Der große Blaue mit dem warmen Herzen

Die Attribute lauter, fetter und breiter gehören bei Software-Limitern mittlerweile zur Selbstverständlichkeit. Dass im Kampf um das letzte Quäntchen Lautheit bisweilen die Musikalität auf der Strecke bleibt, dürfte auch hinlänglich bekannt sein. Das niederländische Software Unternehmen 112 dB verspricht mit dem Big Blue Limiter, diese Gegenpole zu vereinen und für ein musikalisch klingendes Verdichten jenseits des Dezibelwahns zu sorgen.  

Von Tom O’Connell

Dass heute bei vielen Produktionen die Lautheit und damit einhergehende Dynamikarmut über die klangliche Schönheit geht, ist – leider – beileibe kein Novum mehr. Beim Hören aktueller CD-Produktionen entsteht bisweilen sogar der Eindruck, der Hörer solle mit übermäßiger Lautheit bestraft werden, anstatt den Wohlklang einer Aufnahme genießen zu dürfen. Dass es auch klanglich wohlgefällige Wege in Sachen Lautheitsgewinn gibt, will der niederländische Software Hersteller 112dB mit seiner jüngsten Schöpfung, dem Big Blue Limiter beweisen. Das noch junge Unternehmen, das vor zwei Jahren durch seinen Software-Sampler Morgana (Test in Heft 7/2008) erstmals auf der Bildfläche erschien, hat sich seitdem durch seine Redline-Produktreihe auch im Bereich der Studio-Effekte erfolgreich bewiesen. Das vielbeachtete Limiter Plug-in des Herstellers, quasi ein Prototyp des Big Blue Limiters, blieb allerdings bisher nur den Benutzern von Native Instruments Reaktor 5 vorbehalten. Mit dem Big Blue Limiter präsentiert der Hersteller jetzt erstmals ein natives Limiter Plug-in für alle gängigen DAWs, das verspricht, sorgfältig erstellten Mixdowns Kraft und Durchsetzungsvermögen zu verleihen, ohne jedoch die Lebendigkeit und Dynamik einer Aufnahme zunichte zu machen.

Das alles wird bei Bedarf mit einer ordentlichen Prise analoger Röhrensättigung veredelt. Ein wahrhaft großes Vorhaben für gerade einmal knapp 190 Euro. Professional audio hat sich den großen blauen Holländer in einem ausführlichen Test einmal genauer angeschaut.  Der erste optische Eindruck des Big Blue Limiters erinnert an ein klassisches Vintage-Design. Alle Bedienelemente sind sehr übersichtlich aufgebaut. Die Freischaltung des Plug-ins erfolgt ebenfalls kinderleicht durch die Eingabe der Seriennummer nach der Installation. Unterstützt werden die üblichen Formate VST, AU und RTAS sowie eine Samplingrate von maximal 192 Kilohertz. Schon beim ersten Aufrufen des Plug-ins offenbaren sich dem Benutzer erste Highlights: Außer den riesigen Fadern für Threshold und Output sorgen jeweils zwei LED-Meter Ketten und zwei VU-Meter für die optische Kontrolle. Ungewöhnlich ist hierbei, dass die LED-Meter nicht wie gewohnt bis Null Dezibel reichen, sondern bis Drei Dezibel.  Damit ist freilich kein echter Headroom gemeint, sondern nur ein virtuell nachgestellter, aber immerhin ist es möglich durch Ausnutzen dieses Headrooms, das Signal schon leicht zu komprimieren, ähnlich wie beim Saturation Regler im Softube Trident A-Range Equalizer (Test in Heft 8/2010). Mit dem Drive Regler kann man jetzt die Eingangsempfindlichkeit regeln. Ab etwa sechs Dezibel Eingangsverstärkung setzt eine sanfte Röhrensättigung ein. Den Grad der Sättigung kann man, optisch sehr reizvoll, an der nachgebildeten Röhre, dem sogenannten Cat’s eye erkennen. Diese Färbung wirkt sich aber nicht, wie bei vielen Plug-ins, als bloße Verzerrung aus, sondern eher als Anhebung der harmonischen Obertöne. Der Threshold-Fader definiert wie gewohnt den Einsatzpunkt ab dem das Signal in der Dynamik begrenzt  (=limitiert) werden soll, genauer gesagt: Auftretende Pegel über dem eingestellten Wert werden in ihrer Dynamik begrenzt. Es lohnt sich durchaus, diesen Fader auch mal herzhaft zu bedienen, denn das berüchtigte Pumpen und Atmen tritt nur bei wirklich extremer Einstellung auf.

Eine regelbare Look-ahead Funktion analysiert das Signal durch eine Vorverzögerung von maximal fünf Millisekunden. Der Big Blue Limiter geht durch dieses Feature also schon vor dem Limitierungsvorgang auf das anliegende Klangmaterial ein. Durch den Link Button können beide Kanäle zusammengeschaltet werden. Der Big Blue Limiter lässt sich zwar nicht als True Stereo Effekt für das jeweils unterschiedliche Bearbeiten beider Kanäle nutzen, geht aber bei Deaktivierung des Link Buttons getrennt auf beide Mono-Kanäle ein, sozusagen als Stereo-Split. Anwenden lässt sich dieses Feature beispielsweise als Stereobasisverbreiterung, es hat allerdings den Nebeneffekt, dass sich die Stereomitte verschiebt. Der Compare-Button sorgt schließlich für einen A-B Vergleich. Ein bloßer Bypass-Schalter ist dieser Button jedoch nicht, beim Betätigen lässt sich das Signal hierbei vor und nach der Bearbeitung durch den Treshold- und Output-Fader vergleichen. Die Input-Drive Sektion ist hiervon nicht betroffen. Vorteil: Das Signal lässt sich leicht durch die Röhrensimulation anwärmen, ohne den Limiter-Effekt zu bemühen. Dazu aber mehr an späterer Stelle. Rechts von der Fadersektion kann die Kurvencharakteristik zwischen Hard, Soft und Medium gewählt werden sowie durch einen weiteren Drehregler das Release von eins bis 500 Millisekunden. Im Modus Hard arbeitet das Plug-in als, allerdings immer noch zivilisiert arbeitender, Brickwall Limiter, ähnlich dem Sony Oxford Limiter. Im Soft-Modus setzt der Regelvorgang – Nomen est Omen – sehr behutsam und unauffällig ein.  Die wirklich luxuriösen Features offenbaren sich beim Big Blue Limiter allerdings erst beim genaueren Betrachten: Ein Mausklick auf das Firmenschild klappt ein Fenster aus, in dem der Benutzer über die CPU Auslastung des Plug-ins informiert wird. Durch einen weiteren Mausklick auf der Bedienoberfläche öffnet sich das MIDI-Controller-Setup. Der Dialog zeigt die Routings von MIDI-Controllern auf sämtliche Parameter des Plug-ins. Bei Bedarf lassen sich dort auch neue Zuweisungen vornehmen. Benutzer von externen MIDI-Controllern werden hier vor Freude jubeln. Besonderheit: Das Regelverhalten der Drehregler lässt sich ebenfalls verändern und einer „analogen“ Trägheit anpassen. Zugegeben, das ist purer Luxus, es offeriert dem Anwender jedoch ein angenehmes Bediengefühl, vor allem für diejenigen, die vorwiegend mit Outboard Equipment gearbeitet haben und an das Regelverhalten von Hardware gewohnt sind.

Das wären zunächst die „fühlbaren“ Features des Big Blue Limiters, aber wie klingt er denn nun?  Mit einem Wort beschrieben: Pfundig. Schon vor dem eigentlichen Limitieren lässt sich das Audiomaterial angenehm verdichten und scheint beim Ausnutzen des Headrooms einen High-Energy Drink konsumiert zu haben. Ein magerer Mix bekommt sofort Muskeln und wirkt breiter und fülliger. Der Regelvorgang des Plug-ins wirkt sich nicht vordergründig aber durchaus angenehm färbend aus. Bei entsprechender Betätigung des Threshold- und Output-Faders wird das Signal wesentlich dichter, lauter und vordergründiger ohne das es zu aufdringlich erscheint. Man kann sich jedoch sicher sein, dass der eingestellte Pegel immer der Maximalpegel bleibt, aber dennoch die Lebendigkeit des Signals unangetastet bleibt.  In der Praxis erweist sich auch die Automatisierbarkeit der Parameter als echte Bereicherung. Ein sehr dynamischer Drumtrack kann so beispielsweise an unterschiedlichen Stellen des Arrangements mal mehr und mal weniger in der Dynamik begrenzt werden.  Als klassischer Summenlimiter in der Mastersektion eingesetzt, spielt der kernige Holländer seine Karten schließlich voll aus. Der Mix klingt schon bei zaghaften Threshold-Einstellungen mächtig und majestätisch-druckvoll mit straffen Bässen und kernigen Mitten. Die Höhen bleiben auch bei heftigster Limitierung spritzig und frisch. Trotz beachtlichem Lautheitsgewinn  bleibt jederzeit ein Rest von Dynamik erhalten und das Signal wirkt nie „an die Wand“ gefahren. Wer allerdings nach einem analytischen, transparenten Klang sucht, wird beim Big Blue Limiter kaum fündig. Der Blaue Riese färbt, im Gegensatz zum neutralen Klang etwa eines TC Works Limiters, selbst dann eingehende Signale wenn gar kein Parameter verändert wird – das allerdings auf sehr angenehme Art und Weise. 

Fazit 

Wer sich von der kraftvollen Klangfärbung des Big Blue Limiters nicht beirren lässt oder sogar gezielt danach sucht, wird mit einem schmackhaften Sound-Leckerbissen belohnt, der sich hinter seinen Konkurrenten nicht zu verstecken braucht. Im Gegenteil: Der feinmotorische Muskelprotz nimmt es sogar mit wesentlich kostspieligeren Plug-ins auf, wie zum Beispiel dem TC Works Limiter oder dem Limiter aus dem Sony Oxford Bundle. Im Vergleich zum Sony-Limiter kann er zwar klanglich nicht ganz mithalten, er ist ihm aber in puncto Vielseitigkeit deutlich überlegen.

Erschienen in Ausgabe 09/2010

Preisklasse: Mittelklasse
Preis: 118 €
Bewertung: sehr gut
Preis/Leistung: sehr gut

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