Studio-fit als Vokalist

Weiter geht es mit den „Tipps für Musiker im Studio“. In unserer zweiten Folge machen wir die Vokalisten und Sänger unter Ihnen Studio-fit. Beim Singen spielen vor allem Zustand und Vorbereitung der Stimme eine wichtige Rolle…

Von Sylvie Frei

Die menschliche Stimme ist ein ganz besonderes Instrument. Sie  nutzt unseren Kehlkopf mit den Stimmbändern als Klangerzeuger und ist damit untrennbar mit dem Körper verbunden. Um als Sänger bereit für eine Performance zu sein, müssen Sie deshalb noch mehr auf physiologische, aber auch psychologische Details achten als Ihre Bandkollegen an den Instrumenten. Genau wie diese ihre Instrumente warten und pflegen, ist es an Ihnen, Ihre Stimme, Ihr Gehör und Ihren ganzen Körper angemessen zu behandeln und fit zu halten. Das gilt für Proben, Auftritte und Studioaufnahmen in gleichem Maße. Doch für die Studio-Arbeit kommen noch einige Besonderheiten hinzu, die Sie im ersten Moment vielleicht noch nicht im Blick haben, die Ihnen, Ihren Mitmusikern und dem Aufnahmeleiter jedoch am Ende viel Blut, Schweiß, Tränen, Zeit und Geld sparen können.

Physiologische Voraussetzungen

Der Sänger ist ein Stimm-Sportler

Wer seine Stimme zu mehr als dem alltäglichen Sprechen, Lachen und gelegentlichem Rufen nutzt, also viel mehr, viel lautere, leisere, längere, kürzere und deutlich anders geformte Töne als normal produziert und das über mehrere Stunden am Tag, der nutzt seine Stimme wie ein Sportler seine Muskeln. Rennt etwa der Sportler nach einer längeren Pause mit nur Gehen, Treppensteigen und einem gelegentlichen Sprint eine lange Strecke, hat er am nächsten Tag Muskelkater und braucht mehrere Tage, um diesen wieder loszuwerden. Das Gleiche passiert einem Sänger, der seine Stimme nach einer Pause plötzlich wieder mehr nutzt als gewohnt. Die Folge sind heisere Stimmbänder und auch die benötigen Zeit, um sich wieder zu erholen. Genau diese Zeit haben Sie während einer mehrtägigen Aufnahmesession im Studio nicht. Daher gilt es, Heiserkeit und Erkältungen, die sich auf die Stimmbänder, Nasen- und Nasennebenhöhlen klanglich bemerkbar machen können und zum Verlust von Stimmumfang, Stimmqualität und im schlimmsten Fall zeitweise Verlust der Stimme führen können, unbedingt zu verhindern. Dazu können Sie aktiv beitragen:

 

Tägliche Stimm- und Körperroutine

Gerade wenn Sie nebenberuflich als Sänger arbeiten und nicht ständig startklar für die Bühne sind oder gerade zum ersten Mal ins Studio gehen, gilt es, Ihre Stimme und Ihren Körper gezielt auf die Belastung vorzubereiten. Nur so lässt sich Heiserkeit konsequent vermeiden. (Falls Sie dauerhaft einsatzbereit sein müssen, gehören diese Dinge sowieso zu Ihrem täglichen Brot – Sie können also direkt zum nächsten Absatz springen.)

Beginnen Sie mindestens zwei bis drei Wochen vor dem Studiobesuch wieder mit Ihrer Stimm- und Körperroutine. Dazu gehören Lockerungsübungen für die Muskulatur, Atem- und Stützübungen für das Zwerchfell sowie Einsing- und Stimmübungen. Außerdem schadet es nicht, auch das Hör- und Intonationsvermögen durch Intervall- und Akkordsingen zu schulen. Als zusätzlicher körperlicher und geistiger Ausgleich empfiehlt sich Meditation, Spazierengehen, leichtes Yoga oder eine andere moderat ausgeübte Sportart. Warnung: Übertreiben Sie es nicht mit dem Sport, intensives Bauchmuskeltraining kann sich beispielsweise negativ auf die Zwerchfellatmung auswirken, körperliche Überlastung wirkt sich ebenfalls negativ auf die Gesangsleistung aus.

Gehen Sie insgesamt langsam und behutsam vor. Am ersten Tag sollte Ihre gesamte Routine inklusive Übungen und Einsingen nicht länger als eine halbe Stunde dauern. Üben Sie danach maximal für eine halbe Stunde Ihr Repertoire für die Studioaufnahme. Behalten Sie die Einsing- und Lockerungs-Routine für die kommenden Wochen – auch an den Aufnahmetagen – bei. Die Übungszeit für das eigentliche Repertoire können Sie langsam von Tag zu Tag steigern, Sie sollten allerdings nicht mehr als zweieinhalb Stunden am Stück singen. Machen Sie zwischendurch immer mal wieder eine längere Pause, in der Sie nur sanfte Einsing- und Lockerungsübungen wiederholen. Horchen Sie dabei deutlich in sich hinein, sobald etwas wehtut oder nicht guttut, haben Sie sich verkrampft, überbeansprucht oder Ihr Stimmsitz ist nach hinten verrutscht. Analysieren Sie genau, was passiert ist, korrigieren Sie Ihr Verhalten. Sollte das öfter vorkommen, holen Sie sich Rat bei einem geübten Sänger, Ihrem Gesangslehrer oder Vocal-Coach, denn manchmal ist es schwierig, die eigenen Fehler zu erkennen, die von einem Außenstehenden sofort enttarnt werden.

Vermeiden Sie Unterkühlungen

Besonders in der kalten Jahreszeit kann unser Immunsystem durch Kälte geschwächt werden, dadurch werden wir anfälliger für Infektionen. Diese schlagen in der Regel zuerst auf die Stimme. Halten Sie also Ihren ganzen Körper, vor allem aber Rumpf, Kopf und Hals warm. Für Vokalisten gilt: Von Herbst bis in den Frühling ist draußen Schal/Halstuch-Pflicht.

Getränke/Nahrung mit Stimmauswirkungen

Das beste Getränk für Sänger ist viel warmer (Kräuter-)Tee ohne Milch und Zucker. Der Tee wärmt und die Kräuter (Salbei, Kamille, etc.) beruhigen den Kehlkopf und die Stimmbänder. Für eine unangestrengte Performance ist es außerdem wichtig, dass der Sänger ausreichend hydriert ist und keinen trockenen Rachenraum hat. Manche Sänger schwören auf Fruchtsäfte, Honig oder Lutschbonbons, um den Rachen geschmeidig zu halten. Diese regen aber vor allem den Speichelfluss an.

Stärkerer Speichelfluss sorgt zwar für genügend Feuchtigkeit im Mund, kann sich im Studio aber negativ auf die Aufnahmequalität auswirken. Da Speichel im Gegensatz zu Wasser leicht klebrig ist, werden mehr sogenannte Flüssigkeitsartefakte produziert – das sind hohe Mikrogeräusche, die beim Artikulieren von Gesang und Sprache entstehen und ein bisschen wie ein Schmatzen klingen. Diese sind in der Regel unauffällig, werden aber durch die Höhenanhebung der meisten Gesangsmikrofone verstärkt und merklich hörbar. Auch diese Nebengeräusche laden also mit auf der Aufnahme und müssen nachträglich in Kleinstarbeit vom Mixing-Engineer aus der Spur entfernt werden, was Zeit und Geld kostet. Ganz lassen sich diese Artefakte – der eine Sänger produziert von Natur aus mehr, der andere weniger – natürlich nicht unterdrücken. Es hilft allerdings, gegen einen trockenen Hals eher mehr Tee oder Wasser zu trinken und stattdessen auf Säfte, Lutschbonbons, Kaugummi und Co. unmittelbar vor und sowieso während der Aufnahme zu verzichten. Weitere „gefährliche“ Lebensmittel sind Milchprodukte, Schokolade und Karamell, die schleimbildend wirken oder einen Film im Rachenraum hinterlassen, der die Stimme belegt klingen lässt. Trinken oder Gurgeln kann dieses Problem zwar lösen, doch wer auf Nummer sicher gehen will, sollte auch diese Nahrungsmittel am Aufnahmetag lieber weglassen.

Außerdem raten wir von kohlensäure- und alkohol-haltigen Getränken vor und während der Aufnahme ab, schließlich wollen Sie mit Sicherheit keine unterdrückten Rülpser als Töne auf der Spur haben. Alkohol beeinflusst außerdem bei vielen Sängern die Wahrnehmung von Tonhöhe – die Intonationssicherheit kann leiden.

Bei all den Einschränkungen sollten Sie natürlich trotzdem darauf achten, dass Sie vor und an den Aufnahmetagen ausreichend essen (und genügend schlafen). Im besten Fall essen Sie bereits eine oder zwei Stunden vor dem Einsingen. Wenn Sie bei der Aufnahme noch zu voll sind, leidet Ihre Zwerchfell-Atmung. Außerdem haben dann eventuelle Ablagerungen im Rachenraum Zeit, auf natürlichem Wege, durch Speichel und Schluckreflex, zu verschwinden.

 

Singen unter Studio-Bedingungen

Singen mit Studiomikrofon

Im Studio stehen Sie in der Regel vor einem Großmembran- oder Bändchenmikrofon, das meist durch einen Popschutz-Teller verdeckt wird, damit Plosive (p, t, k) und Frikative (f, s, sch, ch) in Ihrer Gesangs-Artikulation nicht zu sehr zu hörbaren Geräuschen im Mikrofon führen. Wollen Sie allerdings bewusst den Nahbesprechungs-Effekt nutzen, um den Klang Ihrer Vocal-Performance zu formen, ist der Popschutz manchmal im Weg, da Sie nicht mehr nah genug an das Mikrofon herankommen. Besonders für diesen Fall, müssen Sie so singen lernen, dass es auch ohne Pop-Schutz zu keinen unerwünschten Nebengeräuschen kommt. Folgende Übungen helfen auch beim Singen mit Popschutz, denn auch der kann in der Regel nicht alle störenden Windgeräusche komplett abfangen:

  • halten Sie mit dem Mund etwa eine Handspanne Abstand zum Mikrofon (generell laute oder klassisch geschulte Sänger etwas mehr)
  • verdoppeln Sie den Abstand an besonders lauten Stellen, um Übersteuerungen zu vermeiden
  • lehnen Sie sich zum Atmen etwas weg vom Mikrofon und versuchen Sie, das Geräusch minimal zu halten
  • sprechen Sie die Laute p, t, k, f, s, sch, ch etwas sanfter und weniger scharf aus und/oder vergrößern Sie dabei den Abstand zum Mikrofon

Üben Sie dieses Vorgehen nach Möglichkeit vor dem Studio-Besuch mit einem beliebigen Großmembran-Mikrofon mit Nierencharakteristik und hören Sie über Kopfhörer zur Kontrolle mit.  Wenn Sie es so gut beherrschen, dass Sie nicht mehr bewusst darauf achten müssen und Ihre Performance nicht mehr darunter leidet, sind Sie soweit.

 

Singposition

Beim oben beschriebenen Selbstversuch können Sie sich gleichzeitig an die eingeschränkte Bewegungsfreiheit beim Singen und den idealen Abstand zum Mikrofon gewöhnen. Entfernen Sie sich zu weit vom Mikrofon oder gar von der Haupteinsprechrichtung, hören Sie sofort, dass das Signal leiser und/oder dumpfer wird. Stehen Sie aufrecht, den Kopf gerade, am besten in Schulterbreite gleichmäßig auf beiden Beinen und bleiben Sie in dieser Position. Durch leichtes nach vorne, hinten oder zur Seite Lehnen kontrollieren Sie Ihren Abstand zum Mikrofon. Sorgen Sie dafür, dass das Mikrofon genau auf Mundhöhe steht, nicht zu hoch und nicht zu tief. Achten Sie darauf, gerade in das Mikrofon zu singen (die Einsprechrichtung ist in der Regel – soweit nicht anders vom Aufnahmeleiter erklärt – seitlich und nicht oben wie bei einem Bühnenmikrofon). Überstrecken Sie den Hals nicht und nicken Sie den Kopf nicht nach unten – beides kann den Stimmsitz beeinträchtigen.

Nebengeräusche vermeiden

Vermeiden Sie während der Aufnahme Schritte und hörbare Bewegungen aller Art. Das laute Mitklopfen des Rhythmus‘, auf der Bühne meist kein Problem, ist im Studio tabu – jedes Geräusch landet mit auf der Aufnahme. Achten Sie auch auf Kleidung oder Schmuck, die bei Bewegung Geräusche verursachen könnten. Überprüfen Sie alles: Klingelnde Ketten, klappernde Ohrringe oder Armreife, Klettverschlüsse, Reißverschlüsse, Schlüsselriemen, raschelnde Stoffe – diese sind vor dem Mikrofon tabu. Am besten tragen Sie ganz simple Kleidung wie T-Shirt, Jogginghose und bequeme, flache Schuhe – geräuschlos und komfortabel zum Singen.

Der Klang der aufgenommenen Stimme

Erinnern Sie sich noch daran, als Sie Ihre Stimme zum ersten Mal aufgenommen gehört haben? Sie dachten sich vielleicht: „Oh nein, das bin doch nicht ich, das klingt ja total schrecklich!“ Das ist eine ganz natürliche Reaktion, sind wir es doch gewohnt uns „von innen“ zu hören und nicht aus der akustischen Perspektive einer anderen Person, wie sie bei der Aufnahme aufgezeichnet wird. Wer sich jedoch immer und immer wieder aufnimmt, hat sich irgendwann an den „fremden“ Klang der eigenen Stimme gewöhnt und kann damit arbeiten und umgehen, gar Gefallen daran finden. Im Studio kommt jedoch ein weiterer Faktor hinzu. Über das Monitoring mit geschlossenem Kopfhörer hören wir den Klang der eigenen Stimme die ganze Zeit ausschließlich aus der Außenperspektive in Echtzeit. Das ist nicht nur befremdlich, sondern kann sich auch negativ auf unser Intonationsvermögen auswirken. Sind wir es doch gewohnt, unsere Tonhöhe aus der akustischen „Innenperspektive“ zu regulieren. Aus diesem Grund ziehen viele Sänger das Einohrmonitoring vor. So bleibt ein Ohr frei und kann den gewohnten Stimmklang mithören und so präziser intonieren. Manchen Sängern hilft es außerdem, die Hand ans oder ums freie Ohr zu legen, um sich deutlicher selbst hören zu können. Das ist gerade beim Einohrmonitoring durchaus zu empfehlen, da das Monitoringsignal auf dem anderen Ohr meist etwas lauter ist, als die unverstärkte Stimme. Achten Sie beim Einohrmonitoring darauf, dass die nicht genutzte Hörermuschel dennoch irgendwo abseits vom Ohr am Kopf anliegt, sodass der Monitoringmix nicht mit auf der Aufnahme landet.

 

Singen mit Click und Monitoring

Auch das Singen mit Metronom und Monitoringmix ist beim ersten Mal ungewohnt. Der sehr mechanisch klingende Click kann uns dazu verleiten, übermäßig auf den Rhythmus fixiert zu singen und die melodischen Spannungsbögen und den Ausdruck zu vernachlässigen. Gleichzeitig werden kleine Timing-Schwankungen überdeutlich offenbar und verunsichern uns zusätzlich. Daher ergibt es Sinn, das Singen mit Click im Vorfeld zu Hause zu üben. Der Click muss zu einer Art selbstverständlichem Begleiter werden und sollte nicht als mahnende Korrekturinstanz verstanden werden. Hilfreich kann es auch sein, mit relativ leisem Click mit einem möglichst organischen Ton (etwa Drumsounds) zu arbeiten, um nicht zu sehr davon gesteuert zu werden. Als Sänger haben Sie außerdem im Studio oftmals den Vorteil, als letztes Bandmitglied aufgenommen zu werden. Die Spuren für die Melodie-, Harmonie- und Rhythmus-Instrumente stehen dann bereits fest. In vielen Fällen ist der Click dann nur noch zum Einzählen für den Einsatz notwendig – danach können Sie sich an der Drumspur orientieren. Achten Sie außerdem schon in der Vorbereitung darauf, auf welche Instrumente Sie bei welchem Song besonders stark achten. Notieren Sie Ihre Beobachtungen zu jedem Song und bitten Sie den Aufnahmeleiter, diese Instrumente in Ihrem Monitoringmix zu berücksichtigen. In der Regel sind besonders die Instrumente, die das harmonische Gerüst des Songs tragen, relevant für die Intonation. Liegen diese allerdings direkt auf der gleichen Höhe wie die Gesangsstimme und sind daher schlechter zu hören, ist es hilfreich, stattdessen die Bass-Instrumente etwas lauter zu machen, um sich an den Grundtönen orientieren zu können.

 

Singen in der Gesangskabine

Je nach Aufnahmekonzept und Studio-Räumlichkeiten stehen Sie bei der Aufnahme eventuell in einer Gesangskabine oder Isolation-Booth. Das ist für manche Sänger eher unangenehm, singt man doch in einer recht abgeschlossenen, isolierten und eingeschränkten Situation. Hinzu kommt die trockene Akustik, in der die Stimme weit weniger als gewohnt trägt. Bei einer derartigen Akustik neigt ein Sänger zum Kompensieren. Man singt zu laut und hält die Töne länger als nötig. Die Gefahr für Überanstrengung und drohende Heiserkeit ist groß. Bitten Sie daher den Aufnahmeleiter um etwas Hall auf Ihrer Stimmspur im Monitormix. So haben Sie den Eindruck, dass die Stimme trotz der trockenen Akustik sauber trägt und können wie gewohnt performen. Sollten Sie hingegen unter Platzangst leiden und wissen, dass Sie in einer Kabine einsingen sollen, kontaktieren Sie das Studio und erkundigen Sie sich nach einer Alternative. Sie sollten unter keinen Umständen in einer Angstsituation singen müssen. Das stresst Sie nur unnötig und Ihre Performance leidet.

Material vorbereiten

Wer im Studio besonders schnell zu guten Ergebnissen kommen möchte, bereitet sich möglichst optimal vor. Dazu gehört nicht nur die erwähnte Stimm- und Studio-Übungs-Routine, sondern auch eine akribische Vorbereitung des Songmaterials. Dessen Auswahl sollte schon lange vor dem Studiobesuch geklärt sein und so lange im Ensemble und alleine geübt werden, dass es immer auf den Punkt abrufbar ist. Dazu gehört es nicht nur, jede Melodie, jeden Rhythmus, jeden Einsatz und jeden Übergang zu kennen, sondern auch die Songtexte auswendig zu lernen.

Songtexte, Leadsheets und Noten

Generell gilt in der Aufnahmesituation: So wenig Papier wie möglich. Schließlich raschelt es bei Windbewegungen oder beim Umblättern während des Singens. Außerdem kann es den Sänger während der Performance ablenken – dieser sollte sich nur noch auf den Ausdruck konzentrieren und die Augen auch einfach mal schließen können. Wir empfehlen daher pro Song nur ein einziges Blatt in Kartonstärke vorzubereiten, am besten laminiert. Darauf sollten alle wirklich relevanten Song-Informationen stehen, die Sie in einem Anflug von Nervosität bei der Aufnahme plötzlich vergessen könnten. In vielen Fällen genügt der Songtext mit eingetragenen Atemzeichen oder ein Leadsheet, manchmal ein Stimmauszug der Noten. Nehmen Sie außerdem einen (Folien-)Stift mit, um eventuell während der Aufnahme noch Eintragungen ergänzen zu können. Alternativ zur Papierform können Sie sich auch alles in einem PDF-Dokument anlegen und es per Tablet während der Aufnahme einsehen.

Varianten und zweite Stimmen

Manchmal fällt erst im Studio auf, dass ein Arrangement vielleicht doch noch nicht perfekt ist. Deshalb müssen auch Sie als Sänger möglichst flexibel reagieren können. Vielleicht wird plötzlich eine zusätzliche Backing-Vocal-Stimme notwendig, oder eine Melodie muss variiert werden, damit sich Instrumente und Gesang im Mix nicht zu sehr in die Quere kommen. Oder es wird nach einer spontanen Improvisation über einem Instrumentalteil eines Songs nachgedacht. Um derartige Wünsche schnell umsetzen zu können, hören Sie schon im Vorfeld  viel Musik und improvisieren Sie fleißig über fremdem und eigenem Material. Erfinden Sie zweite Stimmen, neue Melodien und Varianten für Ihre eigenen Songs, lernen Sie das Singen von Harmonien mit anderen Sängern. Wenn Sie das richtig draufhaben, können Sie im Studio unter Umständen einen ganzen Song retten.

Equipment

Sie haben eigene Bühnen- oder Studiomikrofone, die besonders gut zu Ihrer Stimme passen oder setzen bestimmte Vorverstärker oder Effekte ein, um einen speziellen Signatur-Stimmklang zu erzeugen? Dann gehört dieses Equipment auf jeden Fall mit in Ihre Studio-Tasche, selbst wenn der Aufnahmeleiter am Ende ein Mikrofon findet, das noch besser zu Ihrer Stimme passt oder hochwertigere Effekte anbieten kann. Am Ende liegt die Soundentscheidung bei Ihnen. Dazu packen Sie einige XLR-Kabel, einen Mikrofonständer samt passenden Halterungen (nach Möglichkeit Spinne), eventuell einen Gewinde-Adapter, einen Popschutz sowie Ihren persönlichen Kopfhörer für das Monitoring mit ein. Diese Dinge sind natürlich gewöhnlich im Studio zu finden, doch gibt es zusätzlich Sicherheit, mit dem eigenen, gewohnten Equipment zu arbeiten. Nehmen Sie außerdem einen Notenständer, eventuell eine Stimmgabel, Notizblock und Schreibzeug, einen Schal, eine Thermoskanne mit heißem Tee und Ihre Leadsheets mit. Falls Sie im Vorfeld bereits Demomaterial Ihrer Stücke aufgenommen haben oder mit Playback-Material arbeiten müssen, sollten Sie alle Stücke als Wavs oder MP3s (wenn möglich auch als Einzelspuren) auf dem Telefon, Laptop oder USB-Stick mitnehmen – das erspart im Studio viel Erklärungsarbeit und Sie haben eventuell schon Guide-Tracks für die Aufnahme. (Siehe auch Checkliste)

Termin-Planung

Achten Sie darauf, den Termin im Studio so anzusetzen, dass Sie nicht früh morgens singen müssen. Lassen Sie im Zweifelsfall den anderen Bandmitgliedern den Vortritt. Über Nacht verschleimt der Rachenraum häufig und die Stimme benötigt eine Weile, um wieder frei zu werden. Außerdem sollten Sie ein Frühstück mit genügend Vorlauf zum Termin einplanen. Setzen Sie den Studiobesuch außerdem nicht dann an, wenn er für Sie Zusatzbelastung und Stress bedeutet, da Sie gerade zu viel anderes im Kopf haben. Sehen Sie von Abendterminen nach einem harten Arbeitstag ab und nehmen Sie sich für die Aufnahmesession lieber eine Woche frei. Schließlich müssen Sie Emotionen transportieren – eine gestresste Psyche wirkt sich sofort negativ auf Ihre Leistung aus. Sollten Sie trotz sauberster Vorbereitung dennoch krank, heiser oder nicht bei Stimme sein oder sich psychisch nicht wohlfühlen, sollten Sie von der Möglichkeit Gebrauch machen, Ihren Studioeinsatz zu canceln und zu vertagen. Das ist zwar ärgerlich, aber beim Instrument Stimme die einzig richtige Lösung.

Fix it in the Mix?

Einen verschnupften oder heiseren Stimmklang bekommt der Engineer auch mit allen Filtern dieser Welt nicht behoben. Das gilt leider auch für verunglückte Aufnahmen, bei denen Intonation und Timing nicht stimmen. Zwar ist durch intelligenten Schnitt und Tonhöhenmanipulations-Software wie Melodyne oder Autotune eine nachträgliche Korrektur des Materials zumindest in Maßen möglich, Aber leider ist diese oft viel langwieriger und teurer, als noch einmal einen neuen Take aufzunehmen. Sorgen Sie also lieber gleich dafür, dass Sie rundum gesund, fit und gut vorbereitet im Studio antreten und nehmen Sie für jede Gesangspassage immer drei oder mehr Takes zur Auswahl auf. Mit unseren Tipps für Sänger sollten Sie dafür ganz gut gerüstet sein.

Checkliste

  • Leadsheets/Noten (auf laminiertem Karton oder digital auf dem Tablet)
  • Lieblingsequipment (Mikrofone, Vorverstärker, Effektgeräte samt Ersatz-XLR-Kabel, Netzteilen und falls nötig Batterien)
  • geschlossener Kopfhörer
  • Mikrofonständer
  • Spinne/Klemme
  • Stativ-Adapter
  • Pop-Schutz
  • stabiler Notenständer
  • Demo Tracks oder Playback-Wavs/MP3s
  • Gaffa-Tape
  • Schreibzeug
  • eventuell Stimmgabel
  • Thermoskanne mit heißem Tee
  • Schal

Das Singen in einer stark gedämmten Umgebung oder Gesangskabine ist nicht immer angenehm für den Sänger. Etwas Hall auf der Stimme im Monitoring kann Wunder bewirken und schützt den Sänger vor Überanstrengung durch Kompensationsverhalten.

Bringen Sie ruhig Ihr eigenes Equipment mit ins Studio.

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