Der Sound des Königs

Der Oscar-prämierte Film „The King’s Speech“  erzählt nicht nur eine ungewöhnliche Geschichte über den britischen König Georg VI, sondern besitzt auch einen besonderen Soundtrack: Für die Aufnahmen der Filmmusik wurden drei Mikrofone verwendet, die in den zwanziger Jahren speziell für das britische Königshaus entwickelt wurden. Deren Klang ist nun in einem einzigartigen Plug-in für jedermann verfügbar.   

Von Carina Schlage   

Auf dem Plug-in Markt tummeln sich heutzutage nicht mehr nur Brot und Butter-Werkzeuge wie zum Beispiel mehr oder weniger opulent ausgestattete Equalizer, Kompressoren oder Halleffekte. Mittlerweile gesellen sich auch immer mehr wirklich ungewöhnliche Produkte der Programmierkunst dazu, die auf den ersten Blick entbehrlich oder sogar unnötig scheinen. Bei genauerem Ausprobieren und Hinhören entpuppen sich solche Nischenprodukte nicht selten jedoch als geniale Lösung für ein kniffliges oder spezielles Problem und manifestieren dadurch nachhaltig ihre Daseinsberechtigung.  Zu dieser Art von Plug-ins gehört auch der jüngste Streich aus dem Hause Waves: The King’s Microphones. Die Software, die in enger Zusammenarbeit mit den Abbey Road Studios London entstand, emuliert den Klang von drei ganz speziellen Mikrofonen, die exklusiv für das britische Königshaus produziert wurden. Diese Schallwandler kamen bei offiziellen Ansprachen des Königshauses zum Einsatz, die als Unikate dem normalsterblichen Recording-Enthusiasten ebenso verwehrt bleiben wie der Zutritt zu den Privatgemächern der Queen. Waves und dem Abbey Road Studio ist dennoch das Kunststück gelungen, den charakteristischen Klang dieser wahrhaft royalen Mikrofone virtuell zu reproduzieren. Dabei ist alleine schon die Entstehungsgeschichte des Plug-ins so außergewöhnlich, weshalb sie nicht unerwähnt bleiben soll und im Kasten am Ende des Tests nachzulesen ist. Im Test erfahren Sie, wofür sich The King’s Microphones eignet und für wen sich die Anschaffung dieses sehr speziellen Plug-ins lohnt.

 

The King’s Microphones ist als natives RTAS-, AU-, oder VST-Plug-in erhältlich und kostet günstige 99 Dollar. Wie bereits angedeutet handelt es sich um ein spezielles Filter-Plug-in, das den Klang drei verschiedener, speziell für das britische Königshaus angefertigter Mikrofone simuliert. Das älteste der drei wurde für König Georg V um 1925 entwickelt und basiert auf dem Prinzip des Kohlemikrofons. Kohlemikrofone  gehörten in den zwanziger Jahren übrigens zu den leistungsfähigsten Schallwandlern (Das Bau-Prinzip des Kohlemikrofons: Zwischen der Membran und einer Gegenelektrode befindet sich feinster Kohlestaub. Membran und Gegenelektrode sind dabei mit einer Gleichspannung versorgt. Die in Schwingung versetzte Membran verursacht minimale Lageänderungen der Kohleteilchen und somit Modulationen des durchfließenden Gleichstroms. Kohlemikrofone wurden übrigens lange Zeit in Telefonen eingesetzt.). Auf Grund der für heutige Verhältnisse begrenzten Auflösung des Frequenzspektrums und des überdurchschnittlich hohen Störgeräuschpegels sind solche Schallwandler jedoch so gut wie nicht mehr in Gebrauch. Ihr Klang dürfte daher Seltenheitscharakter besitzen. Die zwei weiteren Mikrofone wurden um 1936 jeweils für König Georg VI und Königin Elisabeth entworfen und basieren auf EMIs Modell CPM201, das als klassisches dynamisches Tauchspulen-Mikrofon konstruiert ist und mit einer Membran aus PVC aufwartet. Diese Schallwandler waren in erster Linie für Außeneinsätze gedacht, da sie sich als wesentlich robuster erwiesen als die damals sehr beliebten Bändchenmikrofone. Doch zurück zum Plug-in:  Die Bedienoberfläche wartet mit einer überschaubaren Ausstattung auf. Über Buttons stehen für jedes Mikrofon drei verschiedene Positions-Optionen zur Wahl, die verschiedene Klangvarianten offerieren: Position 1 (Close) emuliert das Klangverhalten bei fünf Zentimetern Entfernung von Mikrofon und Schallquelle. Der somit auftretende Nahbesprechungseffekt soll dem Klangmaterial damit mehr tonale Wärme verleihen. Einen deutlich räumlicheren Sound bietet Position 2 (Ambient), die eine Entfernung der Schallquelle von vierzig Zentimetern simuliert. Die dritte Position (Natural) gestattet es schließlich, dem Klangmaterial den Grundsound des jeweiligen Mikrofons ohne Nahheits- oder Entfernungartefakte aufzuprägen. Zu den Bedienelementen gesellen sich noch ein Gain-Regler und ein Trim-Button, die eine Steuerung des Eingangspegels erlauben und einer möglichen Übersteuerung entgegen wirken – und das war es dann auch schon in Sachen Einstellmöglichkeiten. The King’s Microphones ist also denkbar einfach zu bedienen: Plug-in insertieren, Wiedergabe starten und sich durch die drei Mikrofone, George V, George VI und Elisabeth mit ihren drei möglichen Varianten klicken, bis der geeignete Klang gefunden ist, gegebenenfalls noch das Input-Gain justieren, fertig.

 

Im Test wenden wir das Plug-in sowohl auf komplette Mischungen, als auch auf einzelne Sprach- und Gesangs- sowie Instrumental-Spuren an. Das Ergebnis lässt aufhorchen. Der Klang des Plug-ins kann in der Tat als einzigartig bezeichnet werden. Gleichzeitig ist er jedoch auch sehr speziell. Wir meinen zunächst, dass der Sound eines Kohlemikrofons aus den zwanziger Jahren sich wohl allenfalls für einen eher verfremdenden Radio-Effekt eignen würde. Doch während des Tests werden wir rasch eines Besseren belehrt und unsere Vermutung deutlich widerlegt. Zugegeben: Vor allem das Kohlemikrofon George V erinnert auf Anhieb tatsächlich an den typischen, im Frequenzgang beschnittenen, Rundfunkklang dieser Zeitepoche, der sich zum Beispiel beim Abspielen von O-Tönen in Radio-/TV-Dokumentationen stets markant in Szene setzt. Von einem plärrenden und verzerrten Sound oder schwer verständlicher Sprache kann jedoch keine Rede sein.  Nach einer kurzen Gewöhnungsphase ertönt bei allen drei Mikrofon-Simulationen ein äußerst kompakter Klang, der auf schwer zu beschreibende Weise angenehm aus den Lautsprechern dringt. Denn auch wenn die Auflösung des Frequenzspektrums der drei virtuellen Schallwandler in der Tat begrenzt ist, klingt diese Begrenzung trotzdem alles andere als unangenehm. Denn Bässe und Höhen sind gewissermaßen gleichmäßig eingeschränkt, was sich beim Blick auf das FFT-Spektrum bestätigt. Die quasi symmetrische Frequenzeinschränkung ist auch der Grund, warum das Gehör den Klang trotz fehlender Tiefbässe und Schimmerhöhen dennoch als relativ ausgewogen wahrnimmt. Auffällig sind auch die klanglichen Unterschiede zwischen den drei Mikrofon-Emulationen: George V gibt Signale zwischen 100 Hertz und circa zwölf Kilohertz wieder, was vor allem in der Close-Einstellung einen sehr kompakten, mittigen Sound erzeugt, der beispielsweise Powerchord-Passagen einer E-Gitarren-Aufnahme gut zu Gesicht steht. Entgegen der Aussage der Waves-Entwickler erscheint uns die Ambient-Position allerdings deutlich wärmer, natürlicher und voller im Klang. Dies wird bei mittenbetonten Einzelinstrumenten wie einer Akustik-Gitarrenbegleitung und auch bei Sprache besonders deutlich. Die beiden Tauchspulen-Wandler George VI und Elisabeth lösen das Frequenzspektrum vor allem in den Tiefen und Höhen deutlich besser auf, als das Kohle-Modell von George V, wobei Elisabeth die höchste Frequenzauflösung und den vollsten Klang aufweist. Dabei gefällt bei beiden Modellen vor allem die Ambient-Einstellung, die zwar deutlich distanzierter und weniger kompakt erscheint als der Close-Modus. Dieser zeichnet sich eher durch einen kernigen Tiefmitten-Bereich aus. Dafür weist die Ambient-Position einen kräftiger ausgeprägten Tiefen- und Höhenbereich auf, der angenehm unaufdringlich ertönt und vor allem bei Sprache für ein sehr ausgewogenes, weniger mittiges Klangbild sorgt.

 

Mit der Natural-Einstellung können wir bei allen drei Mikrofonen im Test hingegen am wenigsten etwas anfangen. Dieser ähnelt zwar stark den beiden anderen Positionen, weist aber vor allem bei den beiden Tauchspulen-Wandlern deutliche Resonanzen im Bereich um 200 Hertz auf, die unserer Meinung nach selbst als Effekt nicht besonders angenehm tönen.  Wie sehr sich das Gehör an den antiquierten Klang der Mikrofon-Emulation gewöhnt, wird deutlich, als wir das Plug-in nach einer geraumen Betriebszeit auf Bypass schalten: Die nun wieder zum Vorschein kommenden originalen Bässe und Höhen unserer Mischungen erscheinen uns daraufhin beinah unnötig und unangenehm aufdringlich, was uns gleichsam fasziniert wie beeindruckt. Während der Testphase drängen sich uns immer wieder Parallelen zum Speakerphone-Plug-in von Audio Ease auf, das den Klang von Lautsprechern aller Art, vom tragbaren Kassettenrekorder bis zum Megaphone, simuliert (Tests in Heft 2/2008 und 8/2009). Allerdings klingen The King’s Microphones ungleich feiner, was nicht weiter verwundert, sind doch Mikrofone ohnehin als die filigraneren Schallwandler in der Audio-Produktionskette anzusehen. 

So entstand das King’s Microphone Plug-in  

In den 1920er und 1930er Jahren wurde das Audio-Unternehmen EMI vom britischen Königshaus mit der Entwicklung spezieller Mikrofone beauftragt, die letztlich bei einer Vielzahl offizieller Anlässe zum Einsatz kamen und dem König seinerzeit das entsprechende Gehör verschafften. Selbstverständlich entsprachen die dabei entstandenen royalen Schallwandler dem damaligen höchsten Stand der noch jungen Audio-Technik. Die edlen Relikte wären der modernen Audio-Welt von heute wohl weitestgehend verborgen geblieben, hätte sie nicht Peter Cobbin, Senior Engineer der Abbey Road Studios, vor einigen Jahren mehr oder weniger zufällig im EMI Archive Trust entdeckt. Einen echten Anlass, drei funktionstüchtige Exemplare dieser königlichen Mikrofone in den Abbey Road Studios auszuprobieren, boten schließlich die Filmmusik-Aufnahmen zu „The King’s Speech“ im letzten Jahr: Denn Hauptmotiv des Films ist das gesprochene Wort König Georgs VI an sein Volk in den unruhigen Zeiten der dreißiger Jahre. Das Besondere daran: Der König, gespielt von Oscarpreisträger Colin Firth, muss zunächst sein Stottern überwinden, was ihm schließlich mit Hilfe eines unorthodoxen Sprachtherapeuten gelingt. Begeistert vom überaus angenehmen Klang der royalen Schallwandler, beschlossen Engineer Cobbin und Regisseur Tom Hooper, diese als Hauptmikrofone für die Orchesteraufnahmen einzusetzen und zwar in Form eines Decca-Trees. Ebenso gelang es, die bereits aufgenommenen, eher nüchtern klingenden Reden des Königs mit dem originalen Mikrofon Georgs VI erneut aufzuzeichnen, um einen – zumindest in der Originalfassung –  besonders authentischen, quasi historischen Sprachklang zu erhalten. Dies wurde realisiert, indem die Dialog-Aufnahmen über einen Lautsprecher wiedergegeben wurden, vor dem wiederum das royale Mikrofon positioniert war. Ein Aufwand, der sich gelohnt hat, denn immerhin durfte sich nicht nur Komponist Alexandre Desplat über eine Oscar-Nominierung freuen, sondern auch das gesamte Ton-Team des Films. Die Arbeiten an „The King’s Speech“, die fantastischen Klangergebnisse mit den einzigartigen Mikrofonen und nicht zuletzt wohl auch der überaus beachtenswerte Erfolg des britischen Films waren für Abbey Road-Engineer Peter Cobbin schließlich Anlass und zündender Funke zur Konzeption von The King’s Microphones, das letztlich in Zusammenarbeit mit Waves realisiert wurde.

Fazit 

The King’s Microphones ist ein markant klingendes Effekt-Plug-in, das primär für Sounddesigner sehr interessant sein dürfte. Mit einem einfachen Equalizer lässt sich ein solcher Klang nur äußerst schwierig nachbauen, denn er besteht nicht nur einfach aus Frequenzband-Begrenzungen. Gleichzeitig verzerrt das Plug-in das Ausgangsmaterial auf eine spezielle Art und Weise, wie es kein uns bekanntes Filterwerkzeug beherrscht. Das Plug-in beeindruckt allerdings nicht nur als historisch anmutender Klangeffekt für audio-visuelle Produktionen, sondern kann auch in Instrumenten- oder Vocal-Parts eingesetzt, dem Song oder Musikstück auf subtile Art das gewisse Etwas verleihen. Dass diese Mikrofone als Haupt-Schallwandler für eine Oscar-nominierte Filmmusik im historisch angehauchten Klanggewand dienen durften, können wir jedenfalls bestens nachvollziehen.

Erschienen in Ausgabe 07/2011

Preisklasse: Oberklasse
Preis: 99$
Bewertung: sehr gut – überragend
Preis/Leistung: sehr gut

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