Externer Rechenkünstler

Effekte sind die Gewürze im musikalischen Menü. Doch Festplatten-Systeme stoßen bei der Verwendung rechenintensiver PlugIns schnell an die Grenzen dessen, was der Hauptrechner noch bewältigen kann. Gut, dass es spezielle Effekt-Interfaces gibt, die den Zentralrechner entlasten.

Von Harald Wittig

Power-Core testen – das scheint zunächst so sinnvoll, wie jetzt einen Golf V vorzustellen; schließlich ist der Rechenkünstler von TC Electronics bereits seit 2003 auf dem Markt. Doch permanente Modellpflege gibt es auch bei Power-Core, die so genannte offene Plattform macht’s möglich. Das heißt im Klartext, Power-Core wird ständig verbessert und um neue Effekt-PlugIns erweitert. Die derzeit aktuelle Betriebssystem-Version, mit der auch unser Testgerät geliefert wurde, heißt nüchtern 1.9.6. Ein Update, 2.0 genannt, wurde bereits auf der diesjährigen NAMM-Show vorgestellt und wird in Kürze auf der T.C. Electronic Seite (www.tcelectronic.com.) kostenlos zum Download bereit stehen.

Power-Core ist kein Audiointerface — deswegen sucht man Audio-Anschlüsse vergebens. Das Gerät fungiert als reiner Rechner, der alle PlugIns für die Power-Core-Plattform, die unter den gängigen Schnittstellen wie VST oder Audio Units aufgerufen werden, selbständig berechnet. Das entlastet Sequenzer, zum Beispiel Cubase oder Logic, erheblich. Im Inneren des soliden Metallgehäuses erledigen vier Motorola-Chips des Typs 56367 DSP sowie ein Motorola Power-PC-Chip die Rechenarbeit. Wegen ihrer auch bei rechenintensiven Anwendungen wie der Verwaltung von Effekt-Plug-Ins geringen Erwärmung ist das eine gute Wahl. Auf der Rückseite des Gehäuses hat die Power-Core gleich drei Firewire-Anschlüsse: Damit ist es möglich, noch weitere gleichartige Einheiten
anzuschließen gleichzeitig zu betreiben (so genanntes Kaskadieren), was dem Hauptrechner, der das jeweilige Be-
triebssystem und den Sequenzer steuert (Host–Computer), eine Menge Arbeit abnimmt. Ansonsten findet sich auf der Rückseite noch die Anschlussbuchse für den mitgelieferten Netzadapter. Das externe Netzteil ist kein Problem, solange die Power-Core Firewire stationär betrieben wird. Wer sie mobil, zum Beispiel mit seinem Laptop betreiben möchte, muss dann eben besonders sorgfältig sein Equipment überprüfen, denn erfahrungsgemäß fehlt immer das Netzteil, das man unbedingt benötigt.
Die Frontseite ist mit Bereitschafts- und Fehlermeldungs-LED, Netzschalter und dem in hellem Blau leuchtenden Power-Core-Logo sehr aufgeräumt. Das blaue Logo ist nicht nur Showeffekt, sondern informiert über die Arbeit der Hardware: Blinkt das Licht, wird geladen, leuchtet es konstant, ist alles in Ordnung, erlischt es, ist die Power-Core abgestürzt.
Die Power-Core unterstützt ab Werk die Schnittstellen VST (Cubase, Sonar, Samplitude, Ableton und so weiter) für Mac und PC sowie Audio Unit für reine Mac-Anwendungen (Logic). Für die Einbindung der Power-Core in Pro Tools benötigt man eine Zusatzsoftware, den VSTRTAS Wrapper von FXPansion: Pro Tools verwendet nämlich eigene Formate (RTAS und TDM). Allerdings wird der Wapper von TC nicht mitgeliefert, sondern muss im Internet von der FXPansion-Homepage (www.fxpansion.com) herunter geladen werden.

Die Power-Core, die zum Test vorlag, kam mit 15 PlugIns (auf der Installations-CD). Empfehlenswert ist übrigens eine Online-Registrierung, die man direkt bei der Installation oder auch später vornehmen kann: Auf der TC-Website kann nämlich nicht nur die aktuelle Version der Power-Core-Betriebssoftware herunter geladen werden; hier gibt es auch immer wieder neue oder verbesserte PlugIns zum kostenpflichtigen Download, die den virtuellen Gerätepark der Power-Core ständig erweitern. Die Preisspanne reicht hier von 215 bis knapp 1.500 Euro. Auf der diesjährigen Namm-Show stellte TC Electronics neben dem aktuellen Update der Betriebssoftware (2.0) auch neue PlugIns vor. Zusätzlich gibt es noch PlugIns von Fremdherstellern, unter anderem von Sony Oxford, Access und Waldorf, die teilweise sogar kostenlos sind.
Bevor wir im Folgenden kurz gefasst die PlugIns der Testversion einzeln vorstellen, ein Tipp: Auf der Installations-CD gibt es für jedes PlugIn Handbücher im pdf-Dateiformat. Diese sind zwar nicht alle von gleicher Güte, jedoch sind sie für schwieriger zu handhabende PlugIns wie Kompressoren und Equalizer lesenswert, da sie wertvolle grundlegende Erläuterungen und Ratschläge zu Einstellungen liefern.

24/7·C Limiting Amplifier
Hierbei handelt es sich um die Nachbildung des legendären UREI 1176  Kompressors. Er eignet sich sowohl für die
Einzelspur-Bearbeitung wie fürs Mastern, um dem Material einen gewissen Vintage-Klang zu verleihen. Das Vorbild
ist sehr sorgfältig nachempfunden worden: Dies bezieht sich nicht nur auf die Optik, sondern auch auf die Art und Funktionsweise der Regler und Schalter. Als Zugeständnis an heutige Zeiten hat der Kompressor noch eine Auto-Gain-Funktion bekommen, der den Ausgangspegel automatisch an das bearbeitete Signal anpasst.
 
VoiceStrip
Wie der Name andeutungsweise verrät, bekommt der Anwender mit diesem PlugIn ein spezielles Werkzeug zur Bearbeitung von Gesangsspuren. Neben dem obligatorischen Kompressor gibt es noch einen speziellen Equalizer für die Stimme, Voice-EQ genannt, einen De-Esser zur Bearbeitung von Zischlauten, sowie ein Noisegate.

Power-Core CL
Auch dies ist ein Kompressor mit analo-ger Klangcharakteristik, der allerdings nicht für spezielle Klangeffekte bei der Einzelspur vorgesehen ist, sondern grundsätzlich zur Dynamikbearbeitung der Masterspur verwendet werden sollte. Das PlugIn verfügt über alle gängigen Einstellparameter und ist damit nicht schwieriger, aber auch nicht leichter einzustellen als jeder Hardware-Kompressor.
 
Noveltech Charakter
Wer beim Umgang mit Kompressoren/Limitern, Equalizern und ähnlichen Klangbearbeitungsgeräten unsicher ist, bekommt damit ein einfach zu bedienendes Helferlein. Das PlugIn stellt eine Kombination verschiedener Geräte wie Equalizer, Kompressor/Limiter und Exciter dar und ist für die Einzelspurbearbeitung vorgesehen. Die klangliche Überarbeitung der Audioaufnahme wird gerade für den unerfahrenen Benutzer spürbar erleichtert, da er nicht die vielen Parameter mehrerer PlugIns einstellen muss, sondern über nur drei Parameter den Klang bearbeiten kann. Es wurde von den finnischen Softwareentwicklern Noveltech Solutions entwickelt und wird
von TC Electronic vertrieben, ist also keine Eigenentwicklung des Power-Core-Herstellers.

Chorus-Delay
Das Chorus-Delay basiert auf dem TC Electronic 1210 Spatial Expander und bietet neben Modulationseffekten wie
Chorus und Flanger auch Slap-Delays. Zur Erleichterung der praktischen Arbeit mit dem Delay, wurde die Einstellung der Delay-Zeit um eine BPM-Anzeige (Beats per Minute = Schläge pro Minute) ergänzt: Sehr nützlich, um timingfest in Echtzeit einzuspielen. Das PlugIn kommt in erster Linie bei der Aufnahme selbst oder der Nachbearbeitung bereits aufgenommener Spuren zum Einsatz.

Tubifex
Kein Effektprozessor ohne virtuellen Gitarrenverstärker – jetzt hat auch die Power-Core einen solchen. Der Tubifex hat drei Röhrenvorstufen, die den in alten Fender-Verstärkern verwendeten 12AX7-Röhren nachempfunden sind und denen ein besonders warmer Klang nachgesagt wird. Die Röhren lassen sich einzeln steuern, was den Tubifex sehr flexibel macht. Für die Lautsprechersimulation war eine 2×12“-Box von Marshall Vorbild; das PlugIn erlaubt hier sogar, den Abstand des simulierten Abnahmemikrophons virtuell zu verändern. Zu guter Letzt beinhaltet der Tubifex auch ein Rauschminderungs-System. Übrigens handelt es sich um ein hybrides PlugIn: Es verwendet sowohl die DSPs der Power-Core, als auch die CPU des Host-Rechners; auf diese Weise kann sehr gut in Echtzeit aufgenommen werden, da sich Verzögerungen (Latenzen) in erfreulich engen Rahmen bewegen – Gitarristen und Klangtüftler wird’s freuen.

Filtroid
Dieses PlugIn bietet den Klang analoger Filter, ist aber anders als ein Equalizer nicht zur Klangveredlung gedacht, sondern als reines Effektgerät, um auch extreme Klangverfremdung über die bereitgestellten Filterbänke zu ermöglichen. Von Ausnahmen abgesehen, wird man es nur bei der Verfremdung von Einzelspuren einsetzen.

Classic Verb
Hier hat man sich am Klang jener amerikanischen Referenzgeräte orientiert, deren Namen sofort mit Nachschlagewerken verbunden wird. Die insgesamt 16 Algorithmen modellieren sowohl den klassischen Plattenhall als auch die Raumsimulationen von Hardware-Hallgeräten. Es werden also die besonderen Klangeigenschaften der Lexicon-Hallgeräte nachgebildet und keine wirklichen Räume simuliert. Damit eignet sich Classic Verb für Einzelspurbearbeitung und Mastering.

MegaReverb
Im Gegensatz zum Classic Verb ist dieses PlugIn auf die Natürlichkeit von Raumsimulationen optimiert. Die Technologie entspricht den Algorithmen Core 1 und Core 2 des Studio-Hallgeräts T.C. Electronic M5000. Das PlugIn ist grundsätzlich fürs Mastern und nicht für die Einzelspurbearbeitung beim Mischen gedacht.

EQSat Custom
Der Algorithmus dieses Equalizers wurde direkt vom bekannten TC Electronic Finalizer Mastering Prozessor, einer
professionellen Hardware, übernommen. Der Power-Core-Nutzer erhält damit einen auch hohen Ansprüchen genügen-
den Equalizer, der beim finalen Mastern – und wiederum nur dort – seine Stärke ausspielt.

Dynamic EQ
Anders als der EQSat, ist dieses PlugIn eine Neuentwicklung. Im Unterschied zu den meisten Entzerrern erlaubt er die dynamische Bearbeitung des Audiosignals: Kommt es bei den Equalizern während der Signalverarbeitung zu einer Phasenverschiebung, die zu einer leichten, wahrnehmbaren Phasenverzerrung und daraus resultierenden Verfärbung des Signals führt, erzeugt der Dynamic EQ keine derartigen Verzerrungen; denn er kann bei der Spurbearbeitung im phasenlinearen Modus betrieben werden. Daher ist er sowohl für die Bearbeitung
einzelner Spuren, wie auch für das Mastering geeignet.

Master X3
Hiermit bekommt man den Finalizer als virtuelles Arbeitsgerät, wobei das Plug-In Expander, Kompressor und Limiter umfasst –den EQ des Finalizers hat man in den EQSat „eingebaut“. Hinzu kommt unkontrolliertes Dithering, was bei der Erhöhung der Abtastrate, zum Beispiel von 44,1 auf 96 KHz, unangenehme digitale Verzerrungen (hörbar als Knistern oder Knacken) verhindert.

DeNoise
Eigentlich war dieses PlugIn als Teil von TCs Restoration Suite zur digitalen Restauration von alten Analogaufnahmen gedacht, um Bandrauschen oder das Knistern von Schallplatten zu minimieren. Das Einsatzgebiet des DeNoise ist die Einzelspurbearbeitung, um beispielsweise das Rauschen eines stark übersteuerten Gitarrenverstärkers zu unterdrücken.

Compensator
Das einzige PlugIn, welches nicht auf die Power-Core-DSPs zugreift. Aus gutem Grund: Es dient dem Latenz-Ausgleich. Vereinfacht ausgedrückt handelt es sich um ein Delay-PlugIn mit dem man die Spuren, die nicht automatisch verzögert werden, mit denjenigen, in die PowerCore-PlugIns geladen wurden, synchronisieren kann. Überaus nützlich beim Einspielen von Overdubs.

Power-Core 01
Zuletzt ist mit diesem PlugIn auch ein virtuelles Instrument mit an Bord. Es handelt sich um die Nachbildung eines klassischen monophonen Synthesizers (Roland SH-101). Hier sollte man nicht zu viel erwarten: Der Synthesizer klingt nett, stellt aber keine Alternative zu detailgenauen Nachbauten gewisser Klassiker
dar; Fans haben letztere ohnehin schon in ihrem Gerätepark.

Die Power-Core via Feuerdraht an den Computer angeschlossen, Installations-CD eingelegt und das Installationsprogramm starten – nach drei Minuten ist alles erledigt. So sollte das immer sein. Unter OS X gibt es jedenfalls keine Probleme, dafür dauert es ein Weilchen, bis Logic Pro die Power-Core erkennt. Das Power-Core-Kontrollfeld meldet auch sogleich, dass weder Hardware noch die PlugIns an der Audio Units-Schnittstelle von Logic eingebunden sind. Die Lösung des Problems ist denkbar einfach: Logic beenden, Mac neu starten, Logic erneut aufrufen und die Power-Core ist mit allen PlugIns an Bord. Auch unter Windows läuft es gut – abgesehen von der Microsoft-typischen Umständlichkeit bei der Hardware-Installation; die PlugIns selbst werden jedenfalls sofort in dem entsprechenden Cubase SX3-Ordner (VST-PlugIns) abgelegt.

Die Power-Core FireWire läuft erst ab einer Puffergröße von 128 Samples zufrieden stellend; die Feuerdraht-Verbindung ist leistungshungrig. Die besten Ergebnisse erzielt man bei einer Puffergröße von wenigstens 256, am besten von 1024 Samples. Die Erhöhung des Puffers bewirkt eine Gesamtverzögerung aller Spuren beim Laden eines PlugIns; es dauert also immer einige Millisekunden, bis die neue Effekteinstellung
im Mix gehört werden kann. Der Vorteil: Weder die CPU des Hostcomputers, noch die DSPs der Power-Core müssen allzu viel schuften. Der Nachteil: Die Vergrößerung des Audiopuffers bedeutet zwangsläufig eine Erhöhung der Latenzzeit. Soweit man lediglich bereits aufgenommenes Material bearbeitet, macht dies nichts; hier spielen Latenzen keine Rolle. Anders ist das allerdings beim Einspielen in Echtzeit: Hier hängt es sehr von den Treibern des Audiointerfaces ab, ob noch mit praxisgerechten Latenzzeiten (ungefähr bis 6 ms Verzögerung)
eingespielt werden kann. Beim Test unter Logic mit dem Mackie Onyx 400 F Preamp lässt sich sogar mit einer
Puffergröße von 256 Samples gut arbeiten. Unter Logic hilft hier auch ein Trick: Das Audio-Menü aufrufen und dort den Schiebregler für die Puffergröße auf klein oder mittel setzen. Das klappt beim Test vorzüglich, Fehlermeldungen entfallen – das Einspielen in Echtzeit funktioniert sogar bei einer Puffergröße von 256 Sam-
ples.
 
Unter Windows sieht es anders aus: Hier dient uns als Audiointerface der Apogee Rosetta 200, der im Vergleich zum Onyx erheblich langsamer arbeitet. Wird ein rechenintensives Hall-PlugIn verwendet, ist ein Einspielen in Echtzeit mit 256 Samples wegen der hohen Latenzen praktisch unmöglich. Wer beim Einspielen auf Effekte nicht verzichten möchte, sollte daher statt der Power-Core Firewire die Anschaffung der PCI-Version in Erwägung ziehen, weil dabei die Firewire-Schnittstelle wegfällt. Ein ausführlicher Test der Power-Core PCI Mk II wird
in einer der nächsten Ausgaben des Professional audio Magazins zu lesen sein. Der Praxistest erfolgt mit einem kurzen Gitarren-Instrumental im Fusion-Stil, arrangiert für zwei Gitarren. Die verwendeten Instrumente: eine Fender American Standard Stratocaster, Baujahr 1995 für Rhythmus und Soli und eine Launhardt FS 3 Archtop-Jazzgitarre von 1997, ausgestattet mit einem aktiven EMG-Tonabnehmer für die Soli. Die einzelnen
Spuren werden trocken, also ohne Effekte eingespielt, die Rhythmusgitarre zusätzlich gedoppelt. Mithin liegen zur Bearbeitung mit der Power-Core reine D.I.-Signale vor.
 
Was beim ersten Arbeiten mit den verschiedenen PlugIns der Power-Core sehr angenehm ist: Die zahlreichen Voreinstellungen, welche die Entwickler von TC Electronic in üppiger Anzahl den Effekten beigepackt haben, sind ausgezeichnet und lassen sich ohne weitere Korrekturen zum Mischen und Mastern verwenden. Gerade für Einsteiger ist dies ein nicht zu unterschätzender Service, da diese allzu schnell ob der vielen Einstellmöglichen den Überblick verlieren und am Ende vor lauter Parametern nicht mehr die Noten im Effektstrudel hören. Besonders hervorzuheben ist der Master X 3, dessen Presets mit Namen wie CD Master, CD Premaster, Symphonic Final und ähnlichen nicht nur bereits eine ungefähre Klangvorstellung suggerieren, sondern auch nachhörbar entsprechende Erwartungen erfüllen: CD Master hebt die Mitten und damit den Gesamtpegel deutlich an – das Audiomaterial knallt förmlich aus den Lautsprechern. Das ist natürlich problematisch, wenn die Einzelspuren schon hoch
ausgesteuert sind, erweist sich aber als überaus praktisch, um matten Aufnahmen Brillanz zu verleihen. Symphonic Final hingegen rundet und glättet Pegelspitzen, wie sie beim dynamischen Spiel von akustischen und klassischen Instrumenten häufig auftreten. Dabei verleiht das Preset der Musik eine angenehme Wärme, ohne die Klangcharakteristik des aufgenommen Materials zu verfälschen.

Ähnlich gut lässt sich auch mit dem EQSat arbeiten, hier können vor allem die Presets Reduce Computer Noise und
Less Hum überzeugen, da hier nur sehr dezent gefiltert wird. Der Effekt ist allerdings verblüffend. So ist es möglich, das typische Brummen der Einzelspul-Tonabnehmer der Stratocaster per Knopfdruck soweit zu reduzieren, dass in erster Linie die Wärme des Hals-Tonabnehmers bleibt. Fortgeschrittene Anwender werden natürlich eigene Presets erstellen. Dies ist kinderleicht: Jedes PlugIn hat einen mit Preset beschrifteten Schal-ter. Klickt man ihn an, öffnet sich ein Kontextmenü, das Teil der Power-Core-Betriebssofware ist. Jetzt gilt es nur noch, die eigene Einstellung zu benennen und abzuspeichern. Später ist diese jederzeit in das entsprechende PlugIn ladbar.
Speziell bei den Rhythmusspuren ist auch DeNoise ein brauchbares Werkzeug: Das PlugIn befindet sich beim Laden standardmäßig im Auto-Modus und beginnt sofort mit dem Entrauschen. Wählt man eines der drei Presets aus, erzeugt der Denoiser eine Signatur, dargestellt mit einer gelben Linie im Display. Diese Signatur (Fingerprint genannt) dient zum Entrauschen des Eingangssignals, indem es alle Signalteile, deren Pegel unterhalb der gelben Linie liegen, entfernt. Das Originalsignal selbst erscheint als rote Linie; ist diese nur ein Pixel dünn, verändert der Denoiser nichts, in Frequenzbereichen, in denen die Linie dicker wird, ist der Denoiser aktiv. Somit ist stets sichtbar, was akustisch geschieht. Zwar kann der Denoiser die Nebengeräusche des Hals-
Tonabnehmers der Strat nicht beseitigen — das wäre auch zu viel verlangt — doch er bewirkt eine hörbare Verbesserung. Den letzten Schliff bekommt die Aufnahme ohnehin beim Mastern mit dem EQSat: Aktives Preset ist dabei selbstredend Less Hum.

Bei der Einzelspur-Bearbeitung hält der Charakter im Wesentlichen das, was die Entwickler dem Anwender versprechen: Die Dynamikbearbeitung des Audiomaterials wird nicht nur vereinfacht – die Ergebnisse können sich zudem hören lassen. Allerdings sollte man nicht allzu sehr an den Empfehlungen des Benutzer-Handbuchs kleben Beispiel: Der Klang der Strat mit dem Preset Piano erhält zusätzlichen Glanz, obwohl diese Voreinstellung die Betriebsart 3 aufruft, die eigentlich für Bässe und Streicher gedacht ist. Insoweit empfiehlt es sich, zu
experimentieren. Da man nur wenige Drehregler zu bedienen hat, welche zudem automatisch auf den Frequenzbe-
reich des Audiosignals eingestellt werden (zum Beispiel einer Stimme oder eines Basses), können Einstellungen intuitiv nach Gehör auch von Anfängern vorgenommen werden. Da gerade das Einstellen von Kompressoren/Limitern
nicht zu den ganz leichten Aufgaben gehört, ist der Charakter eine willkommene und gut klingende Alternative.
 
Wer allerdings den Klang eines erstklassigen analogen Kompressors haben möchte, kommt nicht am 24/7 C vorbei:
Der virtuelle Nachbau des UREI 1176 ist den Entwicklern hervorragend gelungen, denn das PlugIn verleiht dem Au-
diomaterial nicht nur mehr Durchsetzungsvermögen – das leistet jeder brauchbare Kompressor; vielmehr bekommen Aufnahmen eine gewisse analoge Qualität, die an Produktionen der sechziger Jahre und siebziger Jahre er-
innert. Beim Test mit vom 24/7 C bearbeiteten Rhythmusspuren und Soloinstrumenten klingen vor allem die Strat-
sounds deutlich druckvoller und wärmer, ohne dass die Klangeigenschaften der Gitarre verwischt würden. Der spezielle Gitarrensound von Motown-Produktio-nen der sechziger und Funknummern der siebziger Jahre wird perfekt nachgestaltet.

Auch der Power-Core CL bietet guten Analogsound – allerdings ausschließlich für die Masterspur. Für die Einzelspurbearbeitung wirkt er ein wenig kalt. Die analoge Wärme des 24/7 C ist seine Sache nicht; beim Mastern ist er dennoch sehr gut verwendbar, da er im Verbund mit Hall und Equalizer der Produktion mehr kristallene Brillanz verleiht. Das ergibt zwar keinen Vintagesound, aber jedenfalls einen zeitgemäßen Klang, wie er häufig bei Popproduktionen erwünscht ist. Für beide Kompressoren gilt indes, dass deren Presets eher unbrauchbar sind, so dass die optimale Einstellung mit den Ohren ermittelt werden muss.
Ein wenig verwirrend ist die Arbeitsweise der Attack- und Release-Regler des 24/7 C: Dreht man beide Regler auf, werden Anstiegszeit (Attack) und Rückfallzeit (Release) des Kompressors kürzer und nicht wie zu erwarten länger. So ist es auch beim berühmten Vorbild und TC Electronic war einfach konsequent bei der detailgetreuen Nachbildung. Sofern man die eigenwillige Regelcharakteristik nicht ohnehin sofort hört – im Handbuch ist dies verständlich und präzise beschrieben.

Durchaus gelungen ist auch der virtuelle Röhrenverstärker, der Tubifex. Obwohl optisch eindeutig an Marshall-Verstärker angelehnt, lassen sich auch Klänge realisieren, die man eher mit Fender assoziiert: Also klare, in den Höhen sehr präsente Cleansounds, die gleichzeitig angenehm warm und nicht so bissig und rau wie beim Marshall sind. Mit seinen umfangreichen Einstellmöglichkeiten ermöglicht das PlugIn dem Anwender, den
eigenen Traumverstärker selbst zu gestalten.

Somit stellt sich die Gretchenfrage, ob bestimmte klassische Vorbilder von den Entwicklern perfekt nachempfunden wurden, letztlich nicht. Denn jeder kann nach seinen persönlichen Klangvorstellungen den eigenen Verstärker, beispielsweise einen Fender Blackface Twin Reverb von 1965, nachbauen. Wer sich hiervon überfordert fühlt, kann einmal mehr auf sehr gute werkseitige Presets zurückgreifen: Vor allem die Cleansounds überzeugen und haben eindeutig Fender-Charakter; die übersteuerten, verzerrten Klänge sind brauchbar, wenngleich ein wenig synthetisch. Hier empfiehlt es sich jedenfalls, an den Reglern zu schrauben.

Zum Test werden zwei Solospuren auch in Echtzeit mit dem Tubifier und einem Echoeffekt (vom PlugIn ChorusDelay)
eingespielt. Dabei spielen störende Latenzzeiten dank der Leistungsstärke der Power-Core-Hardware und der Machart des Tubifiers als Hybrid-PlugIn keine Rolle. Sollte es dennoch Probleme geben: Jedes PlugIn kann im No-Latency-Modus betrieben werden. Das bewirkt, dass praktisch keine Latenz mehr entsteht, das Einspielen mit Effekten in Echtzeit ist möglich. Allerdings wird dadurch die CPU des Hostrechners sehr beansprucht, was je nach ihrer Leistungsfähigkeit zu Fehlermeldungen seitens des Betriebssystems führen kann. Bevor man auf den No-Latency-Modus zurückgreift, sollte nicht das PlugIn Compensator vergessen werden: Damit kann man nämlich einen Latenzausgleich manuell festlegen. Das funktioniert meistens gut, lediglich bei rechenintensiven Effekten, zu denen in erster Linie die Hall-Algorithmen zählen, ist der Compensator überfordert. Die Hall-PlugIns der Power-Core gehören neben dem 24/7 C Kompressor zu den Gourmethappen des Softwarepakets. Der MegaVerb liefert ausgezeichnete Raumsimulationen, die zu keiner Zeit unangenehm metallisch bei hohen Frequenzen klingen. Eingedenk der Tatsache, dass einem elektronisch nachgebildeten Hallraum immer etwas Künstliches anhaftet, ist dem MegaVerb durchaus Natürlichkeit zu bescheinigen. Die Presets sind schlichtweg vorzüglich und jeder sollte sich diese zumindest anhören. Beim Teststück wird das Preset Crystal Plate, passend zu den anderen
PlugIns (Tubifier und 24/7 C) gewählt: Die Masterspur wird damit erwartungsgemäß mit einem sehr klaren Plattenhall veredelt, passend zu dem angestrebten Vintagesound des Arrangements. Ähnliche Ergebnisse ließen sich auch mit dem ClassicVerb erzielen. Allerdings sind hier die Presets nicht wirklich überzeugend, da ihnen jede Wärme fehlt. Hier muss eingestellt werden, was zum Glück recht einfach ist: Oft genügt beim Bearbeiten
eines Werks-Presets die Veränderung der Filtereinstellung, also die Hervorhebung der tiefen und eine Verminderung der hohen Frequenzen. Zusätzlich ist es immer empfehlenswert, den Hallanteil mit dem DRY/WET-Regler zu dosieren, denn ein Wert von 100 Prozent macht den Klang zu indirekt. Der ClassicVerb wird beim Test zur Einzelspurbearbeitung verwendet: Zusammen mit dem entsprechend eingestellten Tubifier klingen die Gitarren wie mit einem Fender-Verstärker inklusive Federhall eingespielt. Der berechtigterweise als Referenzfederhall bei Gitarrenverstärkern angesehene Fenderklang lässt sich mit dem ClassicVerb nach längerer Einstellprozedur sehr gut imitieren, daher: Das PlugIn ist ein hervorragendes Werkzeug, um den spezifischen Klang von Hallerzeugern – nicht von realen Räumen – nachzubilden.

Zu guter Letzt noch eine Bemerkung zum PlugIn ChorusDelay: Die Modulationseffekte Chorus und Flanger sind
selbstverständlich vorhanden und klingen absolut überzeugend, bei der praktischen Arbeit kommt allerdings der Wunsch nach einem Phaser, beziehungsweise nach einem füllig-warmen siebziger Jahre Phasersound auf. Als Ersatz können zwar mit dem Flanger zufrieden stellende Ergebnisse erzielt werden, dennoch: Weshalb man auf den Phaser
verzichten muss, ist nicht einleuchtend. Doch wer weiß: Vielleicht bekommt man ihn mit dem nächsten Update?

Fazit

Die Power-Core Firewire entlastet den Hostcomputer durch reichlich Rechenpower, was das praktische Arbeiten erheblich erleichtert. Die mitgelieferten PlugIns sind durchweg sehr gut, wobei Meisterwerke wie der Kompressor 24/7 C oder der ClassicVerb die Messlatte für TCs Mitbewerber ziemlich hoch gesetzt haben. Dank der überwiegend guten Werks-Presets ist die Power-Core von jedermann sofort nutzbar. Bedenkt man weiter, dass der Power-Core-Eigentümer nach der Registrierung die aktuellsten Neuentwicklungen und auch kostenlose Fremd-PlugIns auf der Seite von T.C. Electronic herunter laden kann, ist festzuhalten: Soviel effektive Power in Studioqualität, die sogar ständig erweitert und verbessert wird, gibt es selten. Das Preis-/Leistungsverhältnis ist damit sehr gut.

Erschienen in Ausgabe 05/2006

Preisklasse: Oberklasse
Preis: 1334 €
Bewertung: sehr gut
Preis/Leistung: sehr gut

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