Produzieren über den Dächern Berlins

Nicht immer müssen es riesige Aufnahmeräume und Tonnen an Outboard-Equipment sein: Wir haben den erfolgreichen Tonstudiobetreiber und Komponisten Ilja Köster in seinem breit aufgestellten Iksample Studio besucht. 

Von Henning Hellfeld

Das Portfolio des Iksample Studios ist beeindruckend: Videospiel-Synchronisation für namhafte Videospielhersteller, Voiceover-Aufträge, Kompositionen für Imagefilme, Events, Dokumentationen oder Spielfilme bis hin zu Mischungen für TV-Sender sind nur ein Auszug der Tätigkeiten, mit denen Ilja Köster, der Betreiber des Iksample Studios, seinen Lebensunterhalt bestreitet.

In einer kleinen Seitenstraße nähe Warschauer Straße in Berlin besuchen wir ihn in seinem Studio. Unscheinbar im Dachgeschoss eines Mehrfamilienhauses  befinden sich auf circa 60Quadratmeter die Räumlichkeiten mit einem Panorama-Ausblick über den Osten Berlins. Vor zwei Jahren ist Köster hierhin gezogen, doch seine Tätigkeiten in der Branche währen schon wesentlich länger.

Ilja Köster (*1970) ist, wie sehr viele in Berlin lebende Künstler, nicht in Berlin geboren, sondern im Rheinland. Mit elf Jahren begann er Klavier zu spielen und entdeckte schon sehr früh seine Leidenschaft für dieses Instrument und für die Musik. Ursprünglich wollte er auch Klavier studieren. „Aus Vernunftgründen bin ich dann aber doch bei einem Architekturstudium gelandet, was mich wiederum durch Umwege zur Computerarbeit und somit zur elektronischen Musik gebracht hat“, erzählt uns Köster. Dies ermöglichte ihm, die Einflüsse aus dem klassischen Klavier, Songwriting und elektronischer Musik in seinen Projekten auch mit visuellen Komponenten zu verknüpfen. Nach der Beendigung seines Studiums in London fand er dann einen Job in Berlin, allerdings in der IT-Branche, wo er als Multimedia-Mädchen-für-alles auch das Sounddesign übernahm.  Nach der Insolvenz seines Arbeitgebers zwei Jahre später nutzte der inzwischen dreißigjährige Köster die Möglichkeit und das angesammelte Studioequipment und produzierte kurzerhand eine Demo-CD als „Visitenkarte“ für seine Studiotätigkeiten. „Aus heutiger Sicht ist das völlig absurd, aber es hat echt funktioniert“, erzählt Köster mit einem Grinsen im Gesicht. Die darauf folgende Telefonakquise bescherte ihm tatsächlich seine ersten Auftragskompositionen für Computerspiele, Events und schließlich seine erste große Computerspielsprachvertonung.Diese Art der Vertonung ist bis heute fester Bestandteil seines Studioalltags.

Pragmatismus und Eleganz

Den Grundriss seines heutigen Studios plante Köster als studierter Architekt selbst. „Ich wollte extrem flexibel sein und keinen Zentimeter Raum verschenken“. Das ist ihm geglückt: Auf den knapp 60 Quadratmetern befinden sich seine Hauptregie, ein Aufnahmeraum mit Flügel, eine zweite, kleine Regie und eine Aufnahmekabine. Die Räume wirken elegant und sortiert, von Enge keine Spur. Den Aufnahmeraum ließ Köster im Raum-in-Raum-Prinzip bauen, um zeitlich unabhängig arbeiten zu können, ohne die Nachbarn durch hohe Lautstärken zu belästigen. Die Regieräume und die Kabine sind auch über mehrere Lagen Gipskartonplatten schallisoliert, allerdings nicht so aufwendig wie der Aufnahmeraum. Für die raumakustische Gestaltung steht ihm Akustikkoryphäe Kurt Huhn zur Seite, der mit Bassabsorbern in den Raumkanten sowie speziellen Absorbern, einer Mischung aus Plattenschwingern und porösen Absorbern, Kösters Vorstellung des Klangs in seinem Studio verwirklicht.

Nicht nur in Sachen Raumgestaltung legt Köster Wert auf Pragmatismus, auch in Sachen Equipment laufen seine Ansprüche gegen die gängigen Konsumeinstellungen. „Ich bin ein totaler Fan von Gebrauchtwaren, ich bin ‚Öko‘“, verrät er uns. Somit ist es nicht verwunderlich, dass er sich erst neulich einen gebrauchten Mac Pro aus dem Jahre 2009 gekauft hat. Es sei nicht nur ökologisch sinnvoller und günstiger, auch die ganzen Anschlüsse wie Firewire, die er für sein Equipment manchmal nochbenötigt, seien noch ohne lästige Adapter vorhanden. Entsprechend aufgerüstet mit 64 GB Arbeitsspeicher, SSD-Platten und zwei leistungsstarken Quadcore-Prozessorensei der Rechner in Sachen Performance neueren Rechnern kaum unterlegen. Der Kostenpunkt: gerade mal knapp über1.000 Euro. Als Audiointerface verwendet er ein RME UFX, welches bei Aufnahmen dank seiner Fähigkeit, das Signal aus einem Preamp parallel an zwei AD-Wandler zu schicken, über ein sehr geringes Grundrauschen verfügt. Das Rauschen ist zwar nicht hörbar, aber relevant für Projekte im IVR-Bereich (Interactive Voice Response, ein Sprachdialogsystem, das den Nutzer über so genannte natürlichsprachliche Dialoge anleitet), die beispielsweise in Navigationssystemen oder Text-To-Speech-Systemen zum Einsatz kommen. „DieAlgorithmen sind hierbei so komplex, dass es eine ultrasaubere Aufnahme sein muss, damit sie funktionieren“, so Köster. Als Universalwaffe für jegliche Art von  Sprachaufnahme, die „schön“ klingen soll, setzt er auf den Avalon VT-737SP Röhrenpreamp. Auch ein anderer Gedanke beeinflusste Köster in der Auswahl seines Equipments für Sprachaufnahmen. Als Lokalisationspartner für eine Firma in London (Side UK),welche europaweit Studios mit der Synchronisation von Videospielen in den jeweiligen Sprachen beauftragt, muss er in der Lage sein, den „einheitlichen“ Klang realisieren zu können, auf den Side UK Wert legt, um die spätere Postproduktion zu vereinfachen und zu optimieren. Als Mikrofone für seine Sprachaufnahmen setzt Köster auf zwei verschiedene Modelle und Ansätze. Einerseits benutzt er ein Neumann TLM 103, es sei das „Universalmikrofon“ für Sprache. In den letzten Jahren habe sich aber die Klangästhetik im Gaming-Bereich weg von dem klassischen Voiceover hin zu einem eher filmischen Klangbild entwickelt. „Man will weg von diesem Studio-Sound, diesem Nahbesprechungs-Voiceover-Sound, der sich nicht so richtig mit der Bildwelt vermischt.“ Deshalb verwendet Köster hier ein Sennheiser MKH 416 P48 Kondensator-Mikrofon, welches durch seine Supernieren-/Keulen-Charakteristik normalerweise im Film-, Funk- und Fernsehton eingesetzt wird. Für Musikaufnahmen zeigt mir Köster seinen Mikrofonkoffer mit einer überschaubaren Anzahl an Klangwandlern. Zwei Neumann KM 184 für Klavier- und Gitarrenaufnahmen, ein Brauner Phantom C für Gesangsaufnahmen, mehrere dynamische Shure Mikrofone sowie ein EV RE20 für Schlagzeugrecording. Ganz seiner ökologischen Einstellung entsprechend nutzt Köster auch sein Netzwerk, um sich hin- und wieder auch mal bei einem Mitbewerber ein Mikrofon oder anderes Equipment auszuleihen oder eines seiner Modelle zu verleihen. „Genaugenommen sind wir Konkurrenten, aber es fühlt sich nicht so an.“  Man helfe sich gegenseitig, und wenn es mal zeitlich nicht klappe, können Projekte auch ausgelagert werden.

Als Abhöre vertraut Köster auf seine Geithain MO-2Monitore. „Sie sind super linear, aber dabei trotzdem sehr angenehm.“ Auf die Arbeit mit einem Subwoofer verzichtet er völlig, obwohl seine Lautsprecher im Tiefenbereich laut Hersteller nur bis 46Hz übertragen. „Wenn du Dance-Musik machst, brauchst du einen Subwoofer, oder bei richtig großen Filmproduktionen. Aber dann brauchst du auch wieder Surround Sound, und das macht man dann sowieso im Kinostudio.“ Tatsächlich teste er gewisse Mischungen für Events oder ähnliches auf seinen Yamaha PA Boxen. Dafür spiele er schon länger mit dem Gedanken, sich mal einen Subwoofer zuzulegen.

 

It’s in the box

Wie viele moderne Studios arbeitet auch das Iksample Studio in der Postproduktion ausschließlich „in the Box“. Köster ist was die  Wahl seiner DAWs angeht zwiegespalten. „Für Sprache, Mischung oder Spiele  nehme ich auf jeden Fall Protools 12. Wenn es um’s  Musik machen geht, also etwas von der Pike auf zu komponieren,  nehme ich Logic pro X, weil ich das in Sachen MIDI für mich dann doch komfortabler finde“, erzählt uns Köster. Protools sei für den Audioschnitt einfach überlegen und es klinge auch ein bisschen besser als Logic. Andererseits sei er mit Logic aufgewachsen und fühle sich dort einfach zu Hause.

Was Plug-ins und Software-Instrumente angeht, ist Köster neuen Entwicklungen gegenüber sehr aufgeschlossen und bleibt up to date. „Ich versuche weit vorne zu sein, was Software angeht. Ich habe wenige Sachen, die ich jahrelang benutze, weil ich so darauf stehe. Gerade Synthesizer haben eine gewisse Halbwertszeit und sind modischen Aspekten unterlegen, von denen man selbst auch nicht frei ist“, erzählt er uns. Im Moment experimentiere er sehr viel mit der neusten Version von Native Instruments Komplete Ultimate 11. „Die ist so umfassend, dass man sich da schon eine kleine Ewigkeit daran austoben kann. Ich habe damit nun schon ein paar Produktionen gemacht, es sind tolle Klänge dabei, es hat aber auch seine Grenzen.“ Darum kombiniert er die Sounds mit anderen Bibliotheken wie beispielsweise mit den Streichern der Vienna Symphonic Library. „Da macht es dann eben die Kombination, genauso wie wenn man die Sounds mit akustischen Aufnahmen mischt.“

Für die Postproduktion und seine Mischungen vertraut Köster auf Klassiker wie das RX Bundle von Izotope. „Für Restauration und Postproduktion sind das einfach super Tools, um die Sounds zu verbessern, zu säubern, zu entzerren oder die Hallräume ein bisschen wegzunehmen. Ohne solche Tools kriegt man Filmmischungen teilweise nicht hin, oder hat deutlich mehr Arbeit. Es erleichtert einem das Leben als  Toningenieur schon immens“, so Köster. Natürlich habe er auch ein paar Waves EQ- oder Kompressor-Plug-ins, die er gerne benutze. Es käme immer darauf an, wofür es gebraucht wird. Für reine Sprachaufnahmen seien ihm die chirurgischen, linearen EQs und Kompressoren lieber, während er für Musikproduktionen auch färbende Plug-ins benutzt. „Ein ganz tolles Tool, um etwas einfach mal vintage-mäßig klingen zu lassen, ist zum Beispiel der Vintage-Warmer von PSP. Ich bin aber auch nicht der totale Nerd was Plug-ins angeht, ich bin  relativ schnell zufrieden zu stellen. Außerdem ist es wichtig, den Moment der Kreativität und der Inspiration nicht zu verlieren“, verrät uns Köster. Das passt sehr gut zu seiner pragmatischen Art, die sich von der Raumgestaltung bis hin zu der Auswahl seiner Arbeitswerkzeuge widerspiegelt.

Zwischen „Fließbandarbeit“ und künstlerischer Freiheit

Köster trennt ganz klar zwischen seinen Tätigkeiten als Toningenieur und jenen, die ihn als Künstler fordern. „Man muss schon ganz früh lernen, was wirklich wichtig ist. Gerade wenn es um Jobs geht, die schnell erledigt werden müssen.“ Gerade hierfür sei es extrem wichtig, dass man seine Tools sehr gut kennt und möglichst schnell zu einem entsprechend guten Ergebnis kommt. Gerade in der Spiele- Lokalisierung und der Synchronisation werde der Anspruch an das Tonstudio immer größer. So hätten sich bei letzterem die Anforderungen an die zu übersetzenden beziehungsweise synchronisierenden Lines innerhalb der letzten zehn Jahre fast verdoppelt. Dies sei natürlich auch dem unglaublich hohen Output diverser Streaminganbieter wie Netflix oder Amazon zu verdanken. „Das ist manchmal echte Fabrikarbeit, fließbandartiges Massenrecording, wo es extrem um technische Aspekte geht“,  erklärt uns Köster. Es gehe sehr oft darum, Deadlines einzuhalten und man könne sich leider nicht an Kleinigkeiten aufhalten. Allerdings habe diese Art von Arbeit ihn auch gelehrt, das Große und Ganze nicht aus den Augen zu verlieren. „In jedem Augenblick musst du Priorität setzen.“ Dies habe er auch für seine künstlerischen Tätigkeiten übernommen, was ihn davon abhält, sich zu lange oder zu früh an Details aufzuhalten. „Ich will das Gesamtergebnis hören und dann zeigt sich im Mix, dass ein bestimmter Sound beispielsweise gar nicht so wichtig ist.“

Wenn Köster als Komponist gefragt ist, kann man seine Arbeit auch grob in zwei Aufgabengebiete unterteilen. Einerseits gibt es die Art von Aufträgen, die konkrete Vorstellungen von Kundenseite berücksichtigen. Auf der anderen Seite gibt es jene, die Ilja Köster als reinen Künstler und Komponisten mit künstlerischer Freiheit fordern. Ersteres sehe er immer wieder als interessante Herausforderung, nachdem er jahrelang nur seine eigenen Projekte verfolgt habe.

„Ich finde es total spannend, Aufgaben zu erfüllen und Genres zu bedienen, die meiner eigenen künstlerischen Arbeit nicht wirklich entsprechen. Hier muss ich das Ganze auf möglichst hohem Niveau simulieren. Da kommen dann beispielsweise so Ansagen wie: ‚Produziere doch mal einen 90er Jahre Technobeat mit Operngesang‘.  Wenn ich dann diese verschiedenen Genres recherchiere, merke ich, dass es egal ist, wie imposant sie sind oder wie sehr sie einen berühren, da wird letztendlich alles auch nur mit Wasser gekocht. Und es ist einfach spannend zu schauen, wie das Wasser nun zum Kochen gebracht wird. Das ist dann ganz viel Handwerk, aber immer kommt da meine Inspiration und Seele mit rein.“

Es beginnt mit einer Skizze

Neben den Kompositionsaufträgen, die  Köster vor allem als „Handwerker“ fordern, gibt es aber auch solche, die ihm künstlerisch sehr viel abverlangen. Wie geht er an diese Aufträge heran? „Als erstes versuche ich eigentlich immer Skizzenmaterial zu sammeln. Ich überlege mir beispielsweise bei einer Filmvertonung, welche Instrumente diesen visuellen Eindruck klanglich unterstützen und dazu passen. Wenn ich diese Auswahl getroffen habe, fange ich tatsächlich einfach an zu spielen, idealerweise mit Bildmaterial, was ich schon habe. Wenn nicht, dann stelle ich mir etwas vor“. Nach diesem ersten Schritt, welcher oft noch gar nicht kompositorisch ist, manifestiere sich die Soundästhetik, welche ihn im weiteren Vorgehen unweigerlich zu Strukturen und Rhythmen führe, in denen Köster auch oft den Bruch zu den vorherigen Klängen suche. „Da geht dann direkt ein innerer Film los, der ist aber gar nicht besonders konzeptionell, was mich auch von vielen Komponisten, welche sehr streng nach Plan vorgehen, unterscheidet.“   Die eigentliche Arbeit beginne dann immer erst, wenn er seine Skizze aufräume. „Ich merke dann meistens: ‚Okay, das ist alles viel zu viel‘, und dann schmeiße ich ganz viel weg. So entwickelt sich dann das eigentliche Konzept“.

Bei all der Arbeit legt Köster immer noch sehr viel Wert darauf, jeden Tag ein bis zwei Stunden Klavier zu üben. So hat es der sympathische Mittvierziger geschafft, sich trotz der Professionalität und dem Arbeitsalltag seinen ursprünglichen Impuls, der ihn zur Musik gebracht hat, zu bewahren. Überhaupt hat Köster eine sehr dankbare Einstellung zu seiner Arbeit. „Ich bin voller Demut. Das ist mir alles geschenkt worden und ich bin sehr dankbar dafür, dass ich damit meinen Lebensunterhalt bestreiten kann.“

Weitere Informationen auf der Website des Iksample Studios.

Erschienen in Professional audio 11/2017

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