(Be-)Rauschende Verwandlung

Der Name CEDAR gehört in der Audio-Postproduktionsbranche zu den ganz großen. Denn Geräuschunterdrückung nach Art des britischen Unternehmens gilt nicht nur als State-of-the-Art, sondern auch als nahezu unentbehrlich für den Filmton. Mit seiner Produktneuheit, dem DNS One, widmet sich CEDAR nun nach Jahren der Hardware-Konzepte ganz der softwarebasierten Lösung.      

Von Carina Schlage

Scharen von Sound-Editoren und Mischtonmeistern mögen wohl in den letzten zehn Jahren erleichtert aufgeatmet haben, wenn es während der Produktion oder der Mischung hieß, dass „ein CEDAR“ verfügbar sei. Denn das bedeutete, dass ein dem akustischen Untergang geweihter Originalton-Take mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit gerettet war. Mithilfe des CEDARs konnte die kostbare Dialogaufnahme dann nämlich innerhalb weniger Hand- beziehungsweise Fadergriffe aus den Fängen von sprach-übertönender Autobahn, Wind, Regen, Lüftern, Klimaanlagen und pfeifender Kamera herausgeschält und der akustische Schmutz scharf eingegrenzt, respektive entfernt werden. Nun soll die verwendete Vergangenheitsform keinen falschen Eindruck erwecken: Der State-of-the-Art-Status des „CEDARs“ in der Zunft der digitalen Geräuschreduktion ist bis heute ungebrochen und dies wohl aus mindestens zwei Gründen: Die einfache Bedienung der Geräte und der fantastische, durchweg überzeugend klingende Algorithmus. Diese Kombination macht die DNS-Reihe trotz einer Reihe ähnlicher Produkte auf dem Markt nahezu konkurrenzlos. In Fachkreisen heißt es sogar, es habe im letzten Jahrzehnt keine Hollywood-Produktion gegeben, indem nicht ein CEDAR als Allzweckreiniger des Dialogs zum Einsatz kam. Diese Behauptung scheint weder Mythos noch Werbeeinfall zu sein, bedenkt man die Tatsache, dass das Unternehmen für seine technisch-innovativen Verdienste mit zahlreichen Preisen überschüttet wurde – unter anderem 2004 mit der wohl berühmtesten Auszeichnung, dem „technischen Oscar“ der Academy of Motion Picture Arts and Science.

Ebenso wenig soll man glauben, im Hause CEDAR würde sich auf dem Sonnendeck des Erfolgs ausgeruht. Im Gegenteil: Die bahnbrechende DNS-Reihe wurde seit dem Erscheinen des Pionier-Werkzeugs DNS1000 im Jahr 2000 stetig weiterentwickelt. Auch wenn dies nicht nur die Technologie beinhaltete, sondern auch neue Bedienkonzepte hervorbrachte – der DNS2000 beispielsweise wird über ein vollautomatisierbares RTAS-Plugin gesteuert – so blieb doch eins stets gleich: Alle DNS-Produkte sind – wenn auch teilweise über Software gesteuerte – Hardware-Lösungen. Bis jetzt: Denn der Neue im Hause CEDAR, oder besser gesagt die Neue ist eine Software, die gänzlich ohne die bisherigen Hardware-Geräte auskommt, den renommierten Algorithmus also vollständig implementiert hat. Viele professionelle Anwender dürften angesichts des „Hardware-to-Software-Hypes“ zahlreicher anderer Audio-Unternehmen einen vollständig Plug-in basierten DNS sehnsüchtig erwartet haben. Dass CEDAR dennoch erst jetzt auf den Zug der nativen Software aufspringt, läge – so erzählt uns Uwe Seyfert vom deutschen Vertrieb – an der ungebrochenen Popularität der Hardware-Bedienung mittels Fader sowie der quasi latenzfreien Performance und Klangqualität, von der man auch bei einer Software keine Abstriche machen wollte. Es sei „eine Menge zeitintensive Entwicklungsarbeit“ geleistet worden, die bestehenden Algorithmen in ein natives System zu überführen, um eine ebenso leistungsfähige wie Ressourcen schonende Software auf dem kompromisslosen Niveau der bisherigen DNS-Geräte anbieten zu können, so Seyfert. Das Preis-Niveau des DNS One ist zumindest schon einmal ähnlich: Stolze 3.190 Euro kostet die Software. Ob der „Software-CEDAR“ tatsächlich den kompletten Genpool der DNS-Reihe geerbt hat und verschmutzten Dialog ebenso überzeugend in lupenreine O-Tontracks zu verwandeln vermag wie seine älteren Geschwister, erfahren Sie in unserem Praxis-Test.

Der DNS One ist als RTAS-Plug-in konzipiert und besteht im Prinzip aus zwei Komponenten: der Steuerungsoberfläche, Control System genannt, und dem eigentlichen „Prozessor“, der das Audiomaterial bearbeitet. Dass dieser Prozessor vor Inbetriebnahme über ein Menü der Steuerungsoberfläche separat angewählt werden muss, ist darin begründet, dass besagtes Control System auch ältere DNS-Geräte, wie den DNS2000 oder 3000 steuern kann. Dies wiederum birgt einen unschlagbaren Vorteil: Sollte bei einem Wechsel des Arbeitsplatzes – zum Beispiel vom Dialogschnitt in die Mischung – statt des DNS One ein DNS3000 verfügbar sein, so können die vorher in der Automation gespeicherten Einstellungen einfach von letzterem übernommen werden. CEDAR schafft somit beispielhaft ein hohes Maß an Flexibilität und Kompatibilität, wie es die Postproduktion heutzutage oftmals in nicht geringem Maße abverlangt.  Profi-„CEDARianer“ werden sich im Übrigen durch die weitestgehend identisch gebliebene Benutzeroberfläche mit dem DNS One gleich heimisch fühlen, da sie ohne lästiges Umgewöhnen sofort beherzt zuklicken können. Das Bedienprinzip des DNS-Systems ist ebenso einfach wie genial: Mithilfe von sechs Fadern kann der Anwender gezielt Einfluss auf den Geräuschteppich eines anliegenden Signals nehmen. Jeder Fader repräsentiert dabei mehrere Filter für einen bestimmten Frequenzbereich – angeordnet von tieferen (links) zu höheren Frequenzen (rechts). Unterläuft ein Fader die Null-Dezibel-Marke, findet in diesem Band eine Geräuschreduktion statt und zwar umso stärker, je weiter der Fader nach unten bewegt wird. Bis zu 24 Dezibel Reduktion sind auf diese Weise pro Band möglich. Zwar können die Frequenzbänder, auf welche die Fader Einfluss nehmen, nicht vom Benutzer selbst definiert werden , wohl aber kann (und muss) der spektrale Bereich ausgewählt werden, in dem sich Störanteile befinden und Geräuschreduktion stattfinden soll. Dies geschieht über die Range Selector-Buttons. Neben dem Standard-Dreiteiler Tiefen (20 Hz bis 400 Hz), Mitten (200 Hz bis 6 kHz) und Höhen (4 kHz bis 18 kHz), ist auch eine Bearbeitung des Signals nur in den Tiefen und Mitten (L&M, 20 Hz bis 6 kHz) oder nur den Mitten und Höhen (M&H, 200 Hz bis 18 kHz) möglich. Im zusätzlichen Full Range-Modus wirkt der DNS auf das gesamte Spektrum, welches von 20 Hz bis 18 kHz definiert ist. Je kleiner die gewählte Range, also beispielsweise nur Mitten, desto enger liegen die Frequenzbänder, respektive Fader beieinander und desto gezielter kann auf unerwünschte Störgeräusche eingewirkt werden. Sie sollten beim Einsatz des DNS One folglich zuallererst den Frequenzbereich wählen, in dem Ihre Störanteile liegen, da alle anderen spektralen Anteile vom CEDAR unbeeinflusst bleiben.  Mit dem Level-Fader bestimmen Sie schließlich, ab welchem Signalpegel die Geräuschreduktion einsetzen soll oder präziser formuliert, wie viel Noise am Eingang des Prozessors anliegt. Dieser Fader fungiert folglich wie der Threshold-Regler eines Kompressors, allerdings in umgekehrter Weise: Je höher sein Wert, desto mehr Signal- und damit auch Sprachanteile werden von der Reduktion erfasst. Der Störgeräuschpegel sollte daher mittels Level-Fader möglichst präzise bestimmt werden, um die Sprachanteile des Signals weitestgehend aus dem Reduktionsprozess herauszuhalten und der Bildung unangenehmer Artefakte im Dialog vorzubeugen.

Die Bedienung des DNS One ist – wie auch schon die seiner hard- und softwaregesteuerten älteren Geschwister – so wunderbar einfach, so intuitiv, dass die ersten brauchbaren Ergebnisse nie lange auf sich warten lassen. Doch auch unerfahrene Benutzer finden im englischen PDF-Handbuch mehrere hervorragend beschriebene Anwendungs-Szenarien des DNS One.  Doch was leistet der „Software-CEDAR“ nun im Vergleich zu den preisgekrönten Hardware-Modellen? Gleich ob lüfterverseuchte Studio-Aufnahmen, massiver Verkehrslärm auf dem O-Ton oder bis an die Grenzen der Verständlichkeit verhallter Dialog: Mit dem DNS One verwandeln wir binnen kürzester Zeit und ganz in „CEDAR-Manier“ unsere akustisch verschmutzten O-Töne in glasklare Dialog-Tracks, können Störgeräusche auf das Wirkungsvollste unterdrücken, den Signalrauschabstand also um mehrere Dezibel erhöhen und selbst Hallfahnen so verkürzen, dass die aufgezeichnete Unterhaltung wieder verständlich wird. Es verblüfft uns immer wieder, wie wenig die Sprache dabei klanglich beeinflusst wird – die richtige Parametrisierung vorausgesetzt. In diesem Punkt und vor allem auch in der Geschwindigkeit der Filter erscheint uns der DNS One dem wirklich sehr guten Waves-Pendant WNS (Preis: 2.215 Euro) immer noch um eine Bitbreite voraus zu sein. Und das Beste: Auch nach intensivem Detail-Hören können wir keinen nennenswerten Unterschied zum Hardware-Pendant DNS2000 feststellen – allenfalls auf esoterischem Niveau. Die Entwickler haben tatsächlich hervorragende Arbeit geleistet, im Übrigen auch im Hinblick auf die Nutzung der Ressourcen. Denn die Prozessorlast einer DNS One-Instanz ist bei einem modernen Rechner mit Mehrkern-Prozessor kaum der Rede wert, ebenso wenig können wir eine Latenz des Plug-ins ausmachen. Angesichts der Tatsache, dass der Anwender mit dem DNS One so viele Instanzen in mono und stereo laden kann, wie seine CPU verkraftet und nicht wie früher auf zwei Kanäle pro DNS-Gerät beschränkt ist, relativiert sich auch der Preis. Zudem ergeben sich völlig neue Bearbeitungsmöglichkeiten, die mit den alten DNS-Geräten so nicht realisierbar sind: Beispielsweise können Sie eine Plug-in-Instanz nur für den Tiefenbereich nutzen, um lästiges Brummen zu entfernen und eine zweite, dahinter geschaltete Instanz, um nur das hochfrequente Lampensirren im Höhenband zu unterdrücken. Nicht zuletzt kommen auch diejenigen Anwender auf ihre Kosten, die aus mischphilosophischen Gründen lieber eine Hardware-ähnliche Bedienung bevorzugen, denn der DNS One lässt sich per Default genauso über DAW-Controller, wie beispielsweise dem Frontier Alpha Track, oder sogar größeren Controller-Systemen wie der Avid/Digidesign Icon steuern. Apropos Digidesign: Einziger wirklicher Wermutstropfen des DNS One ist seine Exklusivität zugunsten der ProTools-Anwender. Hier wäre zukünftig die Einbindung der VST-Schnittstelle wünschenswert, um beispielsweise die zahlreichen Nuendorianer ebenso in den Genuss dieses High-End-Noise Suppressors kommen zu lassen.

Das DNS-Prinzip

Hinter der „Dynamic Noise Suppression“ (DNS) nach CEDAR-Art verbirgt sich ein raffiniertes Konzept: Jenseits der grafischen Oberfläche wirkt eine Vielzahl von sehr fein abgestimmten Filtern unterschiedlicher Güte auf das Audio-Material. Zudem vermag der Algorithmus zwischen (Stör-)Geräuschen und Sprache zu unterscheiden, was in einer hohen Klangqualität der bearbeiteten Sprachaufnahmen resultiert. Um diese Unterscheidung zu bewerkstelligen, wird das anliegende Signal ständig auf seine Pegelverhältnisse und Einschwingvorgänge analysiert. Bei einem entsprechenden Pegelverhalten innerhalb eines Frequenzbereiches geht der Algorithmus davon aus, dass es sich um das Nutzsignal handelt und bei den leiseren, gleichmäßigeren Signal-Anteilen davor (und danach) um Störgeräusche. Infolgedessen ist der DNS-Algorithmus mit seinen Filtern in der Lage, sehr gezielt auf den Störgeräuschteppich einzuwirken und die Sprachanteile weitestgehend – je nach eingestelltem Schwellwertregler – unbeeinflusst zu lassen. Die vielen, individuell agierenden Filter des angewählten Frequenzbereichs werden zur intuitiven Einstellbarkeit automatisch auf die sechs Fader verteilt und können nicht vom Benutzer definiert werden, um ein optimales Verhältnis zwischen detailliertem Zugriff und einfacher Bedienung zu gewährleisten.

Fazit

Der DNS One bietet Geräuschreduktion at its best. Ob Hintergrundgeräusche, Bandrauschen oder Hall: Mit der neuen CEDAR-Software gelingt es auf einfachste Weise,   Originaltöne von akustischem Schmutz zu befreien. Das Plug-in ist dabei so leicht und intuitiv bedienbar wie seine Hardware-Vorgänger, die nebenbei bemerkt sogar in nicht audiophilen Branchen, wie dem polizeilichen Sicherheitsdienst, eingesetzt werden. Klangliche Unterschiede zum DNS2000 oder 3000 sind nicht auszumachen. Für Dialogeditoren, Sounddesigner und Projektstudios auf ProTools-Basis ist der DNS One daher nicht nur eine dicke Empfehlung wert, sondern wohl auch ein lang ersehnter, echter Segen. 

 

Erschienen in Ausgabe 06/2010

Preisklasse: Spitzenklasse
Preis: 319 €
Bewertung: überragend
Preis/Leistung: sehr gut

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