Distortion de Luxe

Der Reigen an Major-Updates reißt bei Izotope einfach nicht ab. Dieses Mal hat sich der amerikanische Hersteller sein Verzerrer-Plug-in Trash zur Brust genommen, das erheblich überarbeitet wurde und neue, vor allem kreativ einsetzbare Sounddesign-Optionen enthalten soll. Wir haben die Probe aufs Exempel gemacht und uns mit dem ästhetischen Potenzial von Verzerrungen intensiv auseinandergesetzt.

Von Georg Berger 

Bei Izotope ist offenbar groß Reine machen im Produkt-Katalog angesagt. Außer der Pflege von Bestsellern wie der Mastering-Suite Ozone (Test in Heft 4/2012) und auch der Entwicklung neuer Produkte wie dem Synthesizer Iris (Test in Heft 7/2012) hat sich der amerikanische Software-Produzent auch fast schon längst vergessen geglaubter Plug-ins angenommen und lässt sie in überarbeiteter und erweiterter Form neu erstrahlen. So jetzt mit dem in die Jahre gekommenen Verzerrer-Plug-in Trash geschehen, das erstmals vor sage und schreibe zehn Jahren vorgestellt wurde und seitdem in unveränderter Form seinen Dienst verrichtete. Doch damit ist jetzt Schluss, denn Izotope  lässt den Luxus-Verzerrer in Form des Trash 2 Plug-ins in neuer und erweiterter Form wieder aufleben. Außer einer Vielzahl an neuen Features ist auch das GUI komplett überarbeitet worden. Das Layout und Bedienkonzept der Oberfläche ist im Großen und Ganzen identisch zu denen von Ozone 5 und Alloy 2 (Test in Heft 10/2012). Izotope führt diesen neuen Look also stringent fort und verpasst sämtlichen Major-Updates ein einheitliches Corporate Design. Abseits dessen haben sich die Entwickler überdies an die Herkules-Aufgabe gemacht und das gesamte Plug-in von Grund auf neu programmiert. Kostenpunkt bei Neukauf: Rund 200 Euro. Das Upgrade von der Erstversion kostet knapp 80 Euro. Wer mag, kann sich auch gleich noch das Edge Expansion Kit für 25 Euro dazuholen, das mit weiteren Presets und Impulsantworten aufwartet.

Im Wesentlichen hat sich am Grundkonzept  von Trash nichts geändert. Den Effekt-Prozessor als Luxus-Verzerrer zu bezeichnen trifft zwar das zentrale Haupt-Feature des Plug-ins. Doch der Hersteller hat Trash noch mit weitaus mehr Effekten und Prozessoren ausgestattet, die aus dem Plug-in einen Multi-Effekt-Prozessor mit hohem Kreativ-Potenzial macht. Zwei Filter-Sektionen – die Erstversion besaß nur eine –, eine Dynamik-Sektion mit Noise Gate und Kompressor, ein Faltungs-Prozessor zum Laden und Einrechnen von Impulsantworten sowie ein Delay mit verschieden wählbaren Grundklang- respektive Zerr-Charakteristiken finden sich zusätzlich an Bord. Die Prozessoren können per Button wechselweise ins dafür reservierte Feld links oben aufgerufen, dort editiert und individuell per Bypass-Button aktiviert werden. Rechts davon finden sich je zwei Fader zum Einstellen der Ein- und Ausgangs-Lautstärke des gesamten Plug-ins sowie ein Blenden-Regler zum Ausbalancieren des Gesamt-Effekts. Neu ist dort ein per Button aktivierbarer Limiter, der jedoch keinerlei Eingriffsmöglichkeiten bietet und im Test eher eine nette Dreingabe ist. Einen alten Bekannten aus dem Ozone- und Alloy-Test finden wir in Form des Graph-Dialogs, der das individuelle Verketten der einzelnen Signal-Prozessoren erlaubt. Besonderheit: Die beiden Filter-Sektionen können bei Bedarf parallel verschaltet werden. Schauen wir uns die einzelnen Sektionen einmal näher an:
Die Bedienung der Filter- und Dynamik-Sektionen sowie große Teile der Ausstattung fallen ebenfalls identisch zu denen in Alloy 2 aus. Gleiches gilt auch für den Grundklang, der sehr fein, transparent aber dennoch mit einer subtilen Schönfärbung daherkommt und in Richtung analoger Klang schielt. Außer einem zu Alloy 2 identisch klingenden Sechs-Band-Equalizer umfasst das Arsenal der Filter-Sektion zumeist resonanzfähige Varianten in allen Spielarten. Neu sind hingegen zwei Formant-Filter. Die Resonanz-Filter decken eine Klang-Palette von zart und unauffällig bis böse und zerstörerisch ab. Einige Filter erzeugen im Test ein Resonanzpfeifen, das dermaßen laut und schrill daherkommt und vom eingespeisten Signal nichts mehr übrig lässt. Die Formant-Filter gefallen hingegen durch einen samtigen Klang, wenngleich er sich bei allzu häufigem Einsatz leicht abnutzt. Genial gelöst und von der Vorversion übernommen, ist die Möglichkeit zum Erzeugen von Filter-Sweeps und das in sämtlichen Charakteristiken. Dazu muss im Graphik-Display lediglich ein zweiter Frequenzpunkt, der über eine Linie mit dem eigentlichen Band verbunden ist, an die gewünschte Position im Frequenz-Spektrum gezogen werden. Über die Modulations-Sektion kann anschließend zwischen diesen beiden Punkten wahlweise über eine AR-Hüllkurve oder einen LFO gemorpht werden. Sehr schön: Das Triggern der Hüllkurve kann zudem extern via Sidechain geschehen, was sehr flexibel gelöst ist. Die Dynamik-Sektion bietet zwar nicht den gleichen Umfang an Features wie die Mix- und Mastering-Plug-ins. Sie sind aber dennoch mehr als ausreichend und erlauben sogar das Erzeugen negativer Ratio-Verhältnisse. Unter anderem ist ebenfalls auch ein Hoch- und Tiefpass-Filter im Detektor-Weg, sowie die Multiband-Fähigkeit übernommen worden, bei der bis zu vier Bänder ein frequenzselektives Komprimieren erlauben. Im Test gefallen die Dynamik-Effekte einmal mehr durch ihr gutmütiges Verhalten und den transparenten, unauffälligen Klang.

Das Delay ist in Sachen Ausstattung und Bedienung sehr rasch erfasst. Über sechs Buttons lassen sich verschiedene Sound-Charakteristiken auf den Echo-Klang prägen, die von transparent (Digital) über voluminös und angenehm schmeichelnd (Tape, Analog) bis hin zu verzerrt und zerstörerisch (Lo-fi, Broken Bit) reichen. Im Test fällt auch die Delay-Sektion durch einen edlen Klang auf, der gerade bei den analogen Klang-Charakteristiken angenehm ins Ohr geht. Chorus- und Flanger-Effekte sind übrigens ebenfalls kein Problem.  
Weiter geht’s mit der Convolve-Sektion, die den Faltungs-Prozessor beherbergt. Rund 100 Impulsantworten werden ab Werk mitgeliefert, die in verschiedene Kategorien sortiert sind und das anliegende Signal in nicht unerheblicher Weise prägt. Außer Gitarrenverstärkern und -Cabinets finden sich darin unter anderem akustische Fingerabdrücke aus dem Inneren von alten Radios, Ölfässern, diversen anderen Gefäßen und sogar auch Vokale. Klassische Hall-Impulsantworten sind im Lieferumfang jedoch Fehlanzeige, aber auch nicht beabsichtigt. Der Clou: Neu in Version 2 ist jetzt auch die Möglichkeit, eigene Impulsantworten zu laden und auf den Klang zu prägen, was eine willkommene Erweiterung der Möglichkeiten darstellt. Wer mag, kann reinrassigen Hall also trotzdem einsetzen, wenngleich die Einstellmöglichkeiten rudimentär ausfallen. Zwei Fader nehmen lediglich Einfluss auf die Stereobasis des Klangs und es kann die Lautstärke sowie das Dry-/Wet-Verhältnis eingestellt werden. Die Convolve-Sektion dient vielmehr dazu, den Signalen einen neuen Grundklang aufzuprägen, was sich beim Durchhören der Werks-Library zumeist so anhört, als ob ein Equalizer am Werk ist. Zur Ehrenrettung sei vermerkt, dass auch einige Impulsantworten mit Hall aufwarten. Sie erzeugen jedoch ausschließlich kleinere Räume und Ambiences. Viele Impulsantworten erzeugen dabei zumeist hohle, dumpfe und teils matte Klangbilder. Manche besitzen zudem ein leichtes, flirrendes Resonieren und Klingeln im oberen Mittenbereich, wobei der Großteil der Impulsantworten den Höhenbereich ausklammert und sich auf den Mitten- und Bassbereich konzentriert. Unangenehm oder gar falsch klingt das jetzt nicht. Vielmehr gewinnen eingespeiste Signale nach solch einer Faltungsbehandlung merkbar an Charakter.
Doch das Beste kommt zum Schluss: Die Trash-Sektion, die dem Plug-in seinen Namen verdankt. Wie in der Vorversion stehen gleich zwei seriell verschaltete Verzerrerstufen bereit mit der sich eine Vielzahl an Zerr-Kombinationen realisieren lassen. Das frequenzselektive Verzerren – maximal vier Bänder stehen bereit – ist ebenfalls seit der ersten Version existent und wird in Trash 2 weiter fortgesetzt, was ein gezieltes Eingreifen in die Signalbearbeitung ermöglicht. Neu ist hingegen eine deutliche Aufstockung an mitgelieferten Verzerrer-Algorithmen. Die Palette reicht von subtilen, hauchzarten Sättigungen bis hin zu akustischen Katastrophen, die klingen, als ob der Lautsprecher Schall mit 200 Dezibel abgibt und gleichzeitig in Flammen steht. Dieses Repertoire zieht klanglich eine Spanne von bassig-dumpf und dröhnend über mittig-spitz bis hin zu schrill und bissig auf. Neu ist auch ein per Reiter aufrufbares, zweibandiges Post-Filter in jeder Verzerrerstufe, mit dem sich der Zerrsound schon einmal grob bändigen lässt. Das absolute Highlight stellt jedoch die Möglichkeit dar, eigene Verzerrer-Kurven im sogenannten Waveshaper-Display zu erstellen, die wahlweise komplett neu oder auf Basis einer der gewählten Presets formbar sind. Letztgenannte Option erzeugt dabei eine Kombination aus Preset-Algorithmus und Eigenschöpfung. Ähnlich wie in einem Bildbearbeitungsprogramm stehen eine Reihe von Linienformen – linear, sinusförmig, Rechteck, Sägezahn – zur Auswahl, die mit Hilfe von Anfasspunkten im Display erzeugt und verändert werden können. Durch Doppelklick können weitere Punkte eingefügt werden, die ein noch farbenprächtigeres Ausformen der Frequenzkurve ermöglicht. Der Bipolar-Button teilt das Display horizontal, so dass individuelle Kurvenverläufe für die Ober- und Unterschwingung machbar sind. Die Logarithmic-Funktion  skaliert die Wellenform in entsprechender Weise. Weitere Möglichkeiten zum Strecken und Stauchen der Wellenform bestehen in den winzigen horizontalen und vertikalen Scrollbalken am Rand des Displays.

Im Test ist das Wellenform-Malen jedoch etwas mühsam, weil das Display doch recht klein ist. Zwar gibt es ein Zoom-Feld mit dem sich rasch in die Mitte oder die vier Quadranten des Displays zoomen lässt. Komfortabler wäre jedoch die Möglichkeit, das Display entkoppeln und gleichzeitig größer darstellen zu können. Pre- und Drive-Regler realisieren die Vorverstärkung des eingespeisten Signals sowie die Stärke der Verzerrung. Manche Algorithmen gewähren auch Zugang zum Style-Fader mit dem sich der Algorithmus nochmals variieren lässt. Gain- und Mix-Fader beschließen den Parameter-Reigen im Trash-Modul. Im Test haben wir den Umgang mit dem Waveshaper-Display recht schnell verinnerlicht und erstellen wieselflink die prächtigsten Wellenverläufe. Klanglich kommt dabei allerdings nur Matsch und Chaos raus. Weniger ist in dem Fall mehr und wir empfehlen, sich eine der vorgefertigten Wellenformen zu laden und anschließend nur leicht zu variieren. Um wirklich souverän und vor allem auch planvoll ans Werk gehen zu können ist dennoch ein gerüttelt Maß an Einarbeitung erforderlich. Nichts desto Trotz macht das Malen im Test einen Heidenspaß und wir erhalten direkt akustische Rückmeldung über zuvor gemachte Einstellungen.
Isoliert eingesetzt können die einzelnen Effekte schon einmal ohne Wenn und Aber überzeugen und vor allem nicht zuletzt durch den feinen Grundklang mit dezidierten Einzel-Plug-ins sehr gut mithalten. Gerade der Einsatz der Filter- und Dynamik-Sektionen erlaubt ein akkurates und flexibles Bearbeiten von Spuren. Damit macht sich Izotope sogar Konkurrenz im eigenen Haus und zwar zu Alloy 2, denn für die Standard-Arbeiten reicht die Ausstattung der Trash 2 Studio-Effekte in jedem Fall aus. Abseits dessen spielt Trash 2 logischerweise erst so richtig mächtig auf durch das geschickte Kombinieren und Zusammenspielen sämtlicher Effekt-Sektionen. Die rund 300 Werks-Presets geben dabei im Test eine beeindruckende Vorstellung ab und demonstrieren anschaulich, was alles möglich ist. Als erstes „vertrashen“ wir eine cleane Gitarren-Aufnahme und siehe da: Mächtige Zerr-Sounds à la Marshall, Mesa Boogie, Diezel und Konsorten sind hörbar, die mit den Platzhirschen in Sachen Amp-Emulation durchaus mithalten können. Zusätzlich angereichert mit Delay-, Chorus-/Flanger-Anteilen und sogar Wah Wah-Sounds offeriert Trash 2 eine breite Palette an weiteren Effekt-Zutaten. Allerdings sind diese Sounds doch zumeist eher allen Spielarten des Heavy Metal verpflichtet. Doch Trash 2 als Alternative zu Guitar Rig, Amplitube und Co. einzusetzen, trifft die Sache nicht, einmal abgesehen davon, dass das Erstellen von Gitarren-Amp-Sounds in Trash 2 dann doch sehr gewöhnungsbedürftig und ungleich unkomfortabler ist. Trash 2 lässt sich nämlich hervorragend auch auf andere Signalarten einsetzen. Drum-Spuren die eher pappig und langweilig klingen, verleiht der Izotope-Verzerrer nachhaltigen Charakter. Mit einem Mal klingen sie vordergründiger, je nach Frequenzbearbeitung mal wuchtiger oder crisper und insgesamt besitzen sie das gewisse Etwas bei dem man nicht weghören kann. Gleiches gilt auch für E-Bass-Spuren, die sogar so weit dekonstruiert werden können, dass mit einem Mal ein waschechter Synthie-Bass zu hören ist. Auch Gesangsspuren kann Trash 2 nachhaltig mehr Charakter, Durchsetzungsvermögen und Profil verleihen, wenngleich gerade dort das Wet-Verhältnis sehr behutsam eingestellt werden sollte. Jedenfalls wird uns im Verlauf des Tests rasch klar, warum Bands wie Nine Inch Nails, Garbage oder Korn auf Trash vertrauen. Moderat eingesetzt sorgt Trash 2 auch in jedem anderen Musikstil für nachhaltiges Verbessern von Signalen.

Fazit

Izotope hat sein Trash Plug-in nach zehn Jahren förmlich wie Phoenix aus der Asche neu auferstehen lassen und demonstriert auf beeindruckende Art, was sich klanglich hervorragend alles mit Verzerrungen anstellen lässt. Ausgestattet mit gleich mehreren auch separat einsetzbaren Effekten jenseits von Verzerrung und einer Menge neuer Features ist Trash 2 ein Multi-Effekt-Plug-in mit flexiblen Möglichkeiten und hohem Inspirations-Faktor. Es sorgt nicht nur universell bei Musik-Produktionen für ein Plus an Charakter und Aufmerksamkeit. Im Post Production Bereich ist es mit seinen Sounddesign-Qualitäten ebenfalls ein willkommener Gast.

Erschienen in Ausgabe 07/2013

Preisklasse: Oberklasse
Preis: 195 €
Bewertung: sehr gut – überragend
Preis/Leistung: sehr gut

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