Notenpapier-Dschungel adé

Mit dem digitalen Notenpult MusicPad Pro soll endlich Ordnung in die eigene Partitursammlung kommen und das Musizieren nach Noten so komfortabel werden wie noch nie.

Von Harald Wittig

Das amerikanische Unternehmen Freehand Systems, einer der größten Online-Vertriebe für Noten in digitalisierter Form, will mit seinem digitalen Notenpult MusicPad Pro das leidige Suchen nach verlegten Notenblättern vergessen und das Musizieren nach Noten besonders bequem machen. Konzipiert als Notebook für Musik – insoweit vergleichbar mit den so genannten E-Books (elektronischen Büchern) – sollen Musiker ihre Notenbibliothek auf dem MusicPad abspeichern können. Da es nur knapp zwei Kilogramm leicht und kaum größer als ein DIN-A4-Blatt ist, passt es in jeden Rucksack, so dass der Musiker sein komplettes Repertoire mit sich führen könne. Damit nicht genug: Der berührungsempfindliche Touch-Screen-Bildschirm erlaubt – so verspricht es der Hersteller – nicht nur geschwindes Umblättern, gleichzeitig lassen sich damit Notizen, Anmerkungen und Korrekturen direkt in die Noten einzeichnen. Schließlich ließen sich mehrere MusicPads über USB oder Ethernet vernetzen. Das hat beispielsweise beim Gruppenunterricht den Vorteil, dass der Lehrer Anmerkungen für seine Schüler macht, und die entsprechend ergänzten Noten direkt an die MusicPads seiner Schüler schickt. Oder ein Dirigent leitet die korrigierte Partitur an die Ensemblemitglieder weiter, damit diese ihre Einzelstimmen entsprechend ergänzen können. Ob dies in der Praxis reibungslos funktioniert, ist nicht Gegenstand dieses Tests, da Professional audio Magazin nur ein MusicPad zur Verfügung stand. Daher wird nachfolgend geklärt, was das anthrazitfarbene Digital-Notenpult aus Sicht des Praktikers zu bieten hat und welche Vorteile es Musikern, die häufig mit umfangreichem Notenmaterial arbeiten, bringt. Immerhin kostet das MusicPad Pro 1000 Euro. Da interessiert es schon, was in ihm steckt und ob es seinen Preis wert ist.

Das Music Pad Pro ist sauber verarbeitet, sein Kunststoffgehäuse macht einen soliden Eindruck, denn es steckte im Verlauf des Tests auch einen Sturz aus einem halben Meter Höhe ohne erkennbare äußere und innere Schäden weg. Dank seiner beiden aufladbaren Nickel Hydrid-Akkus kann es auch ohne das mitgelieferte Netzteil betrieben werden, was gerade bei Konzerten oder auf Zugreisen günstig ist. Bei voller Akkuladung reicht die Energie wie vom Hersteller versprochen für fast vier Stunden, allemal genug für ein Konzert. Allerdings kann der Benutzer die Akkus, wenn dies erforderlich wird, nicht selbst gegen neue ersetzen – hierfür muss er das Gerät einschicken.

Fürs erste Kennenlernen genügt es, das MusicPad hochzufahren. Nach kurzer Zeit erscheint der Hauptbildschirm, der über die installierte Version der Betriebssoftware MusicPad Pro informiert und mit einer übersichtlichen Werkzeugleiste auskommt. Ansonsten ist er aber erst mal blütenweiß und rein. Das lässt sich schnell ändern: Auf dem internen, 64 Megabyte kleinen Speicher, befinden sich in dem Ordner „Samples“ bereits Notenbeispiele im Hersteller-eigenen Freehand-Format. Diese können direkt aufgerufen und angezeigt werden, es handelt sich bei diesen Partituren aber nur um Exzerpte. Die vollständigen Noten und über 90.000 weitere Titel können Interessierte im Freehand Systems Online-Shop (www.freehandmusic.com) käuflich erwerben. Notensatz und Layout sind jedenfalls sehr sauber, unpraktische Wendestellen sind zumindest bei den Auszügen nicht erkennbar. Der interne Speicher des MusicPads erscheint zwar klein, aber Platz für etwa 1.500 Seiten ist allemal, denn die Freehand-Dateien haben in etwa die Größe von PDFs. Falls das dennoch nicht reichen sollte: Im Lieferumfang ist ein 512 Megabyte USB-Memorystick enthalten – hierauf dürfte beispielsweise Bachs komplette Kammer- und Klaviermusik im Freehand-Format locker unterzubringen sein.
Jede Partitur kann wahlweise im Hochformat – dann immer nur eine Seite – oder im Querformat angesehen werden. Das farbige LCD-Display hat eine Auflösung von 1024 x 768 Pixel und gestattet einigermaßen stressfreies Notenlesen sogar bei frontalem Lichteinfall oder seitlichem Einblickwinkel, denn es ist gut entspiegelt.
Im Querformat hat der Benutzer die Wahl: Entweder kann er nur jeweils eine Seite oder zwei Seiten nebeneinander anzeigen lassen. Das ist bei Chor-, Orgel- und Orchesterpartituren von vorausschauendem Vorteil. Ziemlich pfiffig ist die so genannte Look Ahead-Option, zu Deutsch „Vorschauansicht“: Ist sie aktiviert, sieht der Musiker ohne Umblättern zu müssen, bereits die erste halbe Seite des darauf folgenden Notenblatts. Auf diese Weise kann er ein Stück flüssig durchspielen, ohne mitten im Lauf umblättern zu müssen. Dank des Touch-Screens ist das Umblättern tatsächlich äußerst bequem: Es genügt ein leichtes Antippen mit der Fingerkuppe oder dem mitgelieferten Kunststoff-Stift auf die rechte oder linke Seite des Bildschirms, um zur nächsten beziehungsweise vorherigen Seite zu springen. Wer es noch komfortabler wünscht, kann sich für rund 50 Euro den optionalen Fußschalter gönnen und damit, ohne die Hände vom Instrument nehmen zu müssen, umblättern – gerade für Konzerte ein nützliches Zubehör. Das MusicPad wird leider ohne jede Aufstellhilfe geliefert. Das schränkt den praktischen Nutzwert des Pultes ein, denn mit seiner Tiefe von viereinhalb Zentimetern steht es nur auf einem großen Orchesterpult sicher. Für rund 100 Euro gibt es einen Spezialständer, der einen einigermaßen stabilen, wenngleich nicht unbedingt grundsoliden Eindruck macht. Für rund 60 Euro gibt es aber bereits Orchesterpulte aus Stahl, die deutlich unerschütterlicher sind und auf deren Notenauflage das MusicPad sicher Platz findet. Wer sich den teuren Spezial-Ständer dennoch leisten möchte, bekommt immerhin ein absolut brauchbares Tischstativ mitgeliefert, wenngleich bei dem hohen Verkaufspreis eine Vorrichtung zur Tischaufstellung drin sein sollte.

Das MusicPad hat ein eingebautes Metronom und bietet auch Stimmtöne, was fürs Üben per se prima wäre, denn gerade Stimmgabeln und Metronome sind schneller verlegt, als sich der Musiker versieht. Zur Nutzung beider Funktionen hat der interne Soundchip praktischerweise einen Audio-/Kopfhörerausgang, der aber in der Grundausstattung völlig nutzlos ist, denn es fehlt die benötigte Abspiel-Software. Die ist nämlich Teil der so genannten Premium-Tools. Selbige können zwar von der Freehand Systems–Website herunter geladen werden, allerdings nicht kostenfrei: Der erforderliche Registrierungs-Code kostet 50 Dollar und ist außerdem nur direkt von Freehand Systems zu beziehen – über den deutschen Vertrieb Klemm Music ist das bislang noch nicht möglich.

Eine wesentliche Besonderheit dieses Digitalpultes ist die Möglichkeit, eigene Notizen direkt über den LCD-Monitor in die Noten einzuzeichnen. Dafür gibt es eine zusätzliche Werkzeugleiste, die so genannte Annotation-Toolbar (Werkzeugleiste für eigene Anmerkungen), die eine Reihe von Bearbeitungswerkzeugen bereithält. Dank der instruktiven Icons/Symbole erschließt sich die jeweilige Funktion weitgehend von selbst – wichtig, denn beim MusicPad dominiert die englische Sprache, ein deutschsprachiges Handbuch gibt es zurzeit ebenfalls noch nicht. Klemm Musik Technology, der deutsche Vertrieb will hier allerdings nachbessern und in Kürze eine deutschsprachige Bedienungsanleitung anbieten.
Zurück zu den Anmerkungswerkzeugen: Der Benutzer kann beispielsweise bestimmte Stellen in der Partitur farbig anleuchten, Texte einfügen, einzelne Noten oder ganze Zeilen komplett löschen und neue Noten einfügen. Die Anwahl der Werkzeuge erfolgt entweder mit dem Finger oder besser mit dem Stift, der zumindest fürs grobe Malen gut geeignet ist. In der Theorie ist es damit auch möglich, direkt von Hand in die Partitur zu schreiben, ohne dass es des Textwerkzeugs bedürfte. In der Praxis kommt dabei aber keine echte Freude auf, denn das Schreiben ist, auch wenn die Ansicht über das Zoomwerkzeug auf 300 Prozent vergrößert ist, sehr gewöhnungsbedürftig. Es fühlt sich ein wenig an wie das Schreiben und Malen mit der Maus in einem Paint-Programm und erfordert einiges Geschick. Zumindest im Verlaufe des Tests gelingt es nicht, einigermaßen leserliche handschriftliche Notizen zu machen.
Um das Schreiben kommt der Benutzer in der Praxis aber nicht herum, denn die Eingabemöglichkeit für ergänzende Noten ist deutlich eingeschränkt: Zum einen lassen sich Noten gleichen Werts nicht verbinden, zum anderen müssen Hilfslinien händisch eingezeichnet werden. Auch die Eingabe von Fingersätzen über das Textwerkzeug funktioniert nicht zufriedenstellend, denn trotz vieler Versuche war es nicht möglich, Fingersatzbezeichnungen exakt den einzelnen Noten zuzuordnen. Das beliebige Verschieben von Textzeilen wie in professionellen Notensatzprogrammen erlaubt das MusicPad nicht.
Wirklich gut ist dagegen, dass sämtliche Änderungen die Originalpartitur unangetastet lassen: Das MusicPad speichert auf Wunsch eine Kopie im selben Verzeichnis, so dass beide Fassungen jederzeit geöffnet werden können. Das ist durchaus praktisch gedacht, denn die Dateien werden je nach Anzahl der Anmerkungen immer größer, was die Ladezeiten beim Umblättern im Einzelfall – gerade bei sehr umfangreichen Werken – spürbar erhöht. Da ist es umso praktischer, dass der Benutzer jederzeit auf das unbehandelte Original zugreifen kann.

Wer seine Notenbibliothek auf dem MusicPad abspeichern und darstellen möchte, muss die Partituren ins Freehand-Format konvertieren. Das erledigt die mitgelieferte Software, der MusicPad Manager im hierfür obligatorischen Rechner (Mac oder PC). Das Programm verwaltet außerdem die Partituren und über den Music Pad Manager erfolgt auch der Datenaustausch mit dem Notenpult. Die Installation des Programms ist einfach und schnell erledigt. Gleichzeitig werden ein Hilfsprogramm für die Konvertierung der Noten und alle benötigten Treiber mitinstalliert, denn das MusicPad kommuniziert mit dem Rechner beziehungsweise dem Verwaltungsprogramm über USB.

Die Konvertierung von Noten im PDF-Format ist kinderleicht und blitzschnell erledigt. Über den so genannten File Manager lassen sich die nun als Freehand-Partitur vorliegenden Noten direkt an das Pult schicken, was dank der hilfreichen grafischen Benutzeroberfläche jedermann gelingen sollte, außerdem ist auch die Bedienungsanleitung reichlich bebildert.
Wer seine Finale- oder Sibelius-Partituren konvertieren möchte, muss etwas anders vorgehen, denn hier erfolgt die Konvertierung über die entsprechenden Druckoptionen dieser Programme. Anstelle des Hardware-Druckers ist lediglich der virtuelle Freehand-Printer auszuwählen, die Konvertierung erfolgt automatisch. Das funktioniert aufs erste Hinsehen ebenfalls sehr gut. Auf den zweiten Blick ist dann aber erkennbar, dass Finale-, Sibelius- und Freehand-Layouts nicht zusammenpassen. Bei den jeweiligen Testdrucken sind die eigenen Sibelius-Partituren an den Rändern beschnitten, bei einer mit dem Finale Notepad erstellten Partitur ist die letzte Zeile nicht vollständig. Dem kann abgeholfen werden, denn Freehand Systems bieten für Sibelius und Finale verschiedene Hilfsmittel, namentlich Stilvorlagen die das Partitur-Layout MusicPad- beziehungsweise Freehand-kompatibel machen. Diese wichtigen Hilfsmittel müssen allerdings einmal mehr herunter geladen werden, dabei wäre es sicher kein großer Akt seitens des Herstellers, sie mit auf die CD zu packen. Es gibt aber zwei kleine Tricks, mit denen sich diese Probleme elegant umgehen lassen: Praktisch alle guten Notensatzprogramme bieten die Möglichkeit, die Partitur als Grafik-Datei im Tiff-Format zu exportieren. Tiffs konvertiert der MusicPad Manager anstandslos. Deswegen gelingt auch das Einscannen von Noten und nachträgliche Konvertieren problemlos, sofern die gescannte Partitur als Tiff-Datei abgespeichert wird. Eine weitere Möglichkeit ist die Konvertierung der Partitur in eine PDF-Datei. Das ist mit Freeware-Programmen wie dem PDF-Creator schnell erledigt. Über diesen Umweg gelingt es im Test sogar, die Partituren des kostenlosen Gitarren- und Bass-Notationsprogramms Power Tab Editor fürs MusicPad lesbar zu machen. Ein Versuch über den Freehand-Printer scheitert nämlich kläglich – die Freehand-Partitur ist gänzlich unleserlich.
Das MusicPad ist nicht auf die Darstellung von Noten beschränkt. Ebenso lassen sich mithilfe des Freehand-Printers beispielsweise Word-Dokumente auf den Schirm bringen. So können Musiker auch Konzertprogramme, Termine und dergleichen abspeichern. Auch Musiker, die bisher drei große Koffer voll mit Drucksachen geschleppt haben, müssen insoweit keine Platzangst haben: Dafür gibt es schließlich den USB-Sticks und allein auf den mitgelieferten 512 MB-Stick finden schon rund 12.000 Seiten Platz.

Fazit

Trotz überzeugendem Grundkonzept und weitgehend einfacher Handhabung hinterlässt das MusicPad einen zwiespältigen Eindruck: Für Musiker, die ständig mit umfangreichem Notenmaterial arbeiten, ist es durchaus attraktiv, denn benötigte Partituren sind schnell verfügbar und lassen sich jederzeit und praktisch überall mit Notizen versehen und in Grenzen bearbeiten. Allerdings erfordert das Digitalisieren des eigenen Repertoires einige Kunstgriffe, die sich nicht jedem sofort erschließen. Hinzu kommt, dass trotz des hohen Anschaffungspreises unverzichtbares Zubehör wie der Ständer und der Fußschalter hinzugekauft werden müssen und der an und für sich praktische Audio-Ausgang nur nach kostenpflichtigem Software-Upgrade nutzbar ist.

Erschienen in Ausgabe 09/2007

Preisklasse: Oberklasse
Preis: 1000 €
Bewertung: gut
Preis/Leistung: befriedigend

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