Präzise

Obwohl schon seit Jahrzehnten im Pro Audio-Geschäft, sind die Lautsprecher des italienischen Herstellers RCF hierzulande weniger bekannt. Mit den digitalen Nahfeldmonitoren der Mytho-Serie könnte sich das bald ändern.

Von Haral Wittig

Das italienische Unternehmen RCF, was für „Radio Cine Furniture“, zu Deutsch „Radio und Kino Ausstattung“ steht, wurde bereits 1949 gegründet. Das RCF-Hauptquartier befindet sich bis heute in der norditalienischen Industriestadt Reggio (n´ell) Emilia, die neben Agrartechnischen Produkten auch als Zentrum der Mechatronik bekannt ist. Der Schwerpunkt der RCF-Produktion liegt historisch bedingt bei Beschallungssystemen jeder Art, angefangen bei Durchsageanlagen bis, über kompakte Systeme für Musiker und Bands bis hin zu komplexen Alarm- und Evakuierungsanlagen und großen, sehr leistungsstarken Beschallungsanlagen für Live-Veranstaltungen.

Bereits seit den 1960er-Jahren etablierten sich die Italiener als OEM-Hersteller für Lautsprecherchassis und leistungsfähige Verstärker. Allerdings gibt es Lautsprecher beziehungsweise Beschallungssysteme mit dem RCF-Logo erst seit den frühen 1980er-Jahren. Mittlerweile gehört RCF zu einem größeren US-Konzern, die Produkte werden jedoch weiterhin komplett in Reggio Emilia entwickelt und gefertigt, was heutzutage bekanntlich eher die Ausnahme darstellt.
Obschon RCF in erster Linie professionelle, durchaus innovative Beschallungssysteme  über die Jahrzehnte gefertigt hat, stellten die Überzeugungstäter in Sachen Lautsprecher immer auch HiFi-Boxen und Studio-Monitore wie den RCF SDC6000 her. Aufbauend auf den Erfahrungen bei der Herstellung von Beschallungs- und HiFi-Lautsprechern sowie den Studio-Monitoren hat RCF zuletzt die die Mytho-Serie vorgestellt, bestehend aus zwei Modellen, dem großen Mytho 8, unserem Testkandidaten und dem kleineren Mytho 6. Die Mythos sind als aktive Nahfeldmonitore für kleine bis mittlere Räume konzipiert, setzen auf aktuelle DSP-Prozessor-Technik – sind also digitale Lautsprecher –komplett in Italien entwickelt und gefertigt. Trotzdem sind sie für einen vergleichsweise moderaten Preis zu haben: Der kleinere Mytho 6 geht für einen Stückpreis von knapp 1.100 Euro über den Ladentisch, der Mytho 8 schlägt mit rund 1.300 Euro zu Buche. Angesichts der aufwändigen Verarbeitung und der, wie wir gleich sehen werden, keineswegs alltäglichen technischen Spezialitäten der mattschwarzen Italiener verspricht dies – sofern es auch klanglich stimmt – ein sehr gutes Preis-Leistungsverhältnis.
Nähern wir uns den Mythos beziehungsweise unserem Testkandidaten und betrachten ihn genauer. Zunächst handelt es sich um einen aktiven Zwei-Wege-Lautsprecher in Bassreflexbauweise. Mit seinen 16 Kilogramm Lebendgewicht ist schon ein vergleichsweise fetter Brocken. Das erhöhte Gewicht kommt nicht von ungefähr, denn die Mytho-Monitore haben ein zweischaliges Gehäuse aus Aluminiumdruckguss, was per se schon mehr auf die Waage bringt als die MDF- oder Schichtholzgehäuse anderer Monitore. Das Gehäuse ist zur Vermeidung von Schallbeugungseffekten verrundet, die ausgeformte Mulde auf der Frontplatte, in deren Zentrum der Hochtöner sitzt, dient selbstverständlich als schallführendes Element, vulgo „Precision Directivity Wave Guide“, um ein optimales Abstrahlverhalten zu gewährleisten. Das Gehäuseinnere ist, um Innenresonanzen weitgehend zu minimieren, zusätzlich verstärkt und verstrebt. In puncto Fertigungsqualität gibt es rein gar nichts zu meckern, die Lackierung ist sehr sauber, die Aluschalen sind perfekt und gratfrei zusammengefügt.

Die Membran der Hochtöner-Kalotte besteht aus einer Aluminium-Magnesium-Legierung, ist mit einem hexagonalen Metallgitter geschützt und befähige den Hochtöner zu einer Darstellung hoher Frequenzen, die weit über den hörbaren Bereich hinausreiche. Die hohe Verwindungssteifigkeit der Schwingspule, die in Ferro-Fluorid getaucht ist, soll die Spitzenbelastbarkeit überdurchschnittlich erhöhen und auch bei hohen Pegeln Verzerrungen und Kompressionseffekte sehr gering halten. Dank einer optimal gedämpften Aussparung in der Polplatte sei die Grundresonanz des Schwingungssystems effektiv vermindert, das Chassis erhält zusätzlich eine hohe Stabilität durch die Fertigung aus glasfaserverstärktem Kunststoff.

Apropos hohe Pegel: Der Mytho 8 ist in puncto Endstufen-Bestückung, genauer bei der Leistung von Tief- und Hochtonkanal ein echter Kraftprotz: Mit jeweils 200 Watt für den Tiefton- und 100 Watt für den Hochtonkanal bieten die beiden Class A/B-Endstufen reichlich Verstärker-Power, dank groß dimensionierter Netzteile und Pufferkondensatoren sind die Endstufen von vornherein auf hohe, verzerrungsfreie Abhörlautstärken konzipiert. Zur optimalen Wärmeableitung – gerade wenn es laut und damit hitzig zugeht – sind die Ausgangsverstärker direkt mit dem Aluminium-Gehäuse verbunden, so dass die Wärmeenergie sofort und direkt abgeführt wird.
Die Mytho-Monitore sind digitale Lautsprecher, das heißt, dass die eingehenden Analog-Signale über einen A/D-Wandler mit 24Bit/96kHz-Auflösung digitalisiert werden, sämtliche Filtermöglichkeiten zur Anpassung an Abhörumgebung und Aufstellort– davon bietet die Mythos einige –, die Frequenzweiche, die Entzerrung des Systems sowie Übersteuerungsschutz mittels Soft-Limiter geschehen auf digitaler Ebene. Die Berechnung übernimmt ein DSP. Digitale Eingänge hat der Monitor allerdings nicht, der USB-Eingang  dient ausschließlich dem Aufspielen einer neuen Firmware, was aber dem Service vorbehalten bleibt.
Die Einstellung der verschiedenen Filter zur Feinabstimmung des Mytho an den Raum erfolgt über DIP-Schalter auf der Rückseite. Neben Shelving-Filtern für die Bässe („BASS ROLL OFF“), die Tiefmitten („BASS TILT“) und die Höhen („TREBLE TILT“), gibt es noch ein Hochpassfilter das bei 80 Hertz mit einer Steilheit von 12 dB/Oktave ansetzt sowie ein Glockenfilter bei 150 Hertz, das unerwünschte Reflektionen der Arbeitstisch- oder Mischpultoberfläche kompensieren soll. Hinter „Equalisation“, genauer hinter LINEAR POWER RESPONSE, verbirgt sich ein weiteres Glockenfilter, das in kleinen, ungenügend optimierten Räumen die Dominanz der tiefen Frequenzen zugunsten einer Anhebung bei einem Kilohertz um drei Dezibel ausgleichen soll. Davon sollte niemand allzu viel erwarten, denn eine unzureichende Akustik kann die Mytho-Elektronik nur eingeschränkt ausgleichen. 

Kommen wir zur Praxis, vor allem den Klangeigenschaften des Mytho 8. In puncto Leistung muss sich der Mytho 8 auch vor größeren Lautsprechern bis zum Mittelfeld nicht verstecken: Der Italiener verkraftet, wie vom Hersteller versprochen, auch hohe Pegel. Nach unserer Erfahrung treten  Kompressionseffekte erst ein, wenn der Pegel bereits ein Niveau erreicht hat, wo das Gehör überfordert ist und seinerseits verzerrt. Somit dürfte der Mytho 8 auch notorischen Lauthörern entgegenkommen. Die Qualität des Monitors zeigt sich aber bei moderaten, sprich sinnvollen Abhörlautstärken, denn er ist insgesamt linear abgestimmt und bietet eine sehr gute Feindynamik über den gesamten darstellbaren Frequenzbereich. Wobei der Italiener wie jeder Lautsprecher eine gewisse Einspielzeit – im Rahmen dieses Tests ist es circa eine Woche – benötigt, um zu überzeugen. Die Bässe sind tief und sauber, allerdings nicht ganz so trocken und fokussiert wie bei unserem Referenz-Monitor, dem ADAM S3-X-H. Der Mittenbereich ist sehr gut aufgelöst,  insgesamt ist die Wiedergabe in diesem wichtigen Frequenzbereich vorbildlich linear von den Tief- bis zu den Hochmitten. Deswegen ermöglicht es uns der Italiener bei einem sehr dichten Heavy-Instrumental mit allein sechs verzerrten Lead- und Harmonie-Gitarrenspuren die gezielte Feinjustage an den Einzelspuren, um ein differenziertes, durchhörbares Klangbild zu erzielen. Sowohl Bass- als auch Mittenwiedergabe des Mytho 8 gefallen uns schon im uneingespielten Zustand, insoweit verbessert sich der Monitor während der Testphase nur um Nuancen.
Eine Entwicklung zum deutlich Besseren macht hingegen die Höhenwiedergabe:  Beim ersten Hören klingen die Höhen etwas scharf und leicht kratzig, was so gar nicht zum hohen Anspruch des Herstellers passen will. Doch bereits nach wenigen Tagen Dauerbetrieb, läuft der Hochtöner zu großer Form auf: Bei sehr guter Impulstreue sind es vor allem sehr obertonreiche Signale wie laute Trompeten-Linien in der dritten Oktave, die der Mytho mit souveräner Lässigkeit an den Hörplatz bringt. Dabei ist vor allem die hohe Klarheit ohne schönfärberische Neigungen der Höhenwiedergabe zu loben. Ein wenig erinnert der Mytho 8 klanglich an den ehrwürdigen Genelec 1031A, was als Kompliment zu verstehen ist. Apropos Kompliment: Über jeden Zweifel erhaben ist die Raumdarstellung des Norditalieners. Bei einer unerschütterlichen, sehr stabilen Phantommitte ist das Stereobild vorbildlich breit, hinzu kommt eine spitzenmäßige Tiefenstaffelung – je nach Mischung versteht sich. Besser geht´s, zumindest mit einer konventionellen Chassis-Anordnung, nicht. Bravo.

Fazit

Mit dem Mytho 8 hat der italienische Traditionshersteller einen richtig guten Digital-Monitor geschaffen. Er überzeugt mit hoher Linearität, einem sehr guten Impulsverhalten, sehr guter Auflösung, einer exzellenten Raumdarstellung und lässt sich auch durch hohe Abhörpegel kaum aus der Ruhe bringen.

Erschienen in Ausgabe 07/2011

Preisklasse: Spitzenklasse
Preis: 1274 €
Bewertung: sehr gut
Preis/Leistung: sehr gut

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