Heldenfutter

Gitarrenhelden benötigen neben schnellen Fingern und einer guten Gitarre auch ein vielseitiges und klangstarkes Arsenal an Verstärkern und Effekten. Overloud bietet mit dem neuen TH2 reichlich Heldenfutter.

Von Harald Wittig

In der Ausgabe testeten wir die Gitarren-Amp-Emulation TH1 der italienischen Software-Schmiede Overloud und stellten fest: „Overloud TH1 reiht sich als relativer Newcomer klanglich in die Spitzengruppe der Gitarren-Amp-Simulationen ein.“ TH1 ist nach wie vor eine sehr gute Software mit teilweise konkurrenzloser Ausstattung, doch zweieinhalb Jahre sind eine lange Zeit und die Ansprüche der Anwender steigen – nicht zuletzt wegen der inzwischen deutlich verbesserten Produkte der Mitbewerber, namentlich  von IK Multimedia und Native Instruments. Deren Spitzen-Emulationen Amplitube 3 beziehungsweise Guitar Rig 4 stehen bei Anwendern in der Beliebtheitsskala ganz oben und auch wir arbeiten – je nach persönlichen Vorlieben – mit Amplitube 3 oder Guitar Rig 4. Doch die beiden Titanen müssen auf der Hut sein, denn seit Kurzem ist TH2 auf dem Markt und die Software-Tüftler um Overloud-Gründer Thomas Serafini haben  – soviel sei schon verraten – eine Gitarristen-Software geschaffen, die es klanglich und in puncto Ausstattung in sich hat.

TH2 ist für rund 261 Euro als Vollversion beziehungsweise  94 als Upgrade von TH1 zu haben, die Software läuft sowohl Stand-alone auf Mac und PC, unterstützt werden die gängigen Plug-in-Schnittstellen VST, AU und RTAS. Die Installation von TH2 ist eine leichte Übung, wobei Overloud auch die Autorisierung erheblich bequemer gestaltet hat: Bei stehender Internet-Verbindung ist die Freischaltung eine Sache von wenigen Minuten – eine klare Verbesserung für Musiker mit nervösen Fingern, die schnellstmöglich loslegen möchten. Deswegen halten wir uns nicht unnötig auf und hechten direkt auf die deutlich erweiterte Ausstattung.

Beginnen wir mit den Gitarren-Verstärkern, dem Herzstück jeder Software dieses Typs. TH1 bot acht Amp-Modelle, darunter die üblichen Standard-Verstärker wie Marschall JTM45 und JCM 800/900, Vox AC30, Fender Twin Reverb, aber auch modernere Amps wie den Soldano SL100 an (siehe hierzu im Detail den TH1-Test in Ausgabe 2/2009). Selbstverständlich sind diese Verstärker-Emulationen auch in TH2 enthalten und profitieren klanglich von der verbesserten DSP-Engine, die im direkten Vergleich zur Vorversion ein natürlicheres und lebendigeres Zerrverhalten, sprich Dynamik bringt. So reagieren die überarbeiteten Amp-Modelle besser auf die Anschlagsstärke und klingen gerade in den Höhen noch analoger und kratzfreier als die TH1-modelle.
Erstmals bietet Overloud autorisierte Emulationen von Verstärkern, die es bei den Mitbewerbern nicht gibt. Dabei haben sich die Italiener bewusst an Hersteller gehalten, die neben den ganz Großen – Marshall, Fender, Mesa Engineering ¬– längst in der weltumspannenden Stromgitarristik fest etabliert sind.
Der amerikanische Hersteller Randall ist dank prominenter User beziehungsweise Endorsern wie Kirk Hammett (Metallica),  Scott Ian (Anthrax), Nuno Bettencourt (Extreme) vor allem in der Heavy Metal-Szene schwer abgesagt – obwohl Randall auch Verstärker mit eher traditionellerer Klangausrichtung anbietet.
Der Randall Lynch Box Amp ist das Signature-Modell des Gitarrenvirtuosen George Lynch, der vor allem als die – nach Meinung von Insidern – bessere Hälfte des Kreativ-Duos Don Dokken/George Lynch die US-Metal-Band Dokken berühmt machte. Wer jetzt erwartet, dass die Lynch Box ein Verstärker für die Anhänger der Brachial-Zerre ist, darf sich eines besseren belehren lassen. Wie beim Kirk Hammett-Signature-Amp auch, gibt es verschiedene Einschub-Vorstufenmodule mit unterschiedlicher Klangcharakteristik, die für eine ungeheure Bandbreite an Klängen sorgen. Selbstredend, dass die George Lynch Signature-Module Mr. Scary/MSCA für den legendären Dokken-Leadton, Grail/GRA für den moderneren Heavy-Ton à la Lynch Mob – des Meisters eigene Band – dabei sind. Hinzu kommen elf weitere Module, die ein Klangspektrum von den Fender-Modellen Twin Reverb und Bassman, über Marschall Plexi und Super Lead bis hin zu   extrem stark verzerrenden Vorstufen-Modulen im ureigenen Randall-Stil. Um es auf den Punkt zu bringen: Der Lynch Box-Amp ist das absolute Glanzlicht von TH2 und bietet tonal praktisch alles, was das Gitarristenherz begehrt. Speziell die möglichen UIltra-Heavy-Sounds bringen Guitar Rig 4 und Amplitube 3 mächtig ins Schwitzen.  
Interessant und klanglich ebenfalls gelungen ist der Randall T2-Nachbau, im Hardware-Original ein sogenannter Hybrid-Verstärker mit Röhrenvor- und MOSFET-Endstufe. Auch der T2 ist ein Amp für die Heavy-Fraktion, klanglich aber eher 1980er-/1990er-Jahre orientiert. Diese Emulation gefällt uns besser als der etwas kratzig klingende Peavy 5150-Klon, HeaVy51 genannt und ist sicherlich ein sehr guter Amp. Der Lynch Box-Amp mit dem Mr. Scary-Modul klingt dennoch organischer und lebendiger.                           
Dass aus Bella Italia nicht nur virtuelle Verstärker sondern auch echte Vollröhrenverstärker kommen, wissen Gitarristen selbstverständlich. Der Hersteller Brunetti ist gleichwohl im Randall-Land USA populärer als hierzulande, wozu sicherlich die beiden Verstärker-Köpfe Mercury und R-evo, der seinerseits eine verbesserte Version des Brunetti-Erfolgsmodells XL darstellt, beigetragen haben. Der R-evo ist ein moderner High Gain-Amp, der durchaus dem Klassenprimus Mesa Rectifier Konkurrenz macht. Wer einen mächtigen, bassgewaltigen Brutalo-Sound sucht, wird mit der R-evo-Emulation in TH2 viel spaß haben. Sehr viel traditioneller, auf den Spuren klassischer Marshall-Amps tönt dagegen der Mercury. Ein sehr gut klingender Amp, für Klänge von AC/DC bis Metallica. Beide Brunetti-Emulationen lassen sich sehr dynamisch spielen und sind eine willkommene Alternative zu den Rectifier- und Marschall-Klons in TH2, aber auch der Mitbewerber-Emulationen.       

Wem das alles zu Metal-lastig ist, findet mit den ebenfalls autorisierten Emulationen der Modelle Univalve und Flexi des US-Boutique-Herstellers THD klare Bekenntnisse zum guten alten Vintage-Sound. Die  Flexi-Emulation  bietet wie das teure Vorbild Fender-eske Klarklänge und britische Overdrive-Sounds, die gewissermaßen die High-End-Variante der schon bekannten TH1/2-Emulationen darstellen. Das gilt auch für den Univalve, der sich klanglich am Vox AC 30 orientiert, aber ebenfalls vielseitiger ist und schon mal auf dem Marshall-Terrain zerren kann. Klar, dass diese Emulationen nichts für Shredder sind, aber Blues- und Fusion-Musiker sollten in jedem Fall mit diesen exklusiv nur in TH2 zu findenden Emulationen experimentieren.

Apropos Fusion: Zu den begehrtesten Röhren-Verstärkern überhaupt gehört der Dumble Overdrive Special – Originale erzielen auf dem Gebrauchtmarkt bis zu 50.000 Euro, längst gibt es teilweise sehr gute Hardware-Klone zu weitaus realistischeren Preisen. Die günstigste Möglichkeit an einen Dumble-ähnlichen Sound, der vor allem von der sehr weichen und mittig-warmen Verzerrung geprägt ist, bietet TH2. Der Tumple ODS genannte Software-Verstärker ist nämlich eine Dumble-Emulation und gefällt uns sehr, sehr gut. Zusammen mit einer Les Paul singt dieser Verstärker sehr angenehm, Sounds à la Larry Carlton sind möglich – sofern der Gitarrist auch über die Technik des großen Gitarristen verfügt.
Endgültig übermächtig ist das überarbeitete Cabinet-Modul, das schon bei der Vorversion das Alleinstellungsmerkmal gewesen ist. Die Boxen-Modelle sind mit den Emulationen von Randall- und Brunetti-Originale um acht auf insgesamt 29 Cabinets aufgestockt worden. Dank der neu implementierten sogenannten ReSPiRe 2-Technology lassen sich die wie gehabt 18 virtuellen Abnahmemikrofone jetzt auch im 45-Grad-Winkel und sogar auf der Boxen-Rückseite positionieren. Es liegt auf der Hand, dass diese die klanggestalterischen Möglichkeiten noch weiter erhöht. Im direkten Vergleich zum gleichfalls mächtigen Control Room-Modul von Guitar Rig 4, das eine komplexe Multimikrofonierung bietet, wirkt die Beschränkung auf jeweils zwei Abnahme-Mikrofone in TH2 schmächtiger. Aber mal ganz im Ernst: Was sich alles aus 18 virtuellen Mikrofonen – die Palette reicht vom AKG C12, über Neumann U87 und Shure SM57 bis hin zum Royer R121 – paarweise frei kombinierbar herausholen lässt, reicht für mehr als ein Produzentenleben. Wir meinen, dass TH2 durchaus auf Ohrhöhe mit Guitar Rig 4 ist  – letztlich entscheidet ohnehin der persönliche Geschmack.
Oder die Effekt-Sektion. Der sehr gut klingende Breverb-Hall, eines der Vorzeigeprodukte der Italiener, fehlt logischerweise nicht, ein willkommener Neuzugang ist eine Federhall-Emulation auf Basis des Overloud-eigenen Federhall-Plug-ins SpringAge. Dieses Plug-in stellt eine Kombination aus Faltungs- und algorithmischem Hall dar und klingt wirklich ausgezeichnet. Im Unterschied zum etwa 100 Euro teuren Plug-in bietet der Federhall in TH2 weniger Editiermöglichkeiten, klingt aber gleichwohl sehr gut – vor allem für Fender-verwöhnte Ohren.

ir bräuchten ein Sonderheft, um wirklich jedes Ausstattungsdetail beziehungsweise emulierte Hardware-Gerät zu nennen und zu beschreiben. Ungelogen, besonders die Randalls klingen so gut, dass wir uns während der Testphase regelrecht festspielen. Glücklicherweise bietet TH2 eine sehr umfangreiche Preset-/Klangbibliothek, die teilweise hervorragende Rigs beinhaltet, die – das ist ein ganz großer Fortschritt gegenüber TH1 – auch aufnahmetauglich sind. Bekanntlich klingt manches Preset, das den fleißigen Solisten beim Üben noch ins Pantheon der Gitarrenhelden führt im Kontext eines Band-Arrangements gar nicht mehr und das grandios gespielte Solo geht im Mix einfach unter. Die Italiener haben insoweit nachgelegt und hinter Presets wie „Studio Lead“ oder „Cut through“ verbergen sich Voreinstellungen, die zwar wie im richtigen Leben schlampiges Spiel gnadenlos offenbaren, dafür aber wirklich durchsetzungsfähig klingen. Allein die Hard and Heavy-Presets sind ein wahres Schlaraffenland für Freunde des Genres – aber das haben Sie sich angesichts unserer Begeisterung für die Randall-Emulationen ohnehin schon gedacht. Wer schöne Clean-Sounds für klingenden Landschaften sucht, 1970er-Jahre Funk-Gitarren mag oder auch schillernde Psychedelic-Welten erkunden möchte: TH2 bietet dies alles und ist damit auch eine Software mit sehr hohem Spaßfaktor. Hinzu kommt der nach wie vor vorbildlich geringe Leistungshunger, wenngleich TH2 inzwischen wenigstens nach einem Dual Core-Prozessor und 2MB Arbeitsspeicher verlangt (siehe näher den finalen Steckbrief). Da es sich insoweit aber um die Mindest-Ausstattung der meisten aktuellen oder höchstens zwei Jahre alten Rechner handelt, muss niemand befürchten, mit TH2 nicht auf seine Kosten zu kommen.
Damit Sie sich selbst einen ersten Eindruck von der Klangstärke dieser sehr guten Gitarristen-Software machen können, gibt es begleitend zu diesem Artikel im Download-Bereich eine Auswahl an kurzen Klangbeispielen. Unter www.overloud.com/download.php finden Sie auch Demo-Versionen für eigene Tests.Probieren Sie TH2 – es lohnt sich.

Fazit

TH2 übertrifft den schon sehr guten Vorgänger bereits beim Grundklang, die hervorragend emulierten und offiziell autorisierten Amps und Boxen von Randall und Brunetti sind speziell für Heavy-Gitarristen Kaufargument genug. Wer es eher traditionelles schätzt findet gleichwohl Gitarrenhelden-Futter genug in dieser feinen Gitarren-Amp-Emulation, die sich einen Platz in der Spitzenklasse redlich verdient.   

Erschienen in Ausgabe 07/2011

Preisklasse: Spitzenklasse
Preis: 261 €
Bewertung: sehr gut
Preis/Leistung: sehr gut

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