Ohrenschmeichler im Vintage-Pelz

Der Trend zu simulierten Analoggeräten in der Studiowelt ist unbestritten beliebter denn je. Der israelische Hersteller Waves steht dabei mit an vorderster Front und mit dem EMI TG12345 Channel Strip präsentiert er jetzt die Emulation eines weiteren Stücks Tonstudio-Geschichte aus den legendären Abbey Road Studios.

Von Henning Hellfeld

Im Laufe des letzten Jahrhunderts brachten die sich ständig verändernden Vorstellungen und Visionen von Musikern, Künstlern und Produzenten die vorhandene Studiotechnik immer wieder an ihre Grenzen. Eine der wohl wichtigsten Innovationen seiner Zeit war die Acht-Spur Aufnahmetechnik der späten 60er Jahre. Sie erweiterte die musikalischen und klangästhetischen Möglichkeiten immens und prägte somit den Sound dieser Periode. Die hierfür entwickelte Peripherie zählt heute immer noch zum Non plus Ultra des Klangideals.

Zu dieser Zeit bedienten sich die Abbey Road Studios in London zweier EMI REDD Konsolen, die nun aber langsam den gestiegenen Erwartungen nicht mehr gerecht wurden. Also entwickelte EMI ein neues 24-Kanal-Mischpult, welches mit einigen Neuerungen aufwarten konnte. Neben den 24 Mic-Inputs und acht Outputs, standen vier Echo-Sends, zwei Foldbacks und zum ersten Mal überhaupt für jeden Kanal ein separater Equalizer und Kompressor zu Verfügung. Diese Konsole sollte fortan den Sound legendärer Alben von Künstlern wie den Beatles oder Pink Floyd prägen.

Der israelische Software-Hersteller Waves beschäftigt sich schon seit einiger Zeit mit der Simulation eben dieser Studioklassiker und stockt nun ihre Abbey Road Series um den Channel Strip TG 12345 auf. Schon die Simulation der REDD Konsolen überzeugte klanglich und öffnete das Türchen in längst vergessene Produktionszeiten. Beschäftigt man sich mit den Alben, die auf der EMI TG12345 aufgenommen wurden, fällt die ohrenfällig hohe Transparenz des Klangs auf. Gerade bei opulenten Produktionen, wie zum Beispiel „Dark Side of the Moon“ von Pink Floyd, findet jeder Sound ein Plätzchen im Stereobild. Hierbei wird der Hörer allerdings nicht überfordert. Ohne vor Höhen zu strotzen wirken die verschiedenen Elemente präsent und druckvoll und jedes Instrument versprüht das, was sich heute als Vintagesound in unseren Hörgewohnheiten etabliert hat. Dies hat zugegebenermaßen nicht nur mit der Konsole, sondern auch mit den verwendeten Mikrofonen und Aufnahmetechniken zu tun. Aber es gibt uns einen Eindruck, was wir von einem TG12345 Channel Strip erwarten könnten.

Nach der Installation stehen uns eine separat ladbare Mono- und eine Stereoversion des TG12345 Channel Strip Plug-ins zur Verfügung. Wie schon bei der REDD Serie wartet auch der TG12345 mit drei Stereomodi auf. Signale können gewohnt als Stereopaar bearbeitet werden, allerdings auch im Dual-Modus, in welchem man links und rechts getrennt voneinander einstellen kann. Der MS-Modus ist hingegen in der Lage die Stereomitte und die Seiten separat zu regeln. Grundsätzlich hat man die Auswahl zwischen zwei gemodelten Kanälen der originalen Konsole zwischen denen man wählen kann. Wer mag, kann im Stereo-Betrieb auch beide gleichzeitig nutzen. Neben der Inputregelung stehen uns eine simple Kompressor- und Limitersektion mit einer Hold-Funktion und einem Recovery-Regler bereit. Zusätzlich wurde dieser Sektion noch ein Sidechain Highpass-Filter, welcher Frequenzen unter 90 Hz im Eingangssignal herausfiltert und eine Mix-Funktion spendiert. Diese erlaubt uns zwischen dem trockenen und dem komprimierten Signal zu mischen. In der Equalizer-Sektion finden wir eine Höhenregelung, die angehoben als Bell-Filter in der Fünf-Kilohertz-Region agiert und abgesenkt als Kuhschwanzfilter bei zehn Kilohertz werkelt. Die Bassregelung erfolgt ebenso als Kuhschwanzfilter bei 50 Hz und der Presence-Regler mit dazugehörigem Frequenzregler erlaubt Frequenzen zwischen 500 Hz und 10 kHz in Glockenmanier an- oder abzusenken.
Praktischerweise kann mit Hilfe des Bypass-Buttons die komplette Sektion ohne Beeinflussung der Dynamik-Tools ausgeschaltet werden. Zusätzlich lassen sich die Sektionen per virtuellem Kippschalter in verschiedene Kombinationen in der Reihenfolge anordnen. Presets für EQ>DYN>PRES, DYN>EQ>PRES und EQ>PRES>DYN lassen in Sachen Verkettung keine Wünsche offen.

In der Mastersektion findet sich das justierbare VU-Meter, welches zwischen Input, Output und der Gain-Absenkung des Kompressors umgeschaltet werden kann. Mit dem Noise-Regler lässt sich das authentisch nachgebildete Eigenrauschen der Konsole stufenlos zum Signal mischen. Ebenso lässt sich über den Drive-Regler eine Verzerrung hinzufügen. In der Stereo-Version stehen dann noch ein Spread-Regler, welcher die Weite des Panoramas regelt und ein Monitor-Schalter zur Verfügung. Letzterer ermöglicht das Signal in Mono oder Stereo abzuhören, außerdem können jeweils der linke oder rechte Kanal separat abgehört werden. Natürlich steht am Ende der Kette der obligatorische Master-Output Regler mit bis zu +24 dB und ein Phasenumkehr-Schalter. Wie von Waves nicht anders gewohnt, besticht die Bedieneroberfläche durch funktionales Vintage-Design, wobei sich alle Werte auch numerisch per Tastatur bestimmen lassen.

Um es gleich vorweg zu nehmen: Der TG12345 Channel Strip ist nichts für klangchirurgische Eingriffe. Die Filter gehen relativ breitbandig ans Werk und die Einstellmöglichkeiten des Kompressors sind begrenzt. Dafür kann der Brite mit etwas punkten, was diese eingeschränkten Möglichkeiten um Längen wieder wett macht: Charakter. Um noch einen Schritt weiter zu gehen: Hat man sich ein wenig in das Plug-in eingearbeitet, vermisst man eigentlich fast nichts mehr. Die Höhen klingen geschmeidig und selbst im voll aufgerissenen Zustand, was +10dB entspricht, fängt in unseren Ohren nichts zu verkrampfen an. Die Bässe setzen mit einer Center-Frequenz von 50 Hz verhältnismäßig tief an, betten sich allerdings sehr musikalisch ins Gesamtgefüge ein, ohne zu aufdringlich zu wirken. Konzeptionell sehr interessant ist der Presence Regler. Immerhin kann man mit ihm im Tiefmitten-Bereich von 500Hz, bis über die eigentliche Höhenfrequenz hinaus bis zu 10 kHz agieren. Auch hier erweist sich der TG12345 als Charmeur für die Ohren. Über das Ziel hinaus zu schießen ist fast unmöglich.

Die Arbeit mit der Kompressor- und Limitereinheit gestaltet sich unkompliziert, wenngleich die Arbeitsweise im Vergleich zu konventionellen Dynamik-Tools etwas gewöhnungsbedürftig ist. Die Ratio des Kompressors ist fix bei 2:1 eingestellt. Die Kompressionsstärke stellen wir über den Hold-Regler ein. Die Attack-Zeit ist bei schnellen 1ms festgenagelt, die Release-Zeit ist hingegen in sechs Stufen justierbar und kann mit Hilfe des Recovery-Schalters zwischen 100 ms, 250 ms, 500 ms, 1 sek, 2 sek und 5 sek variiert werden. Mit Hilfe des Sidechain-Highpassfilters werden Frequenzen unterhalb 90Hz aus dem, für die Holdfunktion wichtigen Sidechain-Signal herausgefiltert. Hieraus resultiert eine geringere Kompression im Low-End. Ein inzwischen bei vielen Kompressor-Plug-ins gängige und sehr effiziente Möglichkeit sich parallele Routings zu ersparen ist der Mix- Regler. Er mischt das unkomprimierte Signal mit dem komprimierten und ermöglicht es so, eine beispielsweise harte Kompression in das trockene Signal einfließen zu lassen, um somit die Konturen des Signals besser herauszuarbeiten. Diese Vorgehensweise erweist sich im Test fast für jede Art von Signal als tauglich, um die sehr schnelle, nicht variable Attack-Zeit auszugleichen. Klanglich geht der Kompressor in Richtung Fairchild und liefert eine satte, harmonische Kompression mit viel Vintage-Charakter.

Die nachgebildete Verzerrung via Drive-Regler in der Master-Sektion erweist sich in minimalen Dosen als sehr hilfreich, um die Obertonstruktur etwas zu erweitern. Höhere Werte führen zum Anzerren der Transienten, was für manche Situationen im Mix durchaus sinnvoll sein kann. Ansonsten sind hohe Verzerrungen durchaus auch als ästhetischer Effekt einsetzbar. Beim nachgebildeten Grundrauschen des Pultes scheiden sich allerdings die Geister über deren Sinnhaftigkeit. Die Hörergebnisse sind sehr subtil und viele Toningenieure oder Produzenten schätzen gerade die Möglichkeit, lästiges Rauschen im Mix zu umgehen. Andere sind der Ansicht es sei das Salz in der Suppe. Somit können wir kein klares Urteil über die Qualität dieser Möglichkeit bilden, außer dass sie im Test besteht. Über die Spread-Funktion in der Stereo-Version des Channel Strips können wir uns hingegen sehr wohl ein Urteil bilden. Sie funktioniert sehr gut, nicht nur hinsichtlich der Tatsache, Signale im Stereo-Bild weiter darzustellen, sondern auch in entgegengesetzter Richtung. Stereo-Spuren können wieder zu Mono reduziert werden. Auffällig: Signale, die erweitert werden gewinnen an Obertonstruktur und hohen Frequenzen und beim Reduzieren wird dies wieder weggenommen, weshalb bei Bedarf im Nachhinein nochmals mit dem Equalizer nachgeholfen werden muss. Dies soll aber keine Negativwertung darstellen.

Nun wollen wir nach der allgemeinen Bewertung des Klangs das Plug-in an ein paar gängigen Instrumenten in der Praxis erproben. Zuerst haben wir uns einen kleinen Drumgroove mit Bassdrum, Snaredrum, Hi-Hat und Overheads zurechtgelegt. Die Bassdrum beschneiden wir ein wenig in den Höhen und heben den Bass minimal an. Um den Klang klarer zu definieren, senken wir bei 800 Hz zwei Dezibel ab. Nun an die Kompression: Hier erweist sich die Möglichkeit des Mischens von trockenem und komprimiertem Signal schon als sehr Hilfreich. Wir setzen die Release-Zeit auf 250 ms und das Hold auf den höchsten Eingangswert, welcher Null entspricht. Nun dem stark komprimierten Signal noch 40 Prozent des trockenen beigemischt und wir erhalten eine runde Bassdrum mit ausreichend Attack, um sich im Mix durchzusetzen. Als Routing überzeugt uns die Option DYN>EQ>PRES am meisten. Die Snare ist ähnlich schnell veredelt. Höhen, Bässe und knackige 1,5 kHz minimal erhöht, den Kompressor auf eine Sekunde Release eingestellt, allerdings diesmal nicht auf vollem Eingangspegel, sondern auf dem Wert 40. Diesmal steht der Equalizer im Routing vor den Präsenzen und den Dynamics. Das Ganze mit 60 Prozent Trocken-Snare gewürzt und die Trommel klingt amtlich präsent ohne überkomprimiert zu wirken. Bei der Hi-Hat heben wir lediglich die Höhen etwas an und senken die Bässe ein wenig ab, um unsere Klangvorstellung zu verwirklichen. Die Overheads blasen wir in den Höhen und Bässen etwas auf, entziehen ihnen allerdings ordentlich Energie bei 800 Hz. Die Kompression fahren wir voll mit einer kurzen Release-Zeit und 25 Prozent Kompressions-Anteil. Auch hier entschieden wir uns für das EQ>PRES>DYN Routing. Übrigens benutzen wir bei jeder Drumspur, bis auf die Bassdrum, den Sidechain-Highpass Filter. Nun haben wir ein deutlich knackigeres, bissigeres und tighteres Set, welches im Mix eine gute Figur macht.

Jetzt machen wir uns mit dem TG12345 über eine Jazzbass-Spur her. Hier heben wir den Bass stark an und verpassen dem Ganzen noch etwas Mitten bei 1,2 kHz. Etwas Kompression mit einer mittleren Release-Zeit und rund 30 Prozent Trockenanteil hauchen dem Bass richtig Leben ein. In diesem Fall macht der Kompressor vor der EQ-Sektion die beste Figur. Am Ende fügen wir noch ein wenig Drive hinzu, um ihn etwas dreckiger daherkommen zu lassen. Um nun noch die polyphone, breitbandige Welt abzudecken, nehmen wir uns zu guter Letzt eine Piano-Spur zur Brust. Nachdem wir die Höhen etwas geboostet haben, heben wir ebenfalls bei 7,5 kHz einiges an und erhalten einen obertonreichen, vollen Klang. Die Kompression mit mittlerer Release-Zeit mischen wir nun mit 30 Prozent des trockenen Signals. So ist die Kompression zwar vorhanden aber kaum wahrzunehmen. Für unseren Geschmack machen wir am Ende das Stereo-Bild per Spread-Funktion noch etwas weiter und sind nun bei einem sehr schönen kompakten, tragenden Pianosound angekommen.

Fazit
Im Laufe unseres Test macht sich bemerkbar, das der EMI TG 12345 Channel Strip ein vielseitiges Werkzeug für fast alle Arten von Signalen ist. Die 200 bis 300 Euro, die man je nach Format für das Paket berappen muss, sind unserer Meinung nach sehr fair. Sicherlich muss man manchmal mit einem separaten Highpass-Filter oder einem zusätzlichen Präzisions-Equalizer arbeiten, um alles abzudecken, aber die Grundcharakteristik und die Qualität der einzelnen Komponenten überzeugen auf ganzer Linie, eingedenk seiner klanglichen Qualitäten, die den warmen und schmeichelnden Sound der späten 60er Jahre widerspiegelt. Die Arbeitsweise die sich nach der Eingewöhnungsphase einschleicht, macht Laune und man lernt zu schätzen, dass weniger doch manchmal mehr sein kann. Nicht immer muss alles bis ins kleinste Detail einstellbar sein, um zu einem guten Ergebnis zu gelangen. Hierbei sollte unserer Meinung nach allerdings gut mikrofoniertes Grundmaterial vorliegen, um die Möglichkeiten des Waves EMI TG12345 voll auszuschöpfen.

Erschienen in Ausgabe 12/2014

Preisklasse: Oberklasse
Preis:
Bewertung: sehr gut
Preis/Leistung: sehr gut

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