Band satt!

Der Portico 5042 von Rupert Neve Designs fasst über 100 Jahre Magnetbandtechnik klanglich in einem Gerät zusammen. 

Von Michael Nötges  

Ganz so alt wie die Geschichte der Magnetbandtechnik ist der Pro-Audio-Pionier Rupert Neve noch nicht. Doch mit 80 Lenzen auf dem ruhmreichen Buckel ist er lebender Zeitzeuge der Magnetband-Ära, die 1935 mit dem Magnetofon K1 von AEG eingeläutet wurde. Zwei entscheidende Entwicklungsschritte gingen dieser bahnbrechenden Erfindung deutscher Ingenieure voraus: Das Telegraphon  des dänischen Physikers Valdemar Poulsen, das 1900 auf der Weltausstellung in Paris vorgestellt wurde und ein von Fritz Pfleumer 1928 zum Patent angemeldetes Verfahren, Papier mit magnetisierbaren Stoffen zu beschichten. Auch wenn die Geschichte des unermüdlichen Gründers von Firmen wie der legendären Neve Company, Focusrite und Rupert Neve Designs (RND) weniger mit der Magnetbandtechnik als mit dem Bau von Channelstrips, Mischpulten und Outboard-Equipment zusammenhängt, verläuft sie zeitlich parallel und hat eins gemein: den analogen Sound. Neben seinen zahlreichen Auszeichnungen ist wohl Neves größter Erfolg, dass sein Name Pro-Audio-Geschichte geschrieben hat und bis heute für einen eigenen, exquisiten Klang und ausgezeichnete technische Qualität steht.

Der zweikanalige Portico 5042 – vom Hersteller auch als True Tape Emulation und Line Driver bezeichnet – ist das vierte von insgesamt acht Modulen  der Portico-Serie, das sich einem Test durch das Professional audio Magazin unterzieht. Vollständig in Class-A-Bauweise konstruiert und für die Portico-Serie typisch mit trafosymmetrierten Ein- und Ausgängen im XLR-Format konzipiert, hat der Portico 5042 zwei Hauptfunktionen. Zum einen dient er als Line-Verstärker für Mono- oder Stereo-Signale, zum anderen als Mixing- und Mastering-Effekt zur Bandsättigungsemulation. Mit einem Preis von rund 1.700 Euro wendet sich das Portico-Modul in erster Linie an DAW-basierte Ton- und Masteringstudios und von Zeit zu Zeit eine Prise Bandsättigung (siehe Kasten) vertragen kann.

Im Vergleich mit den zentnerschweren Bandmaschinen vergangener Tage ist der 2,2 Kilogramm schwere Portico ein Fliegengewicht. Das poppige Design (schwarz, rot, gelb, blau), die hochwertigen und griffigen Drehregler und die farbig hinterleuchteten durchsichtigen Kunstoff-Tastschalter zeigen die Familienzugehörigkeit zur Portico-Serie. 

Pro Kanal finden sich zwei farbig gekennzeichnete Drehregler in unterschiedlichen Größen, so werden mit einfachsten Mitteln Verwechselungen vermieden. Der schlankerer Trimm-Regler ändert den Eingangspegel um +/-12 Dezibel. Gerade für den Stereobetrieb wären feine Rasterungen zur pegelgleichen Einstellung beider Kanäle wünschenswert oder eine Link-Funktion, die automatisch die Einstellungen vom linken auf den rechten Kanal überträgt. Der Saturation-Regler bestimmt bei eingeschalteter Tape-Funktion – der gedrückte Button leuchtet blau – den Grad des Bandsättigungs-Sounds. Durch den größeren Querschnitt des Reglers, sowie den angenehm zähen Widerstand der Potis gelingen die Einstellungen sehr komfortabel – allerdings auch hier ohne einrastende Orientierung. Wir vermissen einen wirklichen Hard-Bypass, um gerade beim Mastering sinnvolle A/B-Vergleiche durchführen zu können. Der Bandsättigungseffekt lässt sich aus dem Signalweg ausklinken, nicht aber, soviel vorweggenommen, die einen eigenen Sound liefernden Verstärker-Schaltkreise. Ein Druck auf den gelb hinterleuchteten To-Buss-Button bewirkt, dass die Signale (Kanal A und B) an die dazugehörigen Buss-Ausgänge (A und B) geschickt werden, um den Portico 5042 mit anderen Modulen der Produkt-Serie zu kaskadieren. Zur Übersichtlichkeit auch in dunkler Umgebung trägt die konsequent unterschiedliche Farbgebung der Tast-Schalter bei. So schaltet ein weiterer roter Button zwischen den beiden wählbaren Bandgeschwindigkeitssimulationen (19 und 38 Zentimeter pro Sekunde) um und erzeugt damit unterschiedliche Frequenzgangverläufe (siehe Kasten). Ein gelber Taster schaltet schließlich die Funktion der dreifarbigen Acht-Segment Bar-Graph-Anzeigen von der Eingangspegeldarstellung (0 bis +22 dBu) auf den Signalpegel um, der an den Spezialtransformator zur Bandsättigungsemulation geschickt wird. Aber wie ist dieses interne Effekt-Modul eigentlich konzipiert?

Ganz einfach: Der Saturation-Regler bestimmt den Signalpegel, der an die Simulation der Aufnahme-, Wiedergabekopf-Kombination einer Bandmaschine geschickt wird. Je stärker der Aufnahmekopf angesteuert wird, desto mehr wird das Band in die Sättigung mit allen klanglichen Konsequenzen gefahren. RND hat jetzt durch spezielle Tranformator-Konstruktionen – hier lässt sich der Hersteller natürlich nicht tiefer in die Karten gucken – die klanglichen Eigenschaften eines solchen Systems aus Magnetband, sowie Aufnahme- und Wiedergabekopf simuliert, um damit den typischen Bandsättigungs-Sound zu erzeugen. Um den Ausgangspegel weitestgehend stabil zu halten, wird die Lautstärkeanhebung des Saturation-Reglers automatisch hinter dem Bandsättigungsmodul um das gleiche Maß wieder gedämpft – heraus kommt der quasi pegelgleiche, gesättigte Sound.

Alle Anschlüsse, sowie der Power-Schalter befinden sich auf der Rückseite des Portico 5042. Letzteren würden wir lieber vorne sehen, da es sich um ein Rack-Gerät handelt, dessen Rückseite meistens nur umständlich zu erreichen ist. Durch die eingangs- wie ausgangsseitige Trafosymmetrierung der XLR-Anschlüsse und die damit erreichte galvanische Trennung sind Störgeräusche, wie Brummschleifen, Masse-Probleme oder Interferenzen, etwa durch Radiofrequenzen, so gut wie ausgeschlossen. 

Die beiden 6,35-mm-Klinkenbuchsen (Buss-Send und -Return) pro Kanal sind dagegen unsymmetrisch ausgeführt. Da hier keine großen Kabellängen zu erwarten sind, ist dies kein Nachteil und eine für diesen Zweck probate, Platz sparende Lösung. 

Da die Magnetbandtechnik zwar einige klangliche Vorteile, aber beispielsweise in Bezug auf den meist weniger guten Geräuschspannungsabstand auch Nachteile mit sich bringt, bemühen wir unseren Audio Precision Messcomputer, um Klarheit zu bekommen, wie die Entwickler mit diesen Problemen umgegangen sind. Gut, wie es scheint, denn Geräusch- und Fremdspannungsabstand liegen bei ausgezeichneten 92,2 und ordentlichen 68,8 Dezibel. Der Frequenzgang verläuft nicht linear, soll es aber auch nicht, sondern orientiert sich an denen originaler Bandmaschinen: Anhebung im Höhen- und unteren Mitten- und Bassbereich mit einem starken Abfall unterhalb von 20 Hertz (siehe Kurve). Das Übersprechen liegt deutlich unter 70 Dezibel. Die Gleichtaktunterdrückung könnte besser sein, bereits bei zwei Kilohertz passiert die Kurve die -50 Dezibel Marke. Der Klirrfaktor steigt im Bassbereich bis auf drei Prozent an. Das ist kein Mangel, sondern bewusstes Sounddesign. Ein Blick auf die FFT-Analyse zeigt die klangfärbenden Partialtöne, wobei K3 und K5 besonders stark hervortreten (siehe FFT-Spektrum) – soviel zur Theorie.

Für den ausführlichen Hör- und Praxistest von Professional audio Magazin haben wir wie immer keine Mühen gescheut und unterschiedliche Audio-Signale (Gesang, Akustikgitarre, Bass und Schlagzeug), als auch einen fertigen Mix durch den Portico 5042 geschickt und das Klangergebnis sowohl mit als auch ohne Bandsättigungs-Effekt abgehört. Dabei war der Testkandidat als externer Effekt in Cubase 4 eingeschleift: einmal auf die jeweiligen Einzelspuren und dann auf die Stereosumme. In einer zusätzlichen Session haben wir einen Gesangs-Track mit einer Bandgeschwindigkeit von 19 und dann mit 38 Zentimetern pro Sekunde auf unsere Telefunken M15 A Bandmaschine überspielt, um den originalen Tonband-Sound und die Emulation miteinander vergleichen zu können. 

Überzeugend ist schon beim ersten Zuschalten der Grundsound des Portico 5042. Ohne aktivierten Bandsättigungs-Effekt klingen die Signale bereits edler und direkter. Der Klang öffnet sich und wirkt luftiger in den Höhen und energetischer und kompakter in den unteren Mitten und im Bassbereich. Auf die Mastersumme eines Mixes angewandt, zeigt sich besonders eindruckvoll die klangliche Stärke. Wo Neve drauf steht ist eben auch Neve drin. Das Einpegeln der unterschiedlichen Signale gelingt problemlos und komfortabel. Die beiden Anzeigen sind dabei eine gute Hilfe, die solange der rote Bereich gemieden wird, sicher vor unliebsamen Übersteuerungen schützt. Da wir in den folgenden Sessions immer wieder den Bandsättigungseffekt zum Vergleich ein- und ausschalten müssen – etwas anderes bleibt dem Masteringingenieur auch nicht übrig – sehnen wir uns zunehmend nach größeren Tast-Schaltern und bei Stereosignalen zusätzlich nach einer Verlinkung der Kanäle. Um das unveränderte Originalsignal abhören zu können – eine Bypass-Funktion für den gesamten Schaltkreis gibt es wie gesagt nicht – bleibt nur das Ausschalten des externen Effektes im Sequenzer. 

Schnell ist klar: Der eigentliche Bandsättigungseffekt fällt unerwartet subtil aus, es handelt sich also um keinen extremen, sondern einen sehr zurückhaltenden Effekt. Bei Schlagzeug-, Bass- oder Gesangsaufnahmen bewirkt er allerdings kleine Wunder. Snare und Bassdrum bekommen deutlich mehr Punch. Gleichzeitig werden scharfe Höhen der Overheads geschmackvoll geschliffen, ohne an Silbrigkeit einzubüßen. Gesangs-Tracks kommen deutlich kompakter, dabei direkt und abgerundet. Mit zunehmender Sättigung lässt sich eine sanfte, kaum merkliche Kompression erzeugen, die die Aufnahme geschmackvoll konturiert. Der eingespielte Bass wirkt lebendiger und strotzt plötzlich vor Energie und Lebendigkeit, ohne dabei seinen natürlichen Klang zu verlieren. Durch die leichten Veränderungen des Frequenzganges und die zusätzliche Anreicherung mit harmonischen Obertönen ändert sich der Grundsound nur sehr nuanciert. In Kombination mit dem Eigenklang des Line-Verstärkers führt dies aber zu einem edlen und sehr geschmackvollen Gesamtsound. Durch die Veränderung der simulierten Bandgeschwindigkeit tauchen wir in den klanglichen Mikrokosmos ein. 

Für Schlagzeug, Bass und Gesang gefällt uns die langsamere Geschwindigkeit besser, da die angenehmen Verzerrungen in den Höhen einen minimal crisperen Sound erzeugen und die Bässe etwas druckvoller wiedergegeben werden. Bei den Aufnahmen einer Steelstring-Gitarre überzeugen uns dagegen die etwas stärkere Bassabsenkung und der in den Höhen sehr ausgewogene natürliche Klang der höheren Geschwindigkeit. Je nach Signal lohnt sich das Experimentieren mit den beiden Bandgeschwindigkeiten und liefert sehr feine klangliche Unterschiede. Sobald das Gerät aus dem Signalweg entfernt wird, klingt das ursprüngliche Signal vergleichsweise matt und fad – Equipment mit Suchtgefahr. 

Abschließend wollen wir es ganz genau wissen. Klingt die Emulation tatsächlich wie eine originale Bandsättigung? Der direkte Vergleich mit den Aufnahmen auf der M15 A beweist, dass RND hervorragende Arbeit geleistet hat. Beim On-the-fly-Wechsel der beiden Aufnahmen – einmal von Band und mit eingeschleiftem Portico 5042 – zeigen sich zwei, bis auf winzige Nuancen identische Ergebnisse. Selbst der Klang der unterschiedlichen Bandgeschwindigkeiten ist sehr authentisch. Der Portico 5042 klingt minimal frischer in den Höhen und insgesamt einen Tick direkter. Von besser oder schlechter kann hier aber nicht die Rede sein, vielmehr von zwei sehr ähnlichen analog klingenden Signalen. Schaut man sich Größe, Gewicht, Verschleiß und Wartungsaufwand der M15 A und dann das kleine Klangwunder aus der Portico-Serie an wird klar: RND hat den Bandsättigungs-Effekt mit dem Portikco 5042 auf den Punkt gebracht. 

Fazit

Der Portico 5042 von RND ist klanglich absolut überzeugend und wird dem Namen True Tape Emulation and Line Driver mehr als gerecht. Er ist eine subtile Bereicherung für Einzelsignale oder Subgruppen im Mix und ein wirkungsvolles Mastering-Tool mit Suchtgefahr. Hard-Bypass-Funktion und größere Tastschalter für bequemere A/B-Vergleiche, sowie eine Stereo-Link-Funktion fürs Mastern wären wünschenswert. Für stattliche 1.700 Euro kommt der kompakte Klangzauberer in ihr Ton- oder Masteringstudio und bringt den authentischen analogen Bandsättigungs-Sound mit.

Erschienen in Ausgabe 09/2007

Preisklasse: Oberklasse
Preis: 1771 €
Bewertung: sehr gut
Preis/Leistung: gut – sehr gut

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