„Finde das beste Mikrofon für Deine Stimme“

Mit seinem Berliner Verleih Echoschall will Carsten Lohmann Klang-Legenden bezahlbar und unkompliziert zugänglich machen. Er bietet gleichermaßen edle wie teure Klassiker, die viele bislang nur vom Hörensagen kennen, und setzt auf Technik in gut gewartetem Zustand. Der Verleih richtet sich an Musiker und Bands, die ihre Musik selbst aufnehmen sowie an Produzenten, freie Toningenieure und Studios, die ihr vorhandenes Equipment bei Bedarf ergänzen wollen.

Von Nicolay Ketterer; Fotos: Jonas Ludwig Walter/Echoschall, N. Ketterer

„Am Ende ist eine Aufnahme immer für die Ewigkeit“, so Carsten Lohmann. „Man ärgert sich noch fünf Jahre später, wenn die S-Laute zu scharf sind oder das Klangbild nicht das ist, was man eigentlich wollte. Gerade bei einer guten Performance ist es schade, wenn klanglich Potenzial verschenkt wurde.“

Mit seiner Verleih-Firma Echoschall sitzt Lohmann mitten in Berlin, in einem belebten Wohngebiet. Er öffnet den Tresor, der den Blick auf die alten, teuren Mikrofone freigibt, seine Augen leuchten. Als er vor fünf Jahren mit dem Verleih anfing, hat er einen Kredit aufgenommen, um den Bestand zu kaufen. In den USA und England war die Verleihkultur von Studio-Equipment schon immer etabliert, in Deutschland hat es zunächst etwas Anlauf gebraucht, erzählt er – mittlerweile ist er gut ausgelastet. „Immer mehr Bands und Produzenten machen von der Möglichkeit Gebrauch, mit legendären Röhrenmikrofonen wie dem Neumann U-47, dem M-49 oder dem AKG C-12 aufzunehmen.“ Die Modelle seien „exzellent klingende Mikrofone, die nach wie vor bei unzähligen Top-Produktionen eingesetzt werden. Daran wird sich auch so schnell nichts ändern.“ Die Aufnahme mit hochwertiger Technik sei jetzt keine Frage des Geldes mehr, sondern eine des eigenen Anspruchs. Ein weiterer Vorteil laut Lohmann? Im direkten Vergleich könne jeder „das beste Mikrofon für seine Stimme oder sein Instrument finden und sich danach auf die Musik konzentrieren“.

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Konzept

Lohmann hat anfangs selbst Equipment zum Leihen gesucht. „In Berlin war es nicht möglich, ein U-47 oder ein Bändchenmikrofon zu leihen.“ Das hat er als Auftrag verstanden. Trotz neuer Mikrofonhersteller und Modelle habe sich die Situation im Pop und Jazz über die Jahrzehnte kaum verändert: „Produzenten und Profi-Musiker setzen auf die bewährten Modelle etablierter Hersteller. Bei Großmembranmodellen gehören neben den angesagten Röhrenmikrofonen aus den 1950er Jahren das Neumann U-87 und das AKG C-414 dazu, die beide auch schon seit über 40 Jahren hergestellt werden.“
Durch seine Leidenschaft für Synthesizer hat sich das Portfolio auf entsprechende Tasteninstrumente erweitert. „Einen originalen ‚Minimoog‘ konnte man bis zu dem Zeitpunkt nicht leihen.“ Mittlerweile befinden sich auch „moderne Klassiker“ im Fundus, wie etwa ein Roland TR-808-Drum-Computer.

Ursprünglich war die Firma als lokaler Verleih geplant, in Berlin, schließlich entwickelte er ein Versand-Konzept. Seine Internetseite stellt häufig den Erstkontakt her. Lohmann hat sie als „Info-Portal“ zu den Mikrofonen konzipiert, das einen Überblick hinsichtlich hochwertiger Studiotechnik geben soll. Mit seinem Fotografen Jonas Ludwig Walter vergräbt er sich im Fotostudio, setzt nicht auf klassische Produktfotografie, sondern inszeniert „Mikrofonportraits“, wie er sagt.

Mikrofone und Vorverstärker

Insgesamt bietet der Verleih über 90 Mikrofone an, darunter 25 Kondensator-Großmembran-und 29 Kleinmembran-Mikrofone, neun Bändchen sowie 28 dynamische Mikrofone. Die Highlights? Neben dem Neumann U-47 etwa sein Neumann M-49, das gerade Frauenstimmen im Fundament bereichere. Es sei das typische „Larger Than Life“-Mikrofon. „So wie es aussieht, so klingt es auch“, erzählt er stolz. Vom Neumann U-67 bietet er zwei Exemplare an, als „High-End-Arbeitspferde“. „Sie liefern bei fast allen Anwendungen exzellente Ergebnisse“, meint Lohmann. Manchmal gibt er Kunden, die den „Industriestandard“ U-87 bestellen, ein U-67 zum Vergleich mit, wenn er sich vorstellen kann, dass das Röhrenmikrofon für die Anwendung bessere Ergebnisse liefert. Falls bei manchen Großmembran-Modellen kurzfristig Engpässe entstehen, kann Lohmann auf weitere Exemplare aus Sammlerbeständen zurückgreifen.

Raritäten, nach denen er Jahre gesucht hat, sind seine beiden Siemens SM-204: „Das SM-204 ist eine Art Edel-Ausführung vom AKG C-12. Der Unterschied zu den meisten C-12 ist der große Henry-Übertrager, der eine bessere Bassabbildung liefert als der Haufe T-14/1 vom C-12. Die frühen C-12-Exemplare waren identisch mit den 204ern und besaßen ebenfalls noch die großen Übertrager.“ Wie die Neumann-Klassiker zählt das SM-204 zu den „Hinguckern“. Zu letzteren gehören auch einige seiner Bändchen-Mikrofone: Sein altes Melodium 42-B etwa, ein französisches Bändchen-Mikrofon aus den 1930ern, sieht er als „Super-Bändchen“ – ein Geheimtipp unter den alten Bändchen-Raritäten. „Es klingt sehr voluminös und ist bei Kunden äußerst beliebt. Der Großteil der Kunden, denen ich es mitgegeben habe, hat es wieder gemietet.“ Ähnliche Erfahrungen hat er mit dem Beyerdynamic M-360 – eines der wenigen Bändchen-Mikrofone mit Nierencharakteristik statt der typischen „Acht“ – gemacht, dessen Klangbild dem eines Kondensator-Mikrofons überraschend nahekomme.

Neben bewährten aktuellen Standards wie dem Neumann U-87 oder dem AKG C-414 führt er auch Mikrofone wie das Microtech Gefell M-930 im Programm, für ihn eines der wenigen modernen „Großmembraner“, das sich genreübergreifend von Klassik bis Pop etablieren konnte. Unter den Kleinmembran-Mikrofonen finden sich beispielsweise die Röhrenmodelle Neumann KM-54, KM-56 und dessen Stereo-Version SM-23. „Diese Mikrofone sind unschlagbar für Zupfinstrumente und Klavier. Das Zeitverhalten ist dank der ultradünnen Nickelmembran absolut präzise.“

Die Schoeps „Colette“-Serie wie auch die Sennheiser-Modelle MKH-30 und MKH-40 empfiehlt er für färbungsarme Übertragung. Diese Mikrofone werden vorwiegend für klassische Aufnahmen ausgeliehen. Auch dynamische Mikrofone hat er im Angebot. Unter Ihnen fällt besonders das Shure SM-7B auf, das gerne im Hip-Hop- und Rock-Bereich für Studio-Gesang verwendet wird.
An Vorverstärkern hat er elf im Verleih, Röhren- und Transistortechnik bunt gemischt. Hier setzt er auf Rundfunktechnik, etwa den ostdeutschen Röhren-Preamp Lorenz V-241 oder die Transistor-Modelle TAB V-376 und Neumann V-476B. Dieses Jahr soll zudem das TAB V-76-Röhrenmodell ins Programm aufgenommen werden.

Auch Dynamikbearbeitung bedient Lohmann: Mit dem Universal Audio 1176 hat er einen gängigen Kompressor-Standard im Programm, weitere – etwa ein TAB U-73b-Rundfunkmodul – sind in Vorbereitung.

Die Mikrofone können bei Lohmann an einer Teststation kostenlos ausprobiert und verglichen werden, Kunden können ihr Notebook mitbringen und die Testspuren mit nach Hause nehmen. Die eigene Hörerfahrung sei entscheidend. Viele Kunden kommen nach dem Erstkontakt wieder, was ihn am meisten freue, schließlich sei es ein Indiz dafür, dass er mit seinem Konzept und Sortiment nicht völlig falsch liegen könne.

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Kunden

„Meine Kunden sind Musiker, die Zuhause oder im Probenraum aufnehmen wollen, Produzenten und freie Tontechniker, dazu Studios, die sich nicht mit hohen Anschaffungs- und Wartungskosten belasten wollen.“ Lohmann freut besonders, dass mehr und mehr Musikschaffende seinen Verleih in ihren Produktionsprozess einplanen. Produzenten, die häufig in eigenen Projektstudios arbeiten, wie Alexander Freund (Silbermond, Joy Denalane), Moritz Enders (Silbermond, Heisskalt), Mirko Schaffer (Die Ärzte, Paddy Kelly) oder Daniel Schaub (Casper, Philipp Dittberner) gehören zu den Kunden. Bands mieten Mikrofone, häufig mit Preamp, mitunter mehrere Wochen, erzählt Lohmann. Zu den namhaften Kunden zählen etwa die Guano Apes, Beatsteaks, Jennifer Rostock oder die A-Capella-Metal-Truppe Van Canto. Silbermond nutzten kürzlich sein Equipment für den Gesang auf dem aktuellen Album „Leichtes Gepäck“ (siehe Professional Audio Ausgabe 4/2016): Die Produktion mietete zunächst ein Neumann M-49, U-47 und AKG C-12 zum Vergleichstest und entschieden sich für das U-47 (mit K-47-Kapsel), in Verbindung mit einem Lorenz V-241-Preamp.
Im Klassikbereich zählt unter anderem die Pianistin Valentina Lisitsa zu seinen Kunden, aufgenommen mit zwei aufeinander abgestimmten Neumann M-49-Mikrofonen aus seinem Sortiment.

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Mietpreise

Ein Neumann U-47 kostet 60 Euro am ersten Tag. Längere Ausleihen werden entsprechend günstiger. Da wird schon mal gerechnet, denn bei einer mehrtägigen Ausleihe lässt sich bereits ein qualitativ gutes Røde-Mikrofon anschaffen. Für Profis, die ein U-47 möchten, spielten die Erwägungen hingegen keine Rolle. „Man bekommt bei den Topmodellen ein ‚fertiges‘ Signal, das meist nicht mehr nachbearbeitet werden muss. Das garantiert schnelles Arbeiten. Und wer Equalizer einsetzt, findet ein hochwertiges Signal, das sich gut bearbeiten lässt.“
Bei den Synthesizern im Verleih will er den kreativen Prozess unterstützen: „Die Preisgestaltung ist bei der Langzeitausleihe sehr günstig, da ich möchte, dass die Kunden in Ruhe an ihren Sounds arbeiten können.“ Es gehe schließlich darum, Klänge zu erschaffen, nicht nur wie bei Mikrofonen „einzufangen“. Für einen „Minimoog“ ruft er 60 Euro am ersten Tag, 30 Euro ab dem zweiten auf. Die erste Woche kostet 240 Euro, bei zwei Wochen fallen 390 Euro an.

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Versand

Den Schwerpunkt bilden lokale Ausleihen in Berlin, der Versandanteil liegt bei rund 20 Prozent, Tendenz steigend, erzählt Lohmann. Je nach Gewicht fallen 15 bis 30 Euro Versandkosten (DHL Express) an, der Transport ist bereits über Echoschall versichert (die Synthesizer werden nicht per Versand angeboten). Innerhalb Berlins bietet Lohmann auch Lieferung per Kurier an, um bei Bedarf eine laufende Session auszustatten.

Bei einer Mikrofonausleihe liefert er die zugehörige Spinne oder eine Mikrofonklemme mit, sowie einen Pauly-Popschutz, den er auch vertreibt. Lokalen Kunden gibt er bei Bedarf Stative sowie Absorber von MB-Akustik „oben drauf“, damit der Kunde, der zu Hause aufnimmt, seinen Raum notfalls „etwas trockener“ bekommt. Große Overhead-Stative, etwa für Chor-Aufnahmen, kann er ebenfalls anbieten.

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Wartung

Service und Wartung seien für einen Verleih mit „Vintage“-Technik entscheidende Faktoren, erklärt Lohmann. Die Kunden müssten sich auf die volle Funktionsfähigkeit des Leihequipments verlassen können. In Berlin greift er auf die jeweiligen Spezialisten zurück – etwa Andreas Grosser für Kondensatormikrofone, Eckehard Dux und Bernd Wagner für die Studiotechnik.
„Statt irgendein Mikrofon bei eBay in fragwürdigem Zustand und ohne Netzteil zu kaufen, kann man bei mir gesicherte Qualität mieten. Das ist mein Service: Die Leute bekommen einwandfreie Technik, perfekt gewartet, die Mikrofone klingen, wie sie klingen sollen.“ In seinen U-47-Exemplaren verrichten originale VF-14-Stahlröhren ihren Dienst, kein Umbau, keine Ersatzlösung. Seine beiden M-49 bedurften neuer AC-701-Röhren. Das könne schon mal ins Geld gehen, aber das sei nun mal das Geschäftsrisiko, meint Lohmann. Die Mikrofonkapseln sind „reskinned“, mit gleichen Spezifikationen. Auch auf die Optik legt er Wert, vor kurzem hat er ein schlecht erhaltenes U47-Gehäuserohr neu vernickeln lassen: „Es ist wichtig, diese Wertigkeit dem Kunden zu zeigen. Die Würde, die ein gut gewartetes altes Gesangsmikrofon transportiert, kann eine wichtige emotionale Wirkung auf den Künstler ausüben.“ sagt er. „Für einen Geiger ist eine Stradivari ja auch kein reines Funktionsinstrument.“ Für die Kunden hat er Gebrauchsregeln erstellt, um ihnen den Umgang mit den Mikrofonen zu erleichtern, das Fehlerpotenzial zu reduzieren. „Mir ist auch wichtig, dass der Kunde keine Angst hat, die Geräte in die Hand zu nehmen.“ Es seien „edle Gebrauchsgegenstände“.

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Haben oder sein?

Ob der Ansatz, Equipment zu mieten, für die eigene Situation letztendlich die richtige Lösung ist? Am Ende geht es um die Frage: Auf Besitztum sparen und warten, oder lieber die Zeit jetzt zu nutzen, um „richtige“ Aufnahmen zu machen. Und der „Besitzkult“? „Eine aufgenommene Spur bleibt ewig Eigentum des Nutzers – der Rest ist vergänglich.“ Ein gutes Schlusswort.

Mehr Info unter: www.echoschall.de

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