Karactervolle Emulation

Nachdem uns im Mai letzten Jahres bereits die Hardware begeistern konnte, kommt nun die Plug-in-Version des Hardware-Geräts Karacter, wozu sich Elysia einmal mehr mit den renommierten Modeling-Spezialisten von Brainworx zusammengetan haben.

Von Johannes Dicke

 

Immer, wenn eine neue Nachbildung bewährter Studio-Hardware in Plug-in-Form erscheint, freut sich die Recordisten-Gemeinde stets aufs Neue. Handelt es sich dabei dann auch noch um ausgefallenes Spezialgerät mit „Mojo-Zauberqualitäten“, die sich nun dank Software-Nachbau umso bequemer im DAW-Mix anwenden lassen, ist die Freude umso größer. Dergleichen haben sich sicher auch Brainworx und einer ihrer ersten Emulationspartner Elysia gedacht, als sie mit dem Karacter einen unserer letztjährigen Testkandidaten für ihr nächstes Projekt auserwählten. Klar, dass wir bei der Nachricht über eine Plug-In-Version des Saturators sofort Feuer und Flamme waren. Da sich seit dem Erscheinen der Hardware beide Versionen (19 Zoll und API 500) großer Beliebtheit erfreuten und gerade auch aktuell derartige „Tone“-Plug-ins ziemlich angesagt sind, war der nächste Schritt zum Software-Karacter nur logisch. Dieser bietet wie gesagt nicht nur den Vorteil ohne aufwändiges Re-Recording direkt „in the box“ arbeiten zu können. Auch der Preis fällt deutlich günstiger aus als noch im Falle der physikalischen Vorbilder, die mit 769 Euro UVP für die API 500-Ausgabe und für die 19 Zoll-Variante mit satten 1169 Euro UVP zu Buche schlagen. Im Online-Shop der Plugin Alliance müssen inklusive Mehrwertsteuer nur etwa 237 US-Dollar, umgerechnet rund 210 Euro für die Nachbildung hingelegt werden. Was dafür alles an Klang und Features geboten wird, haben wir für Sie im Folgenden herausgefunden.

Vorbildgerecht

Getreu ihrem Vorbild besitzt die Brainworx-Nachbildung alleFunktionen der Hardware, welche allerdings auf zwei unterschiedliche Plug-in-Varianten verteilt umgesetzt wurden. Da der Karacter nämlich ein M/S-fähiges Gerät ist, hat das Software-Paket eine Mix-Version ohne getrenntes Stereo- und M/S-Processing sowie eine Mastering-Version an Bord, letztere dann in vollumfänglicher Zweikanalfunktionalität. Zwecks visueller Unterscheidung beider ist das GUI der Mix-Version der 19-Zoll-Hardware nachempfunden, die Mastering-Version hingegen der API 500-Variante. Wer erst einmal ohne die mitunter komplexe MS-, beziehungsweise getrennte Stereokanalbearbeitung zu Werke gehen möchte, dem empfiehlt sich zunächst die Mix-Version. Neben einem On/Off-Schalter zwecks Bypass sind die drei Distortion-Modi des Originals an Bord. Diese lassen sich gegenüber der Hardware über zwei unabhängige Buttons aktivieren, was im Gegensatz die Umschaltung in den Turbo Boost-Mode vereinfacht. Musste am physikalischen Original um den Turbo einschalten zu können immer zuerst der FET Shred-Knopf gedrückt werden, bedarf es bei der Emulation lediglich eines einfachen Klicks auf Turbo Boost und der Karacter gibt Vollgas. Wie sich die einzelnen Modi anhören, werden wir an späterer Stelle noch zur Genüge erfahren. Vorab nur so viel: Ist weder der FET Shred-, noch der Turbo Boost-Button betätigt, soll der Karacter mit moderatem „Mastering Grade“ Zerrverhalten arbeiten, was dem Signal überwiegend ungerade Harmonische hinzufügt. Ein Klick auf FET Shred schaltet hingegen auf die zweite Obertonklangfarbe an Bord um, mit laut Handbuch röhrenartigem Charakter und damit überwiegend gradzahligen Oberwellen. Das Anklicken des Turbo Boost-Knopfs soll den Karacter dann schließlich mit nochmals stärker ausfallenden, gradzahligen Verzerrungsprodukten arbeiten lassen. Genauer gesagt verschiebt sich nun der Arbeitspunkt der virtuellen Schaltung, sodass die positive Halbwelle stärkeres Clipping erfährt als die negative. Daraus resultieren dann fast nur noch gerade Obertöne und je nach Anfahren zusehends rechteckige Wellenformen. Soweit zu den Eigenheiten der Betriebsmodi. Wie stark die virtuelle Verstärkerschaltung zwecks Oberwellenerzeugung in die Sättigung gefahren wird, lässt sich danach per Drive-Poti einstellen. Weitere Klangfarbeneingriffe erlaubt dahinter der Color-Regler. Dieser ermöglicht ähnlich der festeingestellten Arbeitsausrichtung der drei Betriebsmodi die zusätzliche Justage des Obertonverhaltens der Schaltkreise auf Wunsch mehr in Richtung gerader oder ungerader Vielfache. Wird der Knopf nach links gedreht, sollen die Verzerrungen zusehends gradzahlig ausfallen, was in einem wärmeren Klangbild resultiert. Der Grund: Je mehr gradzahlige Harmonische hinzukommen, umso stärker werden Grundtonfrequenzen hervorgehoben und der Sound angedickt, weshalb das virtuelle Poti passenderweise mit einem Bassschlüssel gekennzeichnet ist. Geht´s rechts herum, sorgen die zusehends ungeraden, also die dritten, fünften, etc. Harmonischen Vielfache dafür, dass sich der Obertonschwerpunkt ganz nach Wunsch vom Bassbereich weiter nach oben verlagert. Um anschließend Pegelreduktionen aufzuholen, wartet dahinter noch ein Gain-Poti für etwaige Leveling-Einsätze. Last, but not least lässt sich schließlich mittels Dry/Wet Mix-Regler als einem besonderen Clou am Karacter die zuvor eingestellte Verzerrung stufenlos dem unbearbeiteten Signal beimischen.

Werden bei all dem hingegen detalliertere Eingriffe ins Stereobild gewünscht, ermöglicht dies die Mastering-Version des Plug-ins. Genau wie im API 500-Vorbild bietet diese zwei separate, vertikale Reglerreihen mit praktisch denselben Bedienelementen der horizontalen Mix-Version. Zusätzlich zu deren Set aus drei virtuellen Schaltern ist nun noch ein vierter hinzugekommen. In der Mittelreihe über dem Elysia-Logo lässt sich mit dem obersten, dem MS Mode-Button zwischen MS- und Stereomodus umschalten. In der Unteren wartet eine Link-Funktion zur simultanen Bedienung beider Karacter-Kanäle. Apropos: Bei aktivem MS-Modus sind die obere Schalter- und die rechte Dreh-Poti-Reihe für das Seitensignal, die unteren Buttons und die linken Drehregler hingegen für die Steuerung des Mittesignals zuständig. Ist MS deaktiviert, steuert die obere Tastenreihe die Moduseinstellung des rechten und die untere die des linken Stereokanals. Praktisch: Ist der MS-Mode aktiv, sind zudem die betreffenden Bypass-Schalter mit Side, beziehungsweise Mid sowie der Link-Button mit Ch.(annel) Link beschriftet. Bei ausgeschaltetem MS Mode weisen hingegen Bypass-Schalterseitig die Zusätze Right und Left sowie am Link-Schalter Stereo bei der Einstellung den Weg zur richtigen Seite. Gerade auch am Anfang, wenn der Anwender noch nicht vollends mit den Bedienelementen vertraut ist, sorgt das stets für besten Überblick.

Brainworx Emulation des Elysia Karacter

Die grafisch an der 19-Zoll Hardware-Ausführung orientierte Mix-Version (hinten) ist auf die Basisfunktionen reduziert und bearbeitet – abgesehen von Monospuren – simultan den rechten und den linken Stereokanal. Die Mastering-Version (vorne) wurde dem API 500-Vorbild nachempfunden und bietet neben getrennter Stereokanal- auch separate Mitte-Seite-Bearbeitung.

Von Schönwetter bis Schredder …

Nachdem wir einen Überblick über alle Karacter-Features haben, geht’s nun ans Ausprobieren in der DAW. Damit es dabei für´s Erste nicht allzu kompliziert wird, nehmen wir uns zunächst die Mix-Version vor. Wie schon in unserem Hardware-Test bemühen wir dazu als erstes ein Drum Kit aus den Steven Slate Drums in Gestalt des Kit Nummer 10 der Blackbird Expansion. Wie damals beginnen wir im einfachen Saturation-Modus ohne den Einsatz von FET Shred oder Turbo Boost und bringen Drive auf einen Wert von 7.0. Dann stellen wir Color auf Linksanschlag, sodass die tiefen Frequenzen der Bassdrum selbst bei noch voll aufgedrehtem Mix-Poti dank vorwiegend gradzahliger Oberwellen noch bestens erhalten bleiben. Ein kurzer Klang-Check zeigt uns, dass es für´s Erste ordentlich kracht, wobei ein anschließender Dreh des Color-Reglers auf Rechtsanschlag das Klangbild als Gegenbeweis vollends verschwimmen lässt. Daher begeben wir uns schleunigst auf Linksstellung zurück und widmen uns als nächstes dem Gain-Poti. Mit ihm holen wir den durch das Limiting entstandenen Pegelverlust von circa drei Dezibeln auf, bevor wir schließlich zur Dry/Wet Mix-Funktion übergehen. Damit nehmen wir nun das bisher noch in übermäßige Zerrregionen aufgedrehte Drive-Level via Parallel Processing auf ein gerütteltes Mindestmaß zurück. Dieses finden wir mittels AB-Vergleich per On/Off-Button bei 20 Prozent und damit genau den richtigen Schmutzanteil, um unsere Drums sogleich nach „mehr“ klingen zu lassen. War bei voll aufgerissenem Mix-Regler alles noch unangenehm verzerrt – ähnlich völlig übersteuerten Cassetten-Aufnahmen aus Kindestagen – klingt es nun bei deutlich maßvollerem Mixanteil sogleich viel besser und eine gute Portion interessanter. Alles wirkt dichter, insbesondere in puncto Becken – zum einen dank des nun angenehm dicklichen Distortion-Schmutzfilms und zum anderen aufgrund der mit den obertönigen Verzerrungen einhergehenden Kompression.

… bis hin zu FET Shred und Turbo Boost

Nach einem „karactervollem“ Erstkontakt hören wir uns als nächstes die anderen beiden Modi an. Zwecks Rohbeurteilung drehen wir abermals den Mix-Regler voll auf Dry und schalten auf FET Shred um. Nun erscheint der Schlagzeugklang nochmals etwas stärker verschwommen. Auch fühlt sich das Ergebnis – dank der zusehends gradzahligen Harmonischen in diesem Betriebsmodus – weicher und nicht so straff an, wie zuvor im Saturation Mode – zumal auch Color nach wie vor links angeschlagen ist. Als wir dann abermals Mix auf unsere Dry/Wet-Richtmarke von 20 Prozent zurückdrehen, treten nun bei moderaterer Distortion-Beimischung im AB-Vergleich mit dem Saturation-Modus die Overheads noch prägnanter in den Vordergrund. Zudem erscheint uns auch der Raumklang des Kits nochmals ein Stückchen weiter angehoben, was dem noch stärkeren Limiting-Verhalten der FET Shred-Schaltung geschuldet ist. Als wir dann bei weiterhin 20 Prozent Dry/Wet Mix schließlich den Turbo Boost einschalten, geht nochmal richtig „die Lutzi ab“. Selbst bei diesem nach wie vor geringen Beimischungsverhältnis ist nun ein relativ breites, durchgehendes Verzerrungsflimmern hinzugekommen. Erst bei einer Mix-Rücknahme auf zehn Prozent landet dieses auf einem akzeptablen, zu den beiden vorherigen Modi vergleichbaren Mischlevel. Nun addiert das Geflimmer dem Originalsignal lediglich eine dezenten Schmutzfilm hinzu. Interessant: Mit den aktuellen Einstellungen mutet unser Beat sogar ein wenig so an, als ob er noch mehr Drive bekommen hätte und phrasierungstechnisch noch mehr „nach vorne“ ginge. Der Grund hierfür liegt darin, dass nun die Ausklingphasen der einzelnen Beckenschläge durch das nochmals verstärkte Limiting stärker angehoben werden.

MS-Finesse

Nun, da wir mit den karacterlichen Basisfähigkeiten vertraut sind, geht es mit der Mastering-Version zur Stereo-Kür, und zwar in Sachen MS-Bearbeitung. Dazu aktivieren wir den MS-Modus und übernehmen – bei vorerst aktiviertem Channel-Link – unsere bisherigen Einstellungen ganz bequem auf beiden Kanälen gleichzeitig. Dann deaktivieren wir Channel-Link wieder, um separaten Zugriff auf den Mittekanal zu erhalten, der nun über das untere Regler-Set zugänglich ist. Bereits das einfache Deaktivieren unserer Einstellungen per dortigem Bypass-Schalter hat zur Folge, dass alles etwas breiter wirkt. Da lediglich die Seitenanteile ihre angenehme, voller klingende Sättigungsverdichtung behalten, bietet so die unverdichtete und dadurch leerere Stereomitte beispielsweise mehr Raum für Vocals, die sich so im Monobereich besser durchsetzen können.

Verzerrungslieferant

Neben dezenten Andickungsarbeiten bietet sich der Karacter-Klang jedoch selbstverständlich auch für den Einsatz auf Signalen an, bei denen bewusste Verzerrung fest zum Klangkonzept gehört. So mutiert die Mix-Version bei voll aufgedrehtem Drive, Color in Mittelstellung und vollständig auf Wet stehendem Mix-Knopf kurzerhand zum Gitarren-Amp, was uns eine entsprechende Bearbeitung einer RealLPC-Samplegitarre von Musiclab beweist. Im Turbo Boost-Mode und bei voll aufgedrehten Drive- und Mix-Potis sowie Color in Mittelstellung liefert unser Testkandidat geneigten Gitarreros ein ordentliches Distortion-Pfund. Oder wie wär es mit dem „Verzerrungsknurren“ typischer Bigroom-Bassdrums à la Dimitri Vegas & Like Mike, W&W und Konsorten? Eine solche haben wir rasch aus einer kurzen Kickdrum und einer zweiten Layer-Spur mit einem Subbass-Sound für die Bassline-Fahne am hinteren Ende zusammengebaut. Den passenden Bass dazu liefert uns Native Instruments Massive, und zwar mit lediglich einem Oszillator, den wir auf Sin-Square-Wellenform einstellen. Für vollen Sinus-Impact bringen wir den Wt-position-Regler auf Linksanschlag. Damit unser Bass nicht gleichzeitig mit der Kickdrum spielt und etwas später einsetzt, stellen wir außerdem seitens der vierten ADSR-Hüllkurve (4 Env) Attack auf 10 Uhr und Release auf 12 Uhr. Zusätzlich verhindert die Umschaltung auf monophon im Reiter Voicing ein etwaiges Überlappen von Tönen. Zu guter Letzt insertieren wir die Mix-Version des Karacter mit Drive auf einem Wert von 8, Color auf Linksanschlag und Mix bei 30 Prozent. Diese Einstellungen bringen uns das gewünschte Oberwellenbrummen, welches erst den Charakter dieses Genre-Sounds ausmacht.

Fazit

Mit dem Software-Karacter ist Brainworx und Elysia eine wirklich tolle Emulation gelungen, die genauso erstklassig wie ihr Vorbild daherkommt. Auf unseren Test der Hardware zurückblickend vermögen wir – wenn auch nicht im Direktvergleich – zu konstatieren, dass die Software der Hardware klanglich in nichts nachsteht und mit denselben „karacteristischen“ Fuzz-Ergebnissen aufwartet, wie die Hardware. Wer nach einem einzigartigen Werkzeug zur Veredelung seiner Signale mit Oberton-Mojo sucht, sollte sich dieses ausgefallene Plug-in unbedingt anhören.

Erschienen in Professional audio 08/2017

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