Der Optimierer

Den D/A-Wandlern der amerikanischen Marke Apogee eilt ein legendärer Ruf voraus. Ob ihm das Modell Rosetta 200 gerecht wird, klärt ein Hör- und Messtest. 

Von Hans-Günther Beer 

Als kurz nach dem weltweiten Start der Audio-Digitaltechnik, Mitte der 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts, die Fachwelt noch über die Vor- und Nachteile von Oversampling und verschiedene Bit-Raten diskutierte, bauten die Entwickler der amerikanischen Firma Apogee Electronics Corporation schon ihre ersten Digital-Filter. Unter Insidern galten die Produkte aus dem kalifornischen Santa Monica schnell als der Standard für die Studiotechnik. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Digital-Wandler aus dem Hause Apogee stehen heute weltweit in unzähligen Studios.

Das über die Jahre gesammelte Know-how der Ingenieure über alle Details rund ums Wandeln analoger Musiksignale in digitale – und natürlich umgekehrt – floss auch in den zweikanaligen Wandler Rosetta 200 ein. Betrachtet man die Featureliste des eleganten Flachmanns wird schnell klar: Die Ingenieure haben sich eine Menge einfallen lassen. Zuerst einmal bietet der kleinste stationäre Wandler aus dem Hause Apogee den heute schon in der Mittelklasse dieser Gerätegattung fast üblichen Standard von je zwei Analog-/Digital- und Digital-/Analog­wandlern mit 24 Bit-Auflösung bei einer Abtastrate von bis zu 192 Kilohertz. Das ist für sich genommen, nichts Aufregendes. 

Allerdings stattete die Entwickler das Gerät mit einem überaus flexiblen Ein- und Ausgang-Management aus, das keineswegs alltäglich ist. So lassen sich sowohl analoge Signale über die beiden XLR-Anschlüsse, als auch digitale Daten via optischem Toslink-Anschluss (wahlweise im S/PDIF- oder ADAT-Format) über koaxiale Cinch-Buchsen oder über XLR-Anschlüsse im AES/EBU-Format einspeisen. Das gleiche gilt sozusagen spiegelbildlich für die Ausgänge. Auch dort stehen alle heute üblichen Anschluss- und Signal-Formate zur Verfügung.

Als typischer Spezialist unter den Wandlern unterstützt der Rosetta das so genannte Sample Multiplexing für die ADAT- und AES-Formate. Da das ADAT-Format ursprünglich per Definition nur Sampleraten bis 48 Kilohertz verarbeiten konnte, musste man für höhere Sampleraten bis 96 Kilohertz die Kanalzahl von acht auf vier pro Lichtleiter halbieren. Der Rosetta beherrscht diese so genannten S/MUX-Signale ebenso wie das Double Wide-Verfahren [G] für AES-Signale. Für den Rosetta als Stereogerät, spielt die Halbierung der Kanalzahl für S/MUX keine Rolle. Da er nur zwei Wandlerzüge besitzt, also mit zwei Kanälen deutlich unter der Obergrenze von vier Kanälen im S/MUX-Modus bleibt, verdauen die ADAT-Eingänge beide Formate ohne die Notwendigkeit, Umschalten zu müssen..

Doch damit nicht genug. Unter dem Begriff Coda fassten die Apogee-Ingenieure ein Paket von Zusatztools zusammen, die den Recording-Alltag enorm erleichtern sollen. Da ist einmal das Optimizer genannte Werkzeug. Mit seiner Hilfe lassen sich die Eingangspegel und damit die Aussteuerung der Analog-Digital-Wandler so maximieren, dass sie die volle Dynamik des Wandlers ausnutzen ohne ihn zu übersteuern. Selbst für erfahrene Toningenieure ist es immer wieder ein kleines Abenteuer sich schrittweise an diesen 0-dBfs-Punkt, also digitale Vollaussteuerung, heranzutasten. Diesen Punkt möglichst exakt zu treffen, ist jedoch enorm wichtig. Denn wird er während einer Recording-Session überschritten, ist die Aufnahme unweigerlich wegen dann schlagartig auftreten enormen Verzerrungen verdorben. Bleibt man aus Sicherheitsgründen auf zu großem Abstand, wählt also den Headroom zu tolerant, verschenkt man wertvolle Dynamik und damit einige der 24 Bit Auflösung.

Der Optimizer ist, einmal aktiviert, nun in der Lage, das stärkste Peak-Signal in einem Lerndurchlauf zu erkennen und danach den Eingangspegel in 0,5 dBf-Schritten anzupassen und zu optimieren. Im Test funktioniert dieses Feature hervorragend. Es erfordert allerdings etwas Geduld und Erfahrung zur Justage des Ausgangspegels am vorgeschalteten Mikrofon-Vorverstärker oder Mischpult. Man darf dann den Pegel nicht mehr nach oben korrigieren. Auch der Künstler muss diszipliniert arbeiten, damit das lauteste Signal im Lern-Durchlauf im Aufnahmedurchlauf auch tatsächlich nicht überschritten wird. Wem das zu unsicher ist, der kann alternativ die Funktion Soft Limit einschalten, die kurze, heftige Impulse auf einen maximalen Pegel von -4 dBfs begrenzt. Klanglich gefällt uns der Optimizer allerdings deutlich besser. 

Zweites Tool im Coda-Bundle ist der Sample Rate-Konverter, der jede beliebige Eingangs-Abtastrate einer angeschlossenen Digital-Quelle in jede gewünschte Ausgangs-Abtastrate wandelt. Beispielsweise benötigt man diese Funktion, um ein 96 kHz Digitalsignal in das fürs CD-Recording benötigte 44,1 kHz-Format zu konvertieren. In Verbindung mit dem dritten Mitglied des Coda-Trios, dem UV22 Bit Resolution Reduction Algorithm, gelingt das problemlos. UV22 rechnet zusätzlich die 24 Bit der 96 kHz-Aufnahme in das für den CD-Standard definierten 16 Bit-Format um. Ein automatischer Samplerate-Konverter soll in einem der nächsten Update-Releases für die Firmware des Rosetta 200 verfügbar sein. Wann das passiert ist freilich fraglich, denn das Versprechen kursiert schon seit längerer Zeit.

Die vier waagerechten Aussteuerungsanzeigen mit jeweils elfstufigen LED-Ketten haben es ebenfalls in sich. Sie zeigen abhängig von der Eingangs- und Ausgangswahl die Aussteuerungspegel der Wandler an, einmal nach dem Analog-/Digital-Wandlungsprozess – die beiden oberen Reihen – und einmal vor dem Digital-/Analog-Wandlungsprozess – die beiden unteren Reihen. Besonderheit: Die Anzeigen lassen sich für spezielle Anforderungen in engen Stufen beliebig und individuell kalibrieren. Wer sich dabei versteigt, kommt über einen Reset auch wieder zu den Werkseinstellungen zurück. Die Anzeigen eignen sich für den gewieften Recording-Ingenieur hervorragend, auch mit manueller Aussteuerung, ohne jegliche Automatik, gut ausgesteuerte Digitalaufnahmen zu produzieren.

Umfangreich geriet auch das Management der Clock-Synchronisation mit peripheren Digitalgeräten. Ohne hier die ausführliche Bedienungsanleitung zitieren zu wollen, sei so viel erläutert: Der Rosetta 200 lässt sich auf jede digitale Eingangs-Quelle in jedem Digitalformat synchronisieren – im Rahmen von 44,1 kHz bis 192 kHz versteht sich –inklusive einer externen Word-Clock. Allerdings treiben die Entwickler bei der internen Referenz-Clock einen hohen Aufwand, um den gefürchtete Jitter [G]so gering wie möglich zu halten. Diese interne Clock besteht eigentlich aus zwei unterschiedlichen Clocks. Die eine, eine schnell reagierende Lese-Clock mit sehr  großem Fangbereich , schreibt die Daten zuerst einmal in einen Zwischenspeicher. Die zweite Clock, eine extrem jitter-arme so genannte write-clock, liest diese Daten aus und steuert die Wandler. Wenn beide LED-Anzeigen, zusammen bilden sie die Form eines Ausrufezeichens,  auf der Frontplatte aufleuchten, ist die Welt in Ordnung. Für diese aufwändige Schaltung erfanden die Marketingstrategen von Apogee auch gleich eine passende Bezeichnung und nannten sie vollmundig Intelliclock.

Auf der Rückseite ist Platz zum Einbau eines optionalen Einschubs. Zurzeit bietet Apogee für den Rosetta 200 drei so genannte Expansion-Cards an: X-HD card und X-digi-mix card für Verbindung zu Pro Tools-HD- und Mix-Systemen und eine X-Firewire Karte mit zwei Firewire-400-Anschlüssen. Mit dieser Karte, die insgesamt zwei Firewire-Anschlüsse bietet, ist auch unser Testgerät ausgestattet. Alle Funktionen des Rosetta 200 werden über sieben auf der Front verteilte Drucktasten gemanagt. Fast jede der Tasten hat zwei Funktionen, die entweder durch einen langen Druck oder in Kombination mit einer weiteren Taste aktiviert werden. Dieses Bedienungskonzept geht einem sehr schnell in Fleisch und Blut über und gibt keine Rätsel auf.

Während des Tests zeigt der Rosetta im Messlabor in jeder Disziplin seine ganz besondere Klasse. Schon die Standard-Messungen liefern durchweg sehr gute Werte. So beträgt der Geräuschspannungsabstand, gemessen über die analogen Ein- und Ausgänge, also mit zwei kompletten Wandlungsprozessen dazwischen, den sehr guten Wert von 90 Dezibel. Das wird in der Gerätegattung Analog-Digital-Wandler zurzeit in unserem Labor nur von dem AX24-Wandler des dänischen Spezialisten Digital Audio Denmark, siehe Test Seite 82, deutlich übertroffen. Die Klirrwerte (TDH+N) des Rosetta liegen bei 0,004 Prozent; ebenfalls ein Spitzenwert.
 
Die Wandlerlinearität [G], ein Kriterium dafür, wie sauber ein A/D-Wandler insbesondere schwache Analogsignale wandeln kann, ist bei allen Abtastraten sehr gut, die winzigen Abweichungen von der Ideallinie sind zu vernachlässigen und von rein theoretischer Natur. Nicht ganz so in Szene setzen kann sich der Rosetta bei der Gleichtaktunterdrückung [G]. Ihre Werte sind mit unter -50 Dezibel zwar für die Studiopraxis auf der sicheren Seite, es gibt jedoch Konkurrenten mit besseren Werten (siehe Kurve Seite 22). 

Seit Wochen schon arbeitet der Apogee Rosetta 200 in vielen verschiedenen Tests, zum Beispiel dem Mikrofon-Vergleichstest in Ausgabe 5/2006 oder dem Test der Mikrofon-Vorverstärker in der Ausgabe 6/2006 tatkräftig im Teststudio von Professional audio Magazin mit und wandelt die analogen in digitale Signale. Bewährt hat sich auch der optionale Firewire-Anschluss in Zusammenarbeit mit diversen Audio-PCs (Mac und Windows XP) und Sequenzern . Klanglich überzeugen die Wandler immer wieder durch ihre ungemein gute Räumlichkeit und das saubere und klare, fein definierte Gesamtklangbild und begeistern die Tests stets aufs neue. 

Für den jetzt anstehenden Härtetest des Rosetta 200 haben sich die Tester allerdings ein besonderes Verfahren ausgedacht. Ziel ist der unmittelbare und reproduzierbare Vergleich mit einer hochwertigen Analogquelle bei Aufnahme und Wiedergabe. Zu diesem Zweck wird ein extrem sorgfältig eingemessene Analogbandmaschine Telefunken M15A mit dem vierbandigen Telcom C4-Rauschunterdrückungssystem gekoppelt. Zusammen kommt die Kombination locker auf 95 Dezibel Fremdspannungsabstand – erreicht also annähernd das Dynamik-Niveau einer Digitalaufnahme. Über den Millennia HV-3C Mikrofon-Vorverstärker (siehe Test Ausgabe 6/2006) werden unterschiedliche Instrumente und Stimmen direkt, also ohne Wandler und sonstige Outboards dazwischen, analog mit einer Bandgeschwindigkeit von 38 cm/s aufgezeichnet. Diese Analog-Master-Quelle wird nun über den Apogee mit 96 kHz und 24 Bit gewandelt und digital auf die Festplatte eines Alesis Masterlink Recorders aufgezeichnet (siehe auch Test DAD AX24 Seite 82). Die Wiedergabe der digitalen Aufzeichnung erfolgte einerseits über den Apogee und anderseits über den AX24. Beide Wiedergabesignale werden mit dem analogen Original direkt vergleichen, natürlich bei präzise eingestellten Wiedergabepegeln. Abgehört wird über die Monitore ADAM S3A und Tannoy 8D (siehe Test Seite 50), außerdem über den elektrostatischen Stax-Referenz-Kopfhörer SRM 006T.

Ergebnis: Die Unterschiede sind sehr gering, aber mit einiger Mühe und Konzentration dennoch deutlich und vor allem nachvollziehbar selbst im Blindtest hörbar. Schwieriger ist es dann schon, diese zu beschreiben. Zuerst einmal sind alle Tester sehr beeindruckt von der extrem hohen Klangqualität der beiden Wandler und davon, wie unglaublich nahe sie dem Original kommen. Der Apogee löst räumlich enorm fein und weit auf, zeigt eine sehr präzise Staffelung in Breite und Tiefe. Außerdem differenziert er selbst winzige klangliche und tonale Feinheiten –und auf die kommt es hier an – sehr gut. Der AX24 macht das räumliche Auflösen minimal, aber hörbar, besser. Außerdem klingt er bei kurzen Impulsen, zum Beispiel beim Anzupfen einer Gitarrensaite, insgesamt etwas souveräner und selbstverständlicher. Der Apogee hat dafür geringfügig mehr Kontur in den Bässen. Wohlgemerkt: Wir reden hier von Unterschieden, die nur im direkten Umschaltvergleich hörbar sind. 

Beim Umschalten auf das Analogsignal – egal von welcher der beiden Digitalquellen – passiert allerdings immer wieder dasselbe. Es kommt plötzlich eine Selbstverständlichkeit ins Klangbild, die sich nur schwer in Worte fassen lässt. Es ist so, als ob ein hauchdünner, aber merkbarer Schleier weggezogen würde. Alles wird ein wenig klarer, das berühmte Raumraunen wird spürbarer, die Wiedergabe gewinnt an Souveränität. Hat man den Vergleich Digital zu Analog nicht, vermisst man überhaupt nichts. Im direkten Vergleich ist dieser Schleier-Wegszieh-Effekt allerdings immer reproduzierbar. Hier zeigt sich, dass der Rosetta anscheinend minimal heller als das Original klingt, was aber keineswegs in irgend einer Form störend wirkt – aber es ist definitiv ein Unterschied da. 

Aber summa summarum auf den Punkt gebracht heißt das Urteil: Der Apogee Rosetta 200 ist ein vorzüglich klingender Wandler, der dem analogen Original sehr nahe kommt. Er klingt extrem sauber, transparent und luftig. Außerdem ist zu Berücksichten: Wir haben den Test mit maximal 96 kHz Samplingfrequenz durchgeführt- die 192 kHz-Option blieb zuumindest bei diesem Testdurchlauf – Analog gegen Digital – außen vor. Sobald aber ein computerunabhängiges Aufzeichnungsgerät im Testlabor von Professional audio Magazin steht, das höhere Sampling-Frequenzen verarbeiten kann, zum Beispiel der Tascam DV-RA1000, werden wir den Test erweitern. 

Fazit

Der Apogee Rosetta 200 ist nicht nur ein ausgezeichnet klingender Digitalwandler, sondern bietet viele für die Praxis ungemein hilfreiche Features, die den harten Recording-Alltag erleichtern und dabei helfen, gute Ergebnisse noch besser zu machen. Gemessen an diesen Qualitäten geht der Preis von knapp 2.200 Euro mehr als in Ordnung. Das Preis-Leistungs-Verhältnis ist sehr gut.

Erschienen in Ausgabe 07/2006

Preisklasse: Spitzenklasse
Preis: 2182 €
Bewertung: sehr gut
Preis/Leistung: sehr gut

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