Klingende Grüße aus der Abtei-Straße

Waves wandelt weiter auf historisch-legendären Pfaden und legt drei neue klangstarke Plug-ins vor, die den Sound der Abbey Road Studios der 60er Jahre auf jeweils eigene Weise in die DAW bringen wollen. Kommen Sie mit auf eine klingende Zeitreise und folgen Sie den Spuren von John, Paul, George und Ringo.

Von Georg Berger

In den Abbey Road Studios muss es nach wie vor Brummen wie in einem Bienenstock. Abseits vom normalen Tagesgeschäft wird der Gebäude-Komplex auch von Software-Unternehmen bevölkert, die in den Katakomben der legendären Produktionsstätte auf der Suche nach seltenem Vintage-Equipment sind, um sie in Form von Plug-ins zu emulieren oder zum Produzieren von Sample Librarys einzusetzen. Ob dem tatsächlich so ist, wissen wir natürlich nicht. Aber eigentümlich amüsant ist diese Vorstellung schon. Fakt ist aber, dass der israelische Software-Hersteller Waves seine Serie an dezidierten Abbey Road-Plug-ins kontinuierlich ausbaut und dabei höchst seltene Studio-Schätze als erster Hersteller überhaupt für die Nachwelt in Nullen und Einsen konserviert hat. So auch mit den drei Kandidaten geschehen, die für diesen Test antreten: Der passive Equalizer RS56, die Bandmaschinen- und Bandsättigungs-Emulation J37 und das ganz brandneue Reel ADT-Plug-in, das weniger altes Equipment, sondern einen Studio-Trick zum unkomplizierten Doppeln von Signalen in den Mittelpunkt stellt. Kostenpunkt pro Plug-in: Zwischen 200 bis 300 Dollar, wobei das Preis-Niveau für die nativen Versionen voll in Ordnung geht, verglichen mit den Preisen für ähnliche Produkte von Drittanbietern.

Der 1951 von Mike Batchelor entwickelte dreibandige EMI RS56-Equalizer war zunächst nur in mono ausgelegt. Die Stereo-Variante RS56-S kam später und offerierte entkoppelbare Kanaleinstellungs-Möglichkeiten. Der in passiver Technik konstruierte Entzerrer diente zunächst ausschließlich dazu, extern angeliefertes Material für den anstehenden Plattenschnitt aufzubereiten, also dass, was heutzutage unter dem Begriff „Mastering“ subsumiert wird. Doch dauerte es nicht lang bis die Toningenieure die klanglichen Vorzüge und Regelmöglichkeiten des RS56 auch für das Recording und Mixing entdeckten, wobei den Beatles-Toningenieuren als erstes Zugriff auf diesen Equalizer gewährt wurde. Kein Wunder, denn die damaligen Konsolen besaßen lediglich Höhen- und Bassblenden, was vergleichsweise recht rudimentär ausfiel. Schon bald wurde dem RS56 auch der vielsagende Spitzname „Curve Bender“ verliehen, was deutlich Auskunft über die Mächtigkeit dieser britischen Antwort auf den ebenfalls passiven Pultec EQP-1A gibt.

 

Die J37 Ein-Zoll-Tonbandmaschine wurde hingegen vom Schweizer Hersteller Studer entwickelt. Dabei handelt es sich um das erste Mehrspur-Gerät in der Firmengeschichte des Unternehmens, von denen Mitte der 1960er Jahre gleich mehrere Modelle für die Abbey Road Studios angeschafft wurden. Bis zur Einführung von Achtspur-Maschinen 1969 wurde so gut wie jede Produktion auf einer J37 gefahren, darunter viele heutzutage als Meilensteine der Pop- und Rock-Geschichte geltende Alben. Den seinerzeit kreativsten Umgang mit einer J37 dürfte sich dabei wohl das legendäre Sgt. Peppers Album von den Beatles auf die Fahnen schreiben. Kein Wunder, denn aufgrund ihrer für damalige Verhältnisse kompakten Dimensionen, konnte die mit über 40 Röhren ausgestattete Bandmaschine zusammen mit dem Mischpult im Control Room stehen, so dass Mehrspur-Experimente, Track-Bouncing und -Layering leichter und schneller realisierbar waren. Eine Besonderheit der vierspurigen J37-Maschine bestand darin, dass sie zwei separate Ausgangs-Verstärker für den Wiedergabe- und den Aufnahme-Kopf besaß. Der Aufnahme-Kopf konnte dabei gleichzeitig auf der scharf gestellten Spur aufnehmen und alle anderen Spuren wiedergeben, wichtig für synchrones Overdubbing, weshalb auch vom Record/Sync-Kopf gesprochen wird. Speziell dem Ausgang des Record/Sync-Kopfes an der J37 wird eine zentrale Rolle zuteil, ohne den es den nicht minder legendären „Artificial Double Tracking“-Effekt, kurz „ADT“, wahrscheinlich nie gegeben hätte. Seinerzeit vom Tontechniker Ken Townsend ersonnen, ging dieser Entwicklung ein konkreter Anlass voraus, der wiederum seinen Ursprung bei den Beatles hat. Der „Schuldige“ in dieser Geschichte war John Lennon, dem das Doppeln von Gesangslinien schlicht und einfach zu aufwändig und lästig war. Mithilfe von zwei Bandmaschinen und einem Oszillator wurde ein Tontechnik-Trick entwickelt, bei dem lediglich einmal eingesungen wurde und dieses Signal leicht verzögert auf einem eigenen Kanal ausgegeben wurde, so dass beim Mischen der Eindruck entstand, als ob zwei Vokalisten die gleiche Linie singen. Der Effekt wurde erstmals während der Produktion des Revolver-Albums eingesetzt und avancierte danach zu einem klanglichen Markenzeichen der Beatles. Waves hat laut eigener Aussage als erster Hersteller überhaupt einen detaillierten Einblick in dieses Prozedere erhalten und den Effekt mit den damals eingesetzten Maschinen nachgebildet und im Reel ADT Plug-in emuliert. Wie genau das geht, erläutern wir ab Seite 74. Doch zuerst widmen wir uns dem RS56- und dem J37-Plug-in, die nicht minder den Hauch des Historischen versprühen. Den Anfang macht der EMI RS56.

Fazit
Waves hat mit den drei jüngsten Plug-ins seiner Abbey Road-Serie gleich mehrfach hervorragende Arbeit geleistet. So legt der Hersteller erstmals Emulationen absoluter tontechnischer Raritäten vor, allen voran das Reel ADT Plug-in, dicht gefolgt vom RS56-Equalizer. Damit bewahrt Waves diese Leckerbissen zumindest auf der virtuellen Ebene nicht nur vor dem Vergessen, sondern offeriert dem Anwender drei durch und durch exzellent klingende Prozessoren, die mit ihren markanten klanglichen Fingerabdrücken die Tonlandschaft künftig bereichern werden. So ganz nebenbei trumpfen sie auch mit Features auf, die in ähnlichen Produkten Dritter nur selten oder gar nicht anzutreffen sind, etwa das integrierte Tape Delay im J37-Prozessor. Unumstrittenes Highlight im Test-Trifolium ist jedoch das Reel ADT-Plug-in, das ein wohlgehütetes tontechnisches Geheimnis endlich ans Tageslicht bringt und den vielleicht typischsten aller Beatles-Effekte ab sofort jedem zugänglich macht. Daumen hoch in allen Punkten und für alle drei Plug-ins lautet unser Urteil.

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RS56: Mächtiger Kurven-Verbieger mit passivem Gemüt

Wenn von historischen Equalizern in passiver Bauweise gesprochen wird, fällt als erstes immer der Name Pultec. Kein Wunder, denn dieser Entzerrer war im Markt stets präsent. Wäre gleiches auch beim EMI RS56 der Fall gewesen, hätte er dem Pultec seinerzeit ordentlich Konkurrenz gemacht. Doch das könnte sich mit der virtuellen Version des RS56 demnächst durchaus ändern. Drei Bänder stehen zur Auswahl, Bass, Treble und Top, wobei Treble für heutige Begriffe das Mittenband darstellt und Top die Höhen. Je vier Center-Frequenzen sind wählbar, wobei dies in den beiden unteren Bändern im Oktavabstand geschieht, beginnend bei 32 Hertz. Das Höhen-Band setzt dies im Halb-Oktav-Abstand schließlich bis hinauf 16,4 Kilohertz fort. Besonderheit: Per Drehschalter stehen in jedem Band gleich sechs schaltbare Filter-Charakteristiken zur Auswahl. Vier davon sind Peak-Filter mit verschieden großer Bandbreite, die zwei übrigen rufen Shelf-Charakteristiken auf. Alleine damit wäre der RS56 dem Pultec EQP-1A seinerzeit in Sachen Flexibilität ein gehöriges Stück weit voraus gewesen. Besonderheit: Anders als im Original stehen 20 Dezibel an Gain-Reserven zur Verfügung, wobei Einstellungen nahtlos in 0,1-Dezibel-Schritten realisierbar sind. Waves hat dies bewusst getan um laut eigener Aussage den Entzerrer an heutige Erfordernisse anzupassen. Beim Erstaufruf blicken wir auf ein fast quadratisches GUI, das in zwei Sektionen unterteilt ist: Links findet sich die originalgetreue Reproduktion der Bedienoberfläche des RS56. Durch Druck auf die Band-Bezeichnungen kann jedes Filter-Band übrigens auf Bypass gestellt werden. Die rechte Sektion zeigt ein Graphik-Display, das anschaulich Auskunft über die eingestellte Filterkurve gibt. Darunter finden sich im Stereo-Plug-in zwei VU-Meter inklusive Clip-LED, die den Pegel anzeigen. Welcher das ist, wird über den Monitor-Drehschalter bestimmt, dessen Wahlmöglichkeiten in der Stereo-Variante vom zuvor gewählten Betriebs-Modus abhängen. Dies wird über drei Buttons erledigt. Außer Stereo und Dual Stereo steht auch eine MS-Matrix zur Auswahl. So kann also bei Bedarf lediglich nur ein Kanal, etwa links oder Seite, oder das summierte Stereo-Signal abgehört werden, was im Test sehr komfortabel ist. Regler zum Justieren der Ausgangs-Lautstärke sowie eine schaltbare Phasenumkehr-Funktion runden die Ausstattung des virtuellen RS56 ab. Insgesamt ist der Entzerrer damit um sinnvolle, moderne Features erweitert worden, die es weder im Original gibt, noch bei so manch anderem Plug-in anzutreffen ist. Gerade mit seiner schaltbaren MS-Matrix bettelt das RS56 Plug-in geradezu nach einem Einsatz im Mastering. Wem das jedoch zu weit vom Original weg ist, klickt einfach auf den Collapse-Button in der oberen Menüleiste und schon ist die komplette rechte Sektion weggeklappt, was zudem Platz auf dem Monitor schafft.

Der Umgang mit dem Plug-in ist im Test binnen weniger Augenblicke verinnerlicht. Auffällig ist das überaus kraftvolle Gain, das bereits bei vier bis acht Dezibel so mächtig ins Programm-Material eingreift, als ob wir gefühlt das Doppelte eingestellt haben. Die verfügbaren 20 Dezibel sind da also mehr als überfürsorglich. Weitere Auffälligkeit: Steht der Band-Schalter im Bass auf Highend und in den beiden anderen Bändern auf Lowend, steht kein Shelf-Filter zur Verfügung sondern eine Art Passfilter-Charakteristik, die ober- beziehungsweise unterhalb der Center-Frequenz alles gnadenlos dämpft, respektive verstärkt und mehr wie eine Art regulierbares Pad wirkt. In Sachen Klang setzen sich im Test einmal mehr die hochgeschätzten Eigenschaften passiver Filter eindrucksvoll in Szene. Ganz gleich, was wir einstellen, alles klingt stets schöner und angenehmer. Gerade im Bass-Band überzeugt der RS56 mit präzisen und gleichzeitig kraftvollen Entzerrungen. Da klingt nichts schwammig. Höhen werden hingegen nicht zuletzt dank des kontinuierlich einstellbaren Gain feinfühlig und seidig-schimmernd gezügelt. In Sachen Grundsound ist er gleichauf etwa mit der Pultec EQP-1A und Manley Massive Passive Emulation von Universal Audio, wenngleich der RS56 im Vergleich zu letztgenanntem eine Spur färbender, weicher und voluminöser daherkommt. Mit diesen Eigenschaften empfiehlt er sich, ganz gleich ob im Mix oder Mastering, hervorragend für das „Sweetening“ von Signalen, wobei er mit seinen verfügbaren Filter-Charakteristiken hinsichtlich Flexibilität manch einem passiven Mitbewerber voraus ist.

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J37: Klassische Bandsättigung und noch viel mehr

Mit dem J37 präsentiert Waves zuvorderst ein Bandsättigungs-Plug-in, das als Besonderheit obendrauf mit einem präzise einstellbaren Tape-Delay-Effekt ausgestattet ist. Damit ist es Mitbewerbern wie dem Yamaha Open Deck von Steinberg oder der Studer A800 Emulation von Universal Audio um einiges voraus, die sich ausschließlich auf das Emulieren der Bandmaschinen-Eigenschaften konzentrieren. Die Ausstattung und Eingriffsmöglichkeiten des J37 Plug-ins sind im Test nach kurzer Einarbeitung schnell erfasst. Sie versammeln sich am unteren Ende des GUI in zwei Bedienleisten. Darüber ist wie üblich die Oberseite der Bandmaschine mit seinen Tonköpfen, Rollen und Spulen zu sehen, die wie üblich bei laufender DAW animiert werden. Die obere Bedienleiste besitzt Drucktaster mit denen zum Einen drei verschiedene Bandsorten-Emulationen aufgerufen werden. Dabei handelt es sich um Bandarten, die von EMI entwickelt wurden und mit eigenen Klang-Charakteristika aufwarten. Weiter gehts mit der Bandgeschwindigkeit – 7,5 und 15 Zoll pro Sekunde – sowie drei wählbaren Bias-Stufen, sprich Vormagnetisierung des Bands. Mittig eingelassen sind zwei vertikale Drehräder mit denen sich Ein- und Ausgangs-Lautstärke regulieren lassen. Sind sie miteinander verlinkt bewirkt ein Anheben des Eingangs gleichzeitig ein Absenken des Ausgangs um den gleichen Wert und umgekehrt, so dass stets der gleich Ausgangspegel gegeben ist. Hierbei gilt: Je höher der Eingang, desto stärker der Bandmaschinen/Sättigungs-Effekt. Ganz rechts wird über das Zählwerk die Delayzeit eingestellt. Via Drehregler justieren wir die Effektstärke. Weiter gehts mit der unteren Bedienleiste: Ganz links lässt sich wählen, welche Spur emuliert wird (2 oder 3). Im Stereo-Plug-in kann bei Bedarf pro Kanal eine eigene Emulation (2+3) aktiviert werden. Als nächstes lassen sich typische Bandmaschinen-Nebeneffekte regulieren wie Wow (=Tonhöhenschwankung) und Flutter (=Lautstärkeschwankung), das Bandrauschen ist einblendbar und ein Saturation-Regler fügt nochmals einen Sättigungs-Effekt hinzu, der aber anders wirkt als am Ein-/Ausgangs-Regler. Waves schweigt sich allerdings dazu aus, was an dieser Stelle genau emuliert wird. Ganz rechts erlauben eine Reihe von Drucktastern nochmals Einfluss auf das Tape-Delay zu nehmen. Über zwei Drehregler kann überdies ein Hoch- und Tiefpass-Filter auf das Echosignal angewendet werden. Außer den Echo-Arten Slapback und Feedback, offeriert die Stereo-Variante auch ein Pingpong-Delay. In Stellung „Insert“ wird eine Mischung aus Original und Effekt ausgegeben, in Stellung „Send/Return“ nur das Effekt-Signal, wichtig beim Einsatz als Send-Effekt.

Im Test stellen sich recht schnell die für Sättigungs-Plug-ins bekannten Effekte ein, will heißen eine spürbare, aber dennoch angenehme Kompression des Signals ist hörbar. Das Signal rückt nach vorne, es klingt dadurch voluminöser und Transienten werden sanft gezügelt. Damit einher geht eine leichte Anhebung im unteren Mittenbereich, die das Signal schönt. Wird der Eingang zu heiß angefahren, stellen sich recht bald auch hörbare Verzerrungen ein, die wohldosiert dem Programm-Material einen ordentlichen Schuss an Biss und Schärfe verleihen. Mit Hilfe des Saturation-Reglers, der ähnlich wie eine Boost-Stufe wirkt, verstärken wir den Effekt zusätzlich, wobei sich Verzerrungen verstärkt im oberen Spektrum bemerkbar machen und weniger gefällig klingen als über den Eingangsregler. Den transparentesten Sound erhalten wir im Test durch Anwahl des 815-Bands bei einer Geschwindigkeit von 15 inch. Eine Halbierung der Geschwindigkeit führt zu einem leichten Abfall der Höhen. Die Anwahl der ältesten Bandsorte 888 lässt das Signal insgesamt etwas körniger, kratziger und rauer erklingen. Mit Hilfe der Bias-Funktion lässt sich jedoch wieder etwas mehr Luftigkeit in den Höhen hinzufügen. Allerdings steht die Funktion nicht in allen Bandsorten und
-Geschwindigkeiten zur Verfügung. Wow, Flutter und Noise sorgen als weitere Effekte für zusätzliche Authentizität. Im Vergleich zu den eingangs erwähnten Mitbewerbern, besetzt das J37 eine eigene klangliche Nische, die von transparent bis deutlich färbend reicht und stets eine kleine Spur mehr vintage klingt. Doch das insgeheime Highlight im J37-Plug-in ist das integrierte Tape-Delay, das zusammen mit der Wow- und Flutter-Funktion eine farbenprächtige Palette sowohl an typischen Vintage-Echos, aber auch völlig abgedrehten Kreativ-Effekten zu erzeugen vermag, Chorus- und Flanger-Effekte inklusive. Teils sind Effekte hörbar, die noch nicht einmal von Tape-Delay-Effekten wie etwa von IK Multimedia (Test in Heft 7/2013) möglich sind. Damit besitzt das J37 einen zusätzlichen, charakteristisch klingenden Mehrwert, der auch in den mitgelieferten Presets prominent vertreten ist.

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Reel ADT: Verdoppeln, Verzögern und Modulieren nach Abbey Road Manier

Mit dem Reel ADT-Plug-in präsentiert Waves schließlich den bei weitem interessantesten Prozessor innerhalb seiner Abbey Road-Serie, der demnächst bestimmt am meisten Aufsehen erregen wird. Kein Wunder, denn das darin emulierte tontechnische Verfahren ist erstmals mit dem Original-Equipment nachgebildet worden, wobei die Studer J37 eine zentrale Rolle spielt. Besonderheit: Die Abbey Road J37-Modelle waren mit zwei anstelle eines Ausgangs-Verstärkers versehen, was ursächlich zum Gelingen dieses uranalogen Effekts beigetragen hat und mit ein Hauptgrund sein dürfte, weshalb sich in den letzten Jahrzehnten viele in Ermangelung dieser Maschine und auch, laut Waves, aufgrund fehlender exakter Beschreibung des Aufbaus vergeblich an einer naturgetreuen Umsetzung dieses Effekts versucht haben. Auffälligerweise findet sich nach kurzem Sichten des Markts auch bislang kein anderer Hersteller, der sich an die Emulation des „Artificial Double Tracking“-Effekts gewagt hat. Die Ausnahme bildet eine Freeware des Herstellers Vacuumsound. Dabei ist das Verfahren prinzipiell denkbar einfach.

Exkurs: So funktioniert ADT

Um den authentischen ADT-Effekt zu produzieren bedarf es lediglich einer Studer J37 Vierspur-Maschine sowie einer BTR2 Mono-Bandmaschine (British Tape Recorder). An die BTR-Maschine wird schließlich ein justierbarer Oszillator angeschlossen, der zum Regulieren der Bandlaufgeschwindigkeit dient. Der Urheber Ken Townsend verfuhr beim Verkabeln anschließend wie folgt: Dadurch, dass die J37-Maschine über zwei separate Ausgangs-Verstärker für den Aufnahme/Sync- und den Wiedergabe-Kopf verfügte, konnte er simultan zwei Signale aus der J37 hinausleiten. Besonderheit: Sync- und Playback-Signal sind aufgrund der Position beider Köpfe auf der J37 um wenige Millisekunden verzögert. Das Playback-Signal wurde als Original 1:1 in ein Mischpult geleitet. Das Sync-Signal wurde jedoch in der BTR-Maschine aufgenommen und über den ebenfalls räumlich etwas weiter versetzten Wiedergabe-Kopf simultan zur Aufnahme wieder ausgegeben, was zu weiteren Verzögerungen führte. Dieses Effekt-Signal wurde schließlich ebenfalls ins Mischpult geführt und rief beim Mixen durch die so existierende Verzögerung den Eindruck hervor, als ob eine Gesangslinie doppelt eingesungen wurde. Allerdings war der Effekt anfangs nicht zufriedenstellend, weshalb über den Oszillator manuell die Laufgeschwindigkeit der BTR-Maschine manipuliert wurde. So ließ sich Original und Kopie exakt nach eigenen Wünschen angleichen, um den Effekt entstehen zu lassen, dass ein Vokalist zweimal das Gleiche eingesungen hat. Zusammen mit den typischen, mechanisch hervorgerufenen Bandmaschinen-Artefakten – Wow und Flutter sowie dem Röhrensound beider Maschinen – entstanden zusätzlich zum zeitlichen Versatz auch Tonhöhen- und Lautstärke-Schwankungen, die einen ebenfalls nicht unerheblichen Beitrag leisteten, dass dieser Effekt auf eigentümliche Weise lebendig und authentisch klingt. Einzigartig: Durch die Möglichkeit die BTR-Maschine in der Geschwindigkeit zu steuern, ist es möglich, den ADT-Kanal, also das eigentliche Effekt-Signal sogar vor dem Original-Signal erklingen zu lassen. Und so ganz nebenbei wurden über diesen Aufbau schließlich auch Effekt-Klassiker wie Flanging und Phasing möglich, wenngleich dies auch zuvor schon anderweitig realisiert wurde.

Mächtig fetter Sound

Die virtuelle Umsetzung des ADT-Effekts ist Waves ohne Wenn und Aber gelungen. Dabei hat Waves die originale Umsetzung nicht nur peinlich genau befolgt, sondern auch um sinnvolle Features erweitert. Gleich mehrere separat ladbare Plug-in-Versionen finden sich im Lieferumfang, die außer Mono- und Stereo-Varianten, auch einen Mono-zu-Stereo-Pfad berücksichtigt. Higlight sind die 2V-Versionen – als Stereo- und Mono-zu-Stereo-Variante verfügbar – die gleich zwei einstellbare Effekt-Wege, in der Waves-Diktion „ADT“ genannt, offerieren. Damit sind nicht nur äußerst fett klingende Doppelungen dynamisch im Panorama positionierbar, sondern simultan Dopplungen und Flanger/Phaser-Effekte möglich, ein Vorteil den nur Software bieten kann. Alle Versionen verfügen über identisch ausgestattete Kanäle zum Einstellen des Quellen-Signals und des ADT-Signals. Außer einem Lautstärke-Fader nebst Mute- und Phasenumkehr-Funktion besitzen sie einen Drive-Regler, um die harmonischen Verzerrungen der Bandmaschinen einzublenden. Die Stereo-Versionen verfügen zusätzlich über einen Panpot und Kippschalter erlauben das Einspeisen der summierten Stereo-Kanäle oder lediglich eines Kanals. Via Monitor-Schalter kann wahlweise das Ergebnis in stereo oder mono abgehört werden. Direkt neben den Kanalzügen zeigen vertikale VU-Meter den anliegenden Pegel an. Den Versatz, sprich die Verzögerung des ADT-Kanals realisieren wir über das Graphik-Display im oberen Drittel des GUI. In der Mitte oben liegt der Quellen-Tonband-Kopf. Darunter findet sich der ADT-Kopf, der sich mit der Maus nach links (das ADT-Signal erklingt vor dem Quell-Signal) oder nach rechts (das ADT-Signal erklingt nach dem Quell-Signal) in einem Bereich von plus/minus 20 Millisekunden verschieben lässt. Mit Hilfe des mittig positionierten Varispeed-Reglers können wir die Delay-Zeit quasi feinjustieren. Je nach Position zeigt sich anschließend ein Varispeed-Kopf, der die tatsächliche Delay-Zeit anzeigt. Über den Range-Parameter lässt sich ein Bereich von plus/minus 20 Millisekunden einstellen, so dass eine maximale Verzögerung von 40 Millisekunden realisierbar ist. Ist der Latch-Modus aktiv, bleibt der Varispeed-Regler an der gewählten Positon stehen. Im Touch-Modus kehrt er nach Betätigung stets in die Null-Position zurück, ähnlich wie in der DAW-Automation. Interessant wird es, wenn die darunter positionierte LFO-Sektion aktiviert wird. Sie versetzt den ADT-Kopf in Bewegung, so dass sich darüber die mechanischen Ungenauigkeiten der Bandmaschine simulieren lassen und den resultierenden Effekt lebendig gestaltet. Allerdings sollte er für Dopplungen nur ganz leicht eingesetzt werden, ansonsten sind rasch chorusartige Effekte hörbar.

Im Hörtest legt das Reel ADT-Plug-in ohne weiteres Zutun eine glänzende Vorstellung ab. Auffällig ist der durch und durch analoge Grundsound, der anliegende Signale fülliger, weicher und angenehmer erklingen lässt. Gleichzeitig sind die Höhen eigentümlich zurückgenommen, ohne den Klang jedoch muffig erscheinen zu lassen. Die hinter den Drive-Reglern werkelnde Sättigungs-Funktion gefällt in moderaten Einstellungen durch ein leichtes Verdichten und Betonen des unteren Frequenzspektrums, was nicht unangenehm klingt. Selbst die deutlich hörbaren Verzerrungen in Extremstellung klingen nicht über die Maßen bissig oder schrill, wenngleich sich cleanen Gitarren darüber ein amtlicher Crunch-Sound verpassen lässt. Der eigentliche ADT-Effekt lässt das Gesamt-Signal merkbar in den Hintergrund treten – Stichwort „Pseudo-Hall“ –, es erscheint dadurch plastischer. Dennoch wirkt das Ergebnis schlussendlich deutlich fülliger. Je nach Position des ADT-Kopfes, entsprechender Modulation desselben und Stellung des Panpots bei Stereo-Anwendungen verschmelzen einmal beide Signale homogen miteinander, das andere Mal verbreitert sich die Stereo-Bühne deutlich, wobei keine merkbar unangenehmen Timing-Schwankungen hörbar sind. Alles klingt tatsächlich wie aus einem Guss und demonstriert auch auf virtueller Ebene, warum dieser ADT-Effekt so einzigartig ist. So etwas liefern die uns bekannten Doubler-Effekte, etwa der MXR Doubler/Flanger von Universal Audio, nicht in der gleichen Tiefe und Reichhaltigkeit. Die Flanging- und Phasing-Effekte können sich ebenfalls hören lassen, die manch eine Emulation analoger Provenienz in Sachen Klangfülle locker hinter sich lassen. Das ist schlichtweg Spitze und katapultiert das Reel ADT Plug-in nach ganz oben in unsere Liste für das nächste Editors Choice.

Erschienen in Ausgabe 04/2014

Preisklasse: Spitzenklasse
Preis: Nativ: 200 €; Soundgrid: 300 €
Bewertung: sehr gut
Preis/Leistung: sehr gut

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