Das Tonstudio im Bauchladen

Für O-Ton-Aufnahmen beim Außendreh benötigt der Toningenieur Spitzengeräte, auf die er sich in jeder Hinsicht absolut verlassen kann. Der ultrakompakte tragbare Mischer SQN-4Smini empfiehlt sich als perfekter Partner für den Ton beim Videodreh. 

Von Uli Apel 

Film- und Fernsehproduktionen entstehen nicht nur in der wohlbehüteten Studioumgebung: Häufig wird auch vor Ort gedreht. Das gilt einerseits für journalistische Beiträge wie Außenreportagen oder Sportberichterstattungen, aber auch für Serien und Spielfilme, wo aus dramaturgischen Gründen vor Ort und mit O-Tönen gearbeitet werden muss. Der Profi nennt beides Elektronische Berichterstattung, kurz EB. Das bezeichnet im Prinzip nichts anderes als einen Video-Dreh mit Ton außerhalb eines Studios unter völlig autarken, also eigenständigen Bedingungen. Damit gewährleistet ist, dass der Ton auch wirklich professionellen Ansprüchen genügt, vertrauen Toningenieure auf spezielle mobile Geräte, die so genannten EB-Mischer. Genau das ist der SQN-4s mini: Ein kleiner, ultrakompakter Stereomischer, den sich der Toningenieur bequem vor den Bauch schnallt und der unabhängig von der Steckdose für optimale O-/Live-Ton-Mischungen alles an Bord hat – noch dazu komplett in Stereo.

Die englische Firma SQN Electronics, die schon Erfahrungen in der Konstruktion kleiner Field-Mixer für die O-Ton-Aufnahme zusammen mit der berühmten NAGRA, dem klassischen analogen Field-Recorder mit Hinterbandkontrolle, hatte, stellten 1980 den SQN-3M vor. Er wird nach wie vor produziert und ist gewissermaßen der Ahnherr aller EB-Mischer von SQN.

Das baldige Aufkommen von Stereo-Ton-Produktionen führte schließlich schon im Jahre 1984 zum ersten stereotauglichen SQN Mischer mit der Bezeichnung SQN-4S. Dieses Gerät hatte etwa die gleiche Größe wie sein Mono-Bruder, besaß vier Eingänge, die wiederum auf zwei Ausgänge (Stereo oder 2-Kanal) gemischt werden konnten. 

Wie schon bei den Geräten der ersten Generation legte SQN auch beim SQN-4s besonderes Augenmerk auf die Aussteuerungs-/Anzeige-Instrumente: Bei diesen handelt es sich nämlich um sehr kleine PP-Meter (VU-Meter mit spezieller Zeigerballistik, kurze Anstiegszeit und langsamer Rücklauf mit einer Anzeigecharakteristik nach BBC-Vorgaben. (Line-Pegel: 0dBu, Spitzenpegel + 8dBu)

Zwar besaß der SQN-4s die Abmessungen seines Mono-Vorgängers, allerdings legte er an Gewicht zu. Immerhin gut zwei Kilo bringt er auf die Waage – und die können während eines langen Drehtages schon heftig im Genick ziehen. Ende 2006 erblickte der Testkandidat, der neue SQN-4S mini das Licht der Welt: Der Neue basiert grundsätzlich auf dem großen SQN-4S, bekam zusätzlich noch einige neue Ausstattungsdetails spendiert, entspricht aber in den Abmessungen dem Mono-Ahnherrn SQN-3, beim Gewicht unterbietet er diesen jedoch um 200 Gramm. Da sieht der Toningenieur dem anstehenden Außendreh schon mal gelassener entgegen – Nackenschmerzen adé – und stutzt sogleich beim Preis, denn mit rund 2900 Euro ist der Mischer-Winzling sicherlich kein Schnäppchen. Andererseits: Wenn der SQN-4S mini im harten EB-Einsatz hält, was der Hersteller verspricht, kann er jeden Cent wert sein.

Das hervorragend verarbeitete Gerät ist bestens gerüstet für den harten Außeneinsatz: Der kleine EB-Mischer nimmt nicht mal die Fläche eines Mouse-Pads ein, das Aluminiumgehäuse beschützt das elektronische Innenleben und hilft gleichzeitig Gewicht sparen. Seine Energie bezieht der SQN-4S mini entweder aus sechs handelsüblichen AA-Zellen oder aufgesetzten Camcorder-Akkus neuerer Norm und versorgt damit die gesamte Elektronik, einschließlich die VU-Meter-Beleuchtung und den Monitorverstärker. Die Kleinheit des Mischers fällt erst dann richtig auf, wenn sämtliche Anschlüsse in Form von XLR-Steckern mit den Mikrofonleitungen, dem Klinkenkabel des Kopfhörers und dem Spiralkabel – quasi die Nabelschnur zum Camcorder – angeschlossen sind: Das Gerät wirkt dann wie ein großer Knoten in einem Kabelnetz. Steckt der Winzling in der für 200 Euro als Zubehör erhältlichen, maßgeschneiderten Umhängetasche, lässt sich kaum noch erahnen, was SQN hier auf kleinstem Raum an Film- und Videoton-Erfahrungen elektronisch komprimiert hat. Dabei ist die Ausstattung aus Sicht des Praktikers absolut komplett: Die Mikrofone werden auf der linken Seite über XLR angeschlossen – phantom- oder tonadergespeist – in die Kanäle eins und zwei. Der Anschluß der Kanäle drei und vier erfolgt ebenfalls über XLR-Buchsen, besitzt aber keine Speisung. Für den Kopfhörer ist ein 6,3 mm Klinkenanschluss vorhanden, die Abhörlautstärke lässt sich mit einem griffigem Lautstärkeregler, der durch seine besondere Bauform, – kleines Rändelrad mit Rastung für den Lautstärkeangleich zwischen Vor- und Rückkanal und gegen zufälliges Verdrehen gut gesichert – feinfühlig regeln. Hier findet sich praktischerweise auch der Anschluss für den Rückkanal von der Kamera. Ein sehr stabiles Spiralkabel, das zur Zugentlastung mit einem Karabinerhaken am Tragegurt der Mischpulttasche befestigt werden kann, gehört zum Lieferumfang. Wer bei einem Dreh sehr flexibel und schnell die Location wechseln muss, weiß das zu schätzen, denn an dieser Stelle sind Kameramann und Tonmann fest verbunden. Die Bedienungselemente, die nicht sehr häufig gebraucht werden, wie der Einschalter, die Panoramaschalter, der Zugang zum Batteriefach für die sechs AA-Zellen und ein Phasenschalter für Kanal 1 befinden sich rechts am Mischer. Die bei der Arbeit ständig benötigten Bedienelemente sind praxisgerecht auf der Frontseite angebracht – der Toningenieur hat sie also auch bei umgehängtem Mischer ständig im Blick. Neben den dreistufigen Low-Cut-Schaltern für die Kanäle eins und zwei, finden sich hier beispielsweise auch die beiden PP-Meter und die Kanal-Fader. Letztere sind als Drehregler gestaltet und gestatten so eine absolut zuverlässige Einfingerbedienung.

Die Oberseite des Mischers ist ebenfalls sehr funktionell gestaltet. Hier befinden sich wie schon erwähnt die speziellen prismatischen Aufnahmen für Akkus, wie sie auch zur Stromversorgung von Broadcast Kamerarecordern dienen. Damit ist gewährleistet, dass sich an jedem Set immer irgendwo ein voller Akku findet, der das Pult sogar mehrere Tage mit Energie versorgt. Ferner gibt es an der oberen Abdeckung neben den Akku-Aufnahmen so genannte Hi-Rose-Anschlüsse, vierpolige Ministecker mit einem speziellen Schnappverschluß in Form eines Überwurfrings. Über diese Anschlüsse erfolgt die Versorgung von Funkmikrofon-Empfängern, deren Verwendung sich im Field-Einsatz immer mehr etabliert.

Selbst der Boden des Mischers ist komplett in die Funktion eingebunden: Neben einer ausführlichen Bedienungsanleitung in englischer Sprache, der Angabe der technischen Daten und der Steckerbelegungen finden sich hier die Schalter für die Spannungsversorgung der angeschlossenen Mikrofone: „Tonader 12 Volt“, „Phantom 48 Volt“ oder „ohne“ für den Anschluß dynamischer Mikrofone an die Kanäle eins und zwei. Auch die Schalter für Mic/Line-Level sowie ein Baß-Cut für die Kanäle drei und vier sind hier angebracht. 

Der Mischer lässt sich in der sehr praktischen Tasche bequem vor dem Bauch tragen. Man kann so alle Einstellungen beobachten, die sich bei Bedarf auch noch durch eine durchsichtige Kunststofffolie abdecken und darunter auch noch bedienen lassen. Zugriff auf die Steckanschlüsse links und die Bedienelemente rechts hat man durch kleine Manschetten, die sich durch eine Zugschnur verschließen lassen. Sollte eine Stereo-Produktion im MS-Format erstellt werden, lässt sich mit Hilfe der eingebauten Matrix der Ton zur Kontrolle in XY-Format abhören. Die Pegelsteller der Kanäle eins und zwei können zur sicheren Bedienung elektronisch gekoppelt werden, so dass auf Wunsch ein Regler für beide Kanäle zuständig ist. Auch das kommt dem Praktiker im harten Außeneinsatz entgegen, denn er muss nicht ständig auf den Gleichlauf achten. Der eingebauten Tongenerator schließlich erlaubt den Abgleich des Pegels auf der Kamera.

Bevor der SQN-4S mini beim Außendreh beweisen muss, was er wirklich drauf hat, behauptet er sich im Labor mit durchweg sehr guten Messwerten, die ihn als Profigerät ausweisen (siehe Steckbrief sowie Messdiagramme auf Seite XX).

Im Praxistest kommt der SQN-4S mini ganz standesgemäß für einen Außendreh „on location“ zum Einsatz. Für eine im Auftrag der englische Firma Early Start Languages in Deutschland gedrehte Reihe „Deutsch für Anfänger„ war ich für den EB-Ton zuständig. Der kleine britische Mischer sollte dabei als verlässlicher Partner dienen. Diese anspruchsvolle Aufgabe – soviel vorab – erfüllte der Winzling mit Bravour. Für mich als Toningenieur (Verbotene Liebe, Gute Zeiten schlechte Zeiten, diverse Einsätze für WDR und RTL) ist ein Außendreh zunächst Stress pur. Es passiert immer irgendetwas, was man zwar hört, aber im Bild nicht sieht. Folglich hat es auch nichts im Take zu suchen: Der Schatten des Mikrofons ist im Bild, der Aufzunehmende ist zu weit weg, der Anstecker (Drahtlosmikrofon) verrutscht oder die aufzunehmende Dame bietet Dank tiefem Dekolleté keine Chance für die unauffällige Befestigung des Ansteckmikrofons. Andererseits erlebe ich jedes Mal aufs Neue, dass es nichts Schöneres gibt, als in einer völlig fremden Umgebung mit einem hervorragenden Gerät in einem guten Team zu arbeiten. 

Für „Deutsch für Anfänger“ bestand meine Aufgabe darin, sehr deutlich gesprochene, einfache Sätze möglichst perfekt auszunehmen. Die Sprecher beziehungsweise Darsteller selbst waren völlig unerfahrene Laien wie Schüler, Markthändler und Supermarktkassierer, die meist bis unmittelbar vor der Aufnahme nichts von ihrer Chance als Darsteller wussten. Aufgenommen wurden sie in ihrem Lebensbereich und ihrer vertrauten Umgebung. Der Dreh fand sowohl im Freien, als auch in völlig normalen Wohnungen, Turnhallen, Klassen, Supermärkten oder Restaurants, also fern jeglicher Studioatmosphäre statt.

„Deutsch für Anfänger“ sollte aber auch gleichzeitig ein klein wenig Werbung für Deutschland in England machen. Für die aktuelle Folge wurde in und um Freiburg, sowohl rund um das Münster, als auch in den engen Gassen mit ihren typischen „Bächle“ gedreht. Daneben standen noch der Besuch einer Schule an, wir drehten beim Einkaufen im Supermarkt und auf einem Wochemarkt, nahmen an einer Probe der Freiburger Domsingschule teil, waren zu Gast beim Grillfest einer Freiburger Nachbarschaftsgesellschaft und schließlich waren wir Augen- und Ohrenzeugen bei der haushohen Heimniederlage des SC Freiburg im Badenova-Stadion.

Trotz der sehr unterschiedlichen Rahmenbedingungen an den verschiedenen Drehorten, bleibt die Arbeitsroutine mit dem SQN-4S mini im wesentlichen gleich: Vor Drehbeginn oder nach dem Wechsel einer Videokassette in der Panasonic Kamera wird für etwa 30 Sekunden der Pegelton am Mischer eingeschaltet, damit die Aussteuerung in der Kamera der Ablesung meiner PP-Meter im Pult entspricht. Gleichzeitig wird der interne Farbbalkengenerator in der Kamera eingeschaltet. Auf diese Weise hat der Editor für die Nachbearbeitung des gedrehten Materials sowohl den richtigen Audio- als auch Videopegel. Bei der BBC, so habe ich dabei gelernt, nennt man das „Stripes and Whistle“ – Farbbalken und 1-kHz-Ton. Den entsprechenden Pegel stelle ich dann durch Aussteuern mit ein paar Sprachfetzen der Protagonisten ein. Bei den Aufnahmen kann ich mich voll auf den Limiter des SQN-4S verlassen, denn der funktioniert vorbildlich: Die Attack-Zeit liegt bei 0,5 ms, die Release-Zeit bei 100 ms. Es ist kein Pumpen zu hören. Der Limiter verdaut mehr als 20 dB Übersteuerung ohne zu zerren. Ich bin also auf der sicheren Seite, es gibt kein Atmo-Rauschen, der Pegel des Mikrofons kommt eins zu eins rüber.

Zwischendurch, vor allem am Ende eines langen Drehtages, genügt ein kurzer Blick auf den im rechten PP-Meter angezeigten Ladezustand der Batterien – aktiviert durch einen kleinen Schalter auf der Frontseite oben rechts – und ich weiß bald mit einiger Erfahrung, wo der Zeiger steht, kurz bevor der Zusammenbruch kommt. Die Spannung der Batterien ist dann auf ungefähr fünf Volt abgesunken. Ich habe zur Stromversorgung des Mischers übrigens gewöhnliche AA-Zellen vom Lebensmittel-Discounter verwendet. Die reichten tatsächlich für einen ganzen Drehtag, der Hersteller hat mit der Angabe von 10 Betriebsstunden also nicht übertrieben. 

Sind Mikrofon, Kamera und Kopfhörer angeschlossen, kann der Mischer ohne weiteres eingeschaltet werden: Es gibt keinen Einschaltknackser, der einem bei aufgesetztem Kopfhörer die Ohren klingeln lässt. Nach wenigen Sekunden höre ich das vertraute Umgebungsgeräusch, aufgenommen durch den Sennheiser-Klassiker MKH 416 an der Angel im Windschutzkorb, den der Engländer „Fluffy“ und der Deutsche „Zeppelin“ nennt. Lediglich das mitgelieferte Spiralkabel ist etwas zu steif: Ich habe – ganz und gar nicht zur Freude des Kameramanns – manchmal die Kamera unabsichtlich mitgeschwenkt. Neben der Angel, die für eine notwendige Atmo, immer angeschlossen bleibt, benötige ich für eine Szene auch zwei Anstecker: Die Empfänger von Sennheiser finden in der Vortasche Platz, können mit kurzen (20 cm) XLR-Verbindungen direkt auf die Kanäle drei und vier gesteckt werden, die aus der Tasche ragenden Empfangsantennen sind völlig frei. Damit habe ich neben der Kontrolle der Displays der Anstecker-Empfänger auch noch die Möglichkeit, mit Hilfe der Gain-Steller am Mischer in das Tongeschehen einzugreifen. Der SQN-4S mini gibt mir durch seine Bedienungsphilosophie und Haptik die Möglichkeit, mich voll auf das Geschehen vor den Mikrofonen zu konzentrieren. Vor allem die Fader kann ich mit einem Finger absolut sicher und blind bedienen.

Fazit

Der SQN-4S mini ist die konsequente Weiterentwicklung der weltweit bei Tontechnikern geschätzten Mischpultserie des britischen Herstellers. In äußerst kompakter Form bekommt der Profi ein Werkzeug, das für alle Anwendungen von Mono über Stereo zur Zwei-Kanaltechnik Features bietet, die so manches stationäre Mischpult übertreffen.

Erschienen in Ausgabe 09/2007

Preisklasse: Spitzenklasse
Preis: 2850 €
Bewertung: sehr gut
Preis/Leistung: sehr gut

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