Grand mit vieren

Ein immer wieder gern angeführtes Klischee besagt, dass be-reits kurz nach dem Kauf eines Windows-PCs, dieser schon beim Verlassen des Ladens als veraltet gilt. Je nach Wahl des Systems mag das in einigen Fällen auch stimmen. Doch es geht auch anders. Denn die von uns getestete Pro-Audioworkstation Core 2 Extreme 6700 von Digital Audionetworx wartet mit Features auf, die über den momentanen Stand der Technik hinausragen und bereits jetzt schon den kommenden Computer-Standard vorwegnehmen.  

Von Georg Berger

Das in Berlin ansässige Unternehmen Digital Audionetworx hat sich auf die Produktion und Optimierung von Windows-PCs für Audio-Anwendungen spezialisiert. Im Lieferprogramm der Firma finden sich mittlerweile eine Reihe verschieden konfigurierter Rechner in einer Preisspanne von cirka 1.300 bis 3.500 Euro, die für unterschiedliche Anforderungen – bei Bedarf individuell erweiterbar – die jeweils passende Lösung offerieren. Eine Besonderheit der Rechnerboliden ist, dass sie meist in professionellen 19-Zoll-Servergehäusen stecken. So auch die von uns in Heft 07/2006 getestete Pro-Audioworkstation mit AMD Dualcore Prozessor, die uns schon damals durch ihre hochwertige Verarbeitung, die effektiven Geräuschdämmungsmaßnahmen und nicht zuletzt auch durch die hohe Leistung überzeugen konnte. Doch von der sonst bei den Berlinern gepflegten Praxis abweichend präsentiert sich unser aktueller Testkandidat als Miditower. Grund dafür: Die ausgesprochen guten Kühlmöglichkeiten dieser Gehäuses. Der Computer empfiehlt sich daher auch für diejenigen, die den Rechnerplatz unter dem Schreibtisch bevorzugen. Das alles überstrahlende Feature des knapp 2.200 Euro teuren Rechners ist der integrierte Intel Quadcore-Prozessor. Er enthält vier unabhängige Prozessorkerne, die wiederum mit jeweils 2,66 Gigahertz Taktfrequenz arbeiten, und der über eine maximale Frontside-Bus-Taktung von 1.066 Megahertz mit der übrigen Peripherie kommuniziert. Die übrige Ausstattung verblasst da scheinbar zum Standard. Doch auch dort hat sich Digital Audionetworx nicht lumpen lassen und trumpft mit Merkmalen auf, die den Testkandidaten profilieren: Der Rechner besitzt drei Gigabyte Arbeitsspeicher, zwei Festplatten mit 250 und 500 Gigabyte Datenvolumen mit jeweils 7.200 Umdrehungen pro Minute, sowie einen DVD-Brenner. Bemerkenswert flexibel zeigt sich schließlich die Grafikkarte. Nicht nur, dass sich maximal vier Monitore an den Rechner anschließen lassen. Es besteht auch die Möglichkeit unterschiedliche Monitorarten und sogar (HDTV)-Fernseher kombiniert miteinander zu betreiben. Damit empfiehlt sich diese Konfiguration auch für den Video- und Filmbereich. Gerne würden wir Details zu den im Rechner verbauten Komponenten veröffentlichen. Geschäftsführer Daniel Engelbrecht hüllt sich jedoch dazu in Schweigen bis auf das mauert jedoch mit der nachvollziehbaren Begründung: „Wir haben das System erst durch intensive Tests und langwierige Recherchen zur Reife gebracht; diesen Wettbewerbsvorteil wollen wir nicht verlieren.“  Eine installierte und für Audio-Zwecke bereits optimierte Version von Windows XP rundet schließlich die wichtigsten Leistungs-merkmale der Pro-Audioworkstation Core 2 Extreme 6700 ab. Konfigurationen wie etwa die Umstellung der Prozessor-Zeitplanung von Programmen auf Hintergrunddienste, oder die Entfernung überflüssiger Dienste sind bereits durchgeführt. Die Inhalte unserer Windows-Optimierungsserie in den Heften 08/2006 bis 12/2006 sind vorbildliche umgesetzt. Alles in allem zeigt sich der Rechner damit topmodern. Die Papierform ver-heißt dabei ein ebenso flottes wie reibungsloses Arbeiten auch und gerade bei umfangreichen Produktionen und eröffnet langfristige Perspektiven im künftigen Einsatz. Nicht zu vergessen ist dabei auch die nicht minder unwichtige Maxime für Audio-PCs: so leise wie möglich.

Auffällig ist das mit knapp 21 Kilogramm doch recht hohe Gewicht des Rechners, das Wertigkeit und Stabilität verspricht. In erster Linie ist dies auf das Gehäuse zurückzuführen, das anders als herkömmliche Office-PC-Leichtgewichte mit einer doppelten Verschalung aufwartet, was letztlich auch der Geräuschdämmung dient. Clou und auffälligstes Element am Erscheinungsbild ist eine Hutze auf der Oberseite des Gehäuses. Darunter verbirgt sich ein langsam drehender Ventilator mit zwölf Zentimeter Durchmesser. Quasi direkt um die Ecke und in nächster Nähe dazu findet sich auf der Rück-seite ganz oben nochmals das gleiche Modell. Nach Entfernen des Seitendeckels zeigt sich, dass die beiden Lüfter den mächtigen Prozessorkühler quasi in die Zange nehmen, der seinerseits zwischen den Kühlrippen noch einmal einen Zwölf-Zentimeter-Lüfter besitzt. Dieses Ventilatoren-Trio sorgt für eine permanente Luftzirkulation im Inneren des Gehäuses: Von oben wird die Luft angesaugt und vom Prozessorlüfter im Inneren weiter nach unten geleitet. Der rückseitige Ventilator sorgt schließlich für die Herausführung der verbrauchten Luft. Im Betrieb gefallen sämtliche Ventilatoren durch ihren im Wortsinn geräuschlosen Lauf. Erst bei hoher Beanspruchung von Prozessor und Laufwerken, etwa beim Hochfahren des Rechners, melden sie sich durch eine erhöhte Drehzahl und ein vernehmbares Geräusch. Im Normalbetrieb ist lediglich ein angenehm leiser Brummton hörbar.

Doch dieses Komfort-Plus gebührt nicht alleine den Ventilatoren. Das Lob verdient auch die professionelle Schallisolierung der beiden Festplatten, die sich im Inneren von jeweils einem schwarz lackierten Metallgehäuse befinden und somit nichts von ihrem Betriebsgeräusch oder etwaigen Vibrationen ans Rechnergehäuse weitergeben. Nicht unerwähnt bleiben darf in diesem Zusammenhang auch die tadellose Verkabelung der Peripheriegeräte. Die Kabellängen sind sorgfältig bemessen, so dass kein überflüssiges Spiel entsteht, das als Vibrations- und Geräuschquelle dienen könnte. Mehrere Kabelstränge, etwa die Strom- und Datenverbindungen der Festplatten, sind sinnvoll mit Kabelbindern zu einem Strang verbunden. Gerade beim Kontakt der Kabel mit dem Gehäuse ist viel Sorgfalt auf eine stramme Kabelführung gelegt worden. Frei herumhängende oder überflüssige Kabel, etwa aus dem Netzteil, sind nicht zu entdecken. Das Netzteil selbst enthält jedoch noch zusätzliche Buchsen zum Anschluss weiterer Stromkabel, etwa zur Versorgung eines zweiten DVD-Laufwerks. An Stelle des schon veralteten IDE-Schnittstellenformates nutzen die Festplatten den moderneren und flotteren S-ATA Standard zum Datentransfer. Einzig der DVD-Brenner bedient sich noch der IDE-Schnittstelle. Flachbandkabel, die für eventuelle Hitzestaus verantwortlich sein können, sind jedoch tabu. Stattdessen stellt der Brenner seine Kommunikation über ein mehradriges und mit Gewebe ummanteltes Rundkabel her. Diese Ummantelung findet sich auch bei sämtlichen Stromkabeln. Das sieht nicht nur schick aus, sondern sorgt auch für Übersichtlichkeit. Die Verarbeitung des Rechners überzeugt durch die Bank. 

Doch grau ist alle Theorie. Im Leistungstest muss sich zeigen, was der Quadcore-Rechner unter der Haube hat und wie er schließlich unter Stress reagiert. Um das Testergebnis deutlich herauszuarbeiten unterziehen wir zu Vergleichszwecken unseren Professional audio Magazin Studiorechner den glei-chen Tests. Er hat einen 3,4 Gigahertz Single Core Prozessor, zwei Gigabyte Arbeitsspeicher und eine 500 Gigabyte Festplat-te, die wie die Festplatten des Quadcore-Rechners mit 7.200 Umdrehungen pro Minute läuft. Wir lassen die Rechner zwei Tests durchlaufen: Zuerst untersuchen wir die pure Leistungsfähigkeit  mit Hilfe von Cinebench 9.5, einem Programm, das auf Basis der 3D-Grafiksoftware Cinema 4D arbeitet. Es dient zwar primär dazu, Auskunft über das Zusammenspiel zwischen Grafikkarte und übriger Hardware zu erhalten, gibt aber auch Informationen über die Verarbeitungsgeschwindigkeit des Prozessors beim Rendern von Grafiken ab. Im zweiten Testteil erstellen wir ein Projekt mit der Software Cubase 4, das die Leistungsgrenzen von Festplatten und Prozessoren auslotet. Dazu erstellen wir eine Reihe von Mikrofonaufnahmen. Als Vorverstärker und A/D-Wandler fungiert der RME Octamic D (Test in Heft 01/2007), der den Anschluss von acht Mikrofonen und somit auch die Aufnahme acht unabhängiger Kanäle ermöglicht. Die mit 16 Bit und 44,1 Kilohertz gewandelten Signale übertragen wir optisch in eine im Rechner eingebaute RME Hammerfall 9632 Soundkarte, die schließlich als Hauptaufnahmegerät die acht Kanäle an Cubase 4 mit einer Sample-Buffer-Einstellung von 256 weiterleitet. Wir nehmen dabei immer wieder Blöcke von acht Spuren auf und spielen gleichzeitig die zuvor erstellten Spuren ab. Das Projekt wächst also mit jeder neuen Aufnahme von acht Kanälen an, so dass zur neuen Aufnahme von acht Kanälen gleichzeitig acht, 16, 24, 32 Kanäle und so weiter abgespielt werden. Dies geschieht, bis die Festplatten der beiden Rechner an ihre Grenzen stoßen und schließlich die Klangausgabe verweigern. Allerdings ist zu diesem Zeitpunkt, wie sich im Test zeigt, die Auslastung der Prozessoren noch nicht erreicht. Nachdem wir die maximale Anzahl von Spuren ermittelt haben, bei der noch eine Aufnahme und Wiedergabe ohne Tonaussetzer möglich ist, binden wir in diese Projekte schließlich noch so oft das in Cubase enthaltene Roomworks Hall Plug-in über die Kanal-Inserts der einzelnen Spuren ein, bis schließlich auch den Prozessoren die Puste ausgeht. Am Schluss erhalten wir ein Ergebnis, das Auskunft darüber gibt, wie viele Spuren und Plug-in-Instanzen jeder Rechner verarbeiten kann, ohne Klangverluste durch Störgeräusche oder Aussetzer zu produzieren.

Die Ergebnisse zeigen sich dabei erwartungsgemäß. Beim Testen der CPUs in Cinebench 9.5 kommt unser Studio Rechner auf einen Wert von 481. Dieselbe Messung mit nur einem Prozessorkern des Quadcore-Kandidaten ergibt einen Wert von 438. Alle vier Kerne gemeinsam kommen jedoch auf den sagenhaften Wert von 1.335 und sind damit fast dreimal so schnell wie die Single Core CPU. Der anschließende Stresstest zeigt ähnlich deutliche Ergebnisse. Zum Zeitpunkt des Tests verfügt unser Studio-Rechner über eine 500 Gigabyte-Festplatte. Um also ein vergleichbares Ergebnis zu erhalten, realisieren wir den Test am Quadcore-Rechner sowohl ausschließlich auf der System-Festplatte, als auch im Verbund mit seiner zweiten Festplatte, was das Ergebnis noch einmal verbessert. Auffällig bei beiden Rechnern: Sie verweigern ab einer bestimmten Anzahl aufgenommener Spuren eine saubere Wiedergabe, sind aber immer noch in der Lage weitere Spuren aufzunehmen und wiederzugeben. Dasselbe Bild zeigt sich auch bei der Einbindung des Roomworks Plug-ins. Uns interes-siert jedoch, bei welcher maximalen Spuren- und Plug-in-Zahl noch ein tadelloser Klang zu hören ist.

Unser Studio-Rechner erlaubt schließlich ohne jeden klanglichen Aussetzer die Verarbeitung von 79 Spuren – also die Aufnahme von acht Kanälen bei der Wiedergabe von 71 Spuren –, was eine Prozessorlast von durchschnittlich 20 Prozent bringt. Bei der anschließenden Einbindung von bereits acht Instanzen des Roomworks Plug-ins zeigt unser Studio-Rechner erste Einbrüche in der Performance und erste Klangaussetzer sind hörbar. Das VST-Meter von Cubase schnellt in den roten Bereich, was mit einer Prozessorlast von über 80 Prozent einhergeht. Bei schließlich sieben Plug-in-Instanzen ist ein reibungsloser Betrieb noch möglich.

Die Pro-Audioworkstation Core 2 Extreme 6700 zeigt sich da ungleich besser aufgestellt. Beim Test mit nur einer Festplatte ist eine Verarbeitung von 173 Spuren ohne klangliche Beanstandung möglich. Die Prozessorlast zeigt sich mit cirka 16 bis 24 Prozent ähnlich niedrig wie bei unserem Studiorechner. Dieses Ergebnis wundert nicht, da die Quadcore Audioworkstation mit einem Gigabyte Arbeitsspeicher mehr aufwartet. Um jetzt die vier Prozessorkerne ordentlich ans Rauchen zu bringen, ist die Einbindung von 35 Plug-in-Instanzen nötig. Damit zeigt sich der Quadcore-Rechner im Ver-gleich zur Single Core-Variante doppelt so stark hinsichtlich Spurenverarbeitung und sogar knapp viermal stärker bei der Berechnung von Plug-ins.

Der Test im Verbund mit einer zweiten Festplatte legt da noch einen drauf. Bei der Verarbeitung von 288 Spuren streiken die Festplatten. Die Verarbeitung von 265 Spuren ist gehörmäßig nicht auffällig, lässt die Festplatten jedoch immer noch am Limit arbeiten. Ein problemloses Arbeiten ohne weitere Auffälligkeiten am Cubase VST-Meter ist schließlich mit 229 Spuren möglich. Ein Wert der fast dreimal besser ist als bei unserem Studio-Rechner. Auch in dieses Projekt lassen sich wiederum 35 Instanzen des Roomworks Plug-ins gefahrlos einsetzen. Sieger in allen Bereichen – wie sollte es anders sein? – ist der Quadco-re-Rechner.

Fazit

Mit der Pro-Audioworkstation Core 2 Extreme 6700 offeriert Digital Audionetworx im Vergleich zu Rechnern mit Single- oder Dualcore-Prozessoren quasi eine aufgebohrte Ferrari-Variante. Für einen moderaten Preis stellt das System die momentane Referenz dar und verweist gleichzeitig auf den nahenden Computer-Standard. Wer seiner Zeit jedoch ein wenig voraus sein will, kommt an dieser Rechner-Konfiguration nicht vorbei. 

Erschienen in Ausgabe 04/2007

Preisklasse: Oberklasse
Preis: 2299 €
Bewertung: überragend
Preis/Leistung: sehr gut

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