Silberpfeil

Der Vergleich mit den einst konkurrenzlosen Silberpfeilen liegt aufgrund der Optik des 376 von dbx auf der Hand. Ob der schmale Klangflitzer aus der Silver-Serie auch tatsächlich vielen anderen Channelstrips davon fährt, klärt der folgende Test.

Von Michael Nötges

Der Name dbx hat in der Audio-Branche einen legendären Klang. Das von dem inzwischen verstorbenen David Blackmer 1971 in Utah gegründete Unternehmen machte sich binnen kürzester Zeit mit seinen dbx-Rauschunterdrückungsystemen (Dynamic Range Enhancer) weltweit einen Namen. Damals auf die Optimierung analoger Bandaufnahmen fixiert, hat der amerikanische Hersteller, der mittlerweile zum Harmann International Konzern gehört, heute eine breite Palette an Pro-Audio-Equipment im Portfolio. Von der einfachen Patchbay bis hin zum digitalen Lautsprecher-Management-System zeigt sich dbx als Universal-Hersteller allerdings immer noch mit besonderem Know-how in Sachen Rauschunterdrückung und Dynamikbearbeitung.

Zur Produktrange gehört auch der Testkandidat dbx 376, ein einkanaliger Channelstrip mit Röhrenschaltung sowie Equalizer-, Kompressor- und De-Esser-Funktion, der mit einem zusätzlichen A/D-Wandler-Modul bestückt ist. Dieses arbeitet mit einer maximalen Samplingfrequenz von 96 Kilohertz bei 24 Bit Wortbreite – 26 und 20 Bit sind auch möglich – und lässt den dbx 376 digital mit Mischpulten, Rekordern oder DAWs Verbindung aufnehmen. Üppig ausgestattet, kostet die in den USA hergestellte Fachkraft für Gesangs- und Instrumentenaufnahmen inklusive A/D-Wandler rund 790 Euro unverbindlicher Richtpreis.

Die Aluminium-Frontplatte des 19-Zoll-Gehäuses ist eher schlicht und zurückhaltend in den Farben Silber und Schwarz gehalten. Farbe bringen erst die hinterleuchteten Tastschalter und zahlreichen LED-Anzeigen ins Spiel, die sich im Praxistest als hilfreiche Kontrollinstrumente erweisen. Die ergonomisch geformten und mit genügend Abstand zueinander installierten Bedienelemente bieten komfortable Arbeitsbedingungen. Dabei eignen sich die die geschmeidig laufenden Aluminium-Drehregler mit ihrer feinen Rasterung gut, um Einstellungen präzise reproduzieren zu können. Bis auf die Taster des A/D-Wandler-Moduls – hier gibt lediglich die Farbe der Hinterleuchtung Auskunft über die getroffene Wahl – quittieren die Schalter zusätzlich jeden Druck mit einem spürbaren Klicken.

Die Eingangssektion bietet einen symmetrischen Mikrofon- (XLR-Buchse) und einen Line-Eingang (6,35-mm-Klinken-Buchse), die beide auf der Rückseite installiert sind. Hier befindet  sich auch die unsymmetrisch verschaltete Insert-Buchse, um externe Effekte vor der internen Effekt-Sektion des dbx 376 einzuschleifen. Der hochohmige Instrumenteneingang liegt praktischer Weise auf der Vorderseite und erlaubt so direkten Zugriff. Wichtig: Alle Signalquellen können permanent angeschlossen bleiben und lassen sich per Tastendruck jeweils anwählen – in der Praxis ein willkommener Komfort.

Der Regler für die Eingangsverstärkung der Röhrenstufe, die mit einer ECC82 arbeitet, reicht von +30 bis +60 Dezibel, für Line-Pegel von -15 bis +15 Dezibel. Auf die tatsächlichen Verstärkungsbereiche gehen wir weiter unten detailliert ein. Eine Vier-Segment-Anzeige informiert über die Stärke des anliegenden Signals und warnt, wie sich im Labor zeigt, sehr zuverlässig  vor Übersteuerung – in diesem Fall leuchtet die hinterste LED rot. Ein Tiefpassfilter (75 Hertz, zwölf Dezibel pro Oktave) dient allen drei Eingängen zur Eliminierung von tieffrequenten Störgeräuschen. Der Mikrofoneingang ist außerdem mit zuschaltbarer Phantomspannung, Phasenumkehr und einem PAD (-20 Dezibel) ausgestattet. Bevor das Signal den dbx 376 auf analogem oder digitalem Weg über die rückseitige XLR-, beziehungsweise 6,35-mm-Klinken-Buchsen verlässt, kann der Ausgangspegel für nachfolgende Geräte angepasst und über eine weitere 8-Segment-LED-Anzeige kontrolliert werden. Außerdem durchläuft es immer die drei Effekt-Module: Kompressor, Equalizer und De-esser.

Der parametrische Drei-Band-Equalizer bietet zwei Shelving-Filter für Bässe und Höhen und einen Bandpassfilter für die Mittenfrequenzen. Die Amplitudenänderung beträgt jeweils ±15 Dezibel, wobei die Eckfrequenz des Bassfilters bei 80 Hertz, die des Höhenfilters bei zwölf Kilohertz liegt. Die Einsatzfrequenz für das Mittenband ist hingegen zwischen 100 Hertz und zwölf Kilohertz variabel einstellbar. Positiv fällt die EQ-Clip-LED auf, die vor interne Übersteuerungen des Equalizer-Moduls warnt. Eine Bypass-Funktion gibt es allerdings weder für den Equalizer noch für den Kompressor oder De-esser. Für neutrale Aufnahmen müssen die entsprechenden Regler für die Amplitudenänderung auf Null stehen, damit Kompressor und De-esser nicht ins Geschehen eingreifen. A/B-Vergleiche, um das unbehandelte dem veränderten Signal gegenüber zu stellen, sind daher nicht möglich.

Das Kompressor-Modul bietet vier Bedienelemente und zwei Anzeigen. Per Dreh-Regler können Threshold (-40 bis +20 Dezibel) und Ratio (Off bis 8:1) eingestellt werden. Attack- und Release-Zeiten lassen sich lediglich durch den Slow-Taster zwischen langsamer und schneller Kompressions-Charakteristik umschalten. Eine nuancierte Anpassung an das Signal oder Effekt-Kompressionen ist nicht möglich, jedoch zeigt der Praxistest, dass die beiden Möglichkeiten für die meisten Aufnahmesituationen völlig ausreichen.

Die sogenannte Overeasy-Funktion ändert die Charakteristik der Kompressionskennlinie. Die dann aktivierte Soft-Knee-Charakteristik bewirkt ein sanfteres Greifen des Kompressionsvorgangs. Einmal mehr fällt hier die gute Bestückung des dbx 376 in puncto Anzeigen auf. Die mittlere Leuchtdiode der LED-Kette über dem Treshold-Regler – sie ist durch eine Null gekennzeichnet – leuchtet, wenn der dbx 376 in den Overeasy-Modus geschaltet ist und gleichzeitig die Kompression greift. Ist die Overeasy-Funktion dagegen deaktiviert, und leuchtet die LED über dem Minuszeichen, befindet sich das Signal unterhalb des Schwellwerts. Die mit einem Plus beschriftete LED signalisiert: Der Schwellenwert ist überschritten und der Kompressor beginnt zu arbeiten.

Wie es sich für einen gut ausgestatteten Channelstrip gehört, verfügt der dbx 376 auch über ein De-esser-Modul. Der Frequenzregler wählt die zu komprimierende Frequenz zwischen 800 Hertz und zehn Kilohertz – der in der Praxis von Gesangsaufnahmen wichtige Bereiche für die S-Laute liegt zwischen vier und acht Kilohertz, je nach Stimmlage. Mit dem Amount-Regler kann man die Stärke dieser Spezialkompression problemlos einstellen. Aber Vorsicht, bei zu starkem Einsatz fängt die Sängerin schon mal an zu Lispeln. Es empfiehlt sich deshalb den De-esser bei der Aufnahme sehr behutsam einzusetzen, da eine solche Aufnahme im Nachhinein kaum mehr zu retten ist. Die entsprechende Gain-Reduction des De-essers wird auch hier wieder durch zwei LEDs (ein oder sechs Dezibel) signalisiert.

Eine Besonderheit des dbx 376 ist das A/D-Wandler-Modul. Die Entwickler verwenden hier spezielle, von dbx entwickelte VCXO -Chips, die laut Hersteller speziell für den Low-Jitter-Betrieb konzipiert wurden. Ab Werk mit einer 75-Ohm-Terminierung versehen, kann der dbx 376 dennoch als Master oder Slave in einer per BNC-T-Stücke verkabelten Synchronisationskette verwendet werden. Da hierbei nur das letzte Glied in der Kette terminiert werden darf, muss der dbx 376 geöffnet und ein Jumper auf der Hauptplatine umgesetzt werden.

Als besonderes Bonbon spendierten die Entwickler dem dbx 376 das sogenannte dbx Type IV Conversion System im Bereich der A/D-Wandlung. Mit diesem System wollen sie den nutzbaren Dynamikbereich des Wandlers den Headroom erweitern und gleichzeitig Übersteuerung, also digitales Clipping zuverlässig vermeiden. Klingt wie aus dem Digitaltechnik-Märchenbuch, funktioniert aber. Bis zu einem Pegerl bei etwa -4 dBFS arbeitet die Analog-Digital-Wandlung linear, also eins zu eins. Darüber erhält die Wandlungskurve einen logarithmischen Charakter, eine Erhöhung des analogen Eingangspegels entspricht nur noch einem geringen Anstieg des digitalen Pegels, ähnlich wie bei einem Kompressor. Diese Kompressorkennlinie stammt von der Grundidee aus den Zeiten des guten alten dbx 117, der analogen Bandmaschinen zu einer deutlich höheren Dynamik verhalf. Allerdings wurde damals das Signal bei der Wiedergabe auch wieder spiegelbildlich expandiert – das geschieht hier nicht. Vorteil dennoch: Bei der Wandlung sind Übersteuerungen so gut wie ausgeschlossen, starke Pegelspitzen werden automatisch gedämpft und bleiben immer unterhalb von Null dBFS.

Das analoge Signal wird wie beim Einsatz eines sanft wirkenden Limiters automatisch eingepasst. Damit lässt sich zum einen der Dynamikbereich voll ausschöpfen, weil keine Reserven durch zu vorsichtiges Einpegeln verschenkt werden. Zum anderen werden auch hochpegelige Transienten unverzerrt abgebildet, die bei linearen Wandlern unweigerlich zu garstigen, digitalen Verzerrungen führen würden.

Die Funktionen des A/D-Wandler-Moduls (Dither, Shape, Sample Rate, Word Length und Output Format) können über fünf hinterleuchtete Taster ausgewählt werden. Der jeweilige Farbcode gibt Auskunft über den Status. Der Dither-Taster bietet zwei unterschiedliche Algorithmen (SNR² , TPDF ) an, um die durch Signalbegrenzung erzeugten Obertonverzerrungen durch ein zufallsgesteuertes Rauschen zu beseitigen und damit die Signalqualität zu verbessern (mehr zur Dither finden Sie im Online-Glossar unter www.professional-audio.de). Der Noise-Shaping-Taster lässt die Auswahl zwischen zwei unterschiedlichen Algorithmen zu: Shape1 und Shape2. Das Quantisierungsrauschen des digitalen Signals kann somit nach Belieben mehr oder weniger in die hohen Frequenzbereiche verschoben werden. Detaillierte Erläuterungen zum Noise Shaping finden sie ebenfalls im Online-Glossar unter www.professional-audio.de. Die Samplingfrequenz lässt sich zwischen 44,1 Kilohertz, 48, 88,2 und 96 Kilohertz wechseln und die Wortbreite zwischen 16, 20 und 24 Bit. Ein weiterer Taster schaltet das digitale Ausgangssignal zwischen AES/EBU und S/PDIF um, wobei nur jeweils an einem der beiden Ausgängen (XLR und Cinch) ein Signal anliegt, es werden also nicht gleichzeitig unterschiedliche Formate ausgegeben.

Im Messlabor von Professional audio Magazin liefert der dbx 376 durchweg überzeugende Messwerte. Fremdspannungs- und Geräuschspannungsabstand liegen, gemessen mit -40 dBu Eingangssignal am Mikrofoneingang für +4 dBu Ausgangsspannung am Analogausgang, bei guten 77,9 und 80,6 Dezibel. Für die Line- und Instrumenteneingänge verbessern sich diese noch ein Mal auf rund 91 und 87 Dezibel. Sind „Drive“ und „Output“-Regler voll aufgedreht, beträgt die Eingangsempfindlichkeit für +4 dBu Ausgangsspannung 75,5 Dezibel. Das reicht auch für unempfindliche dynamische Mikrofone. Das Rauschen liegt dann immer noch 70 Dezibel unter dem Nutzsignal – ein hervorragendes Verhalten. Am Digital-Ausgang liegen gleichzeitig exakt -15,3 dBFS Pegel an. Will man den Overhead möglichst ausnutzen, sind 41,4 dBu an Eingangspannung notwendig, um an maximal -3 dBFS heran zu kommen; mehr geht nicht, sonst übersteuert die Eingangsstufe, was die entsprechende Clipping-LED zuverlässig anzeigt. Die gute Gleichtaktunterdrückung bleibt unterhalb von -65 Dezibel und der Wirkungsweise von Kompressor und der Filtern gibt es nichts zu meckern. Das FFT-Spektrum zeigt bei hoher Aussteuerung eine Ausprägung vor allem der harmonischen Obertöne k2 und k4 (siehe Kurve). Das erklärt zwar den relativ hohen Klirrfaktor von 0,4 Prozent, der aber von der harmlosen, sprich wohlklingenden Sorte ist, denn unharmonische Verzerrungen treten in nennenswertem Ausmaß erst bei deutlicher Übersteuerung auf. Zu überzeugen weiß auch die Wandlerlinearität, die deutliche Abweichungen erst unterhalb von -110 Dezibel aufweist.

Für den Praxis- und Hörtest nehmen wir über das Microtech Gefell M930 sowohl Akustikgitarre, als auch Gesang auf. Als Referenz dient der neutrale Lake People F355. Außerdem fertigen wir Vergleichsaufnahmen zwischen dem Lynx Aurora 8 und dem A/D-Wandler des dbx 376 an und testen die verschiedenen Dither- und Noise-Shaping-Algorithmen, um deren klangliche Auswirkungen zu beurteilen.

Auf Anhieb überzeugt der dbx 376 mit einer feinen Auflösung. Die Akustikgitarre kommt sehr natürlich und direkt, wobei Anschlagsnuancen und Rutschgeräusche detailliert wiedergegeben werden. Im Vergleich zum F355 zeichnet sich der Channelstrip durch etwas silbrigere Höhen aus, die den Gesamtklang zurückhalten veredeln und abrunden.

Der Channelstrip verleiht der Aufnahme also einen charakteristischen Feinschiff, der tendenziell an den Sound eines Portico 5012 von Rupert Neve Designs (Test Ausgabe 11/2006) oder den Avalon VT-737 SP (Test Ausgabe 8/2007) erinnert. Schnell gespielte Arpeggien beginnt zu perlen und kommen offen, da die Berührungen des Plektrums mit der Saite entschärft werden. Eine leichte Kompression mit Soft-Knee-Charakteristik und die Anhebung der Höhen um zirka ein bis zwei Dezibel führt hier zu einem überzeugenden Ergebnis. Bei Gesangsaufnahmen kann der dbx 376 seine Qualitäten ausspielen. Das Timbre wird geschmackvoll herausgearbeitet, ohne es besonders einzufärben oder gar grundlegend zu verändern. Recht neutral und ausgeglichen wirkt die Stimme wie mit einer dünnen Schicht Klarlack versehen, die den Klang angenehm zum Strahlen bringt. Wem die S-Laute immer noch zu aggressiv erscheinen, kann diese mit dem De-esser komfortabel entschärfen. Der dezente Einsatz von Kompressor und Equalizer ermöglichen zusätzlich das musikalische Eingreifen in das Signal. Dabei geht es weniger um analytische Filterung bestimmter Frequenzen oder extreme Kompressionen – das ist mit dem dbx 376 nicht möglich –, sondern viel mehr um das Optimieren des Gesamtklangs und das Herausarbeiten eines Grundcharakters. Als besonders hilfreich erweisen sich wieder einmal die verschiedenen LED-Anzeigen beim Einpegeln und Überwachen der Kompressions- und De-esser-Einstellungen.

Auch wenn das Wandler-Modul nicht ganz an die außergewöhnlich feine Auflösung des Aurora 8 heranreicht, liefert es doch beachtliche Ergebnisse. Nicht ganz so deutlich machen sich die unterschiedlichen Dither- und Shape-Algorithmen klanglich bemerkbar. Doch der SNR²-Algorithmus klingt insgesamt neutraler und etwas härter in den Höhen. Dagegen geht der TPDF-Algorithmus genau in die andere Richtung und gibt dem Signal etwas mehr Bauch und deutlichere Mitten. Der aggressivere Noise-Shaping-Algorithmus Shape2 gibt dem Signal mehr Energie, so dass es insgesamt etwas direkter und kräftiger klingt und den Röhren-Sound etwas mehr in den Vordergrund stellt. Shape1 zeigt sich etwas zurückhaltender, hebt die silbrigen Höhen angenehm hervor und wirkt minimal offener und aufgeräumter. Es lohnt sich in jedem Fall, für verschieden Aufnahme-Situationen die unterschiedlichen Algorithmen auszuprobieren. Am besten gefiel bei unseren Testaufnahmen der TPDF-Dither-Algorithmus mit der Shape2-Einstellung für die Gesangs- und Shape1 für die Gitarrenaufnahmen.

Fazit

Der dbx 376 ist ein umfassend ausgestatteter Channelstrip mit Röhrenvorstufe und A/D-Wandler-Modul, der mit seiner Ausstattung, seinem Bedienkonzept und vor allem klanglich überzeugt. In Anbetracht des Preises von rund 790 Euro darf er als echter Geheimtipp gelten, der bei der Kaufentscheidung auf jeden Fall in die engere Auswahl genommen werden sollte.

Erschienen in Ausgabe 03/2008

Preisklasse: Oberklasse
Preis: 790 €
Bewertung: gut – sehr gut
Preis/Leistung: sehr gut – überragend

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