureinspielungen handeln, was ich ausgesprochen spannend finde. Auf dem Programm steht als erstes eine Komposition aus dem Jahre 1977, der „Danse des Araucans“, für zwei Klaviere und fünfmal Schlagwerk, genau genommen Basstrommel, drei Pauken, Snare, Tamtam und zwei (von zwei Musikern gespielten) Toms.

Für die Aufnahme haben wir wieder den Saal des Prins Claus Konservatoriums im holländischen Groningen gewinnen können. Die Stimmung der beiden Flügel war für uns mit inbegriffen, ebenso die Nutzung des üppigen Schlaginstrumenten-Arsenals der Musikhochschule.

Für unsere Aufnahmen war zunächst eine Verlängerung der Bühne unbedingt notwendig. Denn nach reiflicher Überlegung hatte ich entschieden, die Musiker beziehungsweise Instrumente in zwei Fast-Halbkreisen aufzustellen. Zwar sieht eine konventionelle Gruppierung zwei vorne „verschränkt“ aufgestellte deckellose Flügel und dahinter die Schlagwerk-Reihe vor, aber so dominieren die Flügel fast zwangsläufig im Hauptmikrofon, vor allem, wenn das Schlagwerk nicht auf Podesten erhöht platziert ist.

 

Mikrofonierung und Interfaces

Meine Konzeption sah ein zentrales AB-Paar mit Kugel-Mikrofonen vor, mit einem Flügel hinten links und seinem Gegenstück vorne rechts, jeweils leicht schräg gestellt, so dass die Projektions-Achse der beiden Instrumente in Richtung des Hauptmikrofons ausgerichtet war. Das Schlagwerk war in zwei Gruppen hinten Mitte rechts und vorne Mitte links verteilt.

Neben den üblichen zwei Ambience-Mikrofonen hatte ich zwei XY-Stützen für die beiden Percussion-Gruppen eingeplant. Die gedachte ich jeweils so aufzustellen, dass ihre Rückseiten tendenziell in Richtung des Hauptmikrofons zeigen würden und sie in etwa gleich weit vom zentralen AB entfernt waren.

Außerdem benötigten die beiden Pianos jeweils einen „Monitor“, da die beiden Stimmen des Klavierparts rhythmisch sehr eng miteinander verwoben sind. Das heißt, ich würde jeweils ein kleines Kugel-Mikrofon mittig in dem Instrument platzieren.

So brauchte ich insgesamt 10 Spuren. Für alle Fälle nahm ich neben meinem Metric Halo ULN-8 auch das Metric Halo 2882+DSP (anstelle einer zweikanaligen ULN-2) mit. So hatte ich sechs Kanäle in Reserve. Die beiden Interfaces würden per Wordclock synchronisiert.

 

 

Aufbau, Dokumentation und Vorbereitungen

Am Freitagnachmittag kam ich in Groningen an. Nach den Erfahrungen meines letzten Besuchs bringe ich dieses Mal alles mit, was ich brauche, inklusive aller Stative und Kabel. Für den Aufbau für die am Samstag um 9:00 Uhr angesetzte Session hatte ich ca. 2 Stunden. Das gab mir genug Raum für ein entspanntes Arbeiten.

Mit dabei war Thibaut Baissac, der die Fotos meines Aufbaus gemacht hat und für ein umfassendes Making-Of verantwortlich war; inklusive Zeitraffer-Fotos. Dafür setzt er erstmalig die Software Magic Lantern ein. Diese bietet für eine derartige Aufgabenstellung eine Reihe von praktischen Funktionen, die einem die Arbeit merklich erleichtern.

Thibaut startete also schon vorher seine zentral aufgestellte Kamera, dann ging ich in den Saal. Zuerst begab ich mich auf die Bühne und rückte die Flügel in etwa auf die von mir angedachten Positionen. Es wurde platzmäßig knapp, aber wie ich aufgrund meiner bisherigen Einsätze und den vorher zur Sicherheit konsultierten Fotos abgeschätzt hatte, passte alles – gerade so.

Nachdem die Flügel fixiert waren, baute ich das Hauptmikrofon in der Bühnenmitte auf: zwei Earthworks QTC-50 auf meiner AB-Schiene, mit den Miniaturkapseln nach oben ausgerichtet. Zwar sind die Earthworks-Kugeln, was man auch am Polardiagramm ablesen kann, sehr richtungsunempfindlich, aber ich wollte dennoch keine der Seiten bevorzugen, indem ich die Mikrofone zu einer davon ausrichte.

Darauf hörte ich mir nacheinander beide Flügel an und drehte die Instrumente so, dass mir der Klang von Diskant bis Bass an der Position des Hauptmikrofons ausgewogen erschien. Dann maß ich den Abstand vom Zentral-Stativ zu den beiden Flügeln. Nach etwas vorsichtigem, „winkeltreuem“ Herumrücken, erneutem Hören und Messen war ich zufrieden. Dann fragte mich Anne-Elise, wie das Schlagwerk positioniert werden sollte. Ich platzierte die vier Pauken an der Bühnenrückwand rechts, die Snare am Bühnenrand links, diagonal entgegengesetzt. Das fühlte sich richtig an. Rechts vom linken hinteren Flügel, das heißt mittig in Bezug auf das Hauptmikrofon, stellte ich die Basstrommel. Das wäre auch für eine etwaige spätere Vinyl-Edition, bei welcher die Bass-Frequenzen grundsätzlich in Mono gemischt werden würden, passend.

Zwischen Basstrommel und Pauken platzierte ich das Gestell mit dem „Tamtam, (auch Chau Gong genannt), […] einem großen ostasiatischen Metallgong mit unbestimmter Tonhöhe, der gewöhnlich mit einem Schlägel aus Filz angeschlagen wird.“ [Zitat: Wikipedia]. Ähnliche Schlägel hatte Olivier Greif übrigens für das ganze Schlagwerk vorgesehen. „Percussion: toutes avec des baguettes de grosse caisse ou de timbale.“ Übersetzt: Alles mit den Schlägeln für die große Trommel oder die Pauke.

Rechts von der Snare stellte ich die zwei Toms, die von zwei Musikern gespielt werden würden. Ich war etwas irritiert, dass im Saal sogar drei Toms bereitstanden. Später stellte sich heraus, dass auch der Snare-Spieler seinen Part lieber auf einer Tom spielen wollte. Die Gruppe würde so natürlich einheitlicher klingen. Ich wollte eseinen Versuch ankommen lassen.

In der Zwischenzeit waren alle Percussionisten eingetrudelt. Es stellte sich heraus, dass nur drei der vier Pauken zum Einsatz kommen würden. Damit hatte ich kein Problem. Der Basstrommel-Spieler drehte sein Instrument seitlich. Ansonsten würde es von der Bühnenrückwand reflektiert werden, sagte er. Aber das war ja genau das, was ich wollte. Wir einigten uns auf eine zur Mitte zeigende Position. Außerdem wurde entschieden, das Tomtom gegenüber der großen Trommel, an der Seite zum Auditorium hin aufzustellen. Das passte vom Platz her besser und wirkte auch in Bezug auf die Balance ausgewogener.

Nun, als die Instrumente und Instrumentalisten ihren Platz (oder zumindest ihre Startposition) eingenommen hatten, konnte ich die Percussion-Stützen provisorisch aufstellen. Zweimal XY, mit zwei Rode NT-5-Paaren, beide in etwa dem gleichen Abstand zum zentralen AB. Ich musste das Schlagwerk ein wenig justieren, damit es passte. Dann fehlten nur noch die Ambience-Mikrofone, zwei extrem rauscharme Brownies von United Minorities in Rycote Lyra-Spinnen auf etwa 250 cm hochgezogenen Manfrotto-Lichtstativen. Ich plante ursprünglich noch etwas höher zu gehen, aber dabei wäre ich der Unterseite des auskragenden Balkons zu nah gekommen. Ambience-Mikrofone müssen meiner Meinung nach unbedingt so frei wie möglich im Raum stehen, wenn sie nicht als Grenzflächen ausgeführt sind.

Nachdem die Kabel verlegt worden waren und ich das ULN-8 an den Laptop angeschlossen und hochgefahren hatte, konnte ich den Mixer konfigurieren und endlich die Signale der Mikrofone abhören. Wieder einmal war ich sehr glücklich darüber, dass die Roundtrip AD-DA-Wandlung der Metric Halo Interfaces mit minimaler Latenz operiert. Gerade bei Schlagwerk ist das unabdingbar.

Alles klang soweit ganz gut. Ich hörte mir das AB-, die zwei XY- und die Ambience-Mikrofone an und prüfte die Kanäle darüber hinaus mit SpectraFoo, meinem Realtime-Audio-Analyzer. Sicher ist sicher: Manchmal sieht man etwaige Probleme schneller als man sie hört, oder es treten gar Einstreuungen im Frequenzband oberhalb der Hörschwelle auf.

Es wurde noch ein wenig geschoben, gehört und gerückt bevor ich die Delay-Messung vornahm. Zwischendrin klebte ich je ein DPA 4060 mit etwas Gaffa-Tape mittig in jeden der Flügel. Es könnte schließlich sein, dass ich das Klavier ein wenig stützen würde, vor allem aber sollten sich die Pianistinnen gut hören können.

Dafür mussten zwei Monitore her. Diese zwei Spuren wurden mit dem 2882+DSP aufgezeichnet und ausgegeben. Beim ULN-8 oder ULN-2 hätte ich die verzögerungsfreien analogen Sends verwenden können, aber mit einer AD-DA-Latenz von wenigen Millisekunden ließ sich genauso gut abhören. In Bodennähe, vom zentralen Mikrofon abgewandt und gerade mit ausreichend Pegel betrieben, sodass ein koordiniertes Spiel möglich ist, rechne ich nicht mit hörbarem Übersprechen durch die Monitore.

 

 

Die Aufnahme-Session

Am Samstagmorgen starteten wir mit dem ersten Durchlauf. Anne-Elise hatte mir gegenüber schon am Vorabend geäußert, dass sie sehr hoffte, dass das Stück funktioniere. Nun erklang es zum allerersten Mal, seit es vor 40 Jahren notiert worden war. Und wie es klang…

Zwar hatten die Musiker das Werk schon eine Weile studiert, aber dennoch ging es beim ersten Durchlauf gut zweieinhalb Minuten lang ziemlich wild zu. Dennoch war das kein Problem, wir hatten schließlich genug Zeit zur Orientierung, für Detail-Proben und die eigentliche Aufnahme eingeplant. So wurde erst einmal an verschiedenen Stellen gearbeitet.

Die Pianistinnen waren zufrieden mit ihren Monitoren, aber die Schlagzeuger klagten über die große Entfernung. Ich konnte sie aber davon überzeugen, dass die Rhythmen auch in einem Trommel-Kreis durchaus „tight“ sein können. Es kommt darauf an, sich sehr gut aufeinander einzuhören und einzustellen.

Auf diese Weise gingen wir das Stück nun abschnittsweise durch. Zunächst nur mit den beiden Flügeln, dann mit dem Schlagwerk, und zwar mit einem Pegel, der es den Gruppen ermöglichte, sich und die Kollegen gut zu hören. Schließlich reicht es nicht, die Schlegel zu sehen, wenn man präzise musizieren will. Außerdem wurde die Frage der Klöppel noch einmal gestellt und präziser beantwortet. Wie zuvor vermutet, war der dicke Filz auf den Köpfen der Mallets dem Erlangen maximaler Transparenz nicht zuträglich. Außerdem sollte nun doch die unterschiedliche Beschaffenheit des Schlagwerks herauszuhören sein. So haben wir uns am Ende dochfür eine Snare anstatt einer dritten Tom entschieden.

Nach einer Weile waren auch die Percussionisten glücklich. Es groovte mit jedem Durchgang etwas mehr. Da blieb Zeit für mich, ein paar Takes aufzuzeichnen. Die Pegel hatte ich schon im Vorfeld optimiert. Sind die Musiker erst einmal so weit, sollte man sie nicht vom Spielen abhalten. So machte ich mich an das Tracking. Ich konzentrierte mich erst einmal auf die Balance, während Anne-Elise die Partitur verfolgte. Während wir beide schon ganz zufrieden mit den ersten Ergebnissen waren, kam von Simon Haakmeester, dem Paukisten, herbe Kritik. Es klapperte noch an allen Enden. Kein Ding. Es war schließlich genug Platz auf meiner Festplatte und unsere Ohren waren noch einigermaßen frisch.

So spielten wir einige weitere Takes ein. Das Tempo, das die Pianistinnen nach den ersten Versuchen avisiert hatten, war 90. Wir hatten auch einmal 80 ausprobiert, aber das war viel zu langsam. Auch 85 empfanden die Schlagzeuger als zu wenig „groovy.“ Am Ende steht nun 88 in der Noten-Edition. Dieses Tempo haben wir dann auch für die wenigen Inserts verwendet, um den einen oder anderen Take zu komplettieren. Wobei es bei einem zweieinhalb Minuten-Stück (oftmals) grundsätzlich mehr Sinn ergibt, mehrere komplette Durchgänge aufzunehmen.

Außer dem Tempo und der Genauigkeit des Spiels aller Beteiligten hatten wir auch immer ein Ohr für die Stimmung der Flügel. Leider war der Klavierstimmer nicht in der Lage, am Samstagmittag vorbeizuschauen. Aber die Stimmung hielt sich zu unserem Glück einigermaßen. Die unvermeidliche Verstimmung der Instrumente passierte allmählich, war zwar hörbar, aber konsistent und fiel nicht unangenehm auf.

Nachdem wir zufrieden mit einer vormontierten Version des „Danse“ waren, läutete die Mittagsglocke. Zeit für eine kreative Pause mit „Café verkehrt“, der niederländischen Variante des Café au lait, Sandwiches und Stroopwafeln (Sirup-Waffeln). Danach stellte ich meine Mikrofone zur Seite und wir räumen die gesamte Bühne um. Als letzter Punkt auf der Agenda stand nämlich die Aufzeichnung einer Konzertversion des Stückes mit zwei ineinander verschränkten Flügeln und einer Reihe Schlagwerk dahinter. Hierfür mussten natürlich die sperrigen, schweren Deckel abgenommen werden, aber alles andere ging flott.

 

 

Mein AB stellte ich dafür hoch vor die Mitte der Flügel, die beiden XY-Paare je ein Drittel links und rechts vor die Schlagzeuglinie. Auf die Klavier-Stützen konnte ich bei diesem Aufbau verzichten. Da alle Musiker schon gut eingespielt waren, hatten wir das Stück nach zwei Takes im Kasten. Klanglich fand ich es nicht so schön wie in meiner runden Aufstellung, doch so ähnlich ließe sich das Werk in einer Konzert-Situation präsentieren, vorzugsweise gemeinsam mit einem Stück in ähnlicher Besetzung, wofür sich beispielsweise Bela Bartoks Sonate für zwei Klaviere und Percussion (Sz. 110, BB 115) von 1937 anböte. Dafür gäbe es allerdings eine genaue Vorgabe für die räumliche Aufstellung der Instrumente.

Nach dem Teardown, einem leckeren Essen und der Arbeit an einer ersten Montage und Mischung ging es am Sonntagmorgen wieder zurück nach Hamburg. Für Juli haben wir die nächste Aufnahme in Groningen geplant. Dann werden wir einen bislang ungehörten Liederzyklus von Olivier Greif mit Klavier-, Sopran- und Bariton-Besetzung aufnehmen. Das wird weit weniger aufwendig, doch ich freue mich schon sehr auf die Session.