Nur eine Frage der Zeit …

… war es, dass der französische Emulations-Spezialist Two Notes Audio Engineering das  aus der Torpedo-Hardware gewonnene Know-how zu virtueller Weichware verarbeitet. Das Faltungs-Prinzip bleibt das Gleiche aber mit der Abnahme von bis zu 100 Cabinets in einer Instanz setzt das PI-101 Plug-in noch einen drauf.

Von Michael Nötges

Ebenso wie bereits die überzeugende Emulations-Hardware Torpedo VB-101 und VM-202 (Tests in den Heften 6/2010 und 10/2011) des französischen Herstellers Two Notes dient auch das neue Torpedo-Plug-in PI-101 in der Signalkette als Ersatz für Poweramp, Mikrofonierung und Cabinet. Damit ist es also in erster Linie für Klangpuristen gedacht, die auf den Sound ihres Spezial-Preamps oder der exquisiten analogen Effektgeräte nicht verzichten wollen. Mit dem Plug-in wird also der Signalweg hinter dem Vorverstärker simuliert, sodass weder wuchtige Poweramps und Cabinets zur Aufnahmesession gehievt werden müssen, noch ein sündhaft teures Arsenal an Mikrofonen erforderlich ist. Außerdem – so ist das im virtuellen Aufnahmeraum – ist kein realer Platz notwendig für den Miete gezahlt werden muss. Dabei sind alle Einstellungen wie die Positionierung der Mikrofone, Röhrenbestückung der Poweramps oder das Zerrverhalten der Speaker-Membranen am Computerbildschirm realisierbar. Das heißt: keine Rennerei, kein genervter Assistent oder Praktikant, keine Kabelprobleme oder anderes Technik-Chaos. In der Praxis sieht die Nutzung des Plug-ins denkbar einfach aus: Der Line-Ausgang oder der Effekt-Send eines Preamps dockt am Audio-Interface an. Das Signal erscheint in der Host-Software auf einem Kanal, der anschließend nur noch mit dem PI-101 bestückt werden muss und schon kann es losgehen.

Um den Lautsprecherausgang eines Amps anzuklemmen, ist hingegen eine Loadbox oder Powersoak  vonnöten. Laut Hersteller werden alle gängigen DAWs unterstützt und das Plug-in liegt als VST-, AU, und RTAS-Variante vor. Stand-alone funktioniert das Plug-in nicht, weswegen es deutlich mehr in Richtung Studio-Device tendiert und weniger bis gar nicht als Live-Applikation taugt, da der Einsatz mit Notebook und Host-Software letztlich nicht wirklich roadtauglich ist. Fürs Recording hält das PI-101 allerdings alles bereit, was die Hardware auch kann. Zumindest gilt das für die digitale Klangbearbeitung. Sprich, es stehen in der WoS-Version Simulationen von über 40 Cabinets, acht Poweramp-Typen und ebenso vielen Mikrofonen zur Verfügung. Kostenpunkt – so ist das im virtuellen Aufnahmeraum im Gegensatz zu teurer Original-Hardware: lediglich rund 200 Euro. Im Lieferumfang (Box-Variante) enthalten ist glücklicherweise ein iLok2-Dongle, der für die Lizenzierung und Freischaltung unumgänglich ist. Das GUI des PI-101 WoS besteht aus einem übersichtlich gelayouteten Fenster, in dem sämtliche Parameter im direkten Zugriff bereitstehen. Dabei sind die virtuellen Bedienelemente realitätsgetreu nachgebildet, stilisierte Abbildungen von Mikrofonen, Cabinets und Poweramps zur besseren Orientierung implementiert und der Blick in einen virtuellen Aufnahmeraum zur optischen Kontrolle der Mikrofonierung nachempfunden. Die Bedienung fällt sehr komfortabel aus und geht nach kurzer Eingewöhnung rasch von der Hand. Besonders hilfreich ist die Einstellung der Parameter per Mausrad: Sobald der Zeiger über dem jeweiligen Bedienelement ruht, können mit dem Zeigefinger die Parameter feinfühlig gescrollt werden. Zur Auswahl der unterschiedlichen Presets, Cabinets, Mikrofone und Poweramps stehen zusätzlich Pop-up-Menüs zur Verfügung, um alle Möglichkeiten im Ganzen sehen zu können. Jedes einzelne Klangbearbeitungsmodul (Poweramp, Miking, Low Cut, EQ, Exciter, Compressor) verfügt über einen Bypass-Button, um bei detaillierten Sound-Anpassungen blitzschnelle A/B-Vergleiche vornehmen zu können. Der Compare-Modus, der bereits im Test der Hardware positiv aufgefallen ist, findet sich ebenfalls im Plug-in. Dahinter verbirgt sich eine Art Arbeitsspeicher, in welchem ein Parameter-Set temporär abgelegt werden kann. Wird der Compare-Button für zwei Sekunden gedrückt, sind die aktuellen Einstellungen im Arbeitsspeicher hinterlegt. Anschließend können Parameteränderungen vorgenommen werden. Um zu vergleichen, ob die neue Einstellung besser ist als die alte, kann jetzt mit einem Klick auf den Compare-Button zwischen den beiden Sound-Varianten hin- und hergeschaltet werden.Bringt Two Notes neue Presets heraus oder haben andere User interessante Einstellungen anzubieten, muss das jeweilige File nur in den Preset-Ordner auf dem Computer kopiert werden. Gleiches gilt sowohl für neue Impulsantworten, die regelmäßig vom Hersteller erweitert werden, als auch für selbst angefertigte Impulsantworten, die mit Hilfe der Capture-Software erstellt werden können. In der Regel sind es tsr-Dateien, die in den Impuls-Ordner kopiert werden müssen. Impulsantworten im WAV- oder AIFF-Format können übrigens ebenfalls problemlos geladen werden. Für das durchdachte und gelungene Bedienkonzept spricht, dass die GUI-Größe (S, M, XL) den jeweiligen Bedürfnissen entsprechend angepasst werden kann. Aber auch die Auswahl der hilfreichen Hotkeys  spricht für die Usability. Wie unschwer an den Ein- und Ausgangspegel-Anzeigen zu erkennen ist, handelt es sich grundsätzlich um ein Stereo-Plug-in, das aber auch auf Monokanälen funktioniert.

Ein- und Ausgangspegel lassen sich in einem Bereich von ±12 Dezibel justieren. Die Einstellungen für den virtuellen Poweramp beschränken sich auf die Auswahl von vier unterschiedlichen Röhrentypen (6L6, EL34, EL84 und KT 88) sowie zwei Schaltkreisdesign-Topologien (Push Pull/Gegentaktverstärker und Single Ended/Class-A-Verstärker). Außerdem besteht die Möglichkeit zwischen Pentoden- oder Trioden-Röhren auszuwählen. Die Link-Funktion fixiert einen Poweramp auf alle angesteuerten Mikrofon-Cabinet-Sets. Derzeit stehen über 40 Cabinet-Modelle zur Verfügung (siehe Tabelle), wobei vom Vintage-Combo á la Fender Blues Deluxe bis zur modernen Bogner 4×12 V30-Box eine umfangreiche Auswahl für alle möglichen Stilistiken am Start ist. Die Mikrofonauswahl bietet die üblichen Verdächtigen, die gemeinhin vor Cabinets herumhängen. Bei der Auswahl des Oktetts haben die Entwickler sowohl an dynamische Schallwandler, als auch Kondensator- und Bändchenmikrofone gedacht (siehe Tabelle). Die Miking-Sektion ermöglicht die Positionierung des jeweiligen Mikrofons im virtuellen Raum, wobei die Center- und Distance-Regler den Winkel (0 bis 1 Meter seitlich versetzt) und die Entfernung zur Box (bis zu drei Meter) bestimmen. Sehr hilfreich ist übrigens die Möglichkeit, stattdessen auch einfach die Mikrofonständer-Abbildung intuitiv im virtuellen Aufnahmeraum zu verschieben. Besonderheit: Jede Box lässt sich auch von hinten mikrofonieren (Front/Back-Switch), was zu einem eher dumpfen, distanzierten Sound führt. Der Overload-Regler bestimmt hingegen die Verzerrung der Lautsprecher-Membran, was bei 100 Prozent die physischen Grenzen einer realen Box überschreitet und im Test zu bizarren Sounds führt. Der Variphi-Regler simuliert den Effekt, der durch Phasenverschiebungen entsteht, wenn zwei Mikrofone vor der Box positioniert sind. Je nach Position werden dabei bestimmte Frequenzbereiche betont oder abgeschwächt. Der Dry/Wet-Regler bestimmt erwartungsgemäß das Verhältnis zwischen bearbeitetem und unbearbeitetem Signal, was besonders cleanen und angezerrten Sounds mehr Biss und Durchsetzungskraft verleiht. Zur weiteren Signalbearbeitung stehen ein Lowcut-Filter mit variabler Frequenz (10-500 Hertz) sowie ein Fünf-Band-Equalizer mit Gitarren- und Bass-Modus (siehe Steckbrief) zur Verfügung. Außerdem haben die Entwickler dem Plug-in mit dem 1-Band-Exciter (Gain, Frequenz) und dem Kompressor zwei hilfreiche Signal-Prozessoren spendiert, um den Sound des jeweiligen Kanals weiter zu veredeln. Der Kompressor verfügt dazu über die obligatorische Ausstattung nebst virtuellem Metering zur Überwachung der Gainreduction. Die Wall of Sound-Sektion gestattet sozusagen den Aufbau riesiger virtueller Cabinet-Wände. Sie ist wie ein zusätzliches Stereo-Rack (linker und rechter Kanal auf einer Ebene) am Fuß des Haupt-Dialogs integriert. Jeder einzelne Kanal/Lautsprecher ist mit einer Mute- und Solofunktion sowie einem Pan- und Volumen-Regler ausgestattet. Überdies stehen Buttons zum direkten An- oder Abschalten der einzelnen Module (Poweramp, Miking, Cut, EQ, Ex, Comp) zur Verfügung. Ist die Link-Funktion aktiviert, werden die Einstellungen der jeweils nebeneinander liegenden Kanäle übernommen, ansonsten können die Kanäle unabhängig voneinander eingestellt werden. Gleichzeitig sichtbar sind dabei immer nur vier Kanäle, der Rest ist nur durch vertikales Scrollen erreichbar. In der Praxis ist das Plug-in schnell installiert und freigeschaltet. Nachdem ich für den Hör- und Praxistest den Preamp meines Engl Squeeze 50 Combos an den Line-Eingang meines Interfaces angeschlossen habe, kann es nach DAW-Start und Spureinstellung losgehen. Die Bedienung ist wie bereits erwähnt sehr komfortabel und besonders der Einsatz der Shortcuts lohnt sich, um den Workflow zu optimieren. Beim Antesten einiger Presets stelle ich zunächst die Puffergröße auf 128 Samples, was einer Latenz laut DAW von je fünf Millisekunden (Ein-/Ausgang) entspricht. Damit lässt sich ordentlich arbeiten, allerdings ist bei mehreren, gleichzeitig betriebenen Cabs auch recht schnell Schluss. Sechs Modelle können bei 128-Samples noch zum Einsatz kommen, aber da kommt die CPU  schon an ihre Grenzen und die Puffergröße muss erhöht werden, worunter die Latenz und letztlich auch das Spielgefühl leiden. Es empfiehlt sich also beim Einspielen – zumindest bei leistungsschwachen Systemen – eine CPU-schonende Einstellung bei kurzen Latenzzeiten zu wählen und die Boxenwände erst im Nachhinein aufzubauen. Ist die Aufnahme im Kasten spielt die Verzögerung bei hohen Sample-Buffern dann keine große Rolle mehr. Als sehr hilfreich erweist sich im Test der Link-Switch des Poweramps, womit die CPU-Last deutlich verringert und dementsprechend mehr Boxensimulationen gleichzeitig gefahren werden können. Damit komme ich auf zehn Cabinets, die gleichzeitig sehr gut funktionieren und bin von der fetten Sound-Wand sehr überzeugt. Beim Spielen ist der kleine Combo schnell vergessen und wenn zehn Vox AC30-Cabs druckvoll röhren, fühlt man sich mit etwas Fantasie schnell wie Brian May im Wembley-Stadion. Aber auch jazzige oder ultracleane Country-Sounds bekomme ich zusammengeschustert, die zwar den Grundsound des Preamps beibehalten, aber dennoch in ihrer klanglichen Ausprägung sehr flexibel und en détail formbar sind. Den eigenen klanglichen Vorstellungen sind dabei kaum Grenzen gesetzt. Aber nicht nur die Emulationen und klanglichen Variationen sind sehr überzeugend. Auch die On-Board-Effekte (Kompressor, EQ, Exciter, HPF) machen einen hervorragenden Job und verleihen dem jeweiligen Sound den letzten edlen Feinschliff. Schön wäre noch eine Master-Effekt-Sektion, um beispielsweise mehrere Cabinets im Ganzen zu komprimieren oder den Gesamtsound zu filtern. Aber im Grunde lässt sich das in der DAW auch problemlos mit einem zusätzlichen Plug-in bewerkstelligen. Summa summarum klingen die Sounds sehr amtlich und natürlich und lediglich minimale digitale Störgeräusche beim Einspielen, die allerdings nur zu hören sind, wenn nicht gespielt wird, erinnern mich beim Testen daran, dass ich mich im virtuellen Studio befinde. Beim Abspielen und Re-Ampen ist aber auch das passé.

Fazit

Das Torpedo PI-101 WoS Plug-in von Two Notes weiß nicht zuletzt durch seine klangliche Flexibilität und Natürlichkeit zu überzeugen, wobei Usability und Komfort bei der Bedienung zusätzlich groß geschrieben werden. Wer seine analogen Lieblings-Amps und -Effekte einmal in ganz neuen klanglichen Sphären erleben möchte, sollte die kostenlose Trial-Version in jedem Falle antesten.

Erschienen in Ausgabe 04/2012

Preisklasse: Spitzenklasse
Preis: 199 €
Bewertung: sehr gut
Preis/Leistung: sehr gut

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