Das Ende der Eiszeit

Die zunehmende Digitalisierung lässt mitunter einen kühlen Wind durch die Studio- und Recording-Landschaft pfeifen. Um diesen in ein laues Lüftchen zu verwandeln, hat sich die Tegeler Audio Manufaktur etwas ganz besonderes einfallen lassen. 

Von Michael Nötges 

Es gibt immer wieder Spezies im Audiobereich, die als Boten vergangener Zeiten Konzeptionen aufgreifen, deren Funktionalität auch in veränderten Umgebungen bestechend ist. Der Tegeler Tube Recording Channel ist ein solches warmblütiges Relikt, das  sich als vollröhriger Channel-Strip mit integriertem Kompressor und Equalizer an die Lebensbedingungen professionellen Recordings anpasst. Hinter der in Berlin-Tegel ansässigen Audioequipment-Schmiede steckt der Entwickler Michael Krusch, der sich auf die Fahnen geschrieben hat, wieder mehr Musikalität und Wärme in  die etwas unterkühlte, digitale Produktionslandschaft zu bringen. Um Fortschritt und vor allem den Bestand der Gattung zu gewährleisten – das zeigt schon die Evolution –, sind fortlaufende Veränderungen und Anpassungen unbedingt nötig. Die Entwicklungen der Tegeler Audio Manufaktur sind keinesfalls einfach nur Nachbauten nostalgischen Equipments, auch wenn der Chefentwickler viel Zeit damit verbracht hat, Klassiker wie den Urei 1176, den Pultec-EQ von Manley oder  den SSL-Bus-Kompressor, nachzubauen. Der, für rund 1.900 Euro erhältliche, Recording Channel ist eine Kombination aus Röhren-Vorverstärker, Kompressor und passivem Spezial-Equalizer. Zusätzlich verfügt er über die ein oder andere Laune der Evolution, deren unaufhaltsames Voranschreiten sich hier in Bezug auf analoges Studioequipment offenbart. Das Ziel ist klar definiert: professionelles Equipment für Tontechniker und Musiker, mit dem sie ihre ganz persönlichen Klangvorstellungen realisieren können. 

Übersichtlich, ist das richtige Wort für die Beschreibung das Bedienfeld auf der Vorderseite des Channel-Strips und minimalistisch der passende Begriff für die Rückseite, da sich hier außer der Netzsteckerbuchse nur noch der symmetrische XLR-Ausgang  und ein, parallel zum frontseitigen Input geschalteter, Zusatzeingang im symmetrischen XLR-Format, befindet. Das Frontpanel hat da wesentlich mehr zu bieten. Der Eingang ist als Kombibuchse konzipiert um sowohl symmetrische Mikrofonsignale, als auch Instrumenten-Signale gebrauchen zu können. Hierbei ist der unsymmetrische Klinkeneingang für Instrumente mit Tonabnehmern optimiert. Der hohe Maximalpegel von +18dBu ermöglicht es aber darüber hinaus auch Geräte mit höheren Ausgangspegeln anzuschließen. Die Bedienelemente bestehen aus sieben Kippschaltern, wie man sie heute immer seltener sieht und großen, sehr gut greif- und verstellbaren Drehreglern im Look alt ehrwürdiger Messgeräte, die in gehörigem Abstand zueinander aufgereiht sind. Diese handlichen Steuerungselemente  unterscheiden sich in ihrer Funktionsweise. Während bestimmte Drehregler stufenlos verstellbar sind, rasten andere mit einem hellen Klicken auf bestimmten Positionen  ein. Nimmt man den etwas größeren Kippschalter des Powerknopfs hinzu, dreht an den einrastenden Drehreglern und bedient zusätzlich die kleineren Kippschalter, merkt man direkt, dass der Tube Recording Channel ein Gerät des Klangs ist, ohne ihn überhaupt angeschlossen zu haben. Die erzeugten Geräusche suggerieren Funktionalität und geben direktes Feedback über die Änderung des Funktionszustands. Die Interaktivität wird durch das haptische Erlebnis noch unterstützt und reicht von leicht und fein verstellbar, über schnell umlegbar bis zu diskret umschnappend. Das Gerät gibt schnell und unmissverständlich Auskunft über vorgenommene Änderungen und ist damit ausgezeichnet zu bedienen. Im rechten Drittel der Frontpartie informiert eine blau leuchtende Kontrollampe über den Zustand der Stromversorgung. Auf  einer senkrechten Linie mit dem stahlblauen Bullauge, liegt am unteren Ende der Powerschalter und am oberen Ende, des drei Höheneinheiten messenden 19 Zoll Gerätes, der Meter-Drehregler.  Die dazugehörige Anzeige in Form eines analogen VU-Meters erscheint im angeschalteten Zustand in einem angenehm warmen Licht. Bauartbedingt, können hier immer nur Durchschnittswerte abgelesen werden, die über den Meter-Regler auswählbar, den Pegel an verschiedenen Punkten  des Signalweges abbilden. Die Wahl dieser Möglichkeit verwundert bei der zugrunde liegenden Philosophie der Tegeler Audio Manufaktur keineswegs, da es ihnen weniger um Präzision, als um das gut klingende Ergebnis geht.

Das auch im dunklen Studioalltag gut lesbare Zeigerinstrument zeigt flexibel die wichtigen Kontrollpunkte des Channel-Strips an. Steht der Meter-Drehregler auf Preamp, erscheint der vorherrschende Pegel, der direkt nach der Eingangsstufeabgegriffen wird. Folgen wir dem Signal auf seinem Weg durch die Schaltkreise, durchläuft es nun den Equalizer und lässt sich hier, durch das Weiterdrehen des Reglers auf die Markierung EQ, erneut kontrollieren. Wieder zurück auf der Leiterbahn wird der nächste Checkpoint direkt nach der Kompression erreicht. Die Pegelreduzierung des Kompressionsprozesses zeigt hier eine rückwärtsgewandte Bewegung des Zeigers an, der durch das Einrasten des Meter-Reglers auf der Compress-Position, automatisch bei 0VU beginnt und je nach Stärke der Kompression mehr oder weniger nach links abweicht. Um aus den Schaltkreisen des Channel-Strips zu gelangen, muss das Signal jetzt nur noch an der letzten Kontrollwarte vorbei strömen. Ein letztes sanftes Klicken ertönt beim Umschalten auf die Output-Position und der Zeiger präsentiert uns den Ausgangspegel vor der Ausgangsstufe. Dieser lässt sich bei aktivem Kompressor deutlich reduziert erscheinen und durch den Output-Drehregler wieder anpassen.

Am linken Rand des großzügig gestalteten Bedienfeldes befinden sich die zwei Inputregeler der Eingangs-Sektion. Über der Eingangs-Kombibuchse angeordnet, bestimmt der Input-regler die Aussteuerung der ersten Verstärkerstufe. Mit dem darunter liegenden Gain-Regler, lässt sich jetzt die Aussteuerungs-Kennlinie der ersten Verstärkerstufe beeinflussen. Es lassen sich der Frequenzgang, der Verstärkungsfaktor, die Phasenlage und das dynamische Verhalten in Grenzen verbiegen. Wem das nicht reicht, der kann sich an den Drehregler der benachbarten Filtersektion austoben. Der dreibandige Equalizer ist aufwendig in passiver Schaltungstechnik konstruiert, wobei die einzelnen Filter sich gegenseitig beeinflussen, da sie seriell angeordnet sind. Ein Drehregler-Paar ist jeweils für den Bass-, den Mitten- und den Höhenbereich zuständig, wobei der obere Regler auf sinnvoll vorgefertigten Frequenzpositionen einrastet, während der untere die ausgewählten Frequenzen stufenlos anhebt oder absenkt. Die Frequenzauswahl reicht von 200 Hertz bis 20 Kilohertz, wobei es sich bei der Bass- und Höhen-Bearbeitung um Anhebungen der Frequenzen und bei der Mittenbearbeitung um Absenkungen handelt. Durch das Überlappen der auswählbaren Frequenzen bis sieben Kilohertz können alle Frequenzbereiche sowohl angehoben als auch Abgesenkt werden und es ergeben sich äußerst flexible Einstellungsmöglichkeiten. Die Bandbreiten und der Wirkungsbereich der einzelnen Filter-Elemente sind unterschiedlich gewählt. Der Low-Boost hebt die Frequenzen um maximal 12dB, bei einer Bandbreite von zwei Oktaven an. Der Mid-Cut reduziert die Frequenzbereiche um bis zu 12dB bei einer Bandbreite von 1,5 Oktaven und schließlich lassen sich durch den High-Boost Frequenzen bis 20 Kilohertz um 8dB anheben, wobei nach Herstellerangaben auch hier eine Bandbreite von ungefähr zwei Oktaven zugrunde liegt. Um störende Frequenzen auch unterhalb von 200 Hertz beseitigen zu können, bedarf es bloß einer kleinen Bewegung des Zeigefingers, die den dreistufigen Kippschalter unterhalb der Filtersektion betätigt,  um tiefe Frequenzen entweder gar nicht, bei 80 Hertz oder 160 Hertz abzusenken. Klassisch und denkbar einfach ist die Bedienung des Kompressors, da es bloß einen  einzigen Drehregler für den Grad der Kompression gibt.  Im Stile alter Opto-Kompressoren, wird die Kompression über eine Leuchtdiode, mit auf deren Intensität reagierende Fotozelle realisiert, was  im Allgemeinen ein sehr musikalisches und eher gemächliches Kompressionsverhalten mit sich bringt. Gesteuert wird der Kompressor intern über den Side Chain, der wiederum  durch den EQ beeinflusst wird und damit zu optimalen Ergebnissen der Kompression führen soll. Die Lautstärkereduzierung kann durch den Output-Regler abgefangen werden. Über weitere Kippschalter, die alle nebeneinander am unteren Rand der Frontplatte angeordnet sind, lassen sich EQ und Kompressor aus dem Signalweg entfernen, die Phase um 180 Grad drehen, die Phantomspeisung aktivieren und die Reihenfolge des Kompressions- und Filter-Moduls vertauschen.

Ein Blick in das Innere des  Tube Recording Channels lässt die relativ unscheinbare blaue Stahlverpackung in neuem Glanz erscheinen. Akribisch verarbeitete Bausteine tummeln sich im Dunstkreis der gläsernen Silberhütchen, von deren Schein und Wärme allein schon eine faszinierende Anziehungskraft ausgeht. Für Kenner:  es handelt sich hier bei den Röhren für die Vorstufe um ECC83 und ECC81. EQ und Kompressor sind mit Röhren des Typs ECC88 und der Output wird über eine ECC83 geregelt. Außerdem fallen direkt die WIMA-Kondensatoren ins Auge, die weltweit einen ausgezeichneten Ruf genießen. Speziell die hier verwendeten MKS4-Kondensatoren zeichnen sich durch hervorragende Qualität und eine geringe Kapazitätstolleranz aus. Wie Produktmanager Helmut Oestreich versichert, handelt es sich außerdem um selektierte Röhren, bei denen nur eine von 30 den gewünschten Bedingungen entspricht. Außerdem sind seinen Aussagen zu Folge die Spulen des passiven Equalizers per Hand gewickelt. 

Die Messwerte müssen sehr differenziert betrachtet werden. Der Klirrfaktorwert von 0,5 Prozent, der sehr schnell auf drei Prozent und mehr ansteigen kann – je nach Stellung des Gain- und Inputreglers – ist zunächst kein wirklich guter Wert. Somit liegen die Verzerrungen um Größenordnungen über denen, beispielsweise des Lakepeople F355 (siehe Test S. 94 bis 97). Aber darum geht es bei diesem Instrument gar nicht. Der Channel-Strip soll auf seine eigene Weise klingen und die Signale einfärben und für diesen Zweck sind die erhöhten Röhrenverzerrungen wunderbar geeignet. Zusätzlich zum Grundsound lässt das Ansteigen der Kurve zwischen fünf und zehn Kilohertz  auf energiereiche Höhen schließen. Der Bassbereich unterhalb von 100 Hertz zeigt eine leichte Tendenz Partialtöne zu addieren. Der Frequenzgang läuft bis fünf Kilohertz linear, dann steigt die Kurve bis fast +6dBu bei 30 Kilohertz an, um in einem sanften Bogen abzufallen. Dies ist nach Meinung der Tegeler aber kein Fehler, sondern gewolltes Sound-Design. Die Kompressionskennlinie verrät eine sehr sanft einsetzende Kompression, die sich zwischen -15dB und -10dB kurzeitig beschleunigt, dann aber wieder ganz gemächlich und noch sanfter weiter komprimiert. Die Werte der Gleichtaktunterdrückung zeigen deutliche Unregelmäßigkeiten, die Frequenzabhängig bis zu -70dBu reichen. Netzeinstreuungen bei 50 und 150 Hertz sind klar erkennbar und auch zwischen 200 Hertz und einem Kilohertz liegt der Wert schwankend ziemlich hoch. Noch einmal: die Qualitäten des Channel Strips liegen nicht in seinen Messwerten und diese, mit Werten herkömmlicher Vorverstärker zu vergleichen, verzerrt die Realität, da  die Intention der Entwickler keinesfalls ist perfekte Messwerte zu erreichen, sonder den perfekten Klang. 

Im Hörtest verwenden wir ein Røde NT5 Kondensatormikrofon und nehmen über den Tube Recording Channel eine Konzertgitarre, in Cubase SX 3 mit einer Samplingfrequenz von 96 Kilohertz auf. Das gleiche Stück wird fünf Mal aufgezeichnet. Erst mit neutraler Einstellung, ohne Equalizer und Kompression. Dann mit dazu geschalteter Kompression. Als nächstes ohne Kompression und nur mit einer bestimmten EQ-Einstellung und zuletzt die beiden Varianten der Kombination von Kompressor und Equalizer in unterschiedlicher Reihenfolge. Vor der eigentlichen Aufnahmesession muss das Signal optimal eingepegelt sein. Bei  dieser Gelegenheit kann ich es mir nicht entgehen lassen, zunächst einfach einmal  relativ wahllos  die zahlreichen Regler und Schalter zu betätigen. Schon hier zeigt sich die unglaubliche Vielzahl der Manipulationsmöglichkeiten, ohne dass es gelingt ein wirklich schlecht klingendes Signal zu erzeugen. Auch bei extrem eingestellten Positionen erscheinen vielleicht etwas gewagte Klangereignisse, die aber nie beißend oder unerträglich klingen. Ganz im Gegenteil sie wirken  eher inspirierend und animieren weiter nach neuen Klängen zu suchen. Intuitiv ist das Gerät als Instrument zu gebrauchen. Wie ein Maler seine Palette zum Mischen der Farben verwendet, lassen sich hier unzählige  Klangnuance und spezielle Färbungen erzeugen, die das Musikerherz höher schlagen lassen. Jetzt wollen wir es genau  wissen und nehmen die beschriebenen Einstellungen vor. Die neutrale Einstellung ist alles andere als das.

Das Gitarrensignal wirkt, selbst über das eigentlich neutral klingende Mikrofon, butterweich ohne an Druck und Präsenz zu verlieren. Im Gegenteil: Die unteren Mitten sind satter und in den Höhen eröffnet sich eine seidige Transparenz, die sich so nur bei Röhrenverstärken finden lässt. Das Wirken der Kompression und  deren Klang werden in der zweiten Aufnahme deutlich. Mit sanfter Gelassenheit komprimiert der Tube Recording Channel auch sehr dynamisch angeschlagene Passagen. Das Kompressionsverhalten ist  wie zu erwarten war geschmeidig und souverän. Sehr schön kommen  die, durch die Röhren veredelten, Rutsch- und Anschlagsgeräusche zum Vorschein ohne in den nervigen Bereich zu geraten. Die unteren Mitten erscheinen zudem präsenter, was die Charakteristik der sehr obertonreichen Gitarre deutlich  einfärbt und sie bauchiger und voluminöser erscheinen lässt.  Durch den aktivierten Equalizer bei der Aufnahme der nächsten Spur, zeigt  sich ein perfekt wirkendes Drei-Band-Filter, das im  Wesentlichen bestimmte Klangfarben und Chrakteristika des Instruments profiliert. Effekte, die sich sonst nur durch aufwendige Stereomikrofonie mit verschiedenen Mikrofonen erreichen lassen, könne hier in ähnlicher Form durch den Equalizer erreicht werden. Die Charakteristik der Gitarre lässt sich sehr musikalisch und dezent verändern. Als letztes wird das Flamencogitarrensignal mit aktivem Kompressor und Equalizer aufgezeichnet und während der Aufnahme die Reihenfolge beider Module geändert.  Verblüffend ist der Klangunterschied. Durch das Filtern vor der Kompression lassen  sich bestimmte Frequenzbereiche noch viel extremer betonen. Stark angehobene Höhen erscheinen noch brillanter und durchsetzungsstärker im Gesamtklang. Ähnliches ist mit den mittleren bis tiefen Frequenzen zu erreichen. Die Möglichkeiten sind schier unerschöpflich und ähnlich, wie man ein Instrument lernen muss zu spielen, sieht es mit der Bedienung dieses ausgezeichneten und überaus gut ausgestatteten Channel-Strips aus.  

Fazit

Der Tube Recording Channel der Tegeler Audio Manufaktur ist die nächste Stufe der Evolution, wenn  es um analoges Studioequipment geht. Er verbindet eine hervorragend und sehr speziell klingende Röhren-Vorstufe, mit einem kreativen, passiven Drei-Band-Filter und packt noch einen souverän arbeitenden Kompressor oben drauf. Für rund 1.900 Euro bringt er Wärme und eine unglaubliche Farbpalette mit. 

Erschienen in Ausgabe 08/2006

Preisklasse: Spitzenklasse
Preis: 1931 €
Bewertung: sehr gut
Preis/Leistung: sehr gut

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