Die Kraft von 72 Kanälen

Mit ihrer eigens entwickelten „Tolerance Modeling Technology“ haben Brainworx bereits Nachbildungen der SSL E- und G-Serie zur vollen Konsolenkraft verholfen. Nun zeigt uns der dritte Emulationsstreich in dieser Reihe in Gestalt einer Neve VXS seine geballte 72-Kanal-Power – das Plug-in Brainworx bx_console N.

Von Johannes Dicke

Gerade erst konnten wir uns anhand der hervorragenden Nachbildung des Elysia Karacter (siehe Test in Professional Audio Ausgabe 08/2017) ein weiteres Mal von der hohen Qualität der Brainworx´schen Produkte überzeugen, da kommt schon die nächste vielversprechende Emulation hereingeflattert. Nach der Emulation der SSL-Serien E und G hat sich Brainworx-Mastermind Dirk Ulrich nämlich der Nachbildung einer Neve VXS-Konsole angenommen, deren Hardware-Vorbild eine ganz besondere Geschichte hat. Seit sich Ulrich bei einer Produktion für die Band Dream Theater in den Sound des britischen Schlachtschiffs und insbesondere in die musikalische Arbeit der EQs verliebt hatte, ließ den Recording-Enthusiasten der Traum von der eigenen VXS nicht mehr los. Vor ein paar Jahren dann der Sensationsfund in Schweden. Dort stand just ein Exemplar des ersehnten Pult-Typs zum Verkauf, das zuerst in den heiligen Hallen der Skywalker Ranch zwecks Orchester-Scoring & Co. eingesetzt wurde. Zuletzt zeichnete der Bolide im schwedischen Studio eines Ex-ABBA-Mitgliedes für modernen Analogklang unter anderem bei diversen Hit-Produktionen verantwortlich. Kein Wunder also, dass Ulrich da sofort zuschlagen musste. Seither dient das Pult als Referenz für alle neu entwickelten Brainworx Plug-Ins, sowie auch als „goldene“ VXS-Vorlage, die uns nun in Gestalt von bx_console N ihre Aufwartung macht. Zu haben ist die verheißungsvolle Konsolennachbildung für 299 US-Dollar und soll, wie bereits ihre beiden Vorgänger, dank eigens neu entwickelter Modeling-Technologie waschechten Analogkonsolen-Sound in die heimische DAW bringen.

Volle Kanalkraft voraus mit Tolerance Modeling Technology (TMT)

Das Interessante an großen Analogkonsolen wie der VXS ist selbstverständlich vor allem ihr Sound. Dadurch, dass jeder ihrer 72 Kanalzüge aufgrund kleiner Abweichungen der vielen elektronischen Bauteile stets leicht anders klingt, ergibt sich gerade bei zahlreich eingesetzten Kanälen ein im Vergleich zu DAWs ungemein größeres, lebendigeres Klangbild. Aufgrund solcher Varianzen entstehen in der Endsummierung unter anderem Phasenverschiebungen, die neben anderen Faktoren am Ende für mehr Klangtiefe, -komplexität und Dreidimensionalität verantwortlich zeichnen. Den dafür innerhalb gewisser Toleranzen verantwortlichen Bauteilvariationen haben sich die Brainworx-Entwickler mittels eines eigens entwickelten patentierten Modeling-Verfahren namens Tolerance Modeling-Technology, kurz TMT angenommen. Der Clou: Insgesamt 150 verschiedene Komponenten, die in jeder Kanalzugschaltung für besagte Klangunterschiede verantwortlich zeichnen, wurden identifiziert. Diese implementierten Ulrich und sein Team dann inklusive besagter Toleranzen in einem virtuellen Schaltungsmodell, wodurch am Ende analog zum Vorbild die Klangunterschiede zwischen den einzelnen Kanälen realisiert werden. In der Summe soll das schließlich für ein vergleichbares Klangergebnis sorgen.

Brainworx bx_console N

Wie im großen Vorbild lassen sich bis zu 72 Kanäle mit all ihren kleinen Klangunterschieden auf die im DAW-Projekt geladenen Instanzen verteilen, was in der Endsummierung für echten Analogklang sorgen soll

Originales plus schmackhafte Extra-Features

Genau wie das Vorbild verfügt auch das Plug-in in der linken Spalte über eingangsseitige Low- und Highpass-Filter, welche ganz oben im GUI liegen. Darunter folgen ein Gate (links) und ein Kompressor/Limiter (rechts). Gleich nebenan befindet sich eine umfangreiche EQ-Sektion mit von 1,5 bis 17 Kilohertz reichendem Highshelf, Lowshelf von 33 bis 370 Hertz und zwei weit angelegten Bell-Bändern von 190 bis 2000 sowie von 800 bis 8700 Hertz. Abgerundet wird das Ganze von einer Master-Abteilung, die unter anderem Input Gain und Anzeigen für Kanalpegel sowie die Gain Reduction  der Dynamikwerkzeuge beherbergt. Zusätzlich haben Brainworx noch einige äußerst praktische Extrafunktionen eingebaut. So lassen sich die Regelbereiche von High- und Lowpass zusätzlich optional um das jeweils Dreifache erweitern. Desweiteren wurde der Dynamikabteilung noch ein Dry/Wet-Mix-Regler zwecks Parallelbearbeitung spendiert. Außerdem haben die Entwickler noch ein zusätzliches Highpass-Filter im Sidechain-Weg für noch mehr Flexibilität hinzugefügt – zuzüglich einer zweiten Release-Zeit-Regelung. In Gestalt einer kleinen, unscheinbaren Stellschraube ermöglicht diese zusätzliche Fein-Justagen, zum Beispiel wenn bei allzu „chaotischem“ Signalmaterial unerwünschtes Pumpen automatisch reduziert werden soll. Dem nicht genug, wurde zudem ein zusätzlicher EQ-Positionsschalter eingebaut. Diese erlaubt es, den EQ nicht nur vorbildgetreu hinter der Dynamiksektion oder in deren Sidechain-Weg zu betreiben, sondern ihn auch komplett vor die Dynamiksektion zu legen. Das sorgt abermals für größere Flexibilität in der Signalbearbeitung und ermöglicht noch präzisere Eingriffsmöglichkeiten in die Arbeit von Kompressor/Limiter, Gate und Expander.

Auch die Master-Sektion hält in der rechten GUI-Spalte weitere Zusatz-Features bereit. Dort lässt sich nicht nur der Eingangspegel justieren, sondern per daneben liegendem V-Gain-Poti auch das analoge Neve-Rauschen auf Wunsch beimischen. Zusätzlich dazu bietet sich per THD-Stellschraube die Möglichkeit, Obertöne, beziehungsweise Distortion in Gestalt von vergrößerter Signaldichte stufenlos hinzuzufügen – klasse! Gleich darunter kann dann direkt über der Master-Pegelanzeige je nach Mono- oder Stereoversion des Plug-ins bestimmt werden, durch welche(n) der 72 verfügbaren Modeling-Kanäle das Signal laufen soll. Der Clou: Ist Channel 1 ausgewählt, erklingt das „Golden Unit“, also jener Kanalzug, welcher als Referenzvorlage nachgebildet wurde. Revolutionär: Die Kanäle 2 – 72 werden anschließend allesamt per Tolerance Modeling Technology (TMT) in ihrer jeweiligen Bauteilvarianz individuell neu berechnet, sodass besagte Analogklangunterschiede entstehen. In diesem Zusammenhang ist auch der Stereo Mode-Button als Möglichkeit zur Klangmodifikation zu erwähnen. Arbeitet das Plug-in nämlich als Stereo-Instanz und der Schalter ist aktiv, werkeln beide Kanäle mit den leichten TMT-Unterschieden. Das sorgt am Ende für nochmals mehr Realismus. Apropos: Um in Sachen TMT sicherzustellen, dass nicht immer dieselben Kanäle auf mehreren Instanzen im DAW-Projekt gleichzeitig verwendet werden, gibt es außerdem noch zwei Spezial-Buttons. Wenn Sie ab der ersten in Ihrem DAW-Projekt verwendeten bx_console-N auf eine unterschiedliche Kanalwahl achten und nicht die werkseitig eingestellten Kanäle 1 und 2 verwenden möchten, brauchen Sie nur bei jeder weiteren hinzugefügten Instanz den mit „One“ betitelten Button zu drücken. Dieser sorgt dafür, dass stets ein bislang noch von keiner anderen Brainworx-VXS-Emulation im Projekt verwendeter Kanal gewählt wird. Haben Sie hingegen vergessen, von Beginn an auf eine verschiedene Kanalauswahl zu achten, ist das mit dem zweiten Button namens „All“ auch kein Problem. Dieser weist automatisch allen Instanzen unterschiedliche Kanalvarianten zu und die volle Analog-Couleur ist gesichert.

Einmal Analog und zurück, bitte!

Nachdem wir über die bedientechnischen Eigen- und Neuheiten unseres Testkandidaten im Bilde sind, geht’s nun im Praxisteil zu den klanglichen Eigenschaften. Dazu bringen wir bx_console N auf jeder Spur eines Bigroom-EDM-Drops zum Einsatz, der uns mit seinen insgesamt 20 Stereospuren später auch noch Auskunft über die TMT-Summenfähigkeiten geben soll. Zuvor wollen wir uns jedoch erst einmal ein Bild der einzelnen Abteilungen verschaffen. Dazu laden wir das Plug-in zuerst auf einen breiten Leadsynth im Drop, den wir in Reveal Sound Spire, genauer gesagt im Preset LD Jigga aus der ersten Werks-Bank gefunden haben. Nachdem wir vorsorglich Gate und Kompressor/Limiter deaktiviert haben, geht’s mit den Filtern und dem EQ zur Sache. Dabei können wir zuallererst Low- und Highpass Filter ein gutes Zupacken attestieren, wobei beide stets angenehm und keinesfalls hervorstechend daherkommen. Auch die Erweiterung der Frequenzbereiche mittels /3-Schalter (Lowpass) und x3-Schalter (Highpass) entpuppt sich als äußerst hilfreich. Gerade dann, wenn zusätzlich zu tiefen Störfrequenzen auch der Bereich in den unteren Mitten für mehr Platz für andere Elemente in diesem Sektor freigeräumt werden soll, ist diese Extraerweiterung Gold wert. In unserem Fall reicht allerdings bereits ein Cut bis 156,5 Hertz ohne die optionale Dreifacherweiterung aus, damit Kickdrum und der obligatorisch parallel dazu laufende EDM-Bass in ihrem Kernbereich noch besser durchschlagen.

In den Höhen brauchen wir zwar auf den ersten Blick keinerlei hörbaren Cut, lassen jedoch den Lowpass dennoch aktiviert. Dadurch, dass wir nämlich nicht zum Ausschalten auf die rote pull LPF-LED klicken, arbeitet das Filter – wenn auch praktisch unhörbar – dennoch weiter bei werkseitigen 18 Kilohertz. Dies entfernt hohe Störpegel, die bei virtuellen Synths naturgemäß gerne entstehen, was in puncto Lautheit am Ende im Mastering wiederum mehr Headroom bedeutet. Auch der EQ macht im Anschluss eine hervorragende Figur und wir können rasch nachvollziehen, warum Dirk Ulrich seine Fähigkeiten so zu schätzen weiß. Selbst in extremen Einstellungen klingt das Endergebnis nie wirklich unangenehm und stets mit einer weichen Note versehen. Unserem Leadsynth verhilft unter anderem eine Anhebung von 7,6 Dezibeln bei sechs Kilohertz sowie ein zusätzlicher leichter Highshelf Boost von 1,1 Dezibel ab vier Kilohertz aufwärts zu mehr Biss.

Um alldem noch mehr Fülle zu verpassen, fahren wir die Neve anschließend noch per THD-Schraube in die Sättigung. Werkseitig sorgt bereits eine Stellung bei -60 Dezibeln für dezente Obertonanreicherung, was gegenüber vollständig deaktivierter THD-Funktion schon dezent verschönernd wirkt. Wir jedoch möchten nochmals mehr und reißen bis auf volle -30 Dezibel auf. Das erhöht die Dosis noch einmal spürbar und lässt unseren Leadsound noch frischer, „catchier“ und abermals eine Portion durchsetzungsfähiger daherkommen. Um in diesem Punkt ganz zum Schluss abermals eins obendrauf zu setzen, bietet sich der in der Dynamiksektion enthaltene Kompressor als weitere Fatness-Maßnahme an. Dazu aktivieren wir diesen per L/C-Schalter, stellen die Ratio auf 2.2:1 und bringen den Threshhold-Regler (THD) auf Linksanschlag, um der virtuellen Kompressorschaltung ein ordentliches Arbeitssignal zu liefern. Seitens des Release-Potis (REL) finden wir anschließend bei 0,07 Sekunden die richtige Einstellung. So werden die Attack-Transienten derart mitgenommen, dass bei einer Aufholverstärkung von 6,1 Dezibeln der Leadsynth deutlich punchiger und schön knallig daherkommt. Um diesen Effekt nochmals zu verstärken, erhöhen wir zudem auch den Input Gain um sechs Dezibel. Auf diese Weise befeuern wir den Kompressor nochmals stärker und erreichen abermals mehr Gain Reduction, was Signalen wie unserem Leadsynth einfach gut zu Gesicht steht. Für finale Abrundung sorgt schließlich eine kleine Prise der Original-Transienten durch dezente Parallelkompression mittels Zurücknahme der Mix-Stellschraube auf 90 Prozent.

DAW vs bx_console N

Ganz zum Schluss wollen wir uns nun noch ein Bild von „des Pudels Kern“ in Gestalt der TMT-Fähigkeiten machen. Da sich diese logischerweise bereits im Stereobetrieb aufgrund zweier unterschiedlicher Monokanäle bemerkbar machen, hören wir uns unseren Leadsound noch einmal in bx_console N-Werkseinstellungen ohne Gate im Signalpfad an. Und tatsächlich. Nach eingehender Hörbeurteilung wirkt der Synth-Klang mit eingeschalteter BX-Neve gefühlt angenehmer. Es scheint eine kleine Prise Lebendigkeit und Stereobreite hinzuzukommen. Ein anschließendes Durchsteppen der unterschiedlichen Kanäle bringt zwar erst einmal keine merklichen Klangveränderungen, was sich jedoch im anschließenden Summentest auf mehreren Kanälen ändert. Dazu versehen wir alle restlichen Spuren in unserem Test-Track (Kickdrum, EDM-Kickbass, Offbeat-Hihats, Crash-Becken, diverse Drum-Fill-Spuren, Effekte, Zusatz-Layer-Synths, etc.) ebenfalls mit dem Plug-in, wobei wir abermals jeweils das Gate deaktivieren. Wie gesagt kommen wir dabei auf insgesamt 20 Stereo-Instanzen und damit am Ende auf immerhin 40 VXS-Monokanäle. Dann exportieren wir eine Version des Mixes mit sowie eine ohne bx_console-Einsatz. Lediglich die Instanz auf unserem Leadsynth belassen wir in beiden Versionen aktiviert. Im direkten AB-Hörvergleich außerhalb der DAW zeigt sich sogleich ein hörbarer äußerst positiver Unterschied zwischen den beiden Audiofiles. Mit der Neve-Emulation klingt alles runder, fetter und dezent dichter, was unserem EDM-Drop einen äußerst schönen analogen Anstrich gibt, der dem Track sichtlich gut steht. Kurz: Es klingt einfach besser, angenehmer und fertiger mit bx-Einsatz, als noch ohne. Die „cleane“ Variante wirkt zwar auf´s Erste blitzsauber. Doch im Gegensatz zum anderen File mit bx_console an Bord kommt es gar schon klinisch daher und das gewisse Etwas mit einer schönen Portion Catchyness fehlt letzten Endes merklich.

Fazit

Brainworx Neve VXS-Emulation liefert erstmals die Möglichkeit, auch in der DAW auf 72 verschiedenen Kanälen des großen Vorbilds klanglich authentisch zu mischen. Zuzüglich seiner zahlreichen praktischen Zusatz-Features, können wir den analogen Sound-Anstrich, der in der Summe alles schlichtweg größer und angenehmer klingen lässt, nur allerwärmstens empfehlen. Summa summarum öffnet die TMT-Innovation nun erstmals auch für die DAW-Welt das Tor zum modernen Neve-Klang mit bislang ungeahntem Realismus.

Erschienen in Professional audio 12/2017

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