Rechenzentrum

Schöne digitale Studiowelt – alle Komponenten sind vernetzt. Wirklich alle? Nein, die Abhöranlage ist meist noch analog. Doch auch dieses letzte Bollwerk lässt sich mit digitalen Monitoren wie den AIR 6 von Dynaudio knacken. 

Von Harald Wittig

Die dänische Lautsprecherschmiede Dynaudio stellte in Kooperation mit den Softwaretüftlern von TC Electronic die volldigitale AIR-Serie erstmals 2002 vor: Sie umfasst inzwischen die beiden Zweiwege-Aktiv-Monitore AIR 6 und AIR 15, den Dreiwege-Semiaktiv-Monitor AIR 20, sowie zwei passende Subwoofer, AIR Base 1 und AIR Base 2 genannt. Die Nomenklatur legt es nahe: Je größer die Zahl, desto mehr Volumen haben die Boxen. Die getesteten AIR 6 sind somit die kleinsten Lautsprecher der Serie.

Auf den ersten Blick unterscheiden sich die AIR 6 kaum von konventionellen analogen Zwei-Wege-Bassreflex-Lautsprechern. Die Besonderheiten stecken verborgen im Innern: Dort bearbeiten D/A-und A/D-Wandler, Prozessoren und Verstärker Hand in Hand mit der von TC Electronic entwickelten Betriebssoftware die Audiosignale. Damit nicht genug: Hard- und Software ermöglichen den Lautsprechern über ein Netzwerkkabel miteinander zu kommunizieren. Desgleichen können sie über einen Computer mit einer speziellen Software ferngesteuert werden. Die Vernetzung der Lautsprecher untereinander und mit einer zentralen Kontrolleinheit (PC/MAC oder Digitalpult) ist möglich.

Stichwort Vernetzung: Es gibt zwei Arten von AIR-Monitoren, einen Master und einen Slave. Der Master ist der Chef im Abhörnetzwerk: Zuständig ist er für die grundsätzliche Struktur der Anlage; beispielsweise Stereo digital. Über ihn werden sämtliche Grundeinstellungen, zum Beispiel Lautstärke und Raumanpassung, vorgenommen. Außerdem ist nur der Master mit der Audioquelle verbunden und bearbeitet die Signale. Diese reicht er über das Netzwerkkabel an den ihm untergeordneten Slave weiter. Dieser gibt dann als dienstbarer Geist aus, was ihm der Master befiehlt.

Sehen wir uns den Signalbearbeitungsprozess näher an: Der Master empfängt ein analoges Signal. Dieses wird zunächst in seinem A(nalog)/D(igital)-Wandler digitalisiert. Dabei arbeitet der Monitor intern immer mit der höchstmöglichen Auflösung und Samplingrate. In Zahlen ausgedrückt sind das 24 Bit/96 kHz. Das nunmehr digitale Signal geht an den Prozessor, von da zunächst an den Digitalen Signal Prozessor (DSP). Er hat die Aufgabe, das Signal auf die Chassis zu verteilen. Die Audiosignale ab 2.150 Hz empfängt der Hoch-, die darunter der Tieftöner. Schließlich wird bei allen AIR-Monitoren die Musik von digitalen Verstärkern hörbar gemacht – ein weiterer Wandler ist nicht vonnöten.

Empfängt der Master ein digitales Signal, ist der Eingangswandler ebenfalls beschäftigt und bearbeitet die digitalen Informationen. Handelt es sich beispielsweise um ein Signal nach dem Audio-CD-Standard, so werden diese 16 Bit/44,1 kHz in 24 Bit/96kHz gewandelt. Wie aufwändig dieser Vorgang ist, macht ein Beispiel aus der Praxis deutlich: Stellen Sie sich vor, sie vergrößern ein digitales Bild von 100 dpi auf 300 dpi. Das Ergebnis überzeugt sie nicht: Zwar ist das Bild nun schön groß, aber vor lauter Pixeln erkennen Sie das Motiv kaum noch. Sie gehen dann daran, das Bild mit einer Bildbearbeitungs-Software zu interpolieren. Vergleichbar muss auch ein digitaler Klangwandler die Unschärfen (hier sind es Lücken in der Signalkurve), die beim Erhöhen der Samplingrate entstehen, ausgleichen. Dies erfordert einiges an Arbeit, so dass das Rechenzentrum in einem Master-Monitor tüchtig beschäftigt ist.  Das bearbeitete Signal sendet der Prozessor des Masters dann an den Slave.

Fürs Auge bieten die AIR 6 wenig: Mit dem mausgrauen MDF-Gehäuse setzt Dynaudio eher auf Sachlichkeit und Understatement. Auffällig ist allerdings die konvex beschnittene Gehäusefront. Dies ist kein Design-Gag, sondern soll so genannte Interferenzen im Mittel- Hochton-Bereich vermeiden und dadurch besonders die räumliche Abbildung der Musik verbessern.
Die Abmessungen der Boxen entsprechen denen eines Kompakt-PCs, so dass sie unschwer auch in beengten Projektstudios Platz finden. Der Master hat als Rechenzentrum ein beleuchtetes LCD-Display über das sämtliche Einstellungen erfolgen. Der Slave benötigt nur zwei LEDs, die über den Betriebszustand und die Verbindung mit dem Master informieren.

Auf der Rückseite unterscheiden sich Master und Slave durch die Anzahl der Anschlüsse. Beim Master herrscht Anschlussvielfalt: zwei analoge Eingänge (XLR), ein digitaler Eingang (AES) und ein Word Clock BNC Sync-Anschluss zum Synchronisieren mit einem Digitalpult. Als Herr des Netzwerkes verfügt der Master außerdem über drei Ethernetbuchsen, die mit TC-Link bezeichnet sind. Darüber wird er mit maximal zwei Slaves verbunden. Die dritte Buchse dient dem Anschluss an einen Computer zum Konfigurieren aller Lautsprecher. Dafür wird eine spezielle Steuersoftware, die AIR-Soft, mitgeliefert. Da der Slave keine Audioeingänge benötigt, befinden sich auf seiner Rückseite lediglich zwei TC-Link-Buchsen. Eine dient logischerweise der Verbindung mit dem Master. Die zweite Buchse ermöglicht entweder die Steuerung über den Computer oder es lässt sich ein weiterer Slave daran anschließen: Netzwerkfähigkeit ist Trumpf, auch aufwendige Surround-Netzwerke lassen sich somit einrichten.

Wer gewohnt ist, seine Monitore an die Signalquelle anzuschließen und gleich loszulegen, muss umdenken. So einfach geht es  nicht. Auch ein Abhörnetzwerk will erst eingerichtet sein. Und das ist bei der AIR 6 ziemlich umständlich. Intuitiv findet wohl kaum ein User den Weg durchs Einstelldickicht. Dies liegt zum einen an der Menüführung des Mäusekinos (LCD-Display), zum anderen an der Bedienungsanleitung. Diese ist dermaßen schlampig verfasst, dass Benutzerfehler fast zwangsläufig sind. Unser Tipp: Schonen Sie ihre Nerven und installieren sie AIR-Soft. Die Installation ist unter Windows in wenigen Minuten erledigt. Danach können Sie den Master(-Lautsprecher) mit dem Computer verbinden und alle Einstellungen sind nach wenigen Mausklicken erledigt. Ein kleines Häkchen gibt es aber auch hier: Die Monitore lassen sich nicht per Ethernetkabel an die passende Buchse des Computers anschließen. Sie benötigen eine serielle Schnittstelle (Serial Port). Sollte an Ihrem PC keine mehr frei sein, ist ein spezieller Adapter (USB to Serial Port) nötig. Den liefert der Hersteller nicht mit. Dass es auch anders und besser geht, beweist JBL (vergleiche den Test der LSR 4328 P, Seite XXX): Dort genügt ein schlichtes USB-Kabel.

Nach erfolgreicher Installation erkennt die AIR-Soft die Monitore automatisch und schlägt im Set-up-Menü verschiedene Konfigurations-Varianten vor. Sobald aus beiden Lautsprechern rosa Rauschen zu hören ist, kann die Abhörlautstärke eingepegelt werden, die Anlage ist konfiguriert und spielbereit. Übrigens: Dynaudio stellt die neuesten Updates der AIR-Soft und der Betriebssoftware der Monitore regelmäßig zum kostenlosen Download auf der Website (www.dynaudioacoustics.com) bereit.

Im Hörtest von Professional audio Magazin reicht der stilistische Rahmen von Klassik, solistischen Instrumental-, Sprach- und Gesangsaufahmen, über akustischen und elektrischen Jazz bis hin zu Mainstream Rock und Pop Musik. Selbstredend wurden auch die eigenen Produktionen in den Hörtest mit einbezogen.

Erster Eindruck: Die AIR 6 Monitore lösen sehr fein und detailgenau auf. Sofern bei der Aufnahme die Klangcharakteristik von Instrumenten und Stimmen eingefangen wurde, geben die Monitore diese genauestens wieder: Der Unterschied im Klang eines Bösendorfer- und eines Steinway-Flügels wird auch für unerfahrene Ohren nachvollziehbar: Der Bösendorfer klingt wundervoll lyrisch und weich, der Steinway im Klang dafür modulationsfähiger, indem er je nach Anschlag des Pianisten seine Klangfarben und den Grundklang hierauf anpasst.

Bei akustischen Gitarren werden Spieltechnik (Plektrum oder Finger-/Nagelanschlag) einerseits, Anschlagsregister (Steg/Schalloch/Griffbrett) in ihren klangfarblichen Schattierungen in allen Tonwerten dargestellt. Diese Präzision geht einher mit einer Trennschärfe bei der Abbildung einzelner Instrumente, die es ermöglicht, Instrumente, die Melodien unisono (gleiche Tonhöhe) spielen und deren Frequenzbereiche sich teilweise überschneiden, zu unterscheiden: So wird der Flügel und eine perkussiv, mit Plektrum gespielte Nylonsaiten-Gitarre bei einem sehr dichten akustischen Arrangement sehr trennscharf abgebildet. Die hohe Trennschärfe erleichtert die Wahrnehmung der räumlichen Staffelung von Instrumenten und Sängern auch bei dichten Arrangements spürbar. Denn entsprechende Einstellungen an Gain- und Panreglern lassen sich sofort überprüfen. Es wird ein Leichtes, beim Mischen Räume zu öffnen und Instrumenten oder Sängen bestimmte Plätze zuzuweisen. Beispielsweise kann die Test Crew bei einer akustischen Worldmusik-Aufnahme, bei der Konzertflügel, Kontrabass, Schlagzeug und Nylonsaitengitarre beteiligt und äußerst beschäftigt sind, folgendes problemlos nachvollziehen: Der Akustikgitarrist löst sich mit Beginn seines Solos aus dem Ensemble, tritt nach vorne, bewegte sich langsam von rechts zur Mitte hin, um schließlich beim Abfeuern einer besonders virtuosen Passage ganz im Vordergrund zu stehen; nach dem Solo reiht er sich wieder ins Ensemble ein. Was die kleinen AIR 6 Monitore hierbei an räumlichem Auflösungsvermögen leisten, hat wirklich Klasse.

Allerdings stoßen die AIR 6 Monitore bei Aufnahmen, die sehr hoch, hart an der Grenze zum Clipping ausgesteuert sind und bei weit aufgedrehtem Lautstärkeregler an ihre Leistungsgrenzen: Der Klang wirkt dann gestaucht und komprimiert, die ansonsten ausgezeichneten Abbildungsleistung geht verloren. Bei den kleinen AIR 6 Monitoren ist der Abhörpegel ab Werk auf den Wert von +12 dB begrenzt; noch höhere Pegel ergeben keinen Sinn mehr, da die dann auftretende Kompression die grundsätzlich feine Auflösung im zunichte machen würde.

Auch bei der Basswiedergabe liefern die AIR 6 Monitore achtbare Ergebnisse: Sie geben Bässe weitgehend klar konturiert und fokussiert wieder. Ein Ausbrechen zu den Seiten hin gestatten die Lautsprecher nicht. Kommen die Bässe von traditionellen Instrumenten, überzeugen die AIR 6 vollauf: Einen Kontrabass beispielsweise bilden sie sehr plastisch ab, gleichgültig, ob dieser gezupft oder gestrichen wird. Dagegen bleiben sie bei elektronischen Bässen (zum Beispiel bei Drum’n’Bass oder Techno), ein wenig brav lassen die Bässe nicht so recht knallen. Als Ergebnis bleibt festzuhalten: Hohe Lautstärken und dominante elektronische Bässe bringen die kleinen Grauen in Verlegenheit. Die Mitten- und Höhen-Wiedergabe der AIR 6 Monitore ist dagegen vorzüglich.

Fazit

Wer beabsichtigt, seine analoge Abhöranlage durch eine volldigi-tale zu ersetzen, sollte Dynaudios AIR-Serie bei der Planung berücksichtigen: Hier stimmt das Verhältnis von Preis und Leistung, denn bereits die beiden Kleinsten, die AIR 6 Monitore, überzeugen vor allem in punkto Klang und Räumlichkeit und genügen weitgehend auch hohen Ansprüchen.

 

Erschienen in Ausgabe 05/2006

Preisklasse: Spitzenklasse
Preis: 1730 €
Bewertung: sehr gut
Preis/Leistung: sehr gut

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