Einzigartige Controller-Schönheit

Er sieht schick aus und macht nicht zuletzt durch seinen beeindruckenden Touchscreen in jedem Studio ordentlich was her. Die Rede ist vom DAW-Controller Tango, der mit seiner Ausstattung und seinem Bedienkonzept der Konkurrenz in Sachen Arbeitsgeschwindigkeit und Bedienkomfort um einiges voraus sein will. Professional audio hat den Luxus-Controller zum Tanz geladen und mit ihm im Test eine flotte Sohle aufs Parkett gelegt. 

Von Georg Berger

Schaut man sich einmal die Weltkarte hinsichtlich Produktions- und Entwicklungsstätten von Pro-Audio-Hard- und Software an, zeichnet sich rasch ein deutliches Bild ab, wobei Europa, die USA und der ferne Osten zu den agilsten Orten zählen. Im Vergleich dazu ist Australien ein weißer Fleck auf der Weltkarte, der sich aus diesem Wirtschaftszweig scheinbar komplett ausgeklinkt hat. Fast muss man jedoch sagen, denn abgesehen vom Unternehmen Fairlight und seinen Workstation-Lösungen, macht das in Sydney ansässige Unternehmen SmartAV mit seiner Produktpalette an Mischpulten und DAW-Controllern weltweit seit einiger Zeit von sich Reden. 2003 gegründet, ging SmartAV aus Soundfirm hervor, dem größten Post Production Studio-Komplex Australiens. Die Entwickler, die ihr Know-how zuvor bei renommierten Herstellern wie Fairlight oder DSP erlangten, setzten zunächst auf die Produktion großformatiger Konsolen für den – wen wundert’s – Broadcast- und Postproduction-Bereich. Ehrgeiziges Ziel war und ist dabei, ergonomische und intuitiv bedienbare Frontends zu entwickeln mit denen sich komfortabel jede noch so kleine Funktion einer DAW jenseits von Maus und Computer-Keyboard bedienen lassen soll. Doch der Kundenkreis für hochpreisige, großformatige Highend-Konsolen ist entsprechend klein. So wundert es nicht, dass SmartAV seit geraumer Zeit mit dem Modell Tango einen vergleichsweise günstigen und kompakten DAW-Controller anbietet, der sich gezielt an einen größeren Anwenderkreis richten soll. Die Zielgruppe beginnt beim ambitionierten Homerecordler und reicht bis hin zu kleinen professionell ausgerichteten Projektstudios. Zugegeben, von günstig zu sprechen ist schon etwas gewagt, denn der Tango kostet fast 9.000 Euro, was im Vergleich zu den Highend-Konsolen zwar ein Schnäppchen darstellt, die Schar potenzieller Käufer dennoch einengt. Tatsächlich spielt der Tango-Controller in der gleichen Liga wie etwa die MC Pro-Konsole von Euphonix oder die ICON-Pulte von Avid, die jedoch teils erheblich teurer sind, was den Verkaufspreis wiederum relativiert. Abgesehen davon erhält der Käufer einiges an Gegenwert. Dazu zählt unbestritten der 22-Zoll große Touchscreen, der für sich genommen schon einmal eine ordentliche Stange Geld kostet, zentrales Bedienelement des Controllers darstellt und mit dem SmartAV sich in Sachen Ergonomie und Bedienkomfort von den Mitbewerbern deutlich absetzen will. Ob dies dem Hersteller gelingt, werden Sie im Verlauf dieses Tests in aller Ausführlichkeit erfahren.

Doch zunächst widmen wir uns eingehend der Ausstattung.  Das Tango-Pult nimmt in etwa die Breite und Tiefe von zwei nebeneinander aufgeschlagenen Exemplaren von Professional audio ein und beansprucht alleine schon deswegen für sich die Rolle als zentrales Arbeitsgerät, das vor dem DAW-Computer-Monitor positioniert werden muss. Mit 22 Kilogramm ist es schon recht schwer, aber immer noch so leicht, dass man es bei Bedarf alleine tragen kann. Das äußere Erscheinungsbild wird geprägt von der angewinkelten oberen Pulthälfte, die den TFT-Touch-Screen beherbergt, so dass der dort dargestellte Inhalt stets ordentlich ablesbar ist. Rechts vom Touchscreen finden sich 16 berührungssensitive Endlos-Drehregler mit Schaltfunktion, die, nach Aussage von Stefan Mayer vom deutschen Vertrieb For-Tune, eine Eigenentwicklung des Herstellers sind. Der flache untere Teil des Tango-Pults ist den acht Channelstrips, einer Transporttasten-Sektion inklusive Jog-Wheel sowie einer Reihe von Funktionstastern vorbehalten (siehe Abbildung auf Seite 68). Auffällig: Die Fläche unterhalb der Transporttasten ist dezidiert als Mauspad gedacht, um Funktionen in gewohnter Weise am DAW-Rechner auszuführen. SmartAV will den Anwender nicht bevormunden und gänzlich ohne Computer-Hilfsmittel auskommen lassen. Die 120-Millimeter Fader stammen vom Hersteller ALPS, sind berührungssensitiv, selbstverständlich motorisiert und überzeugen durch einen angenehm zähen Lauf. Das Drehen des Jog-Wheels geht herrlich leichtgängig über die Bühne. Das Rad mit den drei griffigen Mulden ist passgenau in die Oberfläche eingelassen und nimmt selbst heftigste Dreh-Attacken klaglos hin. Sämtliche Taster sind hinterleuchtet und bestechen durch einen sehr kurzen Schaltweg mit sanft klackendem Druckpunkt, die selbst in schummrigen Umgebungen verlässlich Auskunft über ihren Schaltzustand abgeben. Besonderheit: In den Channelstrips finden sich ober- und unterhalb der Mute-Buttons Sensorentaster, die schon bei leichter Berührung Funktionen ausführen. So etwas sieht man nicht alle Tage. Insgesamt hinterlässt der Tango-Controller einen erwartungsgemäß sehr wertigen Eindruck.

Sämtliche Anschlüsse sind auf der Stirnseite versammelt, die von der darüber hinausragenden Pultoberfläche sozusagen überdacht werden. Insgesamt drei USB-Buchsen (zwei auf der Stirnseite, eine am oberen Ende der Pultoberfläche), zwei Ethernet-Schnittstellen zum Anschluss von Cat.5-Kabeln und je eine herkömmliche VGA- und DVI-Buchse zum Anschluss von Computer-Monitoren finden sich dort. Wer bei dieser Aufzählung an einen Computer denkt, liegt ganz und gar nicht falsch. Im Inneren werkelt tatsächlich ein waschechter Windows-PC mit Microsoft-Betriebssystem und Celeron-Prozessor. Das ist zwar für heutige DAW-Maßstäbe völlig veraltet, für die auszuführenden Funktionen und die Steuerung des Touchscreens reicht das jedoch allemal. Vorteil: Durch Nutzung eines herkömmlichen Betriebssystems und einer eigens programmierten Steuer-Software ist das System modular auf Erweiterbarkeit ausgerichtet, es kann dynamisch auf künftige Entwicklungen am Soft- und Hardware-Markt reagieren und problemlos mit dem Fortschritt mithalten. Das Tango-Pult ist also auch ein spezialisierter Windows-Rechner mit eindeutig definierten Aufgaben. Tango tritt über die Ethernet-Schnittstelle in Verbindung mit der zu steuernden DAW. Vorteil: Der Datenaustausch geht dadurch sehr flink über die Bühne. Sehr schön: Außer einem Microfasertuch zum Reinigen des Touchscreens findet sich im Lieferumfang sowohl ein herkömmliches Netzwerkkabel zum Einbinden des Tango in ein bestehendes Computer-Netzwerk, als auch ein sogenanntes Crossover-Kabel, mit dem sich der Controller ohne Umschweife direkt an den Rechner anschließen lässt. Anders als Euphonix, die mit ihrem Eucon-Protokoll ein eigenes Datenübertragungs-Format zum Steuern von DAWs ersonnen haben, verfolgt SmartAV den umgekehrten Weg und nutzt die von den DAW-Herstellern bereitgestellten Schnittstellen- und Übertragungs-Protokolle. So werden Cubase und Nuendo über das Steinberg-eigene Eion-Protokoll angesprochen. Pyramix-Systeme steuert Tango via proprietärem OASiS-Protokoll an, wohingegen Pro Tools, Vegas Pro und Final Cut Studio ausschließlich über das HUI- und/oder Mackie Control-Protokoll ansteuerbar sind. Beide Protokolle basieren auf MIDI und sind aufgrund dessen nicht ganz so flink wie reine Netzwerk-Datenübertragungen. Im Test mit Pro Tools 8 macht sich dies jedoch nicht auffallend negativ bemerkbar.

An die USB-Buchsen können Speichersticks, eine Computer-Tastatur und eine Maus angeschlossen werden, um Soft- und Firmware-Updates aufzuspielen und in die Tiefen des Tango-Betriebssystems einzutauchen. Von letzterem raten wir jedoch ausdrücklich ab. Die von der Tango-Software bereitgestellten Funktionen bieten alles, was der Anwender braucht. Ausnahme: Wer trotz angewinkelter Position des Bildschirms dennoch in die Helligkeit und den Kontrast des Touchscreens eingreifen muss, kommt in der momentanen Version nicht daran vorbei in den Gerätemanager des Tango-Betriebssystems einzugreifen, was sehr umständlich ist. Wir würden uns dafür eine entsprechend leicht ausführbare Funktion via Touchscreen und Drehregler wünschen, was durch ein Software-Update leicht zu lösen sein dürfte. Im Test kommen wir jedoch mit den Werkseinstellungen des Bildschirms bestens zurecht. Das Geheimnis hinter den beiden Monitor-Buchsen und der zweiten Netzwerk-Buchse ist rasch gelöst. Sie dienen zum Anschluss sogenannter Extension Bays, mit denen sich die Anzahl der verfügbaren Channelstrips erweitern lässt. Sie verfügen über zwölf Channelstrips, selbstverständlich einen Touchscreen sowie über 16 Taster zum Ausführen verschiedener Funktionen, die sich frei wählbar darauf routen lassen. Insgesamt zwei Zusatz-Module lassen sich mit einem Tango zu einem 32-kanaligen Gesamtsystem verbinden. Der Käufer hat dabei die Wahl zwischen einer aktiven oder passiven Version des Zusatzmoduls. Die passive Extension-Bay wird hierbei über die Monitor-Buchsen sozusagen Huckepack an den Tango angedockt und sozusagen vom Tango-Rechner mit versorgt. Die aktive Version verfügt im Gegensatz dazu über ein eigenes integriertes Computersystem und wird über die zweite Netzwerkbuchse mit dem Tango kaskadiert. Das schlägt sich natürlich auch preislich nieder. Für die passive Extension Bay werden knapp 7.000 Euro aufgerufen, die aktive Version kostet etwa 8.200 Euro.

Damit das Tango-Pult erfolgreich mit dem Musik-Rechner kommunizieren kann, ist zunächst die Installation einer entsprechenden Treiber-Software mit anschließender Einstellung in den Systemeinstellungen der jeweiligen DAW durchzuführen. Das Prozedere, den Tango als Controller in der DAW anzumelden, erfolgt zumeist kinderleicht. In Pro Tools 8 rufen wir das Peripherals-Menü auf, wählen den MIDI-Controllers-Reiter an, stellen alle vier Controller-Ports auf das HUI-Protokoll ein und wählen anschließend den Tango-Eintrag in der Send to-Spalte aus. Wichtig: Um den Pro Tools Surround-Panner mit Tango steuern zu können, muss der Type-Eintrag des vierten Controller-Ports auf den Panner eingestellt werden. Deutlich umständlicher und zeitaufwändiger gestaltet sich die Einbindung jedoch in Cubase und Nuendo. Wie gehabt rufen wir den Geräte-Manager auf, wählen das Fernbedienungs-Menü an und klicken auf das Plus-Symbol um den gewünschten Controller-Eintrag auszuwählen. Aufgrund der bereitgestellten Schnittstellen-Architektur müssen wir das jedoch nicht einmal, sondern über 90-mal durchführen, um die maximal 240 Kanalzüge und je 32 Gruppen-, Effekt- und Masterkanäle mit Nuendo zu verbinden. Grund: Das Schnittstellenprotokoll adressiert die Kanäle lediglich in Vierer-Gruppen. Das Auslassen höherer Kanalnummern ist zwecklos, da Tango ansonsten anfängt zu mosern. Dieser Vorgang ist zwar nur einmal durchzuführen und nimmt in etwa 15 Minuten in Anspruch. Dennoch könnte das durchaus eleganter zu lösen sein, zumal beim Aufruf des Nuendo-Geräte-Menüs sämtliche Tango-Einträge darin zu sehen sind und nicht gerade zur Übersichtlichkeit beitragen. Stefan Mayer von For-Tune erklärt jedoch, dass SmartAV zurzeit an einer noch tiefer gehenden Integration des Tango in beide Steinberg-Produkte arbeitet. Dieser Zustand dürfte also eher temporärer Art sein und alsbald der Vergangenheit angehören.   Für den Test konzentrieren wir uns auf das Zusammenspiel zwischen Tango und der brandneuen Version Nuendo 5 von Steinberg (Test in dieser Ausgabe). Besonderheit: Unsere Testergebnisse und -Erfahrungen gelten gleichermaßen auch für den Betrieb mit anderen Sequenzern. Tango realisiert ein eigenständiges Bedienkonzept, das sich unabhängig macht von den individuellen Eigenheiten der einzelnen Produkte und ausnahmslos auf jeden Sequenzer angewendet wird. Die Hardware-Bedienelemente besitzen immer die gleichen Funktionen, das Layout der Bedienoberfläche im Touch-Screen ist ebenfalls immer gleich, was für ein kontinuierliches Arbeiten über Sequenzer-Grenzen hinweg sorgt. Unterschiede existieren nur dort, wo sie sinnvoll sind, etwa beim Ausführen spezieller Funktionen per virtuellem Tastendruck. Projektstudios, die mit verschiedenen DAWs in einem Netzwerk arbeiten müssen, können übrigens das Sequenzer-Programm bequem am Tango-Controller wechseln, wobei die Arbeitsweise am und mit dem Pult davon völlig unberührt bleibt. Wer bereits Erfahrungen mit Produkten wie etwa dem Mackie Control Pro (Test in Heft 5/2007) im Verbund mit verschiedenen Sequenzern gemacht hat, wird dies nicht hoch genug schätzen. Denn trotz austauschbarer Tasten-Bezeichnungs-Schablonen, führen die Funktions-Tasten im Mackie-Gerät für jeden Sequenzer unterschiedliche Befehle aus, was den Workflow behindert und ein gutes Gedächtnis erfordert, um dieser babylonischen Funktionstasten-Verwirrung Herr zu werden. In Tango ist davon nichts zu merken. Dafür gebührt SmartAV ein Sonderlob.

Wie es sich für einen Rechner gehört, muss auch das Tango-Pult erst einmal hochfahren. Danach scannt das Pult nach einem angeschlossenen Rechner nebst aktivem Sequenzer, was innerhalb von etwa zwei Minuten geschehen ist. Die Netzwerkverbindung erfolgt hierbei über das DHCP-Protokoll und erfordert keinerlei Eingriffe in die Netzwerkeinstellungen des DAW-Rechners. Beim Laden eines Projekts synchronisiert sich der Tango-Controller mit dem Projekt und holt sich sämtliche relevanten Mischpult-Daten des Projekts in den eigenen Speicher. Ist dies geschehen, zeigt der Touchscreen die Haupt-Bedienoberfläche, auf der die meiste Zeit gearbeitet wird. Zentrale Elemente sind darin acht identisch aufgebaute Spalten, die in direkter Flucht zu den Hardware-Channelstrips liegen und die auf einen Schlag alle wichtigen Sektionen eines Kanalzugs enthalten und somit im direkten Zugriff bereitstehen. Der virtuelle Mixer in Nuendo 5 bietet das beispielsweise nicht. Equalizer, Sends oder Insert-Effekte müssen per Tastendruck wechselweise im Nuendo-Mixer aufgerufen werden, was mit Tango Dank des eigenen Layouts der Vergangenheit angehört. Sehr löblich ist auch die Entscheidung, die wichtigsten Mischpult-Effekte – Equalizer und Kompressor – zwecks direktem Zugriff ebenfalls in die virtuellen Channelstrips zu integrieren. Wir sind jedenfalls schlicht und einfach begeistert von diesem einfachen wie genialen Layout-Kniff. Links von den virtuellen Channelstrips ist eine Menüspalte integriert über die sich unter anderem ein virtuelles Tastenfeld, das Systemeinstellungs-Menü sowie verschiedene Dialoge zum Anpassen der des Bildschirminhalts aufrufen lassen. Rechts von den Channelstrips liegt die Master-Sektion. Sie enthält einen Monitor-Controller und zeigt für den gerade aktiven Kanal eine Auflistung unter anderem der Equalizer-, Kompressor-, Aux-Send Einstellungen, der geladenen Insert-Effekte sowie den Kanalstatus. Wahlweise lässt sich dort auch ein Dialog zum Routen des Kanals auf Gruppen-, Effekt- oder Ausgangskanäle einblenden, oder eine Auswahl an virtuellen Buttons zum direkten Ausführen häufig gebrauchter Funktionen. Ein graphisches Display am Fuß der Mastersektion dient zum direkten Editieren der einzelnen Kanalzug-Sektionen. Ganz rechts zeigt eine Spalte 16 Felder, die zur Anzeige von Effekt-Parameter-Werten dienen und mit den Endlos-Drehreglern direkt daneben geändert werden können. Hierbei gilt, dass sich darin immer die Parameter des gerade in der DAW aktiven Effekts zeigen. Enthält ein Plug-in mehr als 16 Parameter, lassen sich diese über virtuelle Pfeiltasten sozusagen seitenweise auf die Regler routen. Besonderheit: Beim Berühren eines Drehreglers wird der damit verknüpfte Parameter automatisch auf sämtliche Drehregler der Channelstrips gelegt, was ein rasches Ändern desselben Parameters über mehrere Kanäle hinweg ermöglicht.

as Editieren in den einzelnen Kanalzug-Sektionen erfolgt kinderleicht. Sie dienen hierbei eher als Anzeige und führen die Funktion von Thumbnails aus. Durch leichtes Tippen auf die zu editierende Kanalzug-Sektion rufen wir eine vergrößerte Darstellung der Sektion im Edit-Display der Master-Sektion auf, in der wir anschließend durch Wischbewegungen oder Tippen mit dem Finger oder mit Hilfe der Drehregler-Leiste die gewünschten Einstellungen vornehmen. So lässt sich mit einer Fingerbewegung das gewünschte Equalizer-Band anwählen sowie das Gain und die Centerfrequenz verändern. Die Computer-Maus hat dabei Sendepause. Die Filtergüte regeln wir jedoch mit den sogenannten Active Controls – zwei Drehreglern für Grob- und Feineinstellung sowie ein Button – direkt unterhalb des Editor-Displays. Der Clou: Den beiden wichtigsten Mischpult-Elementen, dem Panner und dem Equalizer, haben die SmartAV-Entwickler besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Ein Druck auf das Lupen-Symbol lässt die Graphik-Displays fast bildschirmfüllend über den Channelstrip-Darstellungen erscheinen, in denen auf fast schon dekadent wirkende Art das Einstellen der Parameter ermöglicht wird. Wer an Surround-Projekten arbeitet, kann darin die Signale aller acht auf die Channelstrips gerouteten Kanäle mit Hilfe des großen Displays millimetergenau positionieren. Solch einen Luxus haben wir bislang noch nicht angetroffen. Aux-Sends sind ebenfalls über das Graphik-Display der Master-Sektion rasch einstellbar. Gleiches gilt auch für das Laden von Effekten in die Insert-Slots. Dazu tippen wir kurz die Insert-Sektion am Tango-Pult an, wählen im Editor-Display durch Fingerdruck den gewünschten Slot aus, woraufhin sich ein Fenster über die virtuellen Channelstrips legt, das sämtliche im DAW-Rechner enthaltenen Plug-ins in Form von Schaltflächen zeigt – je nach Anzahl seitenweise aufgeteilt. Wir wählen den gewünschten Effekt durch Druck auf die dazu korrespondierende Schaltfläche, bestätigen die Auswahl durch Druck auf den Change-Button, et Voilà: Der Effekt ist schon geladen und das ohne auch nur ein einziges Mal zur Maus oder dem Computer-Keyboard zu greifen. Durch Druck auf den Window-Button rufen wir geladene Effekte zwecks Editieren blitzschnell auf.

Die Hardware-Tastatur können wir im Test übrigens wirklich und wahrhaftig in Rente schicken. Während der gesamten Testdauer benötigen wir das Computer-Keyboard nur sporadisch, sei es zur Umbenennung von Spuren, zur präzisen numerischen Eingabe oder zum Verfassen von kurzen Notizen. Doch selbst dann ist das Hardware-Keyboard überflüssig, denn Tango offeriert über die linke Menüspalte ein virtuelles Pendant, das sich ebenfalls über die Kanalzüge legt. Damit lässt sich zwar nicht bequem im 10-Finger-System schreiben, aber für die Arbeit innerhalb einer DAW reicht es völlig aus. Mit dieser Lösung zeigen die SmartAV-Entwickler ein profundes Praxiswissen, das bisherige Lösungen aus Mischpult mit achtlos darauf abgelegtem Keyboard ad absurdum führt, was den nächsten Pluspunkt in Sachen Ergonomie, Workflow und Bedienkomfort bedeutet. Funktionen und Befehle jenseits der Mischpult-Funktionen, wie beispielsweise das Ausschneiden und Kopieren von Daten oder der Aufruf etwa des Key-Editors sind über den Edit-Panel-Button erreichbar, woraufhin sich wiederum ein Dialog aus Schaltflächen über die Bedienoberfläche legt. Die Befehle sind dabei sinnvoll in zehn verschiedene Kategorien aufgeteilt, die über die oberste Schaltflächenzeile wählbar sind. Darunter zeigen sich pro Kategorie bis zu hundert wählbare Funktionen, was wohl mehr als ausreichend ist. Das Definieren zusätzlicher Funktionen auf eine virtuelle Schaltfläche und auch auf die Hardware-Funktionstasten ist selbstverständlich auch möglich und geschieht komplikationslos, was über den Configure-Button geschieht und einen intuitiv bedienbaren Programmier-Dialog aufruft. Darin enthalten ist das virtuelle Keyboard zur Namensvergabe, eine Auswahl-Liste verfügbarer Sequenzer-Befehle und auch ein Menü zum Programmieren von Tasten-Kombinationen. Funktionen können dabei durch Druck auf die Taste oder erst beim Loslassen der Taste ausgeführt und auch in Kombination mit dem Jog-Wheel ausgeführt werden. Eigene Programmierungen sind nach Abschluss selbstverständlich im Tango-Gerät zu speichern, was über den Aufruf des System-Menüs und dem darin enthaltenen Speicherbefehl geschieht.

Das eigentliche Highlight im Tango-Controller verbirgt sich jedoch hinter der völlig unscheinbar wirkenden Miniatur-Channelstrip-Darstellung am oberen Rand des Touchscreens, „MonArc“ genannt. Primär gibt sich diese Sektion als Meter-Bridge inklusive Anzeige des Kanalstatus (Solo, Mute, Automation, et cetera) zu erkennen. Doch dahinter steckt noch viel mehr. Wir tippen auf eine hohe Kanalnummer, woraufhin sich dieser Kanal wie von Geisterhand auf den ersten Channelstrip legt und sich die nachfolgenden sieben Kanäle automatisch auf die weiteren Kanalzüge verteilen. Noch besser: Wir führen eine Wischbewegung mit dem Finger über die MonArc-Zeile aus und scrollen, ähnlich wie bei Bildlaufleisten eines Computer-Fensters, dynamisch und wieselflink durch die Kanalzüge. Das Aufrufen von Faderbänken über Tasten, wie etwa bei den Euphonix-Artist- oder den Mackie-Controllern ist nicht nötig. Tango erledigt das über das MonArc-Feature deutlich schneller und komfortabler. Je nach Bedarf lässt sich die MonArc-Sektion in drei Ansichten einstellen, wahlweise mit 27, 54 oder 108 Kanälen. Das Feature stammt noch aus den großformatigen Smart-Konsolen, das dort per Hardware realisiert ist und im Tango virtuell fortgeführt wird. Jedenfalls markiert das MonArc-Feature das zentrale Navigations-Werkzeug, das wir in solch einer Form bislang noch nicht bei einem DAW-Controller gesehen haben. Sie gestaltet das Abmischen und Handling von Kanälen atemberaubend komfortabel, womit wir bei der Organisation und dem Kanal-Management angelangt wären. Hierbei kommen primär die Hardware-Taster ins Spiel, mit denen sich eine Menge anstellen lässt, um zielgerichtet Kanäle aufzurufen, Einstellungen zu kopieren und auf andere Kanäle zu übertragen und dergleichen mehr. Ein wichtiges Bedienelement markiert dabei der Inject-Sensortaster in den Channelstrips. Mit seiner Hilfe „injizieren“ wir kurzerhand Sequenzerkanäle auf die Channelstrips, die weit auseinander liegen. Per Hold-Taster arretieren wir den eingefügten Kanal, so dass er beim Aufruf weiterer Kanäle über die MonArc-Leiste stehen bleibt. Einstellungen etwa im Equalizer kopieren wir durch Druck auf einen der beiden Memory-Taster in den Tango-Arbeitsspeicher und fügen diese Einstellung durch bloßes Berühren der Inject-Sensoren blitzschnell ein.

Das Gruppieren von Kanalzügen ist ebenfalls ein Klacks. Dazu bemühen wir den Group-Taster und wählen die zu verbindenden Kanäle durch Anfassen der Fader-Knöpfe aus. Die Plus- und Minus-Tasten erlauben das Hinzufügen und Entfernen von Kanälen aus dieser Gruppe. Anschließend ist es möglich, diesen Kanalverbund mit nur einem Fader gemeinsam zu bedienen. Die relativen Fader-Positionen, die selbstverständlich im Gruppen-Modus korrigierbar sind, ändern sich dabei nicht. Das Beste: Kanalgruppierungen sind am Pult durch Druck auf einen Kanal der MonArc-Leiste blitzschnell gesichert. Ein nochmaliger Druck auf diesen Kanal ruft die Gruppierung ohne Verzögerung wieder auf. Sehr nützlich sind auch der Smart-, All- und Solo Clear-Taster: Der Smart-Taster führt die Funktion eines Shift-Keys zum Aufrufen einer zweiten Bedien-Ebene aus, bezogen auf die im Tango bereitgestellten Funktionen. Der Shift-Key innerhalb der Transport-Sektion schickt seine Befehle hingegen an die DAW. Der All-Button wird in Kombination mit anderen Tasten genutzt, um auf einen Schlag Funktionen in allen Kanälen zu (de-)aktivieren. Ein Beispiel: Um sämtliche Kanäle auf Unity-Gain zu stellen, drücken und halten wir den Unity-Button und drücken anschließend den All-Taster und „Schwupps“ sind sämtliche Fader in Nullstellung gebracht. Der Solo Clear-Sensor ist in erster Linie dazu gedacht, auf solo gestellte Kanäle auf einen Schlag zu deaktivieren. Im Verbund mit weiteren Tasten führt der Sensor zusätzlich Aufgaben einer Escape-/Entfernen-Taste aus. Locator-Punkte, die auf eine der gleichnamigen Tasten in der Transport-Sektion programmiert wurden löschen wir, indem wir die Locator-Taste halten und auf den clear-Sensor fassen. Tango hält noch eine riesige Menge an weiteren Bedien-Features und Einstellmöglichkeiten bereit, die wir unmöglich komplett in diesem Artikel vorstellen können. Die hier vorgestellten Kern-Features sollten jedoch eine bildhafte Vorstellung von der Mächtigkeit des Controllers und seinen individuellen, teils einzigartigen Features geben.   Im Test haben wir uns nach dem Studium des informativen Handbuchs schnell in die Bedienung des Tango eingearbeitet. Das Editieren am Touchscreen ermöglicht uns ein derart komfortables Arbeiten, dass wir alsbald nicht mehr missen wollen. Dies ist nicht zuletzt dem Reaktionsverhalten des berührungsempfindlichen Bildschirms geschuldet. Wir brauchen nur sanft auf virtuelle Schaltflächen zu tippen, um Funktionen auszuführen. Parameteränderungen mit Hilfe von Fingerbewegungen erfolgen ohne Verzögerung oder ein ruckelndes Ändern des Displays, was für die hohe Qualität dieser Bauteil-Komponente spricht, die übrigens per Kalibrierungs-Funktion wiederherstellbar ist, falls einmal ein Druck auf einen Button nicht die erwartete Funktion ausführt. Je mehr wir in die Bedienung des Pultes einsteigen und seine besonderen Features nutzen, desto mehr kommen uns zwei Gedanken in den Sinn. Der erste: Mit den bisher von uns getesteten Controllern geht das, was wir in Tango veranstalten teils erheblich langsamer. Zweiter Gedanke: Beim Abmischen eigener Projekte kommen wir uns, geprägt durch den Touchscreen, wie Mr. Data an Bord des Raumschiff Enterprise vor, der hinter einer Steuerkonsole sitzend ebenfalls mit Fingerbewegungen auf einer Glasfläche das mächtige Raumschiff navigiert. Sicherlich, Touchscreens sind nun wahrlich keine revolutionäre Neuheit und finden sich mittlerweile auch in anderen Pro-Audio-Geräten wie etwa dem MC-Control-Modell von Euphonix und sogar in Fahrkarten-Automaten der deutschen Bahn. Doch in der Qualität und vor allem Größe ist uns bislang noch kein vergleichbares Gerät mit Touchscreen zum Test untergekommen. 

Fazit 

Mit Tango präsentiert der australische Hersteller SmartAV einen ausnahmslos exzellenten DAW-Controller mit atemberaubenden Features. Die Entwickler holen das Beste aus der Haupt-Komponente, dem riesigen 22-Zoll-Touchscreen raus und schaffen es erfolgreich, über individuelle Spezifikationen von Sequenzern hinweg ein allgemeingültiges Bedienkonzept zur Steuerung von DAWs zu entwickeln, mit dem das Abmischen von Projekten künftig noch leichter, komfortabler und vor allem schneller möglich ist. Glauben Sie uns, wer einmal damit gearbeitet hat, will nie wieder etwas anderes. Die Konkurrenz sollte aufpassen. 

Erschienen in Ausgabe 09/2010

Preisklasse: Spitzenklasse
Preis: 8900 €
Bewertung: sehr gut – überragend
Preis/Leistung: sehr gut

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