DAW-Kompagnon

Erst ein leistungsfähiges Interface macht ein rechnerbasiertes Studio zur Audio-Workstation. Audients neuer Zwei-Kanaler bietet sich als vielseitiger DAW-Kompagnon an. 

Von Harald Wittig 

Audient fährt seit seiner Gründung im Jahre 1997 zweigleisig: Nach wie vor stellt der britische Hersteller große Analog-Pulte für den Studio- und Live-Einsatz her, gleichzeitig hat er etliche Produkte im Angebot, die auf die bescheideneren Bedürfnisse der DAW-Nutzer ausgerichtet sind. Zu nennen wären beispielsweise das Montoring-System Centro (Test in Ausgabe 2/2007), das modulare Rack-System Black Series (Test in Ausgabe 9/2007) oder die von Kennern geschätzten Pre-Amps der ASP-Serie. Bei allen genannten Geräten beziehungsweise Gesamtsystemen greifen die Audient-Entwickler auf den langjährigen Erfahrungsschatz bei der Herstellung hochwertiger Analog-Geräte zurück. Immerhin waren die beiden Audient-Gründer und Inhaber, David Dearden und Gareth Davis seinerzeit – vor rund dreißig Jahren – Mitbegründer des Mischpultherstellers DDA. Gerade in den 1980er-Jahren erfreuten sich die DDA-Pulte weltweit großer Beliebtheit – vor allem das inzwischen legendäre DDA AMR 24. Dieses Pult konkurrierte bei manchen Profis erfolgreich gegen die immergrünen Klassiker von SSL und Neve. So zeichne es sich nach Kenner-Meinung in erster Linie durch seinen transparenten, klaren, auf Neutralität verpflichteten Klang aus.

Eben dies – Transparenz und Klarheit bei vernachlässigbar geringem Eigenrauschen – soll auch Audients neuste Entwicklung, den zwei-kanaligen Vorverstärker MiCO auszeichnen. Für einen empfohlenen Verkaufspreis von rund 1.100 Euro bekomme der Erwerber mit hohen Klangansprüchen einen Pre-Amp mit praxisgerechter Ausstattung, der dank eines integrierten A/D-Wandlers mit 24 Bit/96 Kilohertz-Auflösung als leistungsfähige Schnittstelle zum Studio-Rechner beste Vorraussetzungen für Aufnahmen mit Profi-Anspruch bieten soll.

Der MiCO ist ein Vertreter der Kategorie Kompakt-Pre-Amp: Auf halber Rackbreite finden sich die üblichen Bedienelemente zweier neu entwickelter Mikrofon-Vorverstärker. Diese basieren auf Audients bewährter Class-A-Technik, die bereits bei dem achtkanaligen ASP008 und der ASP8024 Konsole für jede Menge Profi- und Kritikerlob sorgte. Daneben haben die Entwickler auch einige neue Spezialitäten in den MiCO gepackt: An erster Stelle steht die sogenannte HMX-Funktion, ein besondere Schaltung auf Transistor-Basis, die dem Signal röhrentypische Eigenschaften, namentlich harmonische Oberwellen zweiter Ordnung hinzufügt. Die HMX-Funktion dient also der Klangformung – nicht umsonst beschreibt sie Audient als „harmonic sculpting technology“ – und feierte im Black Pre, dem Vorverstärker-Modul des Racksystems Black Series seine Premiere. Die HMX-Klangformung steht dem Benutzer allerdings nur für Kanal 1 zur Verfügung und lässt sich via Druckschalter aktivieren. Das ist, genauer betrachtet, unverständlich, da die klanggestalterischen Möglichkeiten dieses Werkzeugs, wie der finale Praxistest zeigt, auch für Stereo-Aufnahmen willkommen sind. 
Die Intensität der harmonischen Verzerrungen bestimmt ein eigner, aus dem vollen Aluminium gefräster Drehregler, der sich durch angenehme Griffigkeit und leicht zähen Gleichlauf auszeichnet. Ein vergleichbarer Drehregler dient auch der Feinabstimmung der zweiten Neuerung des MiCO. Diese nennt sich Variphase und soll dazu dienen, Phasenprobleme bei der Stereo-Mikrofonierung zu umgehen. Variphase wirkt nur auf den zweiten Kanal und gestattet, sobald mittels hintergrundbeleuchtetem Druckschalters aktiviert, stufenlose Phasenverschiebung des an Kanal 2 anliegenden Signals im Verhältnis zum Signal im ersten Kanal. Der theoretische Vorteil der Variphase-Funktion: Auf diese Weise lassen sich Phasenungleichheiten wesentlich komfortabler beheben als nach der traditionellen Methode, wo mit Phasenumkehrschalter und verschiedenen Mikrofon-Postionen zur Schallquelle zu experimentieren ist. Mit Variphase darf das Mikrofon an Ort und Stelle bleiben, muss also nicht vom „Sweet Spot“ weggerückt werden, was in der Regel ohnehin nicht im Sinne des Tonmeisters ist. Allerdings handelt es sich bei der Variphase-Funktion des MiCO keineswegs um ein exklusives Ausstattungsmerkmal. Beispielsweise hat auch der Mikrofon- und DI-Vorverstärker Protico 5016 von Rupert Neve Designs etwas Vergleichbares zu bieten – dessen stufenlose Phasenkorrektur trägt sogar den fast gleichen Namen und nennt sich Vari-Phase. Laut Handbuch erlaubt die Variphase des MiCO in Kanal 2 zusammen mit dem, in beiden Kanälen vorhandenen, obligatorischen Phasenumkehrschalter sogar die Extremverschiebung um 360 Grad. Damit lässt sich diese Funktion durchaus auch zur kreativen Klanggestaltung einsetzen. Beispielsweise um ganz gezielt Phasenauslöschungen zu provozieren. Soweit so gut vorerst. Ob Variphase allerdings halten kann, was Audient verspricht, sehen wir später.

Fast alle Anschlüsse sind auf der Rückseite des Geräts angebracht, abgesehen von der DI-Eingangsbuchse, die sich auf der Frontplatte aus gebürstetem Aluminium befindet. Hierbei handelt es sich um einen echten Hi-Z-Eingang mit 500 Kiloohm Eingangsimpedanz, der den direkten Anschluss von passiven E-Gitarren und E-Bässen erlaubt. Da der DI-Anschluss Teil des ersten Kanals ist, können Saiten-Spezialisten das Clean-Signal ihrer vielsaitigen Schätzchen je nach Gusto einfärben und haben damit schon bei der Aufnahme eine Option zur gezielten Klangformung.

Die Analog-Eingänge beziehungsweise XLR-Buchsen für Mikrofone finden sich wie gesagt auf der Rückseite des mit rund 23 Zentimetern recht tiefen Gehäuses. Es handelt sich um Combo-Buchsen, die auch Klinken-Kabel von Geräten beziehungsweise Instrumente mit Line-Pegel, beispielsweise Keyboards akzeptieren. Direkt daneben sind die beiden Analog-Ausgänge angeordnet, selbstverständlich als professionelle XLR-Buchsen, sowie die Ausgänge des eingebauten A/D-Wandlers. Dieser arbeitet mit einer maximalen Auflösung von 24-Bit-Wortbreite und einer Abtastrate von 96 Kilohertz. Zur Verfügung stehen ansonsten die Samplingraten 44,1 und 48 Kilohertz bei einheitlicher Wortbreite. Höhere Samplingraten bis 192 Kilohertz unterstützt das Gerät, wenn es über den World-Clock-BNC-Anschluss mit einer externen Master Clock verbunden ist. Denn jetzt dient der MiCO als „Slave“.
Im Digitalbetrieb stehen dem Benutzer des MiCO drei Ausgabeformate zur Verfügung – AES/EBU, Toslink und S/PDIF, die gleichzeitig an den entsprechenden Buchsen anliegen. Um bestmögliche Kompatibilität zu Geräten mit Toslink- oder S/PDIF-Eingang zu gewährleisten, sollte allerdings die AES/EBU-Verbindung nicht zur gleichen Zeit aktiv sein. Etwas unpraktisch hat Audient die Einstellung der gewünschten Samplingrate gelöst. Dafür gibt es direkt neben den Digital-Ausgängen ein Mäuseklavier mit sechs DIP-Schaltern. Davon abgesehen, dass diese größenbedingt nur mit einem gepflegten Fingernagel oder einem Werkzeug komfortabel zu verstellen sind, kann sich deren Platzierung auf der Rückseite im Einzelfall als unpraktisch erweisen. Ist der MiCO nämlich in einem bereits voll gepackten Rack installiert, werden Anwender, die keine einheitliche Abtastrate für ihre Projekte verwenden, um mehr oder weniger akrobatisch-sportliche Verrenkungen nicht herumkommen. Das gilt in gewisser Weise auch für die Stromversorgung des Geräts. Um das ohnehin schon mit Elektronik vollgestopfte Kistchen nicht aus allen Nähten platzen zu lassen, verzichtete der Hersteller auf ein eingebautes Netzteil. Stattdessen dient ein im Vergleich zum gut verarbeiteten und wertig wirkenden Gerät etwas billig anmutendes externes Netzteil der Stromversorgung. Da aber der MiCO keinen Netzschalter hat, heißt es eben Stecker ziehen, um das Gerät auszuschalten. Wohl dem, der bei der Einrichtung seines Studios für einfachen Zugang zu Steckdosenleisten und Ähnlichem gesorgt hat. Dass es auch anders geht, beweisen die Portico-Geräte von Rupert Neve Designs: Obwohl auch diese zur Stromversorgung ein externes Netzteil benötigen, hat jedes dieser Module einen eigenen Netzschalter.

Die Verarbeitung des MiCO ist im Großen und Ganzen sehr gut. Das Gerät macht, wie schon erwähnt, einen wertigen und recht soliden Eindruck. Ein wenig Kopfschmerzen bereiten uns allerdings die beiden Gainregler. Deren Regelweg lässt sich am Treffendesten mit den Worten „Auf den letzten Metern wird gerannt“ umschreiben. Tatsächlich ist ein genügender hoher Ausgangspegel erst ab Drei-Uhr-Stellung der beiden Potis erzielbar. Ab da bedarf es aber einiges an Fingerspitzengefühl, um die Vorstufen nicht zu übersteuern. Faktisch ist hier Millimeter-Arbeit angesagt, die bei weniger ausgeglichenen Naturen in der Hektik des Studio-Betriebs schon mal für Stress sorgen dürfte. Im Vergleich zum sehr viel aufwändiger ausgestatteten Black Pre, der zu fast gleichem Preis – allerdings für nur einen Kanal – wesentlich mehr Pegelkomfort bietet, wirkt die Ausstattung des MiCO insoweit etwas karg. Dennoch lässt sich mit dem Gerät – sofern seine Eigenarten bekannt sind – gut arbeiten. Lediglich im Messlabor von Professional audio Magazin, wo es auf höchste Genauigkeit bei der Aussteuerung ankommt, verlangt der schicke Silberling bei der Pegelarbeit einiges an Geduld.
Die Vier-Segemt-LED-Kette hilft allerdings tatsächlich beim Einpegeln, sofern dem Anwender bewusst ist, dass die gelbe -6 dB-LED nur bei Pegelspitzen aufleuchten sollte. Anderenfalls kann bei heftigen Impulsen ganz schnell die rote LED aufglimmen – und dann ist es in der Regel zu spät, denn in diesem Fall ist die 0 dBFS-Schmerzgrenze schon überschritten. Für die Aufnahme lauter Signalquellen verfügt der MiCO über einen Pad-Schalter, der eine Dämpfung um -10 dB bewirkt und die Aufnahme sehr lauter Signale, wie von Trompete oder Snare-Drum zumindest erleichtert. Schließlich rundet das dreistufige Trittschallfilter, das mit einer Flankensteilheit von zwölf Dezibel pro Oktave bei den Einsatzfrequenzen 40, 80 und 120 Hertz tieffrequentes Rumpeln aussperrt, die insgesamt an der Praxis orientierten Ausstattung ab.

Messtechnisch verdient sich Audients neuer Zwei-Kanaler anerkennenden Applaus für einige Messwerte, die belegen, dass die Briten ihr Handwerk verstehen. Die 89,6 und 85,4 dB – jeweils bezogen auf +4 dBu – für Geräusch- und Fremdspannungsabstand der beiden Mikrofon-Vorverstärker sind sehr gut. Bei diesen Werten gibt es mit guten Mikrofonen, deren Eigenrauschen die praxisrelevante Grenze von 70 Dezibel nicht unterschreitet, definitiv kein unerwünschtes Rauschen auf der Aufnahme. Zumal der MiCO mit einer gemessenen Eingangsempfindlichkeit von -62,7 dBu auch nicht vor sehr leisen Mikrofonen wie Tauchspulen- oder Bändchen-Mikrofonen kapituliert. Interessanterweise liegt das Gerät damit fast auf dem Niveau des Black Pre aus demselben Hause, was sicherlich belegt, dass der Hersteller auch bei seinen kostengünstigeren Produkten keine Qualitätsabstriche zulässt.

Das beweist auch die Wandlerlinearität des ADCs: Sie ist auf dem Niveau guter Stand-alone-Wandler, die Messkurve verläuft bis knapp -120 Dezibel völlig linear, die nachfolgenden Abweichungen sind völlig zu vernachlässigen (siehe Messdiagramm auf Seite XX). Allerdings weist der MiCO eine Eigenheit bei den Frequenzgängen, gemessen bei 48 und 96 Kilohertz auf. Während der Frequenzgang im Analog-Betrieb einem Linealstrich ähnelt und gerade bis über 100 Kilohertz reicht, ist im Digital-Betrieb ab beziehungsweise knapp über 20 Kilohertz Schluss. Die Kurve auf Seite XX veranschaulicht, dass im Wandler ein sehr steilflankiges Filter sitzt, das nach Aussage des Herstellers Verzerrungen oberhalb der 0 dBFs-Marke ausschließen soll. 
Nicht ganz auf Spitzenniveau ist die Gleichtaktunterdrückung, die jedenfalls für Kanal 2 im Bassbereich bis -45 Dezibel ansteigt, während Kanal 1 standhaft unter -60 Dezibel bleibt. Zumindest im Stereobetrieb ist der MiCO somit nicht in jedem Fall prädestiniert, auch lange Kabelstrecken ohne störende Einstreuungen zu verkraften. In der Praxis dürfte sich dieses Problem weniger stellen, da der kleine Pre-Amp in erster Linie als DAW-Frontend konzipiert ist und als solcher eingesetzt werden wird. Kabelstrecken über zehn Meter, die der MiCO mit diesen Messwerten mühelos verkraftet, sind hier in der Regel irrelevant. Dennoch zeigt sich mit diesem Messergebnis, dass die beiden Kanäle nicht exakt gleich, soll heißen nicht perfekt symmetriert sind. Das zeigt sich auch in abgeschwächter Form beim Klirrfaktor. Während sich Kanal 1 mit einem Durchschnittswert von 0,01 Prozent kaum Blöße gibt, steigen die Verzerrungen über Frequenz bei Kanal 2 bereits ab einem Kilohertz kontinuierlich, wenn auch sehr dezent, an. Im Bassbereich liegt erreicht die Messkurve dann 0,3 Prozent. Das ist weiterhin ein guter Wert, der sich in der Aufnahmepraxis nicht auswirkt. Von den im Handbuch versprochenen 0,0015 Prozent ist der MiCO ausweislich der Messungen aber ein gutes Stück entfernt.
Auch die Variphase-Funktion hält nicht, was Werbung und Hersteller versprechen. Zum einen ist die Wirkung von Variphase frequenzanhängig. Während sich beispielsweise bei einem Kilohertz ausweislich unserer Messungen tatsächlich Phasenverschiebungen bis fast 180 Grad erzielen lassen, sind bei anderen, namentlich tieferen Frequenzen mitunter höchstens 60 Grad möglich. Bei kaum aufgedrehtem Regler geht die klangbeeinflussende Wirkung gänzlich verloren. Klangbeeinflussung ist ein gutes Stichwort. Variphase stellt damit eher ein Werkzeug zur mehr oder weniger subtilen Klangformung dar, ein Heilmittel gegen schlechte Mikrofon-Positionierung ist diese Funktion also nicht. Da hat sich die ähnlich-namige Vari-Phase-Funktion des Portico 5016 als deutlich effektiver gezeigt (siehe im Einzelnen den Test in Ausgabe 5/2007).
Bei aller Nörgelei wollen wir, vor dem eigentlichen Praxistest und der Klangbeschreibung des MiCO, noch die zunächst messtechnisch rundum überzeugende HMX-Funktion würdigen. Wie auf dem FFT-Spektrum auf Seite XX deutlich zu erkennen ist, fügt HMX dem Signal einen kräftigen Schuss an harmonischen Oberwellen hinzu. Dabei dominieren schon bei nur Zehn-Uhr-Stellung des Reglers ganz klar die geradzahligen Klirrwerte (k2). Beim abgebildeten Messdiagramm steht der Regler auf Drei-Uhr, ist also zu Dreivierteln aufgedreht. Bei Vollanschlag erreicht k2 fast das Niveau des Nutzsignals. Das verheißt interessante Höreindrücke.

Für den Praxistest nehmen wir mit dem MiCO eine orientalisch angehauchte Improvisation mit Flamenco-Gitarre unter Sonar 7 auf. Um die verschiedenen Funktionen und Features des Pre-Amp beurteilen zu können, entstehen insgesamt vier MiCO-Takes: Bei den ersten beiden handelt es sich um Stereo-Aufnahmen, wobei ein Pärchen Microtech Gefell M 930 in ORTF-Anordnung, sehr nah im 25-Zentimeter-Abstand zum Instrument positioniert, als erwiesenermaßen signaltreue Schallwandler fungieren. Bei der ersten Stereo-Aufnahme läuft der MiCO im Analog-Betrieb, die A/D-Wandlung erledigt der Referenz-Wandler Lynx Aurora 8. Der bordeigene Wandler des Silberlings übersetzt bei der zweiten Zwei-Kanal-Aufnahme die anlogen Signale, via AES/EBU-Ausgang geht es in die im Studio-Rechner eingebaute Lynx AES16-Karte. Um die klangliche Wirkung der HMX-Funktion überprüfen zu können, findet die MiCO-Session noch Ergänzung um zwei Mono-Aufnahmen mit dem Schoeps MK 2 H/CMC 6U – einmal ohne, einmal mit HMX-Funktion, wobei der Drehregler im letzteren wie schon bei den Messungen in Drei-Uhr-Stellung steht. Da isolierte Klangeindrücke ohne Vergleichs- und Bezugspunkt nichts bringen, fertigen wir noch zwei Vergleichsaufnahmen mit denselben Mikrofonen und der bewährten Kombination, bestehend aus Lake People Mic-Amp F355 und Lynx Aurora 8, an.
Der erste, gewissermaßen vergleichslose Höreindruck spricht sehr für Audients kleinen Pre-Amp. Er überträgt grundsätzlich sehr sauber ohne sich selbst – zumindest bei inaktiver HMX-Funktion – allzu vordergründig in Szene zu setzen. Allerdings ist Neutralität im ganz strengen Sinne nicht MiCOs Sache. Tendenziell hat dieser Vorverstärker eine leichte Vorliebe für tiefe Frequenzen von den Bässen bis zu den Tiefmitten. Damit bringt er sicherlich eine angenehm klingende Klangfarbe ins Spiel. Mit anderen Worten: Der MiCO färbt, wenn auch sehr subtil. Das wird erst ohrenfällig beim Vergleich mit den Lake People-Aufnahmen. Die eingesetzten Mikrofone zeichnen sich beide durch eine außergewöhnlich feine und detaillierte Auflösung aus, die der Referenz-Pre-Amp auf vorbildlich unauffällige Weise verstärkt und an den Wandler weiterreicht. Dementsprechend klingen diese Takes frischer und farbiger, da beispielsweise bei Bass-Noten der markante Obertonanteil sehr klar herausgearbeitet ist. Die Aufnahmen mit dem MiCO zeichnen sich dagegen eher durch eigentümlich tief klingende und weiche Bässe aus, die ein wenig die Knackigkeit vermissen lassen. Auch Glissandi auf den umsponnenen Saiten der Gitarre, die den klingenden Tönen jede Menge Obertöne hinzufügen, wirken leicht geglättet und weicher. Diese Obertöne sind nachhörbar vorhanden, aber erscheinen gegenüber den Vergleichsaufnahmen im Pegel zurückgenommen. Es handelt sich bei den eben beschriebenen Auffälligkeiten aber um sehr fein nuancierte Unterschiede. Somit wäre es absolut unfair, dem Silberling mangelnde Wahrheitsliebe vorzuwerfen. Er ist eben nicht so gnadenlos ehrlich – und will es vermutlich auch gar nicht sein – wie der Lake People, der, am Rande bemerkt, als reines Analog-Gerät fast dreimal teurer ist.
Der MiCO verfügt hingegen bereits über einen A/D-Wandler, der die beschriebenen Klangeigenschaften der Analog-Sektion im Großen und Ganzen sehr präzise in Nullen und Einsen übersetzt. Beim sehr konzentrierten Hineinhören scheint der Wandler lediglich einige Hochton-Informationen zu übersehen. Im direkten Vergleich mit dem Aurora 8, klingen die Aufnahmen so noch ein Quäntchen weniger schillernd beziehungsweise einigen Farbtupfern beraubt. Wie so oft bei Wandler-Vergleichen ist es sehr schwer, diese Unterschiede zu jeder Zeit mit felsenfester Überzeugung festzustellen. Es kommt auch im Falle des Audient-Wandlers auf die Tagesform der Hörenden an. Unsere eigenen Blindtests bringen dementsprechend interessante Ergebnisse: So gefielen zwei Hörern die reinen MiCO-Takes besser, als die zusammen mit dem Lynx erstellten. Letzteren unterstellen beide Tester eine gewisse Kälte und unterm Strich bevorzugt nur der Interpret selbst sämtliche Aufnahmen mit dem Aurora. Das heißt: Der A/D-Wandler des britischen Vorverstärkers ist in jedem Fall von hoher Qualität und erweist sich als insgesamt akribischer Arbeiter.
Bleibt noch die Beschreibung der HMX-Funktion. Audient hat nicht zu viel versprochen: Es handelt sich um ein sehr leistungsfähiges Werkzeug zur Klangformung. Steht der Drehregler zwischen neun und zehn Uhr, sorgen die fein dosierten hinzugefügten Oberwellen für einen in gewisser Weise alten Klang, ohne dass es zusätzlicher Hardware- oder Software-Effekte bedürfte. Wer ältere Klassik-Gitarren oder Flamenco-Aufnahmen kennt, zum Beispiel von Julian Bream (Klassik) oder Sabicas (Flamenco), hat eine ungefähre Vorstellung: Der Gesamtklang ist sauber, aber eben mit Obertönen angereichert, die für eine neue Farbschattierung sorgen. Ohrenfällig ist das vor allem bei lauten Bass-Noten, Akkorden und bei Skalen, bei denen jeder Ton angeschlagen wird. Einerseits glättet HMX Transienten, so dass diese weniger knallig und vordergründig erscheinen, andererseits bekommen sie auch bei weniger brillantem Anschlag mehr Kontur. Das kommt richtig gut bei der Abnahme der Gitarre mittels des Aufsteck-Kondensator-Mikrofons C 411 PP von AKG. Dieses Mikrofon betont nämlich die Bässe und unteren Mitten sehr stark und sperrt die Höhen aus. Mit der HMX-Funktion kann der Anwender Fehlendes zurückholen, die Aufnahmen klingen mehr nach klassischer Mikrofon-Abnahme.
Dieser Effekt lässt sich dank der stufenlosen Regelmöglichkeit der HMX-Funktion gezielt verstärken und auf die Spitze treiben. In Drei-Uhr-Stellung des Reglers gewinnt die Aufnahme eine zusätzliche Kernigkeit und einen am Besten mit „rauchig“ beschriebenen Charakter. Der erinnert an den Klang mancher RöhrenMikrofone, spontan mussten wir an den speziellen Sound des Røde Classic II (Test in Ausgabe 6/2007) denken. HMX kann mithin auch neutrale Schallwandler wie die Gefells und das Schoeps in hochwertige Röhren-Mikrofone verwandeln. Das hat was, nur sollte der Anwender mit der HMX-Funktion behutsam umgehen. Gerade bei lauten Signalen sorgt sie – durchaus vergleichbar mit Röhrengeräten – für eine nicht zu überhörende Kompression, die auf Kosten der Dynamik geht und das Frequenzspektrum einengt.

Fazit

Der Audient MiCO ist ein insgesamt überzeugender Oberklasse-Pre-Amp, der vor allem für DAW-Anwender interessant ist, die ihr Outboard-Equipment gezielt zur Klangformung einsetzen. Dank seines speziellen Eigenklangs und der rundum überzeugenden HMX-Funktion erübrigen sich Klangmanipulationen mittels Plug-ins oder Hardware-Effekten.

Erschienen in Ausgabe 08/2008

Preisklasse: Oberklasse
Preis: 1110 €
Bewertung: sehr gut
Preis/Leistung: sehr gut

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